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Full text of "Archiv fur Schriftkunde 1.1914-18"

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HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 


FROM THE FUND OF 
CHARLES MINOT 


CLASS OF 1828 








JAHRGANG I 


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ARCHIV 
FÜR SCHRIFTKUNDE 


OFFIZIELLES ORGAN DES 
DEUTSCHEN SCHRIFTMUSEUMS 
ZU LEIPZIG 


SCHRIFTLEITUNG MUSEUMS-DIREKTOR 


PROFESSOR DR. SCHRAMM 


LEIPZIG, GERICHTSWEG 26 





LEIPZIG 
VERLAG VON K, F., KOEHLER 
1918 





Lu, 5 


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7 epee: 
— 


INHALT 


Zur Einführung + = 3 25 2 2. a EL A Fa aria . 
Deutsche Schrift und lateinische Schrift. Von Universitäts - Professor 
Dr. Krabbo-Leipaie 22... 3 ara Kae ees 
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift. Von Professor Dr. Freiherr von 
Lichtenberg-Berlin ......... EI er ee: Seen ces es 


Die Anordnung unseres Alphabets. Von Universitäts-Professor Dr. Hommel- 


Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. Von Oberlehrer Dr. Stübe-Leipzig . 
Mitteilungen 4... # 24-2 a ae ea Fre nr 
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift. Von 
Dr. Adolf Grohmann . ...: 2:20 ne 0 m on ee. 
Studien zur englischen Kurzschrift im Zeitalter Shakespeares: Timothe 
Brights Characterie, entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. 
Von Paul Friedrich... ; »-:. 4 #: 8 2:0 2-0 wa. ua eh 
Deutsche Würde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift vom 
Banne britischen Einflusses. Von Professor Fr. Kuhlmann. ... . 
Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares: Timothe 
Brights Characterie, entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. 


Von Dr. Paul Friedrich. (Schluß). . ....... PEE E ee 
Der „britische Schnörkel“. Eine Entgegnung. Von Professor Ansgar 
Schoppmeyer, Berlin... ... 2.2... 2 ee ee ewe ee ewe 
Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig. ....... 
Türkische Nationalschrift. Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift. 
Von Pauly: Janko. 222.2. 2 32.223. 2a su wei a 


Über die mutmaßliche stenographische Entstehung der ersten Quarto von 
Shakespeares „Romeo und Julia“. Von Dr. phil. Adolf Schöttner 


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229 





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Zur Einführung. 


E: wirklich brauchbares, allen Anforderungen entsprechendes Werk 
über Geschichte der Schrift gibt es nicht; ein solches wird wohl auch in 
absehbarer Zeit nicht geschrieben, da die Arbeit unter den heutigen Ver- 
hältnissen die Kraft eines Mannes weit übersteigt. Es fehlen zumeist 
die Grundlagen für eine wirklich einwandfreie Darstellung der geschicht- 
lichen Entwicklung der Schrift; soweit sie da sind, sind sie so zerstreut, 
sei es in Zeitschriften oder Sammelwerken, sei es in Grammatiken oder 
Geschichtswerken, daß es kaum möglich ist, sie überhaupt in jahrelanger 
Arbeit zusammenzubringen. Dazu kommt in bezug auf die Arbeiten 
selbst der beklagenswerte Zustand, daß sie vielfach ohne jeden Zusammen- 
hang mit der allgemeinen Schriftgeschichte behandelt worden sind; es 
fehlte eben das Zusammenarbeiten der Schriftfreunde und der Schrift- 
kundigen, ja sie gingen oft aneinander vorüber, ohne sich zu beachten, 
als ob sie sich nichts angingen; und doch ist der Zusammenhang der ein- 
zelnen Schriftgebiete vielfach ein viel engerer, als die Vertreter der ein- 
zelnen Schriftgruppen ahnen. Seit Jahren suchte eine größere Anzahl 
„Schriftfreunde“ dem Übel abzuhelfen, freilich ohne greifbaren Erfolg, 
da eine Bibliographie der Schriftkunde fehlt und ein Museum, in dem 
man alles, was die Schriftkunde betrifft, zusammen sehen könnte, nicht 
vorhanden war. Die Bemühungen wurden aber vor Jahresfrist insofern 
von Erfolg gekrönt, als in Leipzig im Anschluß an das Deutsche Buch- 
gewerbemuseum dank dem verständnisvollen und energischen Eingreifen 
des Deutschen Buchgewerbevereins und der zielbewußten Tatkraft seines 
Vorsitzenden Dr. Volkmann, dank dem freundlichen Entgegenkommen 
der Kgl. Sächsischen Staatsregierung unter Beihilfe der Stadt Leipzig 
ein Deutsches Schriftmuseum ins Leben gerufen werden 
konnte, das, von allen Seiten tatkräftig unterstützt, sich in kurzem zu 
einer Sammelstelle des Schriftwesens herausgewachsen hat, wie man es 
nicht zu hoffen wagte. Reiche Stiftungen von Gipsabgüssen, Photo- 
graphien, Literatur, von größeren Geldbeiträgen usw. schufen eine Grund- 
lage, die zusammen mit den Arbeiten für die in diesem Jahr stattfindende 
Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig die 
freudige Perspektive eröffnet, daß das so lange vernachlässigte Gebiet der 
Schriftkunde künftig mehr berücksichtigt und mehr erforscht wird. Das 
Museum selbst gliedert sich zunächst in vier ‘Abteilungen: Eine histo- 
rische Abteilung, die die Druck- und Schreibschrift aller Völker von 
den primitivsten Anfängen der Schrift bis zur Neuzeit vorführen soll in 
Gipsabgüssen, Photographien, Nachbildungen, Originalen usw; eine 
spezielle Abteilung, die die besonderen Abarten der Schrift zeigen 
wird, wie: Kalligraphie, Pasigraphie, Geheimschrift, Kurzschrift, Zahlen- 
schrift, Blindenschrift, Notenschrift, moderne Kunstschrift; eine tech - 
nische Abteilung, die die Schreibwerkzeuge vom grauen Altertum 
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, I. 1. 1 





2 


bis zur Neuzeit enthält und das Schreibmaterial, auf dem geschrieben 
wurde und geschrieben wird; eine bibliographische Abteilung 
durch eine Bibliothek der Schriftkunde, der die Aufgabe zufallen soll, 
die ungeheuer zerstreute Literatur auf all den genannten Gebieten zu 
sammeln und zu registrieren, vor allem aber eine möglichst lückenlose 
Bibliographie auf dem Gebiete der Schriftkunde zu ermöglichen. Damit 
wäre wenigstens der erste Schritt zur Möglichkeit einer erfolgreichen 
Bearbeitung der Schriftkunde getan. Freilich mit dem bloßen Sammeln 
von Gegenständen und Literatur ist es nicht getan, das Gesammelte muß 
auch verarbeitet, ergänzt, kritisch gesichtet, in Beziehung zueinander 
gebracht werden, soll eine wirklich brauchbare Geschichte der Schrift 
daraus entstehen. Gar manche Monographie über dies oder jenes Schrift- 
gebiet wird geschrieben, gar mancher Aufsatz über Einzelheiten verfaßt 
werden müssen, bis überall Klarheit herrscht. In richtiger Erkenntnis 
dessen ist neben das Deutsche Schriftmuseum der Verlag von K. F. Koehler 
in Leipzig getreten und hat die Herausgabe eines „Archiv für Schrift- 
kunde“ in die Wege geleitet, das allen denen, die auf dem Gebiete der 
Schriftkunde arbeiten, die Möglichkeit geben soll, sich gegenseitig kennen 
zu lernen und ihre Meinungen auszutauschen. Daß die neue Zeitschrift 
eine streng wissenschaftliche sein will, ist nach dem Gesagten klar. Pro- 
pagandistische Tendenzen nach irgendeiner Richtung liegen ihr also voll- 
ständig fern. Ebensofern liegen ihr Auseinandersetzungen über den 
Inhalt einer Handschrift oder eines Druckes; ihr kommt es nur auf die 
Schrift als solche an. Flaggensignale und ähnliches sind, obwohl sie 
menschliche Gedanken ausdrücken, keine Schrift und scheiden infolge- 
dessen auch aus. Typographie und Stenographie kommen nur insofern 
in Frage, als ihre Geschichte von Wichtigkeit ist oder bahnbrechende 
Änderungen vorkommen. Das Deutsche Schriftmuseum ist dem Verlag 
von K. F. Koehler, der in uneigennütziger Weise durch die vorliegende 
Zeitschrift einen Sammelpunkt für die Schriftkunde geschaffen hat, zu 
größtem Danke verpflichtet und bittet alle die, die Interesse für die Ent- 
wicklungsgeschichte der Schrift haben, um rege Mitarbeit; Stoff zur 
Bearbeitung gibt es in Hülle und Fülle — selbständige Aufsätze, Referate 
und Rezensionen, Notizen und bibliographische Zusammenstellungen sind 
jederzeit erwünscht —; manches Dunkel wird gelichtet, manche Unrichtig- 
keit berichtigt werden können, so daß wir hoffentlich im Laufe der Jahre 
Faulmanns,,Geschichteder Schrift‘, die an Phantasterei und Unwissenschaft- 
lichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, und Taylors Buch ,,The Alphabet‘ 
durch ein besseres, wissenschaftlich einwandfreies Werk ersetzen können. 


Leipzig, im Februar 1914. 


Deutsches Schriftmuseum zu Leipzig 


Dr. Albert Schramm 


Museumsdirektor. 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 3 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 


Von Hermann Krabbo. 


eit einigen Jahren streitet man sich heftig in Deutschland, welcher 

Schriftart der Vorzug zu geben sei; Vorkämpfer der Antiqua oder lateini- 
schen Schrift stehen auf der einen Seite, Streiter für die Fraktur oder 
deutsche Schrift auf der anderen. Aus beiden Lagern ist mit oft mehr 
Eifer als Sachkunde namentlich über den einen Punkt gestritten worden, 
ob und wie weit die deutsche oder Frakturschrift wirklich eine nationale 
Errungenschaft sei. Denjenigen, die für die Fraktur kämpfen, ist Fürst 
Bismarck stets ein willkommener Eideshelfer gewesen; denn er hat sich 
zu gunsten der ihm lieberen und bequemeren deutschen Schrift mit dem 
machtvollen Einfluß seiner Persönlichkeit eingesetzt. Der der Schrift- 
kunde leider vorzeitig entrissene Ludwig Traube hat auf zwei in dieser 
Richtung getane Äußerungen des Fürsten hingewiesen!) und aus ihnen den 
Schluß gezogen, daß Bismarck an eine deutsche Nationalschrift glaubte. 
Aus den Verlautbarungen des Fürsten geht zunächst nur hervor, daß die 
Lektüre von deutschen Werken in lateinischem Druck ihm zu zeitraubend 
und unbequem war?2); er erklärte, ein in Fraktur gedrucktes deutsches 
Buch in drei Vierteln derselben Zeit erledigen zu können, wie ein gleiches, 
das sich in Antiqua präsentiere. Er fuhr dann in der Äußerung vom Jahre 
1882 fort: „Französisch oder Englisch mit deutschen Lettern gedruckt, 
oder Deutsch mit griechischen, wird jedem Leser, auch dem mit allen 
Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die gleiche Schwierigkeit machen. 
Der gebildete Leser liest nicht Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. 
Ein deutsches Wort in lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde 
Erscheinung, als Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben 


1) Ludwig Traube, Vorlesungen und Abhandlungen Bd. II (Einleitung in die 
lateinische Philologie des Mittelalters, herausgegeben von Paul Lehmann, München 
1911) 7, Anm. ı. Die beiden Äußerungen des Fürsten stammen vom 24. Mai 1881 
und vom 4. Oktober 1882; vgl. Horst Kohl, Fürst Bismarck Regesten II, S. 240 
und 292. 

2) Genau umgekehrt hat die Rücksicht auf Friedrich den Großen, der an die 
Fraktur nicht gewöhnt war, gelegentlich dazu geführt, Werke preußischer Schrift- 
steller in Antiqua zu drucken; das bezeugt ein Brief Ramlers vom 13. September 
1749, angeführt bei Heinrich Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche 
Literatur (2. Aufl. Berlin 1878) 41. Ich verdanke den Nachweis Herrn Dr. Fritz 
Arnheim-Berlin. 

1* 


4 Hermann Krabbo 


sein würde, und nötigt zu langsamerem Lesen. . .‘“ Mit voller Sicherheit 
läßt sich aus diesen Worten doch nicht der Schluß ziehen, daß Bismarck 
an den nationalen Ursprung unserer Schrift glaubte — nur so können 
Traubes Worte in ihrem Zusammenhang gedeutet werden. Und wie mir 
Herr Professor Horst Kohl freundlichst mitteilt, hat sich der Fürst auch 
ihm gegenüber schriftlich wie auch (am 26. November 13891) mündlich 
zum gleichen Thema "geäußert; vom nationalen Charakter der Fraktur 
sprach er nur insoweit, alser inihr dehistorisch gewordene 
Form unserer Schrift sah, die mit der deutschen Sprache, dem deutschen 
Wortbilde eng verbunden sei. 

Die Frage nach der Entstehung der Fraktur kann nur behandelt werden 
im Zusammenhang mit der Frage nach dem Ursprung der lateinischen 
Schrift; und hinter dieser Frage steht das Problem von der Entstehung der 
Schrift überhaupt; wenigstens mit ein paar Worten darf ich hieranknüpfen!). 

Die älteste Schrift, die wir kennen, ist die Bilderschrift; wir finden sie 
als ursprüngliche Schrift bei den Kulturvölkern, deren Schrifttum wir weit 
nach rückwärts überblicken, so bei den Ägyptern und den Chinesen; wir 
finden sie gleichermaßen noch heute bei manchen Naturvölkern. Die 
Deutung der Schriftzeichen geschieht vom Bilde auf das Wort. Beim 
Steigen der Kultur häuft sich nun aber die Zahl der Worte und mit ihnen 
die Zahl der Schriftbilder derart, daß man beim Schreiben aus praktischen 
Gründen auf eine kleinere Einheit als das Wort zurückgehen muß; so geht 
man erst zu Silbenzeichen, dann aber zu Lautzeichen oder Buchstaben über. 
Diese Entwicklung hat sich für uns erkennbar bei den orientalischen Völkern 
vollzogen; von ihnen, den Semiten, übernahmen die Griechen die Buch- 
staben, deren Bestand sie den eigenen Bedürfnissen entsprechend modelten. 
Namentlich fügten sie, was ein entscheidender Fortschritt war, besondere 
Lautzeichen für die Vokale hinzu, indem sie den für sie unbrauchbaren 
Zeichen der semitischen Hauchlaute diese neue Bedeutung gaben. Von 
den Griechen wanderten die Buchstaben schließlich weiter westwärts zu 
den Römern. Vermittler der Schrift waren den Römern die alten griechisch- 
chalkidischen Kolonien in Unteritalien, die einen von dem uns geläufigen 
griechischen Alphabet mehrfach abweichenden Buchstabenbestand kannten. 


1) Für die folgenden Ausführungen zitiere ich hier zusammenfassend einige 
Werke und Monographien, auf die sich dieser kurze Abriß stützt, ohne nachher 
im einzelnen überall die Zitate zu wiederholen. B. Bretholz, Lateinische Paläo- 
graphie, Teil von Meisters Grundriß der Geschichtswissenschaften I, ı (2. Aufl. 1912). — 
M. Tangl, Deutsche Schrift. In dem von Joh. Hoops herausgegebenen Reallexikon 
der Germanischen Altertumskunde I (1912), 395ff., sowie die Erläuterungen Tangls 
zu den von ihm herausgegebenen Schrifttafeln (Schrifttafeln zur Erlernung der 
lateinischen Paläographie, herausgegeben von W. Arndt. Heft I und II in vierter 
von Tangl besorgter Aufl. Berlin 1904 und 1906; Heft III herausgegeben von 
Tangl, 2. Aufl. Berlin 1907; auch die beiden ersten Hefte, von Tangl in ihrem 
Bestand vielfach verändert und sachkundig erläutert, sind durch ihn etwas ganz 
anderes geworden, als sie früher waren. — Franz Steffens, Lateinische Paläo- 
graphie (2. Aufl. Trier 1909). — K. Brandi, Unsere Schrift (Göttingen ıg11). 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 5 


An den chalkidisch-griechischen Buchstaben haben die Lateiner bei der 
Übernahme wieder mancherlei geändert, so entfernten sie die drei Aspirata, 
die sie zu Zahlzeichen machten: das Chi wurde als 50, das Theta als 100, 
das Phi als 1000 verwendet; und so ist das lateinische Alphabet entstanden, 
allmählich, nicht mit einem Schlage: die ältesten bekannten römischen 
Inschriften, so namentlich eine 1899 auf dem Forum Romanum gefundene 
vierkantige Säule, weisen noch lateinische Worte mit überwiegend griechi- 
schen Schriftzeichen auf. Das lateinische Alphabet entwickelte sich so zu 
einem Bestand von 2ı Buchstaben (ABCDEFGHIKLMNOPQORSTVX). 
Zu ihnen traten im Zeitalter Ciceros zwei weitere Buchstaben hinzu, Y 
und Z; man bedurfte ihrer zur Transkription griechischer Worte. Bei 
diesem Bestand, 2ı lateinische + 2 griechische Buchstaben, ist es ge- 
blieben, der Versuch des gelehrten Kaisers Claudius (} 54 p. Chr.), drei 
neue von ihm erfundene Buchstaben in Umlauf zu setzen, scheiterte, ob- 
wohl von diesen Buchstaben wenigstens einer zweifellos einem praktischen 
Bedürfnis entsprochen hätte, ein konsonantisches v als besonderes Zeichen 
neben dem vokalischen u. 

Indem das lateinische Alphabet sich in voller Selbständigkeit neben dem 
griechischen entwickelt hatte, gab es also im Mittelmeerkulturkreis zwei 
indogermanische Alphabete; auf sie gehen mittelbar oder unmittelbar alle 
seither in Europa gebrauchten Schriftzeichen zurück, natürlich mit Aus- 
nahme der türkischen. Auf lateinische und griechische Buchstaben lassen 
sich namentlich auch die ältesten Schriftzeichen der Germanen zurück- 
führen. Die Runenschrift ist nach der herrschenden Ansicht im 3. Jahr- 
hundert nach Christus an der Donau von den Germanen erfunden worden 
unter starker Anlehnung an die lateinischen Buchstaben!), sie ist dann 
Gemeingut der Germanen geworden. Andererseits hat der Gote Wulfila 
(er starb 383) im 4. Jahrhundert sein gotisches Alphabet im wesentlichen 
auf dem ihm näher liegenden griechischen: Alphabet — die Goten wohnten 
damals im Norden der Balkanhalbinsel — aufgebaut unter Hinzunahme 
einiger lateinischer Buchstaben, und ist dabei frei gestaltend vorgegangen. 
Hatte zuerst das römische Reich für die Verbreitung lateinischer 
Schriftzeichen gesorgt, so übernahm die gleiche Aufgabe später die römische 
Kirche: zugleich mit den heiligen Schriften brachten die Missionare 
den Germanen auch die lateinischen Buchstaben, in denen das Evangelium 
geschrieben war. Künftig wurde der lateinische Buchstabenbestand auch 


da verwendet, wo die Deutschen Aufzeichnungen in der Muttersprache . 


machen wollten; natürlich genügte der Buchstabenbestand diesen Be- 
dürfnissen nur mangelhaft; nicht alle Laute der germanischen Zunge 
ließen sich mit lateinischen Buchstaben wiedergeben; die Angelsachsen 


1) Vgl. zu der noch umstrittenen Frage nach dem Ursprung der Runen die Zu- 
sammenstellung der Literatur bei L. Traube, Vorlesungen und Abhandlungen Bd. I 
(Zur Paläographie und Handschriftenkunde, herausgegeben von Paul Lehmann, 
München 1909) 4 Anm. 2. 


- 


6 Hermann Krabbo 


haben diesem Umstand Rechnung getragen, sie haben besondere Schrift- 
zeichen fiir das aspirierte d und t erfunden. Auf dem Festland dagegen 
ist man unter dem Bann der lateinischen Buchstaben nicht so weit ge- 
kommen; daß die Buchstaben für den Bedarf des Deutschen nicht ganz 
ausreichten, empfand man auch hier, wie mehrfach bezeugt ist!); und der 
merowingische König Chilperich (ein Enkel Chlodowechs, gest. 584) ist 
wie der Kaiser Claudius unter die Erfinder gegangen: er ersann Zeichen 
für vier neue Laute, eines für gedehntes o, ein zweites für ae, ein drittes für 
aspiriertes t, ein viertes für w. Der Bann der lateinischen Schriftkultur 
war zu stark, als daß diese sicher germanischem Sprachbedürfnis ent- 
sprechenden Buchstaben sich hätten durchsetzen können, obwohl, wie 
Gregor von Tours erzählt, der königliche Erfinder seinen Geisteskindern 
mit Gewalt Eingang verschaffen wollte durch den Befehl, daß alle alten 
Handschriften mit dem Bimsstein getilgt und unter Verwendung der könig- 
lichen Buchstaben neu geschrieben werden sollten — wenigstens die 
Durchführung des ersten Teils dieser Gewaltmaßregel wäre im Zeitalter 
der Palimpseste vielleicht keine ganz ungewöhnliche Manipulation ge- 
wesen; aber wir kennen jedenfalls keine einzige Handschrift, die unter 
Verwendung der neuen Buchstaben geschrieben wäre. Der Buchstabe 
für w, den der Merowingerkönig des VI. Jahrhunderts einführen wollte, 
hat sich erst im XI. und XII. Jahrhundert durch Verdoppelung des v 
gebildet, und die weiteren Fortschritte gegenüber dem lateinischen Buch- 
stabenbestand, die die deutsche Sprache dann noch erzielt hat, die Scheidung 
von vokalischem u und konsonantischem v, von vokalischem i und konso- 
nantischem j, sind erst Errungenschaften neuerer Zeiten. Auch die 
Diphthonge ä, ö und ü stellen späte und bescheidene Fortbildungen des 
lateinischen Alphabets dar. Also: was den Bestand an Schriftzeichen be- 
trifft, steht die deutsche Schrift stark im Bann der lateinischen; sie hat 
sich kaum zu einer selbständigen Fortbildung und Umbildung der über- 
nommenen Zeichen erhoben, wie solches die Griechen mit den semitischen, 
die Lateiner mit den griechisch-chalkidischen Buchstaben taten, wie es 
noch in germanischer Frühzeit der Erfinder des Runenalphabets gegenüber 
den lateinischen, der Gotenbischof Wulfila gegenüber den griechischen 
Buchstaben vermochten. | 


* * 
%* 


Nun zu der zweiten Frage, zur Entwicklung der Buchstabenformen. 
Wiederum haben wir mit der lateinischen Frühzeit zu beginnen. In den 
Jahrhunderten vor Christi Geburt stehen uns zum Schriftstudium nur 
inschriftliche Denkmäler zur Verfügung; wir ersehen aus ihnen, wie sich 
große, schöne Buchstaben entwickeln, von Formen, die etwa dem ent- 
sprechen, was wir heute als große gedruckte lateinische Buchstaben kennen; 


ı) Vgl. Tangl, Deutsche Schrift a. a. O. 397. 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift | 7 


die Wissenschaft bezeichnet diese Schriftgattung als Kapitale: feierlich 
und groB reiht sich da Buchstabe an Buchstabe, alle gleich hoch, meist 
auch gleich breit, man spricht deshalb von litterae quadratae. Die Elemente, 
aus denen sich die Buchstaben zusammensetzen, sind wenige: der senk- 
rechte, der wagerechte, der schräge Strich; dazu Kreis und Halbkreis. 
Diese schönen, aber schwerfälligen Buchstaben haben auch über ihre in- 
schriftliche Verwendung hinaus in der Literatur Eingang gefunden, die 
glänzenden Handschriften — oder modern ausgedrückt: die Pracht- 
ausgaben — der klassischen und frühchristlichen Dichter sind vielfach in 
ihnen geschrieben. Für den täglichen Gebrauch waren diese Buchstaben, 
die mehr gemalt als geschrieben wurden, nicht geeignet, aber auch als 
Bücherschrift waren sie sehr schwerfallig. So ist man, um eine etwas 
flüssigere Bücherschrift zu gewinnen, dazu gekommen, die starren Formen 
der Kapitale durch Rundung für die schreibende Hand bequemer zu 
machen, unter Festhaltung schöner und klarer Formen, wie solche die 
Buchschrift verlangte; so ist die Unziale entstanden: sie mit ihren runden 
Formen ist ihrer Entstehung nach in erster Linie Bücherschrift, die nur 
selten in Inschriften sich findet (denn die runde Linie ist dem Meißel un- 
bequem), während die Kapitale ihre Formen als epigraphische Schrift 
herausgebildet hatte und erst an zweiter Stelle Bücherschrift wurde. Auch 
die Unziale entfernte sich noch weit von den Bedürfnissen des Tages; auch 
sie stellte, wie die Kapitale, hohe Anforderungen an die Kunstfertigkeit 
des Schreibers, auch sie erforderte großen Aufwand an Zeit und Pergament. 
So wird sie weitergebildet zu einer Mischschrift, in die einzelne kursive 
Elemente (Buchstabenverbindungen) eindringen, während doch der unziale 
Grundcharakter beibehalten wird; sodann werden die Buchstaben kleiner, 
dafür aber, um bessere Unterscheidungsmerkmale zu gewinnen, bilden 
sich bei einzelnen Buchstaben Ober- und Unterlängen heraus; die Schrift 
geht allmählich über zum Vierlinienschema. Man bezeichnet diese Weiter- 
entwicklung der römischen Bücherschrift als Halbunziale. Ein weiteres - 
Mittel, das neben dieser Fortentwicklung der Buchstabenformen dem 
unabweislichen Bedürfnis, schnell schreiben zu können, dienen sollte, 
bestand darin, daß man konventionelle Kürzungen in die Bücherschrift 
einführte, und zwar schließlich in solchem Umfang, daß schon Kaiser 
Justinian sich genötigt sah, gesetzgeberisch gegen diesen zum Unfug 
werdenden Gebrauch vorzugehen. Da namentlich die juristischen Hand- 
schriften durch das Übermaß von Kürzungen tatsächlich unbrauchbar 
wurden, verfügte der Kaiser 533: ‚‚Gleichermaßen gehen wirwegen Fälschung 
auch gegen diejenigen vor, die es wagen sollten, unsere Gesetze mittels 
unverständlicher Kürzungen niederzuschreiben. Alles soll nach unserem 
Willen durch den vollen Buchstabenbestand, nicht durch Kürzungen 
ausgedrückt werden; wer sich ein solches Buch herstellt, in dem sich an 
irgendeiner Stelle Kürzungen finden, der möge wissen, daß er der Besitzer 
eines unbrauchbaren Kodex sei. Denn wir verbieten, irgend etwas vor 


8 Hermann Krabbo 





Gericht zu verlesen aus einem Kodex, der an irgendeiner Stelle die nichts- 
würdigen Kürzungen aufweist.“ 

Kapitale, Unziale und Halbunziale sind Buchschriften; neben ihnen 
her läuft in allen den Jahrhunderten, in denen jene Buchschriften ge- 
schrieben wurden, eine flüchtige Geschäftsschrift oder Kursive. Das Wesen 
von Kursivschriften besteht in zweierlei: einmal besteht bei ihnen die 
Tendenz, das Schriftbild des einzelnen Buchstaben durch die rasch schrei- 
bende Hand fließender und flüchtiger zu gestalten: bequeme Striche werden 
verlängert, unbequeme verkürzt, schwinden manchmal ganz; die ursprüng- 
liche Form des Buchstaben wird so weit gemodelt, daß die Grundelemente, 
ob Schaft oder Rundlinie, im neuen Schriftbild oft ganz verwischt sind. 
Sodann hat jede Kursivschrift die Tendenz, die einzelnen Buchstaben 
miteinander in Verbindung zu setzen, ohne Absatz von Buchstabe zu 
Buchstabe weiter zu schreiben. Die ältere Kursive also knüpft an die 
Buchstaben der Kapitale an, deren strenge, schöne Formen sie zu flüchtig 
hingehauenen, schwer lesbaren Buchstaben umbildete. In diesen Buch- 
staben ist z. B. die Schrift von mehreren Wachstafeln gekritzelt, die man 
1786 in Siebenbürgen entdeckte; und mehr als 1/ Jahrhundert verging, 
bis der Münchener Professor Maßmann 1840 die rätselhaften Buchstaben 
als lateinische Schrift erkannte und deutete. 

Jede Kursivschrift trägt Keime der Entartung in sich; es sind im Laufe 
der Schriftentwicklung wieder und wieder Anläufe zu konstatieren, die 
den das Lesen allzusehr störenden Entgleisungen der Kursive entgegen- 
wirken wollen. So knüpft denn auch die Fortentwicklung der römischen 
Geschäftsschrift weniger an die entartete Majuskelkursive an, als vielmehr 
an die runden Formen der Unziale. Es entsteht eine jüngere Kursive etwa 
gleichzeitig mit der Halzunziale!). Sie verkleinert, wie ihre kalligraphische 
Schwester, die Halbunziale, die Buchstaben und bringt damit zahlreiche 
Ober- und Unterlängen bei den Einzelbuchstaben hervor; sie ist also eine 
Minuskelschrift. Sie macht reichlichen, man darf sagen, überreichlichen 
Gebrauch von den Möglichkeiten, die Einzelbuchstaben miteinander zu 
verbinden; nicht einmal vor den Wortenden macht sie halt, was uns das 
Lesen ungemein erschwert, die wir an scharfe Worttrennung gewöhnt sind: 
in römischen Urkunden, die sich dieser Schrift bedienen, finden sich 
ganze Zeilen, innerhalb deren kaum eine Worttrennung vom Schreiber 
respektiert ist. 

Wir haben jetzt die Entwicklung der lateinischen Schrift bis zu dem 
Augenblick verfolgt, wo das weströmische Reich endgültig zusammen- 
brach: Bücherschrift war damals die Halbunziale, Geschäftsschrift die 
jüngere oder Minuskelkursive.e. Auf den Trümmern des Römerreichs er- 
richteten germanische Wandervölker, zu festen Siedlungen übergehend, 
ihre Staaten; sie übernahmen ganz einfach die Schrift, wie sie sie vor- 


1) Jedoch führen selbstredend auch direkte Verbindungslinien von der älteren 
zur jüngeren Kursive, vgl. Arndt-Tangl, Tafel 32A = Steffens Tafel 13. 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 9 


fanden; literarisch nicht interessiert, wie sie waren, kiimmerten sie sich 
allerdings nicht um die Bücherschrift, sondern nur um die Geschäftsschrift, 
die auf dem ehemals römischen Boden, dessen einzelne Teile jetzt politisch 
zusammenhanglos nebeneinander standen, sich nun allerdings rasch sehr 
divergierend entwickelte; so schrieb man, um nur zwei Extreme namhaft 
zu machen, in der Stadt Rom, speziell in der päpstlichen Kanzlei, in ge- 
spreizter Breite, im Frankenreich, speziell in der merowingischen Königs- 
kanzlei, in gedrängter Enge. Hält man Proben dieser beiden Schriften 
nebeneinander, so tritt über den Verschiedenheiten der gemeinsame Grund- 
charakter zurück, und er ist früher auch völlig verkannt worden: man war 
der irrigen Ansicht, die Schriften, die im langobardischen, im mero- 
wingischen, im westgotischen Reich geschrieben wurden, seien nationale 
Erfindungen der Langobarden, der Franken, der Westgoten, und man 
prägte das Schlagwort Nationalschriften, einen Terminus technicus, der 
durchaus unrichtig ist, der aber, da er bequem ist, vielfach festgehalten 
wird. Ich betone nochmals: wie die Nachfahren der alten Römer selbst, 
die sich wenigstens in Teilen Italiens noch politisch selbständig hielten, so 
schrieben auch die Germanen aller Festlandreiche die sich verschieden 
entwickelnde jüngere römische Kursive, sie brauchten diese Buchstaben 
sowohl wenn sie lateinisch schrieben, als auch wenn sie die Laute der 
Muttersprache wiedergaben. 

Nur auf den Inseln an der Peripherie des abendländischen Kulturkreises 
war die Entwicklung der Schrift eine andere: bis nach Irland war das 
römische Reich überhaupt nie vorgedrungen, und auch in England, das 
spät erobert und früh wieder geräumt war, hat die lateinische Schriftkultur 
keine Spuren hinterlassen, die lebensfähig genug gewesen wären, die 
Römerzeit zu überdauern. Zu den Iren und zu den Angelsachsen, den 
germanischen Eroberern Britaniens, ist die lateinische Schrift erst zusammen 
mit dem Christentum gelangt; aus der Bibel haben die Inselbewohner die 
Buchstaben kennen gelernt, d. h. natürlich die Buchstaben der Bücher- 
schrift, die Halbunziale. Somit entwickelt sich hier auf den Inseln eine 
weitere sogenannte Nationalschrift, die im grundsätzlichen Gegensatz zu den 
Festlandschriften steht; auf dem Festland schreibt man kursiv, auf den 
Inseln nicht kursiv; natürlich war die Inselschrift an Klarheit weit über- 
legen, während die festländischen Kursivschriften unter den Händen der 
Germanen steigender Entartung anheimfielen. 

In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts nun setzt sich auf dem ganzen 
abendländischen Festland eine kräftige Reaktion durch gegen die herunter- 
gekommenen Kursivschriften; es ist dies eine Seite der geistigen Be- 
wegung, die man zu bezeichnen pflegt als die karolingische Renaissance. 
Daß die neue sich emporringende Schrift so überraschend schnell fast 
überall die bisherigen Schriften verdrängen konnte, wurde dadurch ermög- 
licht, daß eben damals das ganze festländische und christliche Abendland 
sich politisch unter dem Zepter Karls des Großen einte. Wollte man von 


10 Hermann Krabbo 


der entarteten Kursive los, wollte man zu klareren Schriftzügen übergehen, 
so konnte kein Zweifel obwalten, wo man die Vorbilder zu suchen hatte: 
bei den Angelsachsen, deren Schrift dem Festlande nicht unbekannt ge- 
blieben war: die Werke des Beda Venerabilis hatten mit dem universalen 
Wissen des groBen Angelsachsen auch angelsächsische Schrift in der Welt 
verbreitet; die irischen und angelsächsischen Missionare, namentlich 
Bonifatius und sein Kreis, hatten Propaganda für die Inselschrift gemacht, 
und schließlich: der führende Mann des Gelehrtenkreises, den Karl der 
Große um sich gesammelt hatte, Alkuin war selbst ein Angelsachse. Doch 
ist die neue Festlandschrift keine sklavische Nachahmung der angelsäch- 
sischen Buchstaben, sie steht durchaus selbständig neben ihnen, vielfach 
direkt an halbunziale Vorbilder anknüpfend. Sie hat sich, wie bemerkt, 
rasch das ganze christliche Festland erobert, und mit den siegreichen 
Scharen des normannischen Eroberers Wilhelm hat sie 1066 auch die Insel 
der Angelsachsen selbst gewonnen. 

Das hervorstechendste Merkmal der neuen Schrift, die als karolingische 
Minuskel bezeichnet wird, ist die Aufgabe kursiver Verbindungen: Buch- 
stabe wird wieder selbständig neben Buchstaben gereiht. Das bedeutet 
an sich eine Verlangsamung des Schreibens gegenüber der Kursive. Die 
karolingische Minuskel bleibt jedoch leistungsfähig, einmal indem jetzt ein 
leidliich wohlerwogenes System von Kürzungen sich durchsetzt, dann aber, 
indem die einzelnen Buchstaben durchweg viel kleiner geschrieben werden; 
die karolingische Minuskel bringt Buchstaben hervor, die, soweit sie 
zwischen den beiden Mittellinien stehen, klein sind, viele Buchstaben da- 
gegen haben ausgesprochenste Ober- und Unterlängen; alles in allem sind 
es diejenigen Formen, die etwa den uns heute vertrauten gedruckten 
kleinen lateinischen oder Antiquabuchstaben entsprechen. Im Zeitalter 
der karolingischen Renaissance wird aber nicht nur diese neue Schrift 
ausgebildet; vielmehr beginnt man gleichzeitig auch die alten schönen 
Bücherschriften der Römer, Kapitale und Unziale, wieder zu kultivieren, 
und zwar werden diese würdevollen Buchstaben vornehmlich zu Über- 
schriften und Unterschriften, sowie zu Initialen verwendet. So erwerben 
sich die alten Kapitalbuchstaben also ein neues Heimatrecht in der karo- 
lingischen Minuskel, und noch heute halten beide Schriftarten, die an sich 
ja gar nichts miteinander zu schaffen haben, treu zusammen als das große 
und kleine Alphabet der Antiqua. Soweit in deutscher Sprache fortab 
Aufzeichnungen gemacht werden — ich erinnere an einige frühe Beispiele 
wie das Hildebrandlied oder den Heliand oder an die Straßburger Eide —, 
stehen keine anderen Schriftzeichen zur Verfügung als die der karolingischen 
Minuskel. 

Das Reich Karls des Großen also hat der christlich - abendländischen 
Welt eine neue und schöne Einheitsschrift geschenkt, die gleichermaßen 
als Bücherschrift und als Urkundenschrift verwendet wurde; und diese 
Einheitlichkeit ds Schrifttums ist dem Abendlande erhalten ge- 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 11 


blieben, auch als schon unter Karls Enkeln die politische Einheit 
in die Brüche ging; in Deutschland, Frankreich, Italien, den christlichen 
Staaten der spanischen Halbinsel, schließlich auch in England, kurz überall 
wird in karolingischer Minuskel geschrieben, einerlei, ob es gilt lateinische 
oder nationale Laute schriftlich festzuhalten. So wissen wir, um nur eine 
nicht alltägliche Verwendungsmöglichkeit dieser Buchstaben zu erwähnen, 
von einem deutschen Missionar, der zu den Slawen kam. Um predigen zu 
können, obwohl er zunächst wenigstens der slawischen Sprache uhkundig 
war, ließ er sich Predigten in slawischer Sprache so aufschreiben, daß 
mit lateinischen Buchstaben die Laute der slawischen Zunge, so gut es eben 
ging, wiedergegeben wurden. Diese Predigten las der Missionar dann vor, 
natürlich ohne selbst zu wissen, was er sagte). 

Im Laufe des ı2. Jahrhunderts nun bahnt sich eine Wandlung der 
Buchstabenformen in dem Sinne an, daß ihre schlichten Linien gebrochen 
werden; diesen Brechungen sind namentlich die Rundungen ausgesetzt, 
aber auch die Schaftenden; man bezeichnet die so etwa seit 1200 sich 
durchsetzende Schrift als gotische Minuskel, und dieser Ausdruck der 
Renaissancezeit, der eigentlich einen verächtlichen Sinn hat, trifft doch 
die charakteristische Eigenart dieser Schrift ausgezeichnet. Man kann die 
in den Buchstabenformen sich vollziehende Stilwandlung in Parallele 
stellen mit der sich gleichzeitig durchsetzenden Änderung des Architektur- 
stils: auch hier wird die schlichte Rundung des romanischen Stils ab- 
gelöst durch den gebrochenen gotischen Spitzbogen. Die Gotisierung der 
Karolingischen Buchstaben, die sich mehr oder minder im ganzen abend- 
ländischen Geltungsbereich der Schrift durchsetzt, bedeutet natürlich eine 
Verkünstelung, eine Entfernung von den Bedürfnissen, die die Praxis 
des Tages an die Schrift zu stellen berechtigt ist; und so vollzieht sich jetzt 
nach den Jahrhunderten der Schrifteinheit allerorten eine erneute Zweiung 
in kunstvollere Bücherschrift und schlichtere Geschäftsschrift; während 
die gotische Minuskel es zu oft glänzender und prunkender Ausgestaltung 
bringt, entwickelt sich neben ihr eine Kursivschrift. Zu den Elementen 
der gotischen Buchstaben gehören kleine Zierstriche an den Enden der 
Buchstabenschäfte: dieser Striche bemächtigt sich die Kursive und ver- 
wendet sie, um mit ihnen Buchstabenligaturen herzustellen. Dem Sieges- 
zuge der neuen Kursive ist sehr förderlich der neue billige Schreibstoff, 
das Papier, das — kurz nach Christi Geburt in China erfunden — im 
späteren Mittelalter endlich Eingang in Europa findet und das Schrift- 
lichwerden von Verwaltung und Rechtsprechung ermöglicht. 

Also seit dem 13. Jahrhundert sind allgemein im Gebrauch gotische 
Minuskel als Zier- und Bücherschrift, gotische Kursive als Geschäfts- 
schrift, und zwar finden beide Schriften wiederum übereinstimmend Ver- 
wendung für alle Sprachen, für die lateinische Gelehrten- und Kultsprache 
und ihre romanischen Tochtersprachen ebensosehr, wie für die germa- 


1) Vita Wernheri episcopi Merseburgensis, Mon. Germ. hist., Scriptores XII, 246. 


12 Hermann Krabou 


nischen Mundarten. Es ist dabei zu bemerken, daß Italien, wie es sich 
in der Baukunst gegenüber der Kompliziertheit nordischer Gotik ziemlich 
zurückhaltend verhielt, so auch im Schriftwesen stärker als die Länder 
nördlich der Alpen an den Formen der karolingischen Schrift festhielt. 

Eine neue Weiterbildung oder eigentlich Rückbildung der Schrift- 
entwicklung geht nun eben von Italien aus, und zwar im Zeitalter des 
Humanismus und der Renaissance. Genau ebenso wie schon die karolin- 
gische Renaissance in der Schriftentwicklung den alten Formen der Kapitale 
und Unziale zu neuer Blüte verholfen hatte, so vollzieht sich jetzt eine 
Wiedergeburt der karolingischen Minuskel. Durch die Renaissance wurden 
in den Kreisen der italienischen Humanisten die lateinische Sprache 
und die lateinischen Klassiker zu neuem Leben erweckt; mit ihnen sollte 
auch die lateinische Bücherschrift in neuer Schönheit erstehen. Mit 
rechter wissenschaftlicher Gründlichkeit gingen die Humanisten stets 
auf die ältesten ihnen erreichbaren Handschriften ihrer geliebten Klassiker 
zurück; diese alten Handschriften boten durchweg die korrektesten Texte, 
sie zeichneten sich, in reiner karolingischer Minuskel geschrieben, auch 
durch klare schöne Schriftzüge aus, mit deren Deutlichkeit die gotischen 
Handschriften jüngerer Jahrhunderte nicht konkurrieren konnten. Darin 
allerdings irrten die Humanisten allgemein völlig, daß sie annahmen, in 
der karolingischen Minuskel, die sie wieder aufleben ließen, die richtige 
Schrift der alten Römer gefunden zu haben. 

Wir bezeichnen die von den Humanisten neu gepflegte karolingische 
Schrift als Renaissanceminuskel. Oft ist es nicht leicht, auf den ersten 
Blick zu sagen, ob eine Handschrift in karolingischer oder in Renaissance- 
minuskel geschrieben, ob sie im II. oder im 15. Jahrhundert entstanden 
ist; so gut haben sich die Humanisten in den Geist der alten Schrift hinein- 
gedacht, die sie mit dem irrtümlichen Ehrennamen der Antiqua auszeichne- 
ten, während die sonst landesübliche Schrift als ‚‚gotische‘‘ gebrandmarkt 
wurde, gotisch im Sinne von mittelalterlich-barbarisch; denn das Gotenvolk 
galt als eigentlicher Zerstörer der antiken Kultur, die jetzt neu aufleben sollte. 

Die Humanisten sind aber noch einen Schritt weiter gegangen: aus ihrer 
Schrift, der Renaissanceminuskel, haben sie sich eine Kursivschrift 
zurechtgemacht, die unter Festhaltung der schönen klaren Buchstaben 
der karolingischen Minuskel diese Einzelbuchstaben schräg stellt und 
miteinander verbindet. 

Diese beiden neuen Schriften, die das Zeitalter der Renaissance hervor- 
gebracht hat, die Renaissanceminuskel und die Renaissancekursive, treten 
nun also neben die beiden anderen damals üblichen Schriften, die gotische 
Minuskel und die gotische Kursive, so daß wir also im ausgehenden 
Mittelalter vier Grundtypen der Schrift nebeneinander haben, die man 
nach zwei Gesichtspunkten sondern kann: es stehen einerseits zwei gotische 
Schriften und zwei Renaissanceschriften einander gegenüber; und anderer- 
seits: es gibt zwei Minuskelschriften, die mit Einzelbuchstaben arbeiten, 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 13 


und zwei Kursivschriften, dazwischen natürlich allerlei Mischschriften. 
Von einer scharfen Konkurrenz, in die die Renaissanceschriften auf allen 
Gebieten mit den gotischen Schriften eingetreten wären, ist zunächst 
nichts zu verspüren: ihrer Entstehung gemäß erfreuen sich die Renaissance- 
schriften zunächst nur begrenzter Verbreitung: sie sind im wesentlichen 
beschränkt auf die lateinische Sprache, von der aus sie zögernd auch in die 
romanischen Sprachen Eingang finden, und sie sind weiter beschränkt 
dadurch, daß nur die humanistisch gebildeten Kreise sich der Antiqua- 
buchstaben bedienen. 

An sich hätte es nun durchaus im Bereich des Möglichen gelegen, daß 
die herrschende Zweiheit der Buchstabenformen sich in längerer Ent- 
wicklung wieder irgendwie vereinheitlicht hätte: da ist aber ein Ereignis 
von epochemachender Wirkung dazwischengetreten, das den im Augen- 
blick herrschenden Dualismus von Antiqua einerseits und gebrochener 
Gotik oder, wie man sich zu sagen gewöhnt hat, Fraktur, andererseits ver- 
ewigt hat: die Erfindung der Buchdruckerkunst. Gutenberg, seine Genossen 
und Schüler, die mit gegossenen, beweglichen Einzellettern zu drucken be- 
gannen, konnten nicht im Zweifel sein, welche Schriftart sich für den 
Druck eignete: sie konnten ihre Vorbilder nicht in den Kursivschriften 
suchen, sondern nur bei den Minuskel-Biicherschriften, die ebenfalls 
Einzelbuchstaben neben Einzelbuchstaben stellen. Die deutschen Er- 
finder des Buchdrucks wählten sich unter den beiden Möglichkeiten, der 
gotischen Minuskel und der Renaissanceminuskel, ganz naturgemäß die 
allein damals in Deutschland allgemein verbreitete gotische Schrift aus; 
in gotischen Lettern haben sie sowohl lateinische, wie deutsche Texte ge- 
druckt. Die ersten ausländischen Buchdrucker sind dem deutschen Bei- 
spiel durchaus gefolgt, sie haben ebenfalls in gotischen oder Frakturlettern 
gedruckt, vielfach aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie ihre Lettern 
aus Deutschland, wo solche zuerst fabrikmäßig hergestellt wurden, be- 
zogen hatten. Auch die italienischen Drucke des 15. Jahrhunderts sind 
in ihrer Mehrzahl mit Frakturlettern hergestellt; aber sowie die neue Kunst 
einmal in Italien heimisch geworden war, begannen die Italiener, auch 
in Antiqua zu drucken, und es entsteht eine Gegenbewegung: den Fraktur- 
drucken, die sich von Deutschland aus verbreiten, arbeiten entgegen die von 
Italien ausgehenden Antiquadrucke. Zunächst ist das Ergebnis ein buntes 
Durcheinander: man druckt mit beiden Arten von Typen lateinische Texte 
ebenso wie Texte in romanischen und germanischen Sprachen. Es gibt auch 
ziemlich frühe deutschsprachige Drucke, die sich lateinischer Lettern be- 
dienen, so eine Ausgabe des Titurel vom Jahre 14771). Dann aber bahnt 
sich eine Scheidung an, und sie vollzieht sich naturgemäß folgendermaßen: 
Wie die Renaissanceminuskel erwachsen war durch die neubelebte Be- 
schäftigung mit der lateinischen Sprache, so erobert sich jetzt auch der aus 
der Renaissanceminuskel geborene Antiquadruck allmählich die Herrschaft 


1) Worauf Tangl, Deutsche Schrift, a. a.O. 401 hinweist. 


14 Hermann Krabbo 


auf dem Gesamtgebiet des Lateinischen. Die katholische Kirche, die am 
Lateinischen als der Kultsprache festhält, gerät damit in den Bann des 
Antiquadruckes, der zunächst in Italien vollständig siegt; die Antiqua er- 
obert sich auch die italienische Sprache und in ihrem Gefolge die anderen 
romanischen Sprachen. Anders ist die Entwicklung in Deutschland. Zwardie 
lateinische Sprache ist auch bei uns bald der Antiqua anheimgefallen; ein 
Mann wie Erasmus von Rotterdam ließ selbstverständlich seine lateinischen 
Schriften in diesen Lettern setzen. Im übrigen aber haben wir überwiegend 
an der Fraktur festgehalten. Die gotische Minuskel war vor der Erfindung 
des Buchdrucks die allein bei uns heimische Bücherschrift; die in Deutsch- 
land gemachte Erfindung bildete ihr den Frakturdruck nach, und so ist er 
zum spezifisch deutschen Druck geworden. Daß wir im 16. Jahrhundert 
überwiegend den radikalen Bruch mit der römischen Kirche vollzogen haben, 
daß wir die lateinische Vulgata zugunsten von Luthers Bibelverdeutschung 
außer Kurs setzten, wird nicht ohne Einfluß geblieben sein. Immerhin 
hat sich die uns geläufige Gleichung: Antiqua = lateinischer Druck, 
Fraktur = deutscher Druck erst sehr allmählich durchgesetzt. Auf ein 
nach mehrfacher Richtung lehrreiches Beispiel wies der verstorbene 
Ludwig Traube hin!): ich meine das Nachwort, das Rorarius, oder, wie 
der Mann eigentlich gut deutsch heißt, Rörer, zu der Ausgabe von Luthers 
Bibelverdeutschung geschrieben hat, die 1545 bei Hans Lufft in Wittenberg 
herauskam. Diese Ausgabe ist, wie nicht anders zu erwarten, in Fraktur 
gedruckt, aber auffallenderweise sind die großen Anfangsbuchstaben der 
Substantiva scheinbar ganz regellos bald in der normalen Fraktur, bald 
aber in der aus dem Rahmen fallenden Antiqua gedruckt; Rorarius bemerkt 
dazu: „Zum dritten sind zweierley Buchstaben der UA B C und der A B C- 
gestalt, gesetzt, dem unerfaren Leser unterscheid anzuzeigen, Das wo 
dieser U B C stehen, die Schrifft rede von gnade, trost etc. Die anderen 
ABC von Zorn, straffe etc.‘ Die merkwürdige, typographisch nicht ein- 
heitliche Ausstattung dieser Bibelausgabe sollte also bewirken, daß irgend 
jemand, der zu Gottes Wort griff, um Trost in seinen Herzensnöten zu 
suchen, sofort an die richtigen Stellen geriete, und nicht etwa auf ein 
Kapitel, in dem der racheschnaubende Jehova Schwefel und Feuer vom 
Himmel regnen läßt. — Vom Standpunkt der Schriftkunde ersehen wir 
aus dieser Bibelausstattung folgendes: Ein hochgebildeter Mann, wie es 
Georg Rörer war, erblickte 1545 in Antiqua und Fraktur nicht verschiedene 
Alphabete, sondern nur verschiedene Druckformen, von denen man er- 
warten durfte, daß beide den deutschen Lesern geläufig waren. Weiter 
ersehen wir aus dem Nachwort, daB die Schlagworte ,,deutsches Alphabet“ 
und ‚lateinisches Alphabet‘‘ damals noch unbekannt waren; Rörer kann 
sich nicht anders ausdrücken, als indem er sagt: Buchstaben der UBC 
und der ABC. Endlich aber ist lehrreich, daß die Stellen, in denen von 
Gnade und Trost die Rede ist, in Fraktur gedruckt sind, als derjenigen 


1) Vorlesungen und Abhandlungen II, 8. 


Deutsche Schrift und lateinische Schrift 15 


Schrift, die den Deutschen bei weitem lieber und vertrauter war; die tief- 
gehende Abneigung gegen die Antiqua, von der die Masse unseres Volks 
schon damals erfüllt war, kommt auch hier zum Ausdruck. 

So ist also die Fraktur und ihre kursive Schwester, die Fortbildung der 
gotischen Kursivschrift, zur typischen deutschen Schrift geworden; ihrer 
haben sich Goethe und Schiller, haben sich Bismarck und Moltke bedient. 
Doch ist diese Schrift auch in neuerer Zeit durchaus nicht auf Deutschland 
beschränkt geblieben; namentlich in den skandinavischen Reichen erfreut 
sie sich erheblicher Verbreitung. Auch den Engländern und Franzosen 
ist sie zum mindesten bekannt und wird von ihnen gern zu Überschriften 
verwendet. Andererseits ist die Fraktur niemals die unbeschränkte Ge- 
bieterin in deutschen Landen geworden. Neben ihr hat zu allen Zeiten 
auch die Antiqua für deutsche Texte Verwendung gefunden. Genau wie 
heute im 2a Jahrhundert standen auch früher die deutschen Schriftsteller 
oft zweifelnd vor der Frage, in welcher Schriftart sie drucken sollten, und 
das Für und Wider wurde mit denselben Argumenten erwogen, die in dem 
Schriftstreit von heute wiederkehren. Ich führe ein Beispiel aus dem 
18. Jahrhundert an. Der bekannte Dichter Ludwig Gleim schrieb 1761 an 
seinen Berliner Freund Karl Wilhelm Ramler, der ein Bändchen Oden 
drucken lassen wollte: „Lassen Sie es doch nebst dem Text mit Lateinischen 
Lettern drucken; der junge Bieitkopf will es so sauber machen als möglich 
ist! Er ist sehr für die Lateinischen Lettern; die Franzosen, sagt er, hätten 
für unsere Gothischen Buchstaben einen rechten Abscheu gehabt, und alle 
Bücher mit Lateinischen Lettern gedruckt weggekauft‘‘!). 

Ich komme zum Schlusse. Nicht von Haus aus ist die Fraktur unser 
nationales Eigentum gewesen — darin irren manche ihrer Verfechter —; 
aber niemand wird bestreiten können, daß sie in den letzten Jahrhunderten 
stets die vorherrschend deutsche Schrift gewesen ist. Gegen sie ist nun 
neuerdings in Deutschland eine starke Bewegung entfacht worden. Wir 
sollen uns zur Antiqua bekehren, und wenn wir es nicht freiwillig tun, 
sollen wir zwangsweise dazu bekehrt werden. Die Propaganda für die 
Antiqua saugt ihre Kräfte zu großem Teile aus der Internationalität des 
modernen Weltverkehrs. Das Ausland, das in tausend Beziehungen zu 
uns steht, empfindet es als Arroganz, daß wir uns nicht derjenigen Schrift- 
zeichen bedienen, die den Engländern der alten und der neuen Welt und 
den Romanen geläufig sind. Unsere deutsche Wissenschaft hat dem auch 
vielfach Rechnung getragen und in ihren deutschsprachigen Publikationen 
die Fraktur aufgegeben, die Antiqua eingeführt; um nur an ein dem 
Historiker besonders naheliegendes Beispiel zu erinnern, ist die altbekannte 
Sybelsche ‚Historische Zeitschrift‘, nachdem sie durch 47 Jahre im 
Gewande der Fraktur erschienen war, 1906 zur Antiqua übergegangen. 
Auch die unaufhaltsam vordringende Schreibmaschine, für deren Technik 


1) H. Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur 225. 


16 Hermann Krabbo 


die Fraktur bis jetzt wenigstens noch nicht recht geeignet erscheint, sorgt 
bei uns fiir die Verbreitung der Antiqua. Aber darum liegt noch lange 
kein zwingender Grund vor, die Fraktur jetzt auszurotten. Nicht nur 
Gefiihlsmomente sprechen fiir sie: es kann vielmehr nicht bestritten werden, 
daß die Fraktur sich manchen Besonderheiten unserer Sprache ungleich 
besser anpaßt als die Antiqua. Auch lauten die Urteile unserer Mediziner 
und Experimental-Psychologen überwiegend dahin, daß die Fraktur das 
Auge auf die Dauer weniger ermüde. Ganz besonders überzeugend ist 
nach dieser Richtung die Aussage des Berliner Rechtshistorikers Zeumer, 
der bekanntlich von dem schweren Mißgeschick betroffen wurde, langsam 
zu erblinden; der konnte an sich feststellen, daß in den Jahren seiner ab- 
nehmenden Sehkraft er noch lange in Fraktur gedruckte Bücher lesen 
konnte, während er die Antiqua nicht mehr bewältigte. 

So meine ich, wir Deutschen, die wir beide Alphabete beherrschen, 
können uns dessen nur freuen. Mancher Autor wird, wenn er gewisse 
Worte hervorheben oder einander gegenüberstellen will, sich mit Vorteil 
beider Typen nebeneinander bedienen, so wie schon der alte Bibeldruck 
von 1545 sich diese Möglichkeit zunutze gemacht hat. Und wenn manche 
Schriftsteller oder Herausgeber von Zeitschriften für ihre Veröffentlichungen 
die Antiqua bevorzugen, so ist das auch ihr gutes Recht. Mag die Fraktur 
kämpfen und sich ihrer Haut wehren; erliegt sie dermaleinst der Antiqua, 
so ist sie eben altersschwach geworden und muß das Los mancher anderen 
Schriftart teilen, die vor ihr gekommen und gegangen ist. Behauptet 
sie sich aber weiterhin als lebensfähig, dann soll sie, die Millionen unserer 
Volksgenossen ein teures Gut geworden ist, uns auch nicht öder Gleich- 
macherei zuliebe gewaltsam geraubt werden. 

Ebensowenig erfreulich freilich, wie die einseitige Propaganda für die 
Antiqua, ist es, wenn sich dagegen neuerdings eine ebenso radikale Gegen- 
bewegung erhoben hat, die nur die Fraktur für die deutsche Sprache 
gelten lassen will, die bei jedem in Antiqua gedruckten deutschen Text 
ein Geschrei erhebt von Gefährdung der allerheiligsten Nationalgüter und 
von würdeloser Liebedienerei vor dem Ausland. Der historisch gewordene 
Zustand für Deutschland ist doch zweifellos, daß bei uns beide Schriftarten 
nebeneinander verbreitet sind, die Fraktur gewiß an erster Stelle, aber 
neben ihr auch durchaus daseinsberechtigt die Antiqua; ich erblicke in 
diesem Nebeneinander der Schriften durchaus einen Reichtum unserer 
deutschen Kultur, einen Reichtum, der geschmälert würde, wenn eine der 
beiden Schriften zugunsten der anderen ganz unterdrückt würde. Die 
Frage, welche Schrift in Deutschland herrschen solle, braucht nicht im 
Sinne eines Entweder — Oder entschieden zu werden: die richtigeAntwort 
lautet: Deutsche Schrift und lateinische Schrift. 


Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 17 


Ursprung und Alter der Buchstabenschrift. 
Von Reinhold Frhr. v. Lichtenberg. 


D neuesten vergleichenden Forschungen und die Altertumsfunde zeigen 
immer deutlicher, daß der alte Spruch Ex Oriente lux und die Ansicht, 
daß alle Kultur aus dem Osten gekommen sei, auf alten Irrtümern be- 
ruhen. Auch das so wichtige Kulturgut der Buchstabenschrift erweist jetzt 





Abb. 5. Steine mit schriftartigen Zeichen aus der Höhle von Mas d’Azil, Arizge. 


seinen arischen Ursprung im Westen Europas, und zwar in uralten Zeiten, aus 
denen wir von den Kulturen des Orients noch keine Funde besitzen. Auch 
hierin ist der irrigen Phöniker-Hypothese nunmehr der Boden entzogen. 
In zahlreichen Gräbern Spaniens und in Dolmen Portugals fanden sich 
Steine, die mit merkwürdigen aus geraden Linien bestehenden Zeichen 
bedeckt sind. Diese an Schrift erin- | 
nernden Zeichen erstrecken sich nach 
Maßgabe ihrer Fundorte über einen 
sehr großen Zeitraum, nämlich von 
sehr alten Abschnitten der jüngeren 
Steinzeit in die frühe Bronzezeit, ja 
sogar bis in die Eisenzeit. Zu den Abb. 2. Renntierstäbe mit schriftartigen 
ältesten gehören die aus den portugie- m en La 
sischen Dolmen von Alvao, und doch 
haben sich in der Grotte von Mas d’Azil in Frankreich (Abb. ı) undan Renn- 
tierstäben von verschiedenen Fundorten Frankreichs (Abb. 2) noch ältere 
inschriftartige Zeichen gefunden, die uns noch weit über die jüngere Steinzeit 
bis in die ältere Steinzeit, also viele Jahrtausende vor unsere Zeitrechnung 
zurückführen. wobei höchstbezeichnender Weise eine sehr große Anzahl 
dieser uralten Zeichen von französischem Boden mit den etwas jüngeren von 
der spanischen Halbinsel vollständig übereinstimmen, was bereits allen For- 
schern, die auf dem Gebiete der Schrift arbeiten, aufgefallen ist!) (Abb. 3). 


ij, AAV to HY b 








1) Severo, Os dolmens de Traz-os-mentes in der Zeitschrift Portugalia, t. I, 
Oporto 1899—1903. G. Wilke, Südwesteuropäische Megalithkultur und ihre Be- 
ziehungen zum Orient. Mannus-Bibliothek, Heft 7, S. 55—66, Würzburg 1912. 
Vgl. auch Evans, Scripta Minoa, Oxford 1909, p. 3. 


Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. f. 2 


18 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg 


Beweist schon dieses lange Fortleben der an so-verschiedenen und weit 
getrennten Orten sich gleich bleibenden Zeichen, daB sie nicht miiBiger 
Spielerei ihr Dasein verdanken, sondern ihnen ein bestimmter geistiger 
Inhalt, eine Bedeutung, zu eigen sein muß, so wird dies ganz unzweifel- 
haft, wenn wir erkennen, daß diese Übereinstimmungen sowohl zeitlich 
als räumlich noch viel, viel weiter reichen. 

Drei verschiedene europäisch-arische Kulturkreise sind es, in deren 
Schriften die Lautzeichen mit diesen vorgeschichtlichen Zeichengruppen 
die größten Übereinstimmungen zeigen; und diese Schriften können wir 
mit einer einzigen Ausnahme auch wirklich lesen. 

Die drei Kulturkreise sind fol- 
gende: Auf der spanischen Halb- 
insel selbst entwickelten sich aus 
diesen steinzeitlichen Zeichen zwei 
Schriften, im Norden die soge- 
nannte keltiberische, im Süden die 
sogenannte turdetanische, die so- 
wohl untereinander als mit den 
steinzeitlichen Zeichen die größten 
Übereinstimmungen besitzen (vgl. 
die Schrifttafel). Warum der Name 
keltiberisch nicht ganz zutreffend 
ist, werde ich weiter unten zu er- 
läutern haben. Beide Schriftarten 
erhielten sich noch bis weit in die 
geschichtlichen Zeiten und er- 
scheinen auch noch auf Münzen. 

Weitere auffällige Ähnlichkei- 
ten in der Form sind zwischen den 
Zeichen von Alväo (vgl. Abb. 3) 
Abb.3. Stein mit Schriftzeichen aus einem und den germanischen Runen 

Do EN EOE LIVROS zu entdecken. Auch hier ist die 
große Anzahl der völlig gleiche Form aufweisenden Zeichen von aller- 
größter Bedeutung. 

Endlich der dritte Kulturkreis, der eine Schrift mit den gleichen Formen 
besitzt, ist der ägäische. Die zahlreichen Inschrifttafeln von Kreta sind 
trotz der eingehenden Forschungen von Evans und anderen Gelehrten 
heute noch nicht lesbar (Abb. 4). Dagegen besaß die Insel Kypros eine der 
kretischen ganz ähnliche Schrift, deren Entzifferung schon vor ungefähr 
drei Jahrzehnten gelungen ist. Hier zeigt sich noch ein sehr bemerkens- 
werter Umstand; diese kyprische Schrift ist nämlich nicht wie die Runen 
und die keltiberische und turdetanische Schrift eine Buchstabenschrift, 
sondern eine Silbenschrift. Auch hierfür werde ich die Erklärung weiter 
unten bringen. Auch die noch unlesbare kretische Schrift muß nach der 





Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 19 





die Anzahl der gesprochenen Laute bedeutend übersteigenden Zahl der 
Zeichen eine Silbenschrift gewesen sein. Einzelne dieser Zeichen finden 
sich auch sonst im Gebiete der ägäischen Kultur auf Gefäßen und Ton- 
scherben und in Troja kommen sie auf uralten Spinnwirteln vor. Aber 
noch weiter reicht der Einfluß dieser Schrift. Schon um 2000 v. Chr. 


hatten ägäische Völkerschaften Nieder- 

lassungen außerhalb ihrer Heimat in Ägyp- AM a Fe = Y7 
IU * p rea =lı,, 
ili | I 


ten begründet. Auch in diesen Ansiedlungen 

wurden zahlreiche Gefäße gefunden, an 
H+34Nlen | 
HAIFA YY 


deren Henkel oder Körper kurze Inschrif- 

ten in ägäischer Schrift stehen, die wohl 
pl 5 + + III 
Abb. 4. Inschrift von Kreta. 






entweder den Eigentümer oder den Her- 
steller dieser Gefäße angeben (Abb. 5). 
Also im Norden, ferner ganz im Westen 
und im Südosten Europas waren Schriften 
heimisch, die untereinander in der Gestalt 
ihrer Zeichen eine große Verwandtschaft 
besitzen, und zwar nicht nur in der Ge- 
stalt, sondern vielfach, wenn auch nicht 
immer, auch im Lautwerte miteinander 
übereinstimmen, wie wir bei Betrachtung 
der Schrifttafel noch erkennen werden. Daß diese Schriften nicht nur 
untereinander verwandt sind, sondern auch das geistige Eigentum arischer 
Völker sind, wird dadurch erwiesen, daß in ihnen allen die Doppelaxt 
in verschiedener Gestaltung als Grundlage für mehrere Zeichen auftritt. 


Diese Doppelaxt ist aber ein in ee 
ganz Europa bis in die ältesten AY x% T TY i Y T 7 Gd 
Zeiten erkennbares urarisches 


Wahrzeichen des als Gatte der A iW Tl H + I 1 Ww 


Erde und Vater alles Lebens ge- 

dachten Himmelsgottes, das uns M d + LH Z 

allen als der Hammer Thors gar 

wohl bekannt ist!). Abb. 5. Ägäische Schriftzeichen von Kahun 
In der ägäischen Schrift tritt in Ägypten. 

auch noch ein zweites sinnbildliches Zeichen auf, das Hakenkreuz. Dieses 

ist ein heiliges Zeichen des Lebens, das während der jüngeren Steinzeit 

von den europäischen Süd- oder Ostariern erdacht wurde und ebenfalls 

in ganz alten Schichten Trojas bereits auftritt. In der Bronzezeit fand 

es dann, sowohl in seiner Gestalt mit vier Armen als auch in einer 

anderen mit nur drei Armen, dem sogenannten Triskeles, bei allen 






1) Vgl. v. Lichtenberg, Die ägäische Kultur, Leipzig ıgıı, S. ııı ff. v. Lichten- 
berg, Religion und Mythos, in Memnon, Bd. V, S. 225—236. O. Montelius, The 
Sun-God’s Axe and Thor’s Hammer, in Folk-Lore, vol. XXI, London 1910, S. 60 
bis 78 und G. Wilke, Südwesteuropäische Megalithkultur usw., S. 121 ff. 

2* 


20 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg 


arischen Völkern Verwendung und wanderte außerdem, einzelne Stämme 
auf ihren Wanderungen begleitend, nicht nur nach Ägypten, sondern 
auch nach Elam im Zweistromlande, und kam dann bei den arischen 
Indern zu hohem Ansehen. 

Sehen wir uns nun die Schrifttafel genauer an. Vorangestellt habe ich 
die Runen. An verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten sind 
manche Laute auch mit etwas anderen Formen geschrieben worden, und 
ich habe diese Zeichen dann stets in der betreffenden Spalte zusammen- 
gestellt. In der zweiten Spalte folgen die Zeichen aus den portugiesischen 
Dolmen von Alväo, denen ich, da sie noch unentziffert sind, auch keine 
Lautwerte zuschreiben konnte, ebensowenig wie der ebenfalls noch unles- 
baren ägäischen Schrift. 

Von den Runen und den Zeichen von Alväo stimmen 18 Zeichen in der 
Form entweder ganz überein oder sind sich so ähnlich, daß sie offenbar auf 
gleiche Grundformen zurückgehen. In mehreren Spalten kommen auch 
Zeichen vor, die nicht nur mit einem, sondern auch mit zwei oder mehr 
Zeichen aus anderen Schriften Ähnlichkeiten besitzen. So hat das turde- 
tanische a nicht nur mit dem th der Runen Verwandtschaft im Form- 
gedanken, sondern auch mit der einen liegenden Form des a der Runen. 
Solche Zeichen sind dann auch zweimal in derselben Spalte verzeichnet. 

Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es, daß neben diesen Überein- 
stimmungen der Form auch zahlreiche des Lautwertes vorkommen. 
Das r zeigt in allen Schriften eine dem Runenzeichen verwandte Form, 
ebenso das k und 1. Das Zeichen, das in den Runen z zu lesen ist, hat 
in den anderen Schriften den nahe verwandten Wert s, im griechischen 
Alphabete bedeutet es ps, und selbst in der kyprischen Silbenschrift ist es 
als se, also eine mit s beginnenden Silbe, zu lesen. Ebenso bedeutet ein 
von der Doppelaxt abgeleitetes Zeichen stets o, in der kyprischen Schrift 
ro. Die Doppelaxt gab außerdem in mehreren Schriften auch,die Grund- 
form für Zeichen mit anderen Lautwerten; so z. B. in den Runen für m 
und diesem in der Form sehr ähnlich ist die Rune e. Ganz deutlich stellt 
auch im Turdetanischen das m eine Axt dar, und verwandte Zeichen, 
finden sich für m im Keltiberischen, im Griechischen und in der Schrift 
von Kypros, wo es die Silbe mi bezeichnet; daneben kehrt die Rune e im 
Keltiberischen, Turdetanischen und Griechischen als s wieder. Ebenso 
sind im Keltiberischen und Griechischen die beiden Zeichen für p und für n 
der n-Rune nahe verwandt. Ähnlich ist es auch mit dem Zeichen h, das 
in mehreren Schriften als ch, also dem h nahe verwandt, vorkommt; 
ferner mit th, das bei anderen Völkern zu d erweicht ist, und auch das a 
besitzt in vielen Schriften einander nahe stehende Formen, ebenso wie 
das t. 

Die letzte Spalte der Tafel mit phönikischen Zeichen führt uns in den 
asiatisch-semitischen Kulturkreis; damit treten wir weit aus den bisher 
behandelten Gebieten der arischen Völker heraus, und es wird nun unsere 


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Abbildung 6. Schrifttafel. 


22 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg 


Aufgabe sein, zu untersuchen, wie auch hier die Ubereinstimmungen eine 
Erklärung finden können. 

Zunächst fällt in der ganzen Tafel auf, daß die drei europäisch-arischen 
Kulturkreise, in denen sich Übereinstimmungen der Form und des Laut- 
wertes finden, in drei räumlich weit voneinander getrennten Landgebieten 
auftreten. Den beiden Übereinstimmungen nach müssen also alle drei 
Schriftarten einen gemeinsamen Ursprung haben, und dieser wird dort zu 
suchen sein, wo sich das höchste Alter nachweisen läßt, wobei dann die 
Gründe und Wege für die Übertragung nach anderen Ländern auch zu 
untersuchen sind. 

Auf unserer Tafel stellen die Zeichen der Dolmen von Alväo die älteste 
Entwicklungsstufe dar. Aber, wie bereits gesagt, wir besitzen auf Renntier- 
stäben aus Frankreich noch ältere ebenfalls der Form nach gleiche Zeichen- 
gruppen, die bis in die ältere Steinzeit reichen. Aus Frankreich stammen 
also die ältesten Denkmäler. Wie erklärt sich dann die spätere Ausbreitung 
nach den verschiedenen Gebieten? Denn, daß die bisher beliebte Ab- 
leitung der europäischen Schriften von den Phönikern eine irrige und nicht 
länger haltbare ist, zeigt der Umstand, daß diese ältesten Denkmäler, 
Alväo mit inbegriffen, in Zeiten zurückreichen, aus denen wir nicht nur 
keine phönikischen Denkmäler besitzen, was an sich noch kein strenger 
Beweis wäre, sondern in denen das aus einer ziemlich jungen Rassen- 
mischung hervorgegangene Volk der Phöniker noch gar nicht bestand, 
also auch noch keine Schrift haben konnte. 

Die Renntierstäbe aus Frankreich gehören der älteren Steinzeit an und 
fallen demnach vor die letzte Eiszeit, in der Mitteleuropa von Gletschereis 
bedeckt war. Vorher aber, als in ganz Europa ein warmes Klima herrschte, 
besiedelten die altsteinzeitlichen Vorfahren der Arier mit ihrer Kultur 
auch ganz Mitteleuropa. Vor den von Skandinavien her eindringenden 
Eismassen mußten die Mitteleuropäer sich zurückziehen und wurden 
so nach Süden und Westen verdrängt, so daß Mitteleuropa selbst lange 
Zeit unbewohnbar blieb, und Kulturreste dieser Zeit nur bis zu den Rändern 
des Vergletscherungs-Gebietes gefunden werden können. 

Aus so alten Zeiten stammen also die ältesten Zeugen einer Schrift in 
Europa, d. h. aus jenen Zeiten, als die europäische Menschheit nach Frank- 
reich und weiter nach Spanien zurückgedrängt war. Dies ist der Grund, 
warum wir auch aus der nacheiszeitlichen jüngeren Steinkultur die ältesten 
Schriftreste aus Spanien und Portugal besitzen. Inzwischen hatte aber 
der Mensch, dem schwindenden Eise nachziehend, auch wieder von ganz 
Europa bis Skandinavien Besitz ergriffen, und so entwickelte sich auf 
unserem ganzen Erdteile die Kultur der jüngeren Steinzeit, die bei den 
weiten Länderstrecken, in denen sie herrschte, natürlich auch örtliche Unter- 
schiedeaufwies, dieder Ausgangspunkt für neueEntwickelungsreihen wurden. 

Auf diese Weise trat schon bald die Spaltung der Arier nach Stämmen 
ein, und die Gebiete dieser Stämme weisen sich als besondere Kulturkreise 


Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 23 


aus. Diese Kreise sind folgende: Im Norden war die sogenannte Megalith- 
kultur, die ihren Namen daher hat, daB in ihrem Bereiche die Toten in 
Kammern bestattet wurden, die man aus oft riesig groBen, meist unbe- 
hauenen Steinblécken errichtete. Der zweite Kreis ist der der Süd- oder 
Ostarier, der nach der daselbst herrschenden Übung, die Gefäße mit bunten 
Verzierungen zu bemalen, auch das Gebiet der Gefäßmalerei genannt 
wird. 

Zwischen diesen beiden arischen Hauptkulturkreisen traten dann auch 
Verbindungen ein, und so entstand bald ein drittes Kulturgebiet nördlich 
des Balkans und der unteren Donau, das sich über große Teile des heutigen 
Österreichs bis Mitteldeutschland und noch westlich des Rheines erstreckte. 
Nach der wichtigsten Verzierung, der Spirale und dem Mäander, die auf 
einfarbigen Tongefäßen eingeritzt wurden, heißt dieses Gebiet in der 
Wissenschaft das der Spiral-Mäander-Keramik. Durch Völkerwande- 
rungen dehnte sich dieses Gebiet bis tief in das vorgeschichtliche Griechen- 
land hin aus. 

Da nun während der Eiszeit die arischen Völker nach Westfrankreich 
und Spanien zuriickgedringt waren, diese Lander also, solange Mittel- 
europa unbewohnbar blieb, die wichtigste Siedelungsstätte der Arier 
waren, erklärt es sich leicht, daß sich in diesen Ländern die ältesten Denk- 
mäler mit schriftartigen Zeichen erhalten haben, aber auch, daß wir in 
der steinzeitlichen Kultur Spaniens nahe Beziehungen zu den Kulturen 
sowohl der Nord- als der Südarier wahrnehmen können. 

Die Beziehungen zu den Nordariern bestehen darin, daß auch auf der 
spanischen Halbinsel die Dolmen, die aus riesigen Steinblöcken errichteten 
Grabbauten, in Gebrauch waren, und auch hier die ganze Entwickelungs- 
reihe von den einfachen bis zu den reich ausgestatteten Gräbern zu be- 
obachten ist. Die Beziehungen zu den Südariern wieder erweisen sich 
dadurch, daß in der Gefäßverzierung merkwürdige Übereinstimmungen mit 
der Gefäßmalerei der Südarier zu bemerken sind, und auch das dieser 
Gruppe zuerst allein eigene Hakenkreuz in Spanien ebenfalls auf alten 
Gefäßen erscheint. 

Es ist hier nicht der Ort und würde viel zu weit führen, alle diese Überein- 
stimmungen nach Norden und Süden zu untersuchen; für unsere Zwecke 
genügt der Nachweis, daß in früher Steinzeit auf der spanischen Halbinsel 
die Nord und Süd trennenden Merkmale noch gemeinsam zu beobachten 
sind, und auch der Beginn der Buchstabenschrift hier nachweisbar ist. 
Dies läßt es auch verständlich erscheinen, daß sich dann sowohl bei Nord- 
als Süd-Ariern Schriften finden, die wenigstens in der Gestaltung ihrer 
Zeichen sowohl untereinander als mit den Inschriften von Alväo viele 
Berührungspunkte aufweisen. 

Neben dieser Ähnlichkeit der Form sind aber auch einschneidende 
Unterschiede zwischen den beiden Schriften zu erkennen. Im Norden 
entwickelten sich die Runen, die eine reine Buchstabenschrift darstellen, 


24 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg 


in der südlichen ägäischen Kultur war die Schrift, wie durch das lesbare 
Kyprische erwiesen wird, eine Silbenschrift. Doch auch hierfiir ist wohl 
eine Erklärung zu finden. Jene südarischen Stämme, die von Westen aus 
das Gebiet des ägäischen Meeres besiedelten, brachten mit anderen Kultur- 
gütern, z. B. der Gefäßmalerei, auch die Schriftzeichen mit. In ihrer 
neuen Heimat aber fanden sie bereits eine dort wohnhafte Bevölkerung 
anderer Rasse vor, der sie als neue Herrenschicht wohl ihre Kultur auf- 
zwangen, in Einzelheiten aber selbst Beeinflussungen erfuhren. 

Die nichtarischen Völker Afrikas und Asiens hatten damals bereits 
mannigfache Bilderschriften erfunden, so die ägyptischen Hieroglyphen, 
die Keilschrift und die den Hieroglyphen sehr ähnliche kleinasiatisch- 
hettitische Bilderschrift. Die Wortbedeutung der Bilder dieser Schriften 
war inzwischen bereits zu einer Silbenbedeutung verallgemeinert. 

Auf dieser Stufe fanden die einwandernden Arier die bereits früher in 
Ägäa angesessene Bevölkerung, und als sie dieser ihre arische Schrift 
mitteilten, verwandelte sich die Buchstabenbedeutung der Zeichen unter 
Einwirkung der Urbevölkerung anderer Rassen zu einer Silbenbedeutung. 
Dies war wohl um so leichter möglich, als die Arier die Schrift damals 
noch nicht wie die asiatischen Völker zum täglichen Gebrauche verwendeten, 
sondern sie benutzten die Schrift, ihrer ursprünglichen Bedeutung als 
Offenbarung der Gottheit entsprechend, nur zu religiösen Zwecken, 
so daß den einzelnen Buchstabenzeichen gleichzeitig die Bedeutung einer 
göttlichen Offenbarung, eines göttlichen Wahrzeichens innewohnte. 

Als dann zum Teil noch während der Steinzeit, zum Teil in der Bronzezeit 
von Norden her nordarische Stämme nach Griechenland gelangten!), 
brachten sie auch die reine Buchstabenschrift, wie sie in den nordischen 
Runen enthalten ist, wieder mit, und da die Zeichen in der Gestalt den in 
Ägäa bereits üblichen nahe verwandt waren, trat eine Rückbildung der 
einstigen Silbenschrift zur späteren griechischen Buchstabenschrift ein. 
Nur auf der räumlich so fern abliegenden Insel Kypros erhielt sich die 
ägäische Silbenschrift bis lange in die geschichtlichen Zeiten. 

Bei den uns erhaltenen kyprischen Inschriften tritt aber eine Erscheinung 
auf, die auch bei den nordischen Runen zu bemerken ist, und die in der 
Wissenschaft zu manchen Irrtümern und Mißverständnissen den Anlaß 
gab. In beiden so weit voneinander getrennten Schriftarten stammen die 
uns erhaltenen Inschriften aus verhältnismäßig jungen Zeiten. Die 
kyprischen Inschriften gehören sämtlich dem ersten Jahrtausende vor Christ 
an, die erhaltenen Runeninschriften stammen gar erst aus nachchrist- 
licher Zeit. 

Daß es aber irrig ist, daraus auf die späte Entstehung dieser Schriften 


1) Von diesen nordischen Stämmen werden einige, die Achäer, Ionier und Teukrer, 
schon in ägyptischen Urkunden des zweiten Jahrtausendes genannt, die letzten waren 
die Dorer. Die von Westen eingewanderten Südarier erkenne ich in den Pelasgern, 
den Pulasata der Ägypter, den Philistern der Bibel. 


Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 25 


zu schlieBen, erweist die kyprische durch mancherlei Umstande deutlich. 
Der eine Beweis ist die sehr große Übereinstimmung der Zeichen mit denen 
der um tausend Jahre älteren Inschriften von Kreta, so daß der Schluß 
nicht möglich ist, daß die kyprische Schrift Jahrhunderte später, nachdem 
die kretische längst vergessen war, in sehr gleicher Gestalt neu erfunden 
worden sei. Zweitens spricht auch die Sprache der kyprischen Inschriften 
gegen die nachträgliche Erfindung. Die Sprache ist nämlich in allen In- 
schriften griechisch; und hierfür ist diese Silbenschrift höchst unbequem. 
So wurde z. B. das Wort für König „basileus‘‘ in Silbenschrift „pa —si — 
le— wo —e‘‘ geschrieben, eine Schreibart, die gewiß nicht zur größeren 
Bequemlichkeit, zum leichteren Verständnisse und besserer Lesbarkeit 
der Wörter beiträgt. Daher wäre es ganz unverständlich, wenn auf Kypros, 
nachdem sonst die griechische Buchstabenschrift längst im Gebrauche war, 
diese Silbenschrift erst neu in einem griechisch sprechenden Lande er- 
funden worden wäre. Dies alles beweist, daß die kyprische Schrift in die- 
selben Zeiten wie die kretische zurückreicht, und daß beide ihre Wurzel 
in den so verwandten und viel älteren Zeichen Spaniens, wie z. B. von 
Alvao, haben. 

Was aber von dem hohen Alter dieser Silbenzeichen gilt, das gilt natür- 
lich auch von den in der Form so sehr übereinstimmenden Runen. Auch 
hier spricht die Gleichheit der Gestalt für den gemeinsamen Jahrtausende 
älteren Ursprung. Daß Inschriften erst aus so später Zeit erhalten sind, 
hat seinen Grund darin, daß die Germanen wohl am längsten daran fest- 
hielten, die Schrift nur zur Erforschung des göttlichen Willens und zur 
Weihung von besonderen Geräten, wie z. B. hölzernen Speeren, an die 
Gottheit zu verwenden. Solche Weiheinschriften, z. B. „Thor weihe diesen 
Hammer“, sind uns erhalten, und auf den uralten Gebrauch, mit den 
Runen den Willen der Götter zu erkunden, weisen sowohl der Mythos als 
geschichtliche Überlieferungen. 

Der Mythos erzählt uns im Hävamälliede der Edda von Odin, der auf 
der Suche nach höchster Weisheit neun Tage am Baume hing und dabei 
die Runen ersann. Nun besitzen wir wohl die Edda in einer Fassung, 
die offenbar erst aus christlicher Zeit stammt und überarbeitet ist; das ist 
aber doch sicher, daß solche uralt heidnische Züge und Gedanken nicht erst 
von dem christlichen Überarbeiter erfunden sein können. 

Daß die Runen viel älter als unsere Denkmäler sind, geht aus Tacitus 
hervor, der in seiner Germania (Abschnitt r0) die Schrift der Germanen 
erwähnt und deren Buchstaben, also die Runen, lateinisch als ‚‚notae“ 
bezeichnet. Über den Gebrauch der Runen zur Schicksalserforschung 
berichtet Julius Cäsar in seinem Gallischen Kriege (I, 53), wo Procillus 
erzählt, die Sueben hätten über ihn als Gefangenen dreimal das Los ge- 
worfen. Und wie lange dieser Brauch sich erhielt, geht aus der Erzählung 
Alkuins in der Vita des heiligen Wilibrord (Abschnitt ıı) hervor, wonach 
der Friesenkönig Radbod wegen des Schicksales seiner christlichen Ge- 


26 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg 


fangenen an drei Tagen dreimal das Los warf. DaB dieses Loswerfen mit 
Runenstäben geschah, ist sicher; auf welche Weise dies geschehen sein 
kann, untersucht G. Neckel!) und kommt zu dem Schlusse, daß an jedem 
der drei Tage je drei Runenstäbe aus den anderen herausgegriffen und über 
den Gefangenen geworfen wurden. Aus der Lage der Stäbe und der auf 
ihnen eingeritzten Runen wurde dann in einem Spruche das Schicksal als 
Wille der Gottheit abgelesen. 

Ich erwähnte schon, daß es noch ein drittes arisches Schriftgebiet in 
Spanien selbst gebe, und daß sich hier zwei besondere Schriftarten, die 
keltiberische und die turdetanische, entwickelten, die noch in verhältnis- 
mäßig späten Zeiten auf Münzen vorkommen. Der Name keltiberisch 
ist darum nicht ganz richtig, weil die Schrift, wie wir sahen, weit in vor- 
geschichtliche Zeiten zurückreicht, und die Kelten erst in geschichtlicher 
Zeit in Spanien einrückten, die Iberer aber ein nichtarisches, kleinasia- 
tisches Volk waren, das niemals tief in das Innere der Halbinsel eindrang, 
sondern sich mit einigen Plätzen an der Südküste Spaniens und der West- 
küste Portugals begnügen mußte, was die von ihm hinterlassenen Gräber, 
die ganz anders als die arischen Dolmen errichtet sind, beweisen 2). Da 
dies Fremdvolk aber an der Südküste saß, lernten es die zur See kommenden 
Römer bald kennen und benannten die ganze Halbinsel als die iberische. 
Zur Zeit, aus der die Münzen stammen, waren die Kelten bereits mächtig 
in Spanien, und so gewinnt der Name keltiberisch dann einige Berechtigung, 
wenn man iberisch im Sinne der Römer nur geographisch faßt, und mit kel- 
tisch die Zeit bezeichnet werden soll, aus der die lesbaren Inschriften stammen. 

Daß aber im Altertume das Bewußtsein des heimischen Ursprunges 
dieser Schriften nicht erloschen war, beweist eine Stelle des griechischen 
Geographen Strabo (d, 1, 6), der von den Turdetaniern berichtet, sie seien 
das weiseste Volk Spaniens und bedienten sich einer 6000 Jahre alten 
Schrift, in der sie ihre Geschichte, Dichtungen und Gesetze in Versen auf- 
geschrieben hätten. 

Auch M. Ph. Berger3), der noch fest an den phönikischen Ursprung der 
Schrift glaubt, wundert sich, daß in Spanien nur Inschriften in den beiden 
genannten Schriftarten, aber keine einzige phönikische Inschrift zutage 
gekommen ist. Dann (S. 338) betont er den Umstand, daß sich die keltibe- 
rischen Inschriften zumeist im Norden der Halbinsel fanden, und kommt 
selbst zu dem Schlusse, daß diese Schrift den Weg von Norden nach Süden 
genommen. 

Aber auch noch weiter nach Süden wirkte diese Schrift auf andere 
Völker. Den Dolmen gleiche Grabbauten finden sich auch an der ganzen 


1) „Zur Einführung in die Runenforschung“, in Germanisch-romanische Monats- 
schrift, Bd. I (1909, 1. Teil, S. 7 ff., 2. Teil, S. 81 ff.). 

2) Vgl. v. Lichtenberg, Kaukasische Völker in Europa, in „Memnon‘“‘, Bd. III 
und v. Lichtenberg, Haus, Dorf, Stadt, Leipzig 1909, S. 206 ff. 

3) Histoire de l’ecriture dans l'antiquité, Paris 1891, S. 333. 


Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 27 


Nordkiiste Afrikas und beweisen, daB schon tief in der Steinzeit arische 
Volker von Spanien aus nach Afrika gelangten und ihre Kultur verbreiteten. 
In diesen afrikanischen Dolmengebieten finden wir aber auch die lybischen 
Volker im Besitze von Schriften, die sehr an die beiden von der spanischen 
Halbinsel gemahnen. Darum hat auch Severo zwei dieser lybischen 
Schriften in seine Tafel, auf der er die Abhängigkeit der Buchstaben- 
schriften von den Zeichen von Alväo ableitet, mit aufgenommen!). 

Doch nicht nur nach Afrika, auch nach Asien reichte der Einflußbereich 
der europäischen Schrift. Schon seit jeher war die große Ähnlichkeit der 
phönikischen Buchstaben mit der ältesten Gestalt der griechischen auf- 
gefallen. Daraus zog man den Schluß, da ja Herleitung von Kulturgütern 
aus der Fremde leider stets einen großen Reiz ausübte, die Schrift sei von 
Phönikern den Griechen mitgeteilt worden. Wohl erhoben sich dagegen 
warnende Stimmen, doch ohne Erfolg. Der älteste dieser Warner dürfte 
der griechische Schriftstellet Diodor sein?2). Er erwähnt (5, 74) die An- 
sicht vom phönikischen Ursprunge der Schrift, setzt aber hinzu, auf 
Kreta meine man, die Schrift sei dort von den Musen erfunden worden, 
wonach die Phöniker sie ebenfalls annahmen und ein wenig veränderten. 

Dies klingt wie eine Erinnerung an die uralte kretische Silbenschrift, 
und die Erforschung sowohl der kretischen als der kyprischen Schrift hat 
neuerdings auch heutige Forscher zu der Vermutung gebracht, die Sache 
könne umgekehrt sein, als man bisher dachte, und die phönikische Schrift 
eher von der griechischen abstammen. So ist der französische Forscher 
Dussaud zu der Überzeugung gelangt, das phönikische Alphabet stamme 
von einem sehr alten griechischen ab). Prätorius wieder findet für viele 
phönikische Zeichen den Ursprung in solchen der kyprischen Silbenschrift®). 
Neuerdings hat Hermann Schneider aus anderen, nämlich mythologischen 
Gründen die westsemitischen Schriften von der kretisch-ägäischen Schrift 
abzuleiten gesucht®). 

Diese Ansichten werden nun wohl, nachdem wir den gemeinsamen 
Ursprung aller europäischen Schriften in den Zeichen der Dolmen von 
Alväo und in den altsteinzeitlichen Renntierstäben aus Frankreich kennen 
gelernt haben, zur Gewißheit erhoben. Auch die Phryger, ein arisches, 
den europäischen Thrakern verwandtes Volk Kleinasiens, hatten eine dem 
griechischen Alphabete nahe verwandte Schrift. Als die nichtarischen 


1) Zeitschrift Portugalia, t. I, S. 745. 

2) Sowohl die Diodorstelle als die früher erwähnte von Strabo ist abgedruckt 
bei Wilke, Megalithkultur. S. 6r Anm. 4 u. S. 63 Anm. 1. 

3) Dussaud, Les Arabes en Syrie avant l’Islam, $.73ff., und derselbe, Les 
civilisations préhelléniques dans le bassin de la mer Egée, S. 297 ff. 

*) Prätorius, Das kanaanäische und das südsemitische Alphabet, in der Zeit- 
schrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. LXIII, 1909, S. 189— 198 
und derselbe, Über den Ursprung des kanaanäischen Alphabets. 

5) H. Schneider, „Drei Aufsätze‘‘, Leipzig, Hinrichs, 1913; vgl. auch v. Lichten- 
berg, Buchstabenreihe u. Mythos, in Memnon, VII. 


28 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg 


Volker Kleinasiens, z. B. die Lykier und Tyrrhener, zur Buchstabenschrift 
übergingen, nahmen auch sie Schriften an, die dem Phyrgischen, Griechi- 
schen, der Silbenschrift von Cypern und teilweise auch den Runen sehr 
ähnlich sind; und die Tyrhenner brachten schon vor dem Jahre 1000 v. Chr. 
ihre Schrift als die etruskische auch nach Etrurien in Italien mit!). Auch 
auf den Kleinasien vorgelagerten griechischen Inseln wurden Inschriften 
in kleinasiatischen Sprachen und den europäischen Schriften verwandter 
Schrift gefunden?). Da diese kleinasiatischen Inschriften ein sehr hohes, 
dem gleich zu erwähnenden Mesasteine nahe stehendes, zum Teil noch 
höheres Alter besitzen, wäre es, wenn die phönikische Schrift wirklich die 
Grundlage der griechischen bildete, doch recht merkwürdig, daß diese 
kleinasiatischen Völker ihre Schrift lieber aus zweiter Hand von den 
Griechen, als aus erster Hand von den ihnen geographisch ebenso nahe 
wohnenden Phönikern übernommen hätten. Bei den arischen Phrygern 
und Griechen wird wohl in der Schrift überhaupt nicht Übernahme, sondern 
Stammesverwandtschaft zugrunde liegen. 

Noch bleibt aber der Weg zu untersuchen, auf dem unsere europäisch- 
arische Schrift zu den Semiten nach Asien gelangte. Auch dieser Weg 
und die Art der Übertragung können nun ganz deutlich erwiesen werden. 

Bis zum Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausendes bedienten 
sich die Semiten der Keilschrift, also einer aus Bilderschrift entstandenen 
Silbenschrift. Um 850 v. Chr. tritt uns in dem sogenannten Mesasteine 
die erste semitische Inschrift mit Buchstaben entgegen. Es war also, 
wenn auch der Mesastein vielleicht nicht das älteste Schriftstück in dieser 
Schrift war, sondern ältere Vorläufer hatte, doch eine neue Erscheinung 
im semitischen Kulturkreise. Weitere Erklärungen dafür geben uns die 
ägyptische Überlieferung des 13. und ı2. vorchristlichen Jahrhunderts 
und die neuesten Ausgrabungen in Palästina. 

Zn den Zeiten der ägyptischen Könige Ramses II. (1296 —ı230 v. Chr.), 
Merneptah (1230—1220) und Ramses III. (1198—1167) wurde Agypten 
vielfach durch die von Norden kommenden Seevölker beunruhigt. Die 
Inschriften dieser Könige nennen uns auch die Namen dieser Völker, 
und darunter erscheinen die uns wohl bekannten griechischen Namen der 
Ionier, Achäer und Teukrer. Es werden aber außerdem von den Ägyptern 
auch noch die Pulasata genannt, und diese sind nichts anderes als die 
Philister der Bibel, die Pelasger der Griechen?). Warum bedrohten diese 
europäischen Völker Ägypten? 


1) Vgl. v. Lichtenberg, ‚‚Über gegenseitige Einflüsse von Orient u. Okzident im 
Becken des Mittelmeeres im Orientalischen Archiv‘, Bd. II, Heft 4. 

2) Vgl. bei Berger, Histoire de l'écriture dans l’antiquite die Schrifttafeln auf 
S. 131— 149. 

3) Vgl. dazu oben $.24 Anm.; ferner: v. Lichtenberg, Kaukasische Völker in 
Europa, in Memnon III, desselben, Ägäische Kultur, Leipzig ıgıı, $. 141—145 
und desselben, „Einflüsse der ägäischen Kultur auf Ägypten und Palästina“. Mit- 
teilungen d. Vorderasiat. Ges. 1911, Heft 2, S. 28. 


Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 29 


Der Grund war die dorische Wanderung. Als die Dorer von Mittel- 
europa aus in Griechenland einzogen, wurde daselbst der Raum zu eng. 
Ältere ansässige Völker wurden verdrängt, und kamen nach Osten, über 
Kypros und Kleinasien ausweichend, auf die Wanderung, auf der sie 
schließlich, da sie auch Syrien schon stark besiedelt fanden, auch für 
Ägypten gefährlich wurden, bis Ramses III. in einer blutigen Seeschlacht 
ihrem weiteren Vordringen ein Ende machte. Danach fanden drei dieser 
Stämme, die Achäer, Teukrer und Pelasger, auf Kypros und an der benach- 
barten syrischen Küste neue Wohnsitze. Im Norden besiedelten die 
Teukrer mehrere phönikische Küstenstädte, im Süden gaben die Pelasger- 
Philister dem Lande, wo sie ansässig wurden, den Namen Palästina, d..h. 
Land der Philister. Nach ihnen erst wanderten auch die Israeliten im Lande 
ein, und wie mächtig die Philister daselbst waren, zeigt der Umstand, 
daß noch später das Buch der Richter 13, ı berichtet, die Philister haben 
40 Jahre lang die Israeliten beherrscht. 

Die Ausgrabungen der letzten Jahre in den einst von den Philistern 
besiedelten Städten in Palästina brachten zahlreiche Gefäße zutage, deren 
Verzierung ganz mit den Gefäßen der ägäischen Kultur übereinstimmt, 
also die ägäische Heimat der Philister auch auf diesem Wege bezeugt. 
Die Teukrer und Philister waren aber über Kypros nach Syrien gelangt, 
und als Ägäer werden sie auch die ägäische Schrift, besonders in 
der kyprischen Ausgestaltung, in ihre neuen Wohnsitze mitgebracht und 
ihren Nachbarn anderer Rasse übermittelt haben, die die neue Schrift, 
die viel leichter und bequemer war als die schwierigere Keilschrift, gewiß 
gern annahmen. Dies beweist der Umstand, daß nach Ausweis des Mesa- 
steines etwa drei Jahrhunderte nach der Einwanderung der arischen Ägäer 
die phönikische Schrift bereits voll entwickelt und im allgemeinen Gebrauch 
bei den Westsemiten war. 

Wie dann von dieser neuen phönikischen Schrift sich andere semitische 
Tochterschriften ablösten, ist eine Frage, die von den Forschern in semi- 
tischen Sprachen bereits eingehend untersucht wurde, die uns aber über die 
uns gesteckte Aufgabe weit hinausführen würde. 

Fassen wir die Ergebnisse noch einmal kurz zusammen. Der Ursprung 
der europäisch-arischen Schrift geht weit hinter den aller anderen Schriften 
zurück; die Anfänge reichen bis in die ältere Steinzeit, Jahrtausende vor 
unserer Zeitrechnung. Als Mitteleuropa vom Eise befreit war, bildeten 
sich drei Kulturmittelpunkte, in denen die Schrift weiter entwickelt wurde: 
Der eine auf der spanischen Halbinsel selbst, der zweite im Norden mit 
seinen Runen, der dritte im Südosten mit der ägäischen Silbenschrift, 
aus der dann durch nordischen Einfluß wieder die griechische Buchstaben- 
schrift entstand. Während alle nichtarischen Völker nur Bilderschriften 
kannten, war die arische Schrift von jeher eine Buchstabenschrift, und daß 
die ägäische Schrift eine Entwickelungsstufe als Silbenschrift durchmachte, 
hat seine besonderen Gründe, die wir oben kennen lernten. Die letzten 


30 Fritz Hommel 


Ausstrahlungen dieser arischen Schrift nach nichtarischen Völkern sind 
in Afrika die Iybischen Schriften, in Asien die phönikische Schrift mit ihren 
west- und süd-semitischen Zweigentwicklungen. 

Unter den europäischen, arischen Schriften haben die Runen die älteste 
Buchstabengestalt am treuesten bewahrt, sie stellen also die älteste lesbare 
arische Schriftform dar.!) 


Die Anordnung unseres Alphabets. 
Von Fritz Hommel. 


Bo durch die Erfindung des Feuerbohrers und in weiterem Verlauf 
der Schmiedekunst steht schon der primitive Mensch weit über der Tier- 
welt. Wenn diese Erfindungen als die Mutter der materiellen Kultur 
bezeichnet werden können, so kann man ihnen die dann nachfolgende 
Erfindung der Schrift als die Mutter der geistigen Kultur gegenüber- 
stellen. 

Die Schrift begann aber sicher nicht mit Buchstabenzeichen, dem 
sogenannten Alphabet, sondern mit Sinnzeichen (oder Wortbildern) und 
Silbenzeichen, die ja auch ursprünglich Worte vorstellten, wie die älteste 
babylonische Schrift, ferner die agyptische Hieroglyphenschrift und die 
noch heut gebräuchliche chinesische Schrift deutlich lehren. Das waren 
natürlich noch reine Bilder,die das betreffende Wort, wenn auch in rohen 
Umrissen, vorstellten (z. B. Türe, Vogel, Stern, Fuß, Hand usw.) oder 
symbolisch bezeichneten (z. B. eine Waffe für töten, Bein auch für gehen, 
Hand am Mund für sprechen, Stern für Himmel und Gott u. ä. m.). Schon 
die Verwendung solcher Bild- oder Wortzeichen auch für einzelne dem 
betreffenden Wort gleichlautende Silben (z. B. babylonisch im Segel, 
Wind, dann aber auch für jede im lautende Silbe, so in di-im-me-ir, 
lies dimmir ,,Gott‘‘) war eine Geistestat; erst dadurch war es ja möglich, 
auch rein grammatische Elemente(Vorsilben und Endungen) zu graphischem 
Ausdruck zu bringen. Uber diese Stufe ist beispielweise die wohl älteste 
Schrift, die wir kennen, die babylonische, aus deren Bildzeichen sich die 
sogenannte Keilschrift entwickelt hat, nie hinausgekommen; dafür hatte 
sie aber den Vorteil, von vornherein auch jeden Vokal zum Ausdruck zu 
bringen. 

Erst im weiteren Verlauf, wenn vielleicht auch schon viel früher, als 
man gewöhnlich annimmt, wurde die großartige Abstraktion gemacht, 
die einzelnen Laute (zunächst die Konsonanten) auch durch einzelne 
Zeichen auszudrücken. Auf dieser Stufe steht das sogenannte phöni- 
kische Alphabet, die Mutter der griechischen und lateinischen 
und damit zugleich auch unserer modernen europäischen Schrift. Aber 
auch schon die alten Ägypter hatten ein solches ebenfalls nur die Kon- 


1) Erweiterter Abdruck aus „Mitteilungen des Allgem. Deutschen Schriftvereins“' 1912. 


Die Anordnung unseres Alphabets 31 





sonanten bezeichnendes Alphabet, dessen alte Anordnung wir leider nicht 
kennen, und zwar von 24 (statt 22) Buchstaben; nur haben die Agypter 
den Gebrauch dieser einzigartigen Erfindung dadurch wieder abgeschwächt, 
daß sie daneben den ganzen komplizierten Apparat von Sinnzeichen 
(Ideogrammen) und Silbenzeichen beibehielten, ja mehr und mehr die 
einfachen Buchstabenzeichen (Laut- statt Wortbilder) überwuchern ließen. 
Indem ich die Frage, ob die Phöniker mit ihrem Alphabet eine Neu- 
entdeckung machten oder ob zwischen demselben und dem der Ägypter 
ein alter Zusammenhang besteht, so daß sie also dann diejenigen gewesen 
wären, die erst die richtige Konsequenz aus jener uralten Erfindung 
zogen, für heute noch offen lasse, will ich zunächst einmal nur das 
phönikische Alphabet mit seinem nächsten Verwandten, der südara- 
bischen Schrift, kurz beschreiben. 


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in hebrasschu Q uadrat- set fs 
orn aay awa ap 129 


yah bya4 yr os 031x 192 


NVA nwuwaa 7978 
Abb. J: Probe der phénikischen Schrift (Zeit Salomos). 


Beide etwa in gleich alte Zeit zurückgehende Alphabete, das phönikische 
und das südarabische (sogenannte minäo-sabäische), weisen auf ein 
gemeinsames Mutteralphabet, das aber der phönikischen Ausprägung 
näher als der südarabischen gestanden haben muß, zurück. Von den 
29 konsonantischen Lauten, die die semitischen Sprachen sämtlich dereinst 
besaßen, drückt das phönikische Alphabet nur 22 durch besondere Zeichen 
aus, von denen aber wiederum vier ganz deutlich sekundären Charakter 
tragen, so daß also zunächst nur ı8 Zeichen in Gebrauch gewesen sein 
werden; das südarabische Alphabet hat dagegen auch für die übrigen Laute 
sich neue Zeichen geschaffen, so daß nun jeder in der Sprache existierende 
Konsonant bei ihnen ein besonderes Zeichen besaß. Das beiden Alphabeten 
zugrunde liegende Mutteralphabet, welches spätestens um 1500 v. Chr. 
schon dagewesen sein muß, hatte wohl nur 18 Zeichen!), drückte also nur 


1) Es hatte zwar von den oben genannten vier secundären Zeichen wohl schon 
die Zeichen für Teth und Koph, dagegen waren höchst wahrscheinlich die Zeichen 


32 Fritz Hommel 


die wichtigsten Konsonanten, nicht alle feineren daneben noch existierenden 
Nuancen aus, etwa derart, wie wenn wir englisch zeal Eifer und seal Siegel 
auf ein und dieselbe Weise sil schreiben würden. Diese anfänglich noch 
bestehende und im phönikischen Alphabet fast ganz in Übung gebliebene 
Unvollkommenheit, nicht alle Laute der Sprache, vor allem nicht gewisse 
gerade dem Semitischen charakteristische Laute, graphisch zu bezeichnen, 
läßt fast die Vermutung aufkommen, daß es ein nichtsemitisches Volk 


X % izh 4 
> rt mn 

3 s “uy. Y 

k (5. = 


A Im o 


i > A AXT 
Aurserdom werh svdorabrran 4] (N), 
( HY, 2 (x ch) und g (am X =?) 


Abb.2: Phönik. u. südarabische Schrift (links in jeder der beiden Kolumnen phon., rechts südarabisch). 


4 
4 
i 
O 
Q 
a p th 
y 
) 
3 
X 
H 


gewesen, welches dieses Mutteralphabet geschaffen hat. Der Ort, wo es 
entstanden, kann auch weder die phönikische Küste, noch Südarabien 
gewesen sein, sondern war aller Wahrscheinlichkeit nach die Gegend, 
wo sowohl die Phöniker alter Überlieferung nach herstammten als auch 
sicheren Spuren zufolge die südarabische Kultur ihre ursprüngliche Heimat 
hatte, nämlich die längs des Persischen Golfes sich hinziehende ost- 
arabische Küste, das alte Nachbarland Babyloniens Magan, wo 
nachweislich schon im 3. vorchristlichen Jahrtausend neben den Semiten 


für Jod und Waw und ebenso die für Lamed und Resch wohl nur je ein Zeichen, 
was hier zu begründen nicht der geeignete Ort ist. 


Die Anordnung unseres Alphabets 33 





die einem ganz anderen Sprachstamm angehörenden Sumerier saßen, 
dasselbe Volk, welches auch in Babylonien in noch älterer Zeit neben den 
Semiten wohnte und dort die weit kompliziertere babylonische Bilder- 
schrift, aus der die Keilschrift hervorging, erfunden hat. 

Ein vollkommenes Alphabet nach unserem Sinn konnte aber eine 
Konsonantenschrift, wo z. B. lbn (je nach dem Zusammenhang) sowohl 
Leben als laben und auch lieben gelesen werden konnte, noch nicht sein; 
erst durch die Ausprägung besonderer Vokalzeichen ist ein solches für 
unsere Begriffe vorhanden. Diesen weiteren großen Schritt getan zu haben, 


ist das Verdienst eines indogermanischen Volkes, der Griechen, welche diese 
wichtige Erfindung bei der Her- 


übernahme des phönikischn | “SG 
Alphabets etwa um 1000 v.Chr. 
gemacht haben. Sie verwendeten 
gewisse Zeichen dieses Alpha- 
bets, die solche semitischen 
Laute, welche in ihrer Sprache 
entweder fehlten oder doch nicht 
als notwendig empfunden wur- 
den, bezeichneten, also mit 
einem Worte für sie überflüssig 
erschienen, dazu, um die Haupt- 
vokale a, e, i, o und u auszu- 
drücken; so zwar, daß sie das 
Zeichen für den Kehlkopfver- a E 
schluBlaut (den sogenannten ee SS 
Spiritus lenis), der nach semi- Ga 
tischem Empfinden jedemVokal ne Een In 
im Anlaut eines Wortes oder R aoo ooo 
einer Silbe vorhergeht (vgl. z. B. 0 eee 
Wildente, genauer Wild’ente), 


Abb. 3: Magan oder Ostarabien, 
i . > die Hei d itischen Alphabets. 
fiir a, das Zeichen fiir h zum e mat des westsemitischen phabets 







Der 
vorgeschichtliche 
Euphrat. 


A ALLO 


ee 
fi 
> 
M 
Li j 


Ä ot 























Ausdruck des Vokals e, das Zeichen fiir j zum Ausdruck des i, das Zeichen 
fiir den dem indogermanischen ganz fremden Kehlkopflaut ‘Ajin fiir den 
Vokal o und das Zeichen für w für den Vokal u verwendeten. 

Zugleich mit der Herübernahme überkamen die Griechen aber auch 
die feste Anordnung dieses Alphabets, die noch bis heute bei uns 
fortlebt (a, b, c, d, e, f usw.), von den Phönikern, und zwar mit denselben 
Namen. Denn die Bezeichnungen Alpha, Beta, Gamma, Delta, E usw. 
entsprechen genau den Namen, welche die betreffenden Buchstaben schon 
bei den Phönikern führten, nämlich Aleph, Beth, Gimel (ursprünglich wohl 
Gaml), Daleth, Hê usw. Diese Namen, die fast durchgängig, wenn auch 
nicht mehr in allen Fällen, eine noch ganz durchsichtige Bedeutung haben 


(Aleph = Rind, Beth = Haus, Gaml = Waffenstern oberhalb der Stern- 


Dr. Scheamm, Archiv fie Schriftkunde. I. !. 3 


34 Fritz Hommel 


bilder Stier und Widder, Daleth = Tür, H& = Himmel usw.), müssen also 
vor der Zeitder Entlehnung durch die Griechen, also etwa im 2. vorchristlichen 
Jahrtausend, den Phönikiern mitsamt der festen Anordnung der Zeichen 
geläufig gewesen sein; ja es spricht von vornherein alles dafür, daß sie diese 
Namen schon aus ihrem alten Stammland Ostarabien mitgebracht haben. 

Hier mit der Frage nach dem Sinn dieser Namen und ihrer Anordnung 


Stier A,A kK x 
Haus B, B A a 
Wate Ce Tp nt 
Cire pA A 7 a 
Himmel E, E = n 
Weg 
at(ElY) y 1 | 2 ww” 
aS wu z fp og fa NN RM 20 
o $ zo) md 
H,H A m 
—,O © V J o 0.0 Age 
j m, P Mund 
Arm I, J 7 I 
x + mi: 
B ee 
Hand K,K J > 5 A P,R Kopf 





vw z,5 urine Rae) 
n X T,T ete 
Abb. 4: Vergleichende Schrifttafel des phönikisch-hebräischen ad griechisch-lateinischen Alphabets 
in der alten Anordnung und mit der deutschen Ubersetzung der Namen. 
setzt nun am besten und am methodischsten die weit schwierigere wenn 
auch stets reizvoll bleibende Frage nach dem Ursprung des Alphabets ein. 
Ist einmal diese erste Frage befriedigend beantwortet (und das zunächst 
allein soll den Gegenstand dieser heutigen Ausführungen bilden), dann ist 
auch die Hoffnung vorhanden, das zweite Problem zu lösen. 

Zunächst ist eines klar, daß jeder dieser Namen mit dem Buchstaben 
und Laut beginnt, den das betreffende Zeichen, dem der Name gegeben 
wurde, vorstellt (also wie bei uns b = be, k = ka heißt, nicht etwa wie 
wir m em, n en, f ef nennen, wo dem dadurch bezeichneten Laut noch ein 
Vokal vorhergeht); und zweitens müssen die Erfinder dieser Namen und 


Die Anordnung unseres Alphabets 35 





Namenreihe, die nicht die Erfinder des Alphabets gewesen zu sein brauchen, 
in der Form der Zeichen eine gewisse wenn auch nur entfernte Ahnlichkeit 
mit dem Tier oder Gegenstand, dessen Namen sie dem betreffenden Zeichen 
beilegten, erblickt haben. Dabei ist durchaus nicht notwendig, daB schon 
fiir die Erfinder des Alphabets das Zeichen fiir b ein Haus (Beth) oder das 
für d eine Tür (Daleth) war; die Zeichen können ursprünglich etwas ganz 
anderes haben vorstellen sollen, aber zu einer gewissen Zeit, wohl nachdem 
sie schon lange in Gebrauch gewesen und vielleicht ihre älteste Form schon 
mehr oder weniger umgeändert hatten, glaubte man in ihnen die uns 
überlieferte Bedeutung, bzw. das durch diese ausgedrückte Bild, erkennen 
zu sollen und gab ihnen zugleich nach einem sinnreichen System die uns 
ebenfalls noch überlieferte, ja von uns mit kleinen Abweichungen bis heute 
beibehaltene Anordnung. 

Daß hierbei wirklich ein sinnreiches System zugrunde liegt, 
läßt sich unschwer und auch jedem Laien leicht begreiflich aufzeigen, 
sogar wenn wir noch nicht den Schlüssel zur Erklärung dieses Systems 
gefunden hätten. 

Zunächst sind es einmal zwei symmetrisch aufgebaute Hälften von 
je 9 bzw. ıı Buchstaben, die uns dabei entgegentreten. Man vergleiche 
nur folgende für sich selbst sprechende Gegenüberstellung, zu der noch 
bemerkt sei, daß man schon im Altertum diese Zweiteilung wahrgenommen 
und sogar praktisch angewendet hat, indem man gelegentlich auch mit 
der zweiten Hälfte I, m, n usw. (daher der Ausdruck elementa statt 
Alphabet) statt mit der ersten das Ganze beginnen lassen konnte, ähnlich 
also, wie man im alten Orient das Jahr entweder mit dem Frühjahr oder 
aber mit dem Herbst (also mit der einen oder mit der anderen Jahres- 
hälfte) anfangen ließ. Ä 


Aleph = Stier | Lamed = Pflugschar 
Beth = Haus | Mim = Wasser 

Gimel = gamlu-Stern | Nün = Fisch 

Daleth = Tür Samek = Himmels-Dach 
Hê = Himmel | ‘Ain = Auge 

Waw = Drache (?) | Pi = Mund 

Zain = Zwillinge (?) ! [Sade = Hirn] 

[Cheth = Zaun (?)] |Koph = Hinterkopf (?)] 
Teth = Zisterne (?)] Resch = Kopf 

Jod = Arm Schin = Urin, Regen 
Kaph = Hand Thau = Kreuz 


Hier ist zunächst auffallend, daß gegen Schluß jeder Reihe links zwei 
und rechts drei Körperteilnamen (Arm, Hand; Auge, Mund, Kopf) und 
zwar in sogenannter chiastischer Anordnung (Arm und dann ein Teil 
des Arms; rechts: zwei Teile des Kopfs und dann der Kopf selbst) be- 
gegnen. Da rechts auf die Körperteile noch zwei andere Namen, darunter 
das Kreuz = Schlußmarke (als solche schon im alten Orient nachweisbar), 

3* 


36 Fritz Hommel 





folgen, so läßt das vermuten, daß die zwei letzten Zeichen eine Art Anhang 
oder Unterschrift bilden, denen dann am Anfang der ersten Hälfte zwei 
Zeichen als Überschrift oder Einleitung entsprechen würden — was sich 
später durch meine von astralgeschichtlichen Erwägungen ausgehende 
Erklärung bestätigen wird. Auf diese Weise bliebe dann nach Ausscheidung 
der Einleitung und des Schlusses von je zwei Namen und der Namen der 
Körperteile noch folgende Gegenüberstellung übrig: 


Gimel = gamlu - Stern Lamed = Pflugschar 


Daleth = Tür Mim = Wasser 
He = Himmel Nün = Fisch 
Waw = Drache (?) Samek = Himmelsdach!) 


Zajn = Zwillinge (?)) | 

Auch hier ist, trotzdem es links fünf und rechts nur vier Namen sind, 
doch wiederum die Symmetrie gewahrt, da ja wegen der nur zwei Körper- 
teilnamen links (wofür, wie wir später sehen werden, ein ganz besonderer 
Grund maßgebend war) gegenüber den drei Körperteilnamen rechts ein 
Ausgleich sich als notwendig erwies; das links fehlende Zeichen ist also 
wieder eingebracht. 

Eine weitere Symmetrie besteht nun darin, daB dem Waffenzeichen 
links fast ganz dasselbe Zeichen rechts entspricht, nur daB links die Spitze 
oben, rechts aber unten angebracht ist (s. das Bild auf der Tabelle, S. 34), 
und daß ferner dem dritten Zeichen links, das den Namen He (genauer He’) 
Himmel?) führt, rechts ein wieder fast gleiches Zeichen (nur um eine Stelle 
weiter vorgerückt, wofür der Grund später ersichtlich werden wird) mit 
dem ganz ähnlichen Namen Himmelsdach®) gegenübersteht. 

Bevor wir nun dazu übergehen, den Schlüssel zu diesem sinnreichen 


1) Auch die oben $. 35 in eckige Klammern gesetzten Zeichen, links: Cheth und 
Teth, rechts: Sade und Koph habe ich hier stillschweigend mitausgeschieden, da sie 
ganz deutlich erst sekundärer Entstehung sind, nämlich Cheth aus He mit Zufügung 
eines senkrechten Striches links, Teth ein Kreis mit eingeschriebenen Zeichen Thau, 
Sade die eine Form (alte Variante) des Zeichens Zajn mit links hinzugefügtem senk- 
rechten Strich und Koph einfach das ‘Ain mit durchgezogenem senkrechten Strich. 
Auch hierin steckt System: es sind das sämtlich Zeichen für emphatische Laute, 
die speziell den semitischen Sprachen eigen sind und offenbar dem Lautbestand der 
Erfinder fremd waren. Aber wenigstens zwei davon, Teth und Koph, müssen 
schon dem Mutteralphabet beigefügt worden sein, vgl. oben S. 31, A. 1), da sie fast 
in der gleichen Form auch dem südarabischen Alphabet eigen sind. Eingefügt sind 
sie in der linken Reihe unmittelbar vor den Körperteilnamen, in der rechten Reihe 
zwischen denselben und zwar vor dem Namen für Kopf, da Sade Hirn (und den Vogel, 
der aus dem Kopf des Ermordeten fliegt) und Koph Hinterkopf bedeutet. 

2) Die Bedeutung steht dadurch fest, daßhai’-at (das at ist lediglich Femininendung) 
im arabischen „Himmel“ heißt; vgl. “ilm al-hai’at ‚Astronomie‘. 

3) samak heißt „stützen“: (vgl. die vier Säulen oder Stützen des Himmels), im 
Arabischen aber speziell von Gott gesagt „den Himmel hoch heben“, und samk 
heißt arabisch Decke der Wohnung, Dach. Vgl. auch noch babylonisch simaku 
Cella eines Götterbildes. 


Die Anordnung unseres Alphabets 37 


System nachzuweisen und zwar in einer auch jedem Laien verstandlichen 
Form, sei noch bemerkt, daB die notwendige Voraussetzung dazu natürlich die 
richtige Deutung der uns überlieferten Buchstabennamen ist. Alle Ver- 
suche, die hierbei von falschen Übersetzungen ausgehen, sind von 
vornherein ganz oder wenigstens teilweise verfehlt. Unbestritten sind 
Aleph = Rind, Beth = Haus, Daleth = Tür, Jod = Arm, Kaph = Hand, 
Mim = Wasser, Niin = Fisch, ‘Ain = Auge, Pi = Mund, Resch = Kopf 
und Thau = Kreuz, bzw. Zeichen, SchluBmarke, also elf von den 18 
(nach Ausscheidung der oben besprochenen vier sekundären. Zeichen 
übrigbleibenden) Buchstaben. Wenn man Lamed bisher mit Ochsen- 
stachel und Samek mit Stütze übersetzt hat, so war das wenigstens an- 
nähernd richtig; der Ochsenstachel ist gleich der Pflugschar ein spitziger 
Gegenstand und beide stehen zum Rind in naher Beziehung!), und auch 
„Stütze‘‘ war (vgl. oben S. 5, A. 3) eine wenigstens mögliche Wiedergabe 
von Samek, die vom Richtigen (Dach, Himmelswölbung) nicht allzuweit 
entfernt lag. Über die richtige Bedeutung von He’ = Himmel war schon 
oben das Nötige bemerkt; die Zeichen für He’ wie für Samek könnte man 
für ein Gitter (dann in der linken Hälfte Himmelsgitter, wozu die vorher- 
gehende Türe gut paßt), aber auch für einen Baum halten, was wieder 
auf den Himmel gehen kann, wenn man sich des Himmels- und Welten- 
baumes in den verschiedenen mythologischen Systemen des Altertums 
erinnert. 

Aber grundfalsch waren die bisherigen Übersetzungen von Gimel (Vari- 
ante Gamel, wie griechisch Gamma beweist) durch Kamel, was allerdings 
arabisch und hebräisch gamal heißt, und von Schin durch Zahn 
(hebr. schen, arabisch sinn). Daß das Zeichen für Schin in der Be- 
griffssphäre des Wassers gesucht werden muß, hätte schon die Ähnlichkeit 
mit dem Zeichen Mim (Wasser) lehren können; zu allem Überfluß heißt 
hebräisch schin Woasserschlagen und schain oder schen Urin (bei 
den Arabern dann übertragen auf den Urin gewisser Sternhäuser = 
Regen). Und daß das dem Lamed (Pflugschar) so ähnliche Zeichen für 
Gimel kein Kamel vorstellen konnte, hätte man längst sehen können; 
wenn es in der chaldäischen Astronomie einen „Waffenstern‘‘ gab, der 
den Namen gamlu führte, so liegt das ungleich näher. Ich gab die 
letztere Erklärung bereits vor 14 Jahren in meinen „Aufsätzen und Ab- 
handlungen‘‘, S. 264, A. ı, und sie war es, die mir ein Jahr später (vgl. 
ebenda, S. 472f.) in Zusammenhalt mit der Aufeinanderfolge von Wasser 


1) Im Hebraischen kommt ein einziges Mal das Wort milmad vor (Richter 
3, 31), wo Luther Ochsenstecken übersetzt, die alte Überlieferung (LXX und Vul- 
gata) aber richtig Pflugschar gibt. Der Name Lamdu, wovon milmad nur eine 
Weiterbildung ist, kommt wahrscheinlich von einem alten Wort lahem „Rind“ 
(vgl. das äthiopische) her; daraus bildete man ein Wort lihamu, Feminin lihamtu, 
lihämdu, lämdu „Pflug‘‘ (vgl. analog babyl. tihämtu, tihamdu, tämdu Meer), und 
von diesem lämdu dann ein neues Verbum /amad angewöhnen (so äth.), lernen 
(vgl. ähnlich von alpu Rind das Verbum alipa sich gewöhnen, allapa lehren). 


38 Fritz Hommel 


und Fisch (= Wassermann und Fische am gestirnten Himmel) den rich- 
tigen Schlüssel zur Lösung des Ganzen an die Hand gab. Es bleiben noch 
Waw (Vau) und Zain (mit tönendem s wie franz. und engl. z zu sprechen) 
übrig, von denen das erste im Hebräischen einen Haken, in welchen man 
die Ringe des Vorhangs einhängt, bedeutet; das ist aber gewiß sekundär. 
Die richtige Deutung beider Zeichen und damit dann auch der Namen 








Abb. 5; Siegelzylinder aus Susa (älteste Zeit). 


wird sich uns nachher ganz von selber ergeben; alle bisher aufgestellten 
Übersetzungen dieser beiden Namen waren mehr oder weniger geraten. 
Nun zur Lösung selbst, deren Richtung eben schon angedeutet wurde. 
Es ist in der Tat der gestirnte Himmel, der uns denn hierbei den Weg 
weist, wie er schon vor viertausend Jahren beim erstmaligen Aufstellen der 
noch heute üblichen Anordnung der Buchstaben den Urhebern derselben der 
Führer war. Daß astrale Vor- 
stellungen den ganzen alten 
Orient schon von der ältesten 
Epoche an beherrschten, läßt sich 
durch eine ganze Reihe von Bei- 
spielen belegen und wird heute 
nur noch von solchen bestritten, 
die tatsächlich nicht mit den 
Quellen vertraut sind und noch 
in veralteten, jetzt längst über- 
holten Anschauungen stecken. Ich 
könnte einfach auf das schöne 
im vorigen Jahr erschienene Werk meines Freundes Alfred Jere- 
mias verweisen „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur‘‘, wel- 
ches dafür eine Fülle von Belegen zugleich mit trefflichen mit großer 
Sachkenntnis ausgewählten Illustrationen bietet; aber es soll hier doch 
auf einiges derartige, auf wenige besonders lehrreiche Zeugen dafür 
kurz hingewiesen werden. In der obenstehenden Abbildung sehen wir 
einen uralten babylonischen, in Elam gefundenen Siegelzylinder, der 
in jeder der beiden Reihen von mythologischen Darstellungen, die er 





En u az : = = | 


Abb. 6: Altagyptischer Siegelzylinder 
(sog. Zodiakus von Gezer in Südpalästina). 


: Die Anordnung unseres Alphabets 39 


bietet (die Abb. auch bei Jeremias, a. a. O., S. 259), Sonne, Mond und 
Venusstern enthält, aber auch außerdem einige Symbole aufweist, die 
nur astral ‚gedeutet werden können, wie die bogenschießende, auf zwei 
Hunden (Sirius und Prokyon) stehende Göttin oder den Skorpion in der 
oberen Reihe; die Anschauung, daß die Bogengöttin dem Sirius angehört, 
muß auch aus andern Gründen als uralt gelten, da sie der babylonischen 
und ägyptischen Mythologie gemeinsam ist, und da auch die Araber 
nur eine Seiria (al-Schi‘raj) statt eines Seirios kennen. Ähnlich finden 
wir aufeinem sehr alten in Gezer in Südpalästina gefundenen Siegelzylinder- 
abdruck (s. Abb. 6) wiederum Sonne und Mond, darunter Fisch und Skor- 
pion (beides bekannte Sternbilder des Tierkreises) und außerdem noch zwei 
Vögel, zwei Antilopen, ein Krokodil, eine Schlange, eine Vase in Gestell, 
daneben eine umgestürzte (also ausgegossene) Vase und noch zwei bis 
drei ungedeutete Symbole, wohl sämtlich Bilder einer uns noch unbe- 
kannten alten Variante des Zodiakus. Und wo wir sonst noch hinblicken 
im Bereich des orientalischen Altertums, treten uns in Bildern oder in 
Anspielungen, so besonders auch im Alten Testament, astrale Anschau- 
ungen entgegen, so daß man deutlich den Eindruck bekommt, daß das 
vornehmlich die Welt war, in der jene Alten lebten und heimisch waren. 

Wenn wir also ein kunstvolles Anordnungssystem der Buchstaben, 
das zum mindesten ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurückgehen 
muß, vor uns haben und nach dem richtigen Schlüssel suchen, so kann 
der gar nirgends anders gefunden werden als in einer derartigen Vor- 
stellungswelt; und das um so mehr, als ja in der ersten Hälfte tatsächlich 
ein Sternname (gamlu) und in der zweiten Hälfte gar zwei in derselben 
Reihe wie am Himmel (Wassermann und Fische) aufeinanderfolgende 
Begriffe, nämlich Wasser und Fisch, und in beiden Hälften je ein geradezu 
Himmel bedeutendes Zeichen begegnen. Wir werden nun im folgenden 
sehen, daß sich das in ungezwungenster Weise für alle in Rede stehenden 
Zeichen aufzeigen läßt, und wollen dem geneigten Leser vorher nur noch 
kurz die Namen der zwölf Tierkreisstationen (oder „Häuser“, wie sie im 
alten Orient hießen), wie sie am Himmel aufeinander folgen und die Bahn 
für den Lauf von Mond, Sonne und den übrigen fünf Planeten!) bilden, 
in Erinnerung bringen. Wir beginnen hierbei mit den Stier, in welchem 
in der in Betracht kommenden Zeit am 2ı. März (Frühjahrs-Tag- und 
Nachtgleiche) die Sonne stand?), statt mit dem Widder, wie es die chal- 
däische Astrologie in den letzten Jahrhunderten v. Chr. zu tun gewohnt 
war und wie es sich noch bis in unsere Kalender, alter Gewohnheit gemäß, 
erhalten hat. 


1) Nach ihrer Entfernung von der Erde geordnet: Mond (Umlauf 29!/, Tage), 
Mericur, Venus (die zwei als Morgen- und Abendstern erscheinenden und nach kurzer 
Zeit in den Strahlen der Sonne verschwindenden Planeten); Sonne (rund 360 Tage); 
Mars (2 Jahre); Jupiter (12 Jahre) und Saturn (291/2 Jahre). 

2) Heut steht sie infolge der sog. Präzession bereits im Sternbild der Fische. 


40 Fritz Hommel 


I. Stier (inkl. Plejaden); oberhalb desselben stand der schon oben 
erwähnte gamlu - Stern (nach Weidner wahrscheinlich Algol im Bilde 
des Perseus = Marduk). Symbol: Lanzenspitze des Marduk. 

2. Zwillinge: zwei Löwenköpfe auf einem einzigen Drachenhals. 

3. Krebs!), aber bei den Babyloniern die ‚kleinen Zwillinge‘ (zwei 
nebeneinander stehende Drachen, der eine mit einem Löwenkopf, der andre 
mit einem Geierkopf) genannt. 

4. Löwe, bei den Babyloniern auch durch einen Hund vertreten. 

5. Jungfrau, mit der Ähre (Spica) in der Hand. 

6. Wage, urspr. ein Joch. 

7. Skorpion. 

8. Schütze, urspr. ein Zentaure, in noch älterer Zeit der sog. Skor- 
pionsmensch. 

9. Caper oder Steinbock, ein fabelhaftes Wesen mit Fischschwanz. 

10. Wassermann (Aquarius), schon altbabylonisch als Mann mit 
-— Fischunterleib, wie er Wasser ausgieBt 

(der sog. Fischmensch) dargestellt. 
II. Fische: zwei durch ein Band 
verbundene Fische. 
12. Widder: bei den Babyloniern 
al IN a td ein Drache (vgl..den Cetus oder sog. 
a) nai Walfisch unterhalb des Widders) mit 
Abb. 7: Caper und Wassermann, dem Symbol des Gottes Nebo, einer 
zn toa ea ee inh auch als Schreibgriffel?) umgedeuteten 
7 Pflugschar, auf dem Rücken. 

Wenn eines dieser Tierkreisgestirne im Osten aufgeht, so geht sein 
Gegengestirn im Westen unter, weshalb man nach alt-astrologischem 
Brauch unter einem Tierkreisbild oft auch sein Gegenbild mitverstehen 
kann und es deshalb auch manchmal mit ähnlichem Namen nennt oder 
ihm ähnliche Symbole gibt; vgl. z. B. arabisch Jungfrau simäk und 
Fische samak, oder babyl.-assyrisch Kusallu der 3. Monat (Zwillinge) 
und Kisilimu der 9. Monat (Schütze), oder die Zwillinge zwei Löwen- 
köpfe (s. oben) und der Schütze ein Zentaure mit ebenfalls zwei Köpfen 
(einem menschlichen und einem Löwenkopf) usw. usw. So ist es hin- 
reichend motiviert, daß, wie wir nachher sehen werden, in der Alphabet- 
reihe auf jeder Hälfte nur je drei Tierkreisbilder, also zusammen nur 
sechs (statt alle zwölf) vertreten sind, nämlich nur die gesperrt gedruckten 
Stier Zwillinge Krebs Löwe Jungfrau Wage 
Skorpion Schütze Caper Aquarius Fische Widder 
weil die übrigen, als die Gegenbilder, stillschweigend mitverstanden 
werden konnten; sie waren auf diese Weise eben dennoch mitvertreten. 











1) Diese Benennung taucht erst später auf. 
2) Nach babylonischer Anschauung ist das Feld die Schreibtafel, worauf der 
Gott Nebo mit der Pflugschar als Griffel die Furchen = Linien zieht. 


Die Anordnung unseres Alphabets 41 





Nachdem der Leser nun ge- 
nügend orientiert ist, was von 
Sternbildern bei einem astro- 
logisch aufgebauten System 
zu erwarten ist, nämlich ent- 
weder alle zwölf Tierkreis- 
bilder oder aber nur sechs, 
und ferner entweder alle Pla- 
neten oder wenigstens eine 
Auswahl davon!), können wir 
nun, ohne die Gefahr mißver- 
standen zu werden, an die Er- 
klärung der beiden Alphabet- 
hälften gehen, 


II. 


Wir sahen schon oben, daß 
dem eigentlichen Grundstock 
bei der ersten Hälfte zwei all- 
gemeinere Zeichen als Ein- 
leitung vorausgestellt, bei der 
zweiten Hälfte zwei damit 
korrespondierende Zeichen als 
Anhang nachgesetzt wurden. 
Es ist also, so verführerisch 
das auch sonst wäre, das erste 
Zeichen, Aleph (Stierkopf), 
dem ein zweites, mehr all- 
gemeines Zeichen, Beth (Haus) 
folgt, auf keinen Fall dem 
Tierkreisbild des Stieres gleich- 
zusetzen; der Stier des Zo- 
diakus ist vielmehr durch den 
direkt über ihm stehenden 
gamlu- Stern, das Gimel oder 
Gamma, vertreten Ý (s. oben 
S. 40). 


1) So sind z. B. auf den alt- 
babylonischen Siegelzylindern ge- 
wohnlich nur Mond, Sonne und 
Venusstern abgebildet; der Mond 





ist auBerdem oft in doppelter Abb. 8: Babylonischer Grenzstein (ca. 1340 v. Chr.), 
Form, als zunehmender und als rechteHäffte. In der 3.Reihe dieWaffe des Marduk, ferner der doppel- 


abnehmender Mond, dargestellt. 


köpfige Drache (die sog. großen Zwillinge) und die Zwillings- 
drachen (die sog. kleinen Zwillinge — Krebs des Tierkreises). 


42 Fritz Hommel 





Darauf folgen die Zeichen Daleth (Tür) und das eine Himmelszeichen, 
das He (unser E), welch letzteres also kaum ein Sternbild vorstellen kann, 
sondern etwas anderes bedeuten muß. 

Dann kommen die Zeichen Waw (von dem sich noch drei verschiedene 
Varianten in unsern Buchstaben F, V und Y erhalten haben) und Zajn 
(unser Z, von dem aber eine ältere Variante 
existierte, welche zufällig wie unser modernes H 
aussieht; das phönikische Vorbild unseres H da- 
gegen hatte drei Querstriche statt des einen 
und ist überhaupt ein ganz anderes Zeichen). 
In diesen beiden sind nun unschwer die beiden 
Zwillingssymbole der alten Chaldäer, der Drache 
mit zwei Köpfen und die zwei nebeneinander 
stehenden Drachen, zu erkennen. Wie auf den 
mittelbabylonischen Grenzsteinen mit ihren 
Sternsymbolen beide fast stets zusammen er- 
scheinen, der zweiköpfige Drache (die Zwil- 
linge) und die eng zusammengehörenden, ein 
einziges Bild darstellenden ‚‚kleinen Zwillinge“‘ 
(s.oben S. 40, unser Krebs), so folgen sich auch 
im phönikischen Alphabet Waw und Zajn 
(griechisch Digamma und Zeta, lateinisch ur- 
sprüngl. F und Z statt F und G). Wollte man 
diese Bilder durch wenige Striche andeuten, so 
konnte man es gar nicht anders tun als durch 
Y und II, welch letzteres dann leicht zu H 
und weiterhin (wenn man es in einem Zug 
schreiben wollte, zu einem liegenden Z) um- 
gebildet wurde!). 

Wirft man nun einen Blick auf die Sternkarte 
Abb. 9: Many omneher ER (s. Abb. 11), so wird mansofort begreifen, warum 
ged eee eas demSym- Zwischen den gamlu- Stern einerseits und 
bol der Waffe des Marduk (im Stier) und die beiden Zwillingssymbole andrerseits (Zwil- 


der Drache mit dem Symbol der Pflug- 3 
schar des Nebo (Widder); in der 4.Reihe linge und Krebs) die oben noch unerklärt 


links der eine der beiden sog. kleinen E Á 
Zwillinge (im Krebs) und die sog. großen gelassenen Zeichen Daleth und He eingescho- 
Zwillinge (der doppelköpfige Drache). ; 

ben wurden, von denen das erstere in der 
rechten Hälfte überhaupt keine Entsprechung hat. (Siehe die neben- 
stehende Abb.). Denn zwischen beiden Gruppen geht die Milchstraße 


hindurch, so daß also, wenn der Mond oder die andern Planeten ihren 





1) Auch die südarabischen Denkmäler (siehe Otto Weber, Göttersymbole auf 
südarab. Denkm., Hilprechtfestschrift, S.269— 280) haben (vgl.Weber, $.277)die Sym- 
bole beider Zwillingsdrachen (YundH) nebeneinander (s. Abb. 12); vgl. dazu noch 
meine Ausführungen bei Mercer, The oath (Paris 1912), S. 86f, (in dem von mir ver- 
faBten Anhang ,,Die Schwurgéttin Esch-ghanna und ihr Kreis‘‘, Mercer, S. 43—116). 


Die Anordnung unseres Alphabets 43 


Weg vom Stier zu den Zwillingen nehmen, sie diese (die MilchstraBe) 
passieren mußten, und zwar zunächst durch eine Türe (Daleth). Die 
Milchstraße ist es also, welche durch das wie ein Gitter oder ein Baum 
aussehende Himmelszeichen He in sinnreicher 
Weise markiert wurde; das ist, da sie den 
ganzen Himmel wie ein breites Band durch- 
zieht, wobei sie den Zodiakus zweimal (zwischen 
Stier und Zwillingen und wiederum beim Schüt- 
zen) schneidet, eine durchaus begreifliche Über- 
tragung. 

Lassen wir die dann (nach Ausscheidung der 
sekundären Zeichen Cheth und Teth) folgenden 
beiden Körperteilzeichen Jod und Kaph (Arm 
und Hand) vorderhand weg (sie bezeichnen näm- 
lich, wie nachher gezeigt werden wird, die 
Planeten Merkur und Venus) und wenden wir 
uns nun gleich zu den Tierkreiszeichen der 
zweiten Hälfte des Alphabets, wo wir nach dem 
S. 36 und 40 Bemerkten drei Bilder der zweiten \J 
Tierkreishälfte zu erwarten haben, so können > 





— u 


dafür nur (wiederum nach Ausscheidung der Abb. 10: Marduk mit seinem 
sekundären Zeichen Sade und Koph, die übri- Drachen ;inderRechten häfterden 


Bumerang, eine Variante des gamlu. 


gens auch vom griechischen Alphabet über 
Bord geworfen worden sind) die vor den Körperteilzeichen Ain, Pi 
und Resch stehenden Zeichen Lamed, Mim und Nün (unser L, M 
und N), denen noch das Himmelszeichen Samek folgt, in Betracht 
kommen. Dabei ist Lamed der Symmetrie mit dem ähnlich aussehenden 


Mi 
mad 
L 
(L swel) (mr) 9 


ol 
4 a) Trage | dhe 






a legalen ° 0 to 
5 “ ga widder o 
ego o o 

o 
Alakara 


Abb. 11: Die eine Hälfte des Tierkreises von Aquarius bis Zwillinge. 
(Beim oberen Stück der Milchstraße sollte das Zeichen für Samek statt He stehen.) 


44 Fritz Hommel 


Zeichen Gimel halber vorausgestellt worden!); denn da Wasser (Mim) 
und Nin (Fisch) doch offenbar den Tierkreisbildern Wassermann und 
Fische entsprechen, müßte man für den auf diese folgenden Widder, dessen 
Symbol die Pflugschar ist (oben S. 40, und vgl. S. 37, A. ı Lamed = 
Pflugschar), eigentlich ein anders eingereihtes Lamed, nämlich M, N, L 
(statt L, M, N) erwarten. Von L, M, N kommt übrigens aller Wahr- 
scheinlichkeit nach der lat. Ausdruck elementa (=Alphabet) her. 

Da ferner der Symmetrie halber auch in der zweiten Hälfte ein Himmels- 
zeichen (Samek statt des He der ersten Hälfte) nicht fehlen durfte, so 
stellte man dieses, da hier die Milchstraße nicht dazwischen durchschnitt, 
sondern höchstens den Abschluß bildete (siehe wieder die Sternkarte), 


MAMAY IYr 
OA XIND OB IA 


DANl VAYiRolssr sole 


Wiener Hof mus. XIV = Gl. 1144 (mt Erganyung )- 


Abb. J2: Südarabische Schriftprobe (s. Hommel, Aufs. u. Abh., S. 144, 146 und 333 f.); 
links die Symbole der sog. großen und kleinen Zwillinge (vgl. oben S. 42, A. 1). 





folgerichtig erst an den SchluB; also eigentlich M, N, L und Samek (grie- 
chisches Ksi), aber wegen der bereits begriindeten leichten Umstellung 
L, M, N und Samek. 

Es bleiben zu näherer Besprechung und Erklärung jetzt nur noch die 
zwei einleitenden und die symmetrisch entsprechenden zwei das Ganze 
abschließenden Zeichen, also Aleph und Beth, Schin und Thau, sowie noch 
die fünf Körperteilzeichen (links zwei und rechts drei) übrig. Wenden 
wir uns zunächst zu den ersteren vier, und hier wiederum zuerst zum 
ersten Zeichen, dem Aleph (Stier)und dem letzten Zeichen, dem Thau (Kreuz). 

Wenn ein Planet an der Spitze des”Alphabets als weitaus erster an 


1) Auch auf den babylonischen Grenzsteinen des 13. vorchristl. Jahrhunderts 
stehen die Symbole des Stieres und des Widders, nämlich die (hier als Lanzenspitze 
aufgefaßte) Waffe des Marduk (eine Variante des gamlu) und die Pflugschar 
des Gottes Nebo, stets unmittelbar nebeneinander, mit Ausnahme natürlich der Fälle, 
wo nur die Lanzenspitze begegnet, die Pflugschar aber (als offenbar mit verstanden) 
weggelassen ist, wie z. B. auf dem Grenzstein des Königs Nazimaruttas. — Ein 
weiterer Grund, das L vorauszustellen, lag dann wohl auch darin, um mit dem 
ersten Buchstaben der ersten Hälfte wegen der ähnlichen Bedeutung (s. oben 
S. 37, A. i.) eine Symmetrie herzustellen. Aleph und Lahem hießen Stier, Rind, 


Die Anordnung unseres Alphabets 45 





Rang bei den alten Westsemiten (Phönikern, Hebräern, Arabern und 
Aramäern) zu erwarten ist, so kann es für die hier in Betracht kommende 
Zeit lediglich der Mond sein, der noch dazu oft genug gerade den Stier- 
kopf, d. h. eigentlich die an diesem Kopf halbmondförmig angebrachten 
Hörner, zu seinem Symbol hat. Also ist das Aleph hier der Mond, und 
zwar der zunehmende, der im Gegensatz zum abnehmenden oder un- 
günstigen, Regen und Sturm bringenden Mond auch als der gute Mond gilt. 
Und wenn am Schluß als Gegensatz hierzu ein andrer Planet zu er- 
warten ist, so ist es entweder nochmals der Mond, aber diesmal in seiner 
ungünstigen Rolle als abnehmender (der ‚„‚Knecht‘“ oder ‚kleinere Bruder“ 
der Astrologie), oder aber der eminent ungünstige Planet Saturn, den 
die Chaldäer wegen dieser Eigenschaft 
und auch wegen der gleichen Zahl 
(291/, JahreUmlaufszeit gegenüber den 
291/, Tagen Umlauf des Mondes) zu- 
sammen mit dem abnehmenden Mond 
ein und demselben Gott, dem Todesgott 
Nergal, gleichsetzten. Wenn sie von 
»,9in und Nergal‘‘sprachen, dann mein- 
ten sie entweder den zu- und abnehmen- 
den Mond oder aber auch den Mond i Liev: 
und den Saturn. Beiden, sowohl dem Abb. 13: Das Symbol des abnehmenden 
abnehmenden Mond als auch dem Pla- Manses. Sa Sai ae (älteste 
neten Saturn (dem letzten der Planeten, EIER SE 
wenn man sie nach der Entfernung ordnet, s. oben $. 39, A. ı), entspricht 
nun das Kreuz (Thau) so vollkommen, wie man es nur irgendwie erwarten 
kann. Bei den Babyloniern bedeutet ďas schräge Kreuz, x, „Feind“ und 
„(feindlicher) Bruder‘‘, wie auch den Planeten Saturn aber auch den Mond- 
gott (hier natürlich dann den abnehmenden Mond) und das gerade Kreuz, 
+, welches ja ebenfalls eine Variante des Buchstabens Thau ist, den Saturn 
als „Zwillingsgott‘‘ (das ist also den einen des Zwillingspaares Sin und 
Nergal, nämlich den Nergal = Saturn), aber auch den ‚(Wasser)aus- 
gießenden Sturmwind‘“. Und endlich ist zu allem Überfluß kürzlich eine 
Darstellung einer alten Vase aus Susa bekannt geworden (abgebildet bei 
Jeremias, a. a. O., S. 99, Abb. 70), wo der abnehmende Mond A (im 
Gegensatz zum zunehmenden Mond, u) und innen drinn das gerade Kreuz 





allapa hieß lehren, lamada lernen, und ebenso hieß alpu westsemitisch 1000 und 
li’mu (aus lihimu) babylonisch 1000 (vgl. auch arabisch alhama inspirieren und 
luhmüm große Zahl); nimmt man jede Hälfte zu 9 Buchstaben, so trifft, wenn 
man sie als Zahlzeichen verwendet, auf Aleph 1, auf Kaph 9, auf Lamed 10, 
Mim 20 usw. und auf Aleph wieder 100, auf Lamed 1000, und ähnlich, wenn 
man mit der zweiten Hälfte beginnt, auf Lamed I und 100, und auf Aleph ıo 
und 1000. Das sind alles Entsprechungen, die über den Zufall hinausgehen und 
die Anordnung für eine überaus frühe Zeit voraussetzen. 


46 Fritz Hommel 


als Symbol dargestellt ist (s. Abb. 13), dasselbe gerade Kreuz, welches uns auch 
schon auf andern aus Susa stammenden Denkmälern undauch aufkassitischen 
Siegelzylindern an Stelle des sonst üblichen Mondes begegnet war. Also 
das Kreuz sowohl der abnehmende Mond als auch der Planet Saturn und 
zugleich das Symbol für Regen und Sturm, so daß man nun auch ver- 
steht, wieso ihm im Alphabet das mehr allgemeine Zeichen für Regen 
(Schin, s. oben S. 35) unmittelbar vorangeht. 

In gleicher Weise wie hier beim Abschluß ist nun aber auch beim An- 
fang mit dem Mondsymbol (dort dem Stier) ein mehr allgemeines Zeichen 
verbunden, das Beth oder Haus. Wer in der alten Astrologie Bescheid 
weiß, weiß auch, daß dort die Mondhäuser eine große Rolle spielen. Jedes 
Tierkreisbild (und in allen macht ja der Mond bei seiner Wanderung 
durch den Himmel Station) gilt als „Haus‘“‘ des Mondes, ja gelegentlich 
(personifiziert) sogar als seine Frau (babylonisch aschirtu), weil er 
darin zur Zeit des Neumondes mit der Sonne Hochzeit macht. Ist nun für 
diese großartige Sternsymphonie, die wie eine Sphärenmusik aus uralter 
Vorzeit noch jetzt beim Hersagen des Alphabets an unser Ohr klingt, so- 
bald unsere Sinne nur richtig dazu gestimmt sind, sie zu verstehen, eine 
passendere Ouvertüre zu finden als (zunehmender) Mond und Mond- 
station = Aleph und Beth, und ein treffenderes Finale als Regen und ab- 
nehmender Mond (bzw. zugleich Saturn) = Schin und Thau (Kreuz)? 

Soweit war ich im Juni 19011). Ich wagte damals noch nicht, über die nun 
noch übrigen Körperteilbezeichnungen, links Arm und Hand und rechts Auge, 
Mund und Kopf, deren Sinn mir noch nicht klar war, mehr als eine ganz vor- 
sichtig in Form eines Vergleiches mit arabischen Benennungen gegebene Ver- 
mutung (Teile einzelner Sternbilder, aber scheinbar ohne System und mehr 
zur Ausfüllung hier am Schluß jeder Hälfte eingeschoben) zu äußern. Mit 
andern Worten, ich mußte sie noch unerklärt lassen und glaubte dennoch 
mit gewissem Recht, die Hauptsache, das eigentliche Prinzip der An- 
ordnung, entdeckt und richtig dargelegt zu haben. Da fiel mir ein Jahr 
später, Ende August 1902, an einem schönen sternhellen Sommerabend, 
als ich draußen im Freien gerade meinem ältesten Sohne die bisher ge- 
wonnenen Resultate auseinander zu setzen mich anschickte, die Lösung 
auch dieses letzten Rätsels als reife Frucht und zugleich als endgültige 
Bestätigung des vorher Gefundenen in den Schoß — es sind die noch fehlen- 
den übrigen fünf Planeten und zwar genau nach ihrer Entfernung von der 
Erde geordnet, also Merkur und Venus, Sonne, Mars und Jupiter. Kurz 
darauf teilte ich das fertige Resultat auf dem Hamburger Orientalisten- 
Kongreß mit?2), um es sodann 1904 in meinem ‚Grundriß der Geogr.. u. 
Gesch. des alten Orients‘‘ (erste Hälfte, S. 99— 104) ausführlicher, aber 


1) Vgl. die Darlegung in meinen Aufsätzen und Abhandlungen, S. 472. (er- 
schienen Oktober 1901). 

2) Siehe die Verhandlungen des XIII. internat. Orientalisten-Kongresses in 
Hamburg (Leiden 1904), S. 264-—266. 


Die Anordnung unseres Alphabets 47 


leider ohne Bilder!), den Fachgenossen und endlich im vorigen September 
in Stockholm in zwei von Lichtbildern begleiteten Vorträgen einem größeren 
Publikum (meist Lehrern und Lehrerinnen) vorzuführen?). 

Die Planetensymbole (über den ersten, den Mond, und den letzten oder 
siebenten, den Saturn, s. schon oben) sind nun, um das noch in aller Kürze 
darzulegen, folgende: 

2. Jod, Arm, Symbol des Merkur oder Götterboten, der die Orakel 
gibt; vgl. den babyl. Ausdruck id-ag-ga ‚„Armausstreckung‘‘ = Orakel. 

3. Kaph, Hand, Symbol der Venus; die streichelnde, segenspendende 
aber auch die Waffe führende Hand als Symbol der Göttin des Abend- 
und Morgensterns (der Liebe und der Schlacht) ist bei den Babyloniern, 
Puniern (in Karthago) und Südarabern nachgewiesen. 

4. ‘Ain, Au ge; über diesen Körperteil als uraltes Symbol der Sonne 
ist überhaupt kein Wort zu verlieren; der kreis- (nicht etwa oval-)förmige 
Buchstabe würde ja, wenn die Bedeutung Auge nicht durch den Buch- 
stabennamen überliefert wäre, viel eher von jedermann als Sonne denn 
als Auge gedeutet werden. Babylonier wie Ägypter nannten zudem die 
Sonne das Auge des Himmels. 

5. Pi, Mund, war bei den Babyloniern ein Symbol des ,,feindlichen‘“ 
Planeten, also des Mars oder Saturn; da nun der Saturn schon durch das 
Thau vertreten ist, so bleibt für das Pi nur der Mars übrig. Auch den 
Hebräern war diese merkwürdige Übertragung bekannt, da sie die ‚Schärfe 
des Schwerts‘‘ durch pi-chäräb, ‚Mund des Schwerts‘‘ bezeichnen. Der 
Planet Mars war auch bei den Babyloniern der Kriegsgott. 

6. Resch, Kopf, könnte nun, da alle andern Planeten bereits unter- 
gebracht sind, ohnehin nur den allein noch übrigen Jupiter bezeichnen; 
aber daß der Kopf wirklich das Symbol dieses Planeten war, läßt sich zu 
allem Überfluß auch noch direkt beweisen. Der babylonische Planet 
Jupiter war der Hauptgott der Stadt Babel, der Gott Marduk; er war der 
Stern der deifizierten verstorbenen Könige, wie der von Pater Scheil ent- 
deckte und auch richtig erklärte Personenname ‚‚der göttliche (König) 
Bür-Sin ist der Stern Marduk“ beweist, genau wie bei den Agyptern der 
König im Jenseits zu Osiris, der auch dort der Planet Jupiter war, ge- 
worden ist. Als Planetengott führte Marduk aber den Namen Sag- 
me-gar, d. i. „das Haupt, das Orakel erteilt“, vielleicht mit An- 
spielung auf das abgeschnittene Haupt des Gottes, aus dessen Blut dann, 
mit Erde vermischt, der erste Mensch entstanden ist. Und auch der Haupt- 
tempel des Marduk in Babel hieß „Haupt-erhebung‘‘, E-sag-illa. 


1) In meinem Grundriß steht auf $. 100, Zeile 25 der störende Druckfehler Saturn 
(statt Jupiter), den leider Benzinger in seinem kurzen Referat (Hebr. Archäologie, 
2. Aufl., Tübingen 1907, S. 175) mit übernommen hat. 

2) Der gleiche Vortrag wurde am 4. März 1914 in einer wissenschaftlichen 
Sitzung der Münchener Orientalischen Gesellschaft, die auch S. Maj. Konig Lud- 
wig III. mit seinem allerh. Besuch beehrte, gehalten. 


48 Fritz Hommel 


So ist also die Beweiskette geschlossen und das astrologische Prinzip 
der Anordnung unsers Alphabets bis ins einzelne nachgewiesen. Damit 
ist freilich noch nicht der Ursprung desselben aufgehellt, wenn wir auch 
diesem komplizierten Problem durch den obigen Nachweis um ein gutes 
Stück näher gekommen sind; denn alles spricht nun für ein Gebiet, welches 
entweder Babylonien selbst war oder doch diesem Heimatgebiet der antiken 
Sternkunde direkt benachbart war, wie es mit Ostarabien, dem alten Aus- 
gangspunkt der Phöniker und Südaraber (und vielleicht auch der Ägypter) 
der Fall ist. Vielleicht gibt sich Gelegenheit, in einem späteren Aufsatz 
auf diese Frage und Ähnliches derart, so z. B. auf die verfehlten Versuche 
andrer, diesen Ursprung aufzuhellen, zurückzukommen. Für heute sei 
es mir noch gestattet, anstatt eines Widmungsblattes, diese Zeilen, die ja 
nicht in Buchform erscheinen, sondern nur als kurzer anspruchsloser 
Artikel einer Zeitschrift, Alfred Jeremias, dessen neuestes Buch 
ich oben rühmend erwähnen durfte, zu seinem fünfzigsten Geburtstag 
(21. Februar 1914) als kleines Zeichen alter Freundschaft zu weihen; 
er wird es, auch wenn er auf $. 19 seines Werkes sich, wohl etwas zu rasch, 
den 1913 erschienenen, den meinigen verwandten, Ausführungen Eduard 
Stuckens über ‚den Ursprung des Alphabets und die Mondstationen‘1 
angeschlossen, doch gewiß mit Interesse und Freude entgegennehmen. 
Wenn gerade er sich jetzt nach dieser erneuten Darlegung von der Richtig- 
keit meiner Aufstellungen überzeugen würde, so wäre das die schönste 
Belohnung, die meiner Arbeit zuteil werden könnte.?) 


Nachtrag. 


s ist ganz interessant, daß in diesem ersten Heft auch einer von der 

meinen vollständig differierenden Anschauung über die Herkunft unseres 
Alphabetes Aufnahme gewährt wurde. Nur wäre zu wünschen gewesen, 
daß der für die Europatheorie begeisterte Verfasser, dem wir unter anderem 
das hübsche Büchlein über die ägäische Kultur (Wissenschaft und Bildung, 
Nr. 83, Leipzig 1911) verdanken, auch noch aus seinem den obigen er- 
gänzenden Aufsatz „Buchstabenreihe und Mythos‘ (Memnon, VII, S. 84 
bis 101) einige Auszüge und vor allem einige der dortigen Illustrationen 
dazugegeben hätte; so wäre es höchst instruktiv gewesen, wenn dem 
einen Schriftzeichenstein von Alvao (s. oben S. 18) auch noch der andere 
(Memnon, VII, Tafel IV, Abb. 8a) hinzugefügt worden wäre. Zustimmen 


ı) Eine kurze Begründung, warum das allzu mechanische Vorgehen Stuckens, 
dessen Buch aber in andrer Hinsicht reiche Belehrung darbietet, das Ziel verfehlt 
hat (er läßt von den 28 Mondstationen sechs einfach unter den Tisch fallen und 
schaltet die bei einer Weltenuhr doch wesentlichen Zeiger, nämlich die Planeten, 
ganz aus), hoffe ich später noch zu geben. 

2) Der J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung sei bei dieser Gelegenheit für die 
gütige Überlassung der Abb. 6 und 8 bis 10 sowie noch 13 (sämtlich aus Jere- 
mias) der wärmste Dank ausgesprochen. 


Die Anordnung unseres Alphabets. — Nachtrag 49 





freilich kann ich auch dem dort Ausgeführten so wenig wie der oben ab- 
gedruckten mir schon von den „Mitteilungen des Allg. Deutschen Schrift- 
vereins‘‘ (XXII, 1912, S. 266 ff.) her bekannten Abhandlung. Ich möchte 
nur in aller Kürze begründen, warum mir die ganze Beweisführung un- 
möglich erscheint. 

In erster Linie geht es nicht an, bloß auf die Ähnlichkeit einzelner 
Zeichen hin noch ganz unentzifferte Schriftgattungen mit einem be- 
kannten Schrifttypus, wie es der phönikisch-griechische ist, zu vergleichen, 
und noch dazu, wenn, wie es sehr wahrscheinlich ist, die verglichenen 
Schriften (nämlich von Alvao und die kretische), Silben- und Wortzeichen 
statt Buchstaben darstellen. Von den beiden Steinen von Alvao enthält 
der eine 17, der andere 13 Zeichen, zusammen also 30; davon sind 22 bis 
24 Zeichen verschieden, von den 13 des kleineren Steines sogar alle. Be- 
denkt man, daß in den 48 Zeichen der von mir als Probe gegebenen phöni- 
kischen Inschrift nur 17 Buchstaben des 22 Buchstaben enthaltenden 
Alphabetes vertreten sind, und 5 gar nicht vorkommen, dafür einige der 
übrigen 17 mehrere Male begegnen (so M und CH 5mal, B, H, S, Sade, 
Kopf und Sch je 4mal), so darf man wohl sicher schließen, daß die Schrift 
der Alvaosteine kein Alphabet gewesen sein kann; denn es ist undenkbar, 
daß in den 17 + ı3 Zeichen schon das ganze Alphabet (22 verschiedene 
Zeichen machen ja ein primitives Alphabet aus) enthalten gewesen sein 
konntel). Es muß hier also eine Ideogrammen- oder Silbenschrift vor- 
liegen. Daß die Schrift der kretischen Tontafeln eine Silben- und Wort- 
zeichenschrift war, gibt Lichtenberg selbst zu. Schade, daß er nicht auch 
noch die elamische Nationalschrift, die mit der kretischen so auffallende 
Familienähnlichkeit zeigt, mit abgebildet hat ?); auch hier kommt die 
für die Kreter so charakteristische Doppelaxt (gewiß ursprünglich ein 
religiöses Symbol) in mehreren Varianten vor, wie ja auch das für die 
Elamiter charakteristische gerade Kreuz (vgl. oben die Abb. auf S. 45) 
umgekehrt auch in Kreta als Tempelsymbol gefunden worden ist?) — 
also gewiß ein Grund, wenigstens die Frage aufzuwerfen, ob nicht die 
kretische Kultur Einwirkungen von Elam (im Osten Babyloniens) her 
erfahren hat. | 

1) Oder ein anderes Beispiel: Die in dem älteren 24 buchstabigen Runenalphabet 
(das jüngere hatte nur 16) geschriebene Schale von Tondern hat 32 Zeichen (in 
fünf Worten); von diesen 32 Zeichen sind nur 16 (also ?/, des ganzen Alphabets) 
verschiedene Zeichen. Die in dem ı6buchstabigen Alphabet geschriebene Inschrift 
von Linga (Södermanland) enthält auf 71 Zeichen 14 verschiedene; von den ersten 
6Wörtern (= 31 Zeichen) sind 12 verschieden, von den letzten 7Wörtern (= 29 Zeichen) 
ebenfalls ı2, so daß man also wohl sagen kann, daß im Durchschnitt auf 30 Zeichen 
12 verschiedene (d. i. 3/, des ganzen nur 16buchstabigen Alphabets) kommen. 

2) Vgl. de Morgan’s Mémoires VI (= Pater Scheil, Textes Elamites-Sémiti- 
ques III), p. 8 und pl. 2 und dazu (die Inschrift ist eine Bilinguis) den Entzifferungs- 
versuch Carl Franks in den Abh. der Berl. Akademie. 


3) Auch das mystische Svastikazeichen (urspriinglich eine Art Sonnenrad) 
begegnet schon auf den ältesten elamitischen Vasen. 


Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, 1. 1. 4 


50 Fritz Hommel 


Ich halte es für durchaus unzulässig, verschiedene örtlich und zeitlich 
so weit auseinanderliegende Schriftarten, wie die von Alvao und Kreta 
einer- und das phönikische Alphabet anderseits miteinander zu vergleichen, 
wenn man nicht durch die Zeichenwerte (die uns ja bei der einen Gruppe 
gar nicht bekannt sind)Anhaltspunkte dafür hat. Denn die eine Tatsache 
möchte ich hierbei ganz besonders betonen: daß nämlich, wo irgendwo 
als Strichelschrift auftretende oder zu einer solchen durch Entwicklung 
und Vereinfachung gewordene Zeichensysteme uns begegnen, bei Zeichen 
von 2, 3 oder 4 Strichen mit Naturnotwendigkeit ähnliche oder geradezu 
identische Formen auftreten müssen, die natürlich gar nichts miteinander 
zu tun zu haben brauchen (so z. B. ein Dreieck, ein Gitter, ein Haken, 
ein H-ähnliches Zeichen usw. usw.). Erst, wenn derartige ähnlich aus- 
sehende Zeichen bei räumlicher wie zeitlicher Entfernung die gleichen 
Werte haben, also wenn z. B. ein Gitterzeichen einen Hauchlaut darstellt, 
ein Dreieck einen Dental, ein Kreis einen Guttural, eine Zickzacklinie 
einen Zischlaut usw. usw., hat man das Recht, von einem Zusammenhang 
zu reden. 

Nun zum Schluß noch ein Wort über das erst seit nachchristlicher Zeit 
bezeugte germanische Runenalphabet, was ja Lichtenberg eben- 
falls für seine These ins Feld führt. Hier liegt, wenn man die einzelnen 
Zeichen mit dem lateinisch-etruskischen Alphabet vergleicht, die Her- 
leitung von dem letzteren auf der Hand !); es haben nur ganz wenige 
Umbildungen (bzw. Neubildungen) einzelner Zeichen stattgefunden, so daß 
wir nicht einmal berechtigt sind, neben der (weitaus größten) Anzahl der 
vom lateinisch-etruskischen Alphabet entlehnten etwa ein früheres ein- 
heimisches Alphabet anzunehmen. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim 
keltiberischen und beim turdetanischen Alphabet. Daß gerade der Gott 
Odin (Wodan) die Runen ersonnen haben soll, hat darin seinen Grund, 
daß dieser Gott dem griechischen Hermes (dem lat. Merkur), dem Gott der 
Schrifterfindung, entspricht; vgl. den Wochentag dies Mercurii (unsern 
Mittwoch), Mercredi, Mercoledi, und den entsprechenden germanischen 
Wodanstag, engl. Wednesday. Bei der Strabostelle über die in Südspanien 
wohnenden Turdetanier hätte bemerkt werden sollen, daß die weitaus 
wahrscheinlichere Lesung &rxwv statt &xwv ist, also Gedichte und metrisch 
abgefaßte Gesetze von 6000 Versen Länge (statt von 6000 Jahren). Und 
was man endlich ägäische Schrift nennt, sind sogenannte Steinmetzzeichen, 
die immer nur vereinzelt vorkommen (höchst selten stehen zwei bis drei 
nebeneinander) und deren Bedeutung man ebenfalls nicht kennt. 

Der geneigte Leser mag nun selbst entscheiden, ob man der bloß zufälligen 
Ähnlichkeit von Zeichen, deren Aussprache man gar nicht kennt oder die 


1) Das wird noch dadurch bestätigt, daß auch die Vokalzeichen mit entlehnt 
worden waren; und obwohl die Germanen die Zeichen anders ordneten (Futhark usw. 
statt A, B, C usw.), so haben sich Reste der phönik.-griech. Ordnung dennoch bei 
p, r, s, t und bei m, I noch erhalten. 


Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. 51 


sogar ganz verschiedene Werte haben!), eine solche Beweiskraft zu- 
messen darf, daß man deshalb die allen Analogien widersprechende und alle 
bisher bekannten Tatsachen auf den Kopf stellende Zickzackentwicklung 
(vgl. die oben S.23f. postulierte Umbildung von Alphabetzeichen in 
Silbenschrift und dann weiter „die Rückbildung der einstigen Silbenschrift 
zur späteren griechischen Buchstabenschrift‘‘), die Lichtenberg aufstellt, 
annehmen müßte. Ich glaube, daß bei einer unbefangenen Vergleichung 
unserer beiderseitigen Ausführungen die Wahl, welchem System mehr 
innere Geschlossenheit und Wahrscheinlichkeit zukommt, nicht schwer 
fallen diirfte.?) 


Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. 
Von Dr. R. Stübe. 


ie bevorstehende „Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und 

Graphik“ wird uns mit den bisher wenig bekannten Schriftdenkmälern 
einer zentralasiatischen Kultur bekannt machen, die ohne lebendige 
geschichtliche Nachwirkungen verschwunden ist. Über die Träger dieser 
Kultur und ihr geschichtliches Dasein mögen einige Bemerkungen vorauf- 
gesandt werden. Aus den chinesischen Annalen erfahren wir von Kämpfen 
Chinas mit Völkern im Nordwesten des Reiches, unter denen im 8. Jahrh. 
die Hsia als bedeutende Macht hervortreten, von den Chinesen 
Hsi-Hsia (westliche Hsia) genannt. Seit dem 8. Jahrh. begann dieses Volk 
eine selbständige Rolle zu spielen, so daß im Jahre 1034 das Reich der Hsia 
feierlich seine Unabhängigkeit erklärte. Dieser Staat umfaßte die nörd- 
lichen Teile der heutigen Provinzen Kansu, Schensi und Teile Ostturkestans. 
Die Hauptstadt, deren Ruinen 1908 und 1909 von einer Expedition der 


1) So stellt Lichtenberg auf seiner vergleichenden Tabelle zu dem aus A ent- 
standerien Runenbuchstaben a nicht bloß verschiedene andere Zeichen für a, h, v 
und s, sondern auch noch die kyprischen Silbenzeichen pa, to und lo; die kyprische 
Schrift hat bekanntlich für jeden Laut fünf Silbenzeichen, z. B. für m die fünf Zeichen 
ma, mi, me, mo und mu. 

2) Meinen früheren Ausführungen im ‚„Grundriß‘‘ (1904) hat sich der bekannte 
Wiener Gelehrte Dr. Wolfgang Schultz im Memnon, Band III, S. 184 — 188 (in seinem 
geist- und inhaltreichen Aufsatz „Das Hakenkreuz als Grundzeichen des west- 
semitischen Alphabetes‘‘, ebenda, $. 175— 200 nebst 35 Abb. auf 4 Tafeln) rückhalts- 
los angeschlossen. Nur glaubt er, daß auch Daleth, He und Samek als sekundäre 
Erweiterung anzusehen sind, daß aber dafür das Zeichen für Teth (ein Kreis mit 
eingezeichnetem Kreuz) beizubehalten ist, da es das symbolische Rad des Mondes 
vorstelle. Der Mond wäre dann zweimal vertreten; wenn Schultz hier recht hätte, 
möchte ich das Teth eher für das Sonnenrad halten, das der Sonne (Ajın) gegenüber 
gestellt worden wäre, ähnlich wie dem zunehmenden Mond das Haus und dem Saturn 
(bzw. dem abn. Mond) das Regenzeichen beigesellt worden ist. 

4% 


52 Dr. R. Stübe 


Kaiserl. Geogr. Gesellschaft zu St. Petersburg unter Führung des Obersten 
Kozlow ausgegraben wurden, war Khara-khoto an dem Flusse 
Khara-baischingen-gol, nahe an der Nordgrenze Chinas gelegen (etwa 
4112°r nörd. Br., 100° östl. L.). Die Stadt war Sitz eines Herrschers der 
Hsia, der nach Angabe chinesischer Annalen tibetischer oder — nach 
anderen Quellen — tungusischer Nationalität war. Da die Kultur der Hsia 
keine heute noch lebenden Vertreter hat, so ist ihre Nationalität nur auf 
Grund ihrer Sprache zu erkennen. Der Staat hat bis ins 13. Jahrh. be- 
standen; 1226 hat der große Mongole Tschinghiz-chan dieses Reich zerstört. 

Von der Kultur der Hsia zeugt nun eine Fülle von Schriftdenkmälern. 
Nahe bei Kharo-khoto fand Oberst Kozlow einen Stupa — ein indisches 
Heiligengrab, das wahrscheinlich zu Ehren eines buddhistischen Lama 
richtet war. Aus dieser Stätte stammt ein Fund von seltenem Umfang und 
großer Bedeutung. ‚Die Expedition hat Tausende von vollständigen 
Büchern und eine Menge von Rollen, Heften sowie einzelnen Blättern 
gefunden, dazu Hunderte von Darstellungen Buddhas in Malerei und 
Skulptur.‘ (Kozlow in den „Izwjestija Imperatorskago Russkago Geograf. 
Obschtschestwa, Bd. XLIV, S.429“). Diese Massen, die sich heute in Peters- 
burg befinden, beweisen, daß der Buddhismus in der Form des mongo- 
lischen Lamaismus im Reiche der Hsia herrschte, daß wir hier also indische 
Kultureinflüsse neben den chinesischen annehmen müssen. Die erwähnten 
Malereien und Skulpturen bestätigen das. Die aus Tibetern, Chinesen 
und Türken gemischte Bevölkerung gehörte dem Buddhismus an, der von 
den Herrschern begünstigt wurde. 

Das Schriftsystem der Hsia wurde geschaffen, als sich die Dynastie der 
Hsia selbständig machte; es bestand etwa 200 Jahrhunderte bis zum 
Untergang des Reiches. Als Denkmäler kommen sehr verschiedenartige 
Aufzeichnungen in Frage. Es diente im diplomatischen Verkehr sowie 
zur Niederschrift von Annalen, vor allem sind buddhistische Texte ins 
Hsia übersetzt worden. 

Bevor durch Kozlows Ausgrabungen ganze Massen an Hsia-Literatur wieder 
ans Tageslicht kamen, kannten wir nur wenige Hsia-Denkmäler. Der 
erste Europäer, der über die Schrift der Hsia berichtet hat, war der eng- 
lische Sinologe A.Wylie!). Er hat eine insechs Sprachen und Schriftarten 
aufgezeichnete buddhistische Inschrift, die freilich nur aus sich wieder- 
holenden religiösen Formeln besteht, untersucht. In ihr erscheinen 
nebeneinander Chinesisch, Hsia, Uigurisch, mongolische Quadratschrift, 
Tibetisch, Devanagari. Sicher ist dieses Dokument ein merkwürdiges 
Zeugnis für die Völker- und Kulturmischung im Reiche der Hsia. Die 
Schrift der Hsia wird von Wylie mit den Namen eines Stammes als die der 
Niü-tschi bezeichnet. Ein Syllabar der Schrift hat Wylie aufgestellt, 
doch scheint es noch nicht zu genügen. Auch fehlt bisher eine gute Kopie 


1) On an ancient Buddhist Inscription at Keu-yung-kwan in North China. Journ. 
of the Royal Asiatic Society, New Series, vol. V, 1871, p. 14—44. 


Archiv fiir Schriftkunde. Heft 1. 


Hsi-Hsia-Chinesisches Glossar. 





Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia 53 


dieser sechssprachigen Inschrift von Tschiu-yung-kuan, da Wylie eine 
moderne Abschrift gibt, die allzuklein ist. 

Sodann haben wir eine viersprachige Inschrift ausMo-kao -ku in 
Hsia, Devanagari, tibetischer und mongolischer Quadratschrift. 

' Eine zweisprachige (chinesisch-tangutische) Inschrift stammt aus 
einem buddhistischen Tempel in Liang-tscheu (Kansu)!). 

| Das weitaus umfassendste Dokument der Hsia-Literatur ist eine Pracht- 
handschrift, von der die Kgl. Bibliothek fünf Bände besitzt, während der 
Rest noch in Privatbesitz ist. Es ist eine Handschrift von seltener Schön- 
heit; der Grund ist dunkelblau gefärbt, die Zeichen sind in mattem Gold 
geschrieben. Goldene Zierleisten und Ornamente bezeugen die . große 
Sorgfalt, die auf Herstellung der Handschrift verwandt worden ist. Bisher 
ist die Handschrift nicht entziffert; da ihr aber chinesische „Zungen“, 
d. h. Titelstreifen beigegeben sind, so ist es möglich, die Bandzahlen und 
den Inhalt zu bestimmen. Es liegt hier die Übersetzung eines indischen 
und zwar buddhistischen Werkes, des Saddharmapundarikasütra, vor. 
Die Schönheit der Ausführung bekundet, daß es im Reiche der Hsia 
eine Stätte gab, wo auch die Buchkunst gepflegt wurde, wo es ge- 
schulte Kalligraphen gab. Wahrscheinlich war es ein budhhistisches 
Kloster, das wir mutmaßlich bei Kharo-khoto suchen dürfen. Eine far- 
bige Reproduktion einzelner Teile dieser Handschrift wird der Ver- 
fasser in der zentralasiatischen Abteilung der Leipziger Buchgewerbe- 
ausstellung durch die gütige Unterstützung der Kgl. Bibliothek zu Berlin 
vorlegen können. 

Die Frage nach der Herkunft der Schrift und ihre Entzifferung sind 
außer in der oben genannten Arbeit Dev£rias behandelt von S. W. Bu- 
shell?) und von G. Morisse?). Devéria und Bushell meinen, 
daß die Hsia-Schrift ein selbständiges System sei; Morisse gibt eine Liste 
der Zeichen, die mit Hilfe der chinesischen Ubersetzung des Hsia-Tex- 
tes nach Lautwert und Bedeutung erkannt sind, sowie derjenigen Zei- 
= chen, deren Bedeutung erschlossen, aber deren Lautwert noch nicht er- 
kannt ist. 

Ganz erheblich ist sodann die Kenntnis des Schrifttums der Hsia durch 
den groen Fund Kozlows bereichert worden. Die Arbeit an der Ent- 
zifferung und der sprachlichen Forschung ist zumal durch den russischen 


1) G. Devéria, Stèle Si-Hia de Leang-Tcheou (Journal Asiatique. IX. série, 
tome XI, p. 53—74). Devéria, L'écriture du royaume de Si-Hia ou Tangout (Mémoires 
présentés par divers savants à l’Acad. des Inscr. et Belles-Lettres, 1901. I. Partie, 
Tome XI, p. 147—175.) 

2) The Hsi-hsia Dynasty of Tangut. Journ; of the China-Branch of the Royal 
As. Soc. 1895—96, vol. 30. 

3) Contribution préliminarire a l'étude de l’écriture et de la langue Si-Hia. 
(Mémoires présentés par div. savants a l'Acad. des Inscr. et B.-L. Prem. Série, Tome XI, 
1978, p. 313— 379.) 


54 Dr. R. Stübe 


Sinologen Prof. A. Ivanov gefördert worden.!) Die Funde Kozlows um- 
fassen Texte in chinesischer, tibetischer und in der Hsia-Sprache. Es 
haben sich, soweit der Fund von Prof. Ivanov bisher durchgearbeitet ist, 
Texte aus den kanonischen Büchern der Chinesen, aus chinesischen Philo- 
sophen (Lao-tse und Tschuang-tse), zahlreiche chinesische Übersetzungen 
buddhistischer Texte und Stücke von offiziellen Dokumenten aus den 
politischen Beziehungen zwischen China und dem Staat der Hsia ge- 
funden. Die tibetischen Texte sind wohl ausnahmslos religiösen Inhalts. 
Die Hsia-Texte sind teils religiös-buddhistischen teils historischen Inhalts, 
soweit chinesische Beischriften die Bestimmung ihres Charakters ermög- 
lichen. ’ 

Von ganz besonderem Interesse für uns ist aber e i n e Handschrift, an die 
sich die Hoffnung, Schrift und Sprache der Hsia näher zu erkennen knüpft. 
Im Jahre 1189 hat ein gewisser Ku-lé ein Buch verfaBt, das seinem Volke, 
den Hsia, die Erlernung des Chinesischen erleichtern sollte. Er begriindet 
dieses Unternehmen mit dem interessanten Satze: ,,da das Sichnicht- 
verstehen der Völker die Verbreitung geistiger Kultur hindert“. Das 
Buch führt den langen Titel: „Fan-han-h&-schih-tschang- 
tschung-tschu“ (d.i. „die auf der Handfläche liegende, zeitgemäße, 
den Chinesen und dem Volke Fan angehörige Perle‘). 

Der Inhalt dieser ‚Perle‘ ist freilich recht dürftig. Es ist nichts anderes 
als ein knappes Wörterverzeichnis und eine Sammlung von Redewendungen, 
die im täglichen Verkehr vorkommen. Das Buch entspricht also kaum 
den dürftigsten Sprachführern, die bei uns dem Publikum geboten werden. 
Das Wörterverzeichnis ist in diesem Glossar geordnet nach sachlichen 
Gesichtspunkten: Himmel und Himmelserscheinungen, Jahreszeiten, Erde, 
Meer, Himmelsgegenden, Verwandtschaftsgrade, Körperteile, Gebrauchs- 
gegenstände, Tiere, Pflanzen, Begriffe, Adjektiva, Verba, Zahlen. 

Das Glossar gibt nicht nur die chinesische Übersetzung, sondern (in 
chinesischen Zeichen) auch die Umschrift der im Hsia lebenden Laut- 
gestalt der Worte. Freilich stehen der Verwertung der chinesischen 
Transkription einer fremden Sprache gewisse Schwierigkeiten im Wege. 
Nicht immer ist der Lautwert der Hsia-Zeichen mit Hilfe der chinesischen — 
zumal für den Auslaut — sicher zu ermitteln. Vor allem kann sich die 
chinesische Lautform der chinesischen Worte seit dem 12. Jahrh. geändert 
haben. Indes weist Ivanov darauf hin, daß sich mit Hilfe der mongolischen 
Quadratschrift, alttürkischer und uigurischer Inschriften feststellen läßt, 
daß die heutige Lautform des Pekinger Dialektes sich nicht wesentlich von 
der chinesischen Lautform des ıı. und 12. Jahrh. entfernt hat. Wenigstens 


1) A. J. Ivanov, Zur Kenntnis der Hsi-hsia-Sprache, mit ı Tafel, St. Peters- 
burg 1909 (Bulletin de Acad. Imper. des Sciences de St. Petersbourg 1909, p. 1221 
bis 1233.) A. J. Ivanov, Dokumenty iz goroda Khara-khoto, I. St. Petersburg 1913. 
(Daselbst 1913, p. 811—816.) 


Die Schriftdenkmiler der Hsi-Hsia 55 


hat der Pekinger Dialekt die Konsonanten erhalten (nur k wird ts, ch 
wird k, und s wird h). 

Der Blockdruck, in dem unser Glossar ausgefiihrt ist, scheint so an- 
gelegt zu sein, daB links (als erstes Zeichen einer Kolumne) das Hsia- 
Zeichen steht. Dann folgt das entsprechende chinesische Wort, also die 
Übersetzung (in der Mitte), rechts steht in chinesischer Schrift die 
Wiedergabe der Lautgestalt des Hsia-Wortes. Wir finden z. B. 
auf der ersten Zeile der linken Kolumne ein Hsia-Zeichen, das durch das 
chinesische A (jin) „Mensch“ übersetzt wird, dann folgt die Umschrift 
in der chinesischen Umschrift Æ JÈ (tzu-ni). Die annähernde Richtig- 
keit der chinesischen Umschrift wird dadurch gesichert, daß 
sich aus ihr zahlreiche Worte der Hsia-Sprache ergeben, die im Tibe- 
tischen (oder Mongolischen) sehr ähnlich lauten. Damit erfassen wir den 
Charakter der Hsia-Sprache, des Tangutischen; es wird seine nächsten 
Verwandten in nordtibetischen Dialekten haben. 

Woher aber stammt die Schrift? Daß sie in ihrem typischen Eindruck 
der chinesischen ähnlich ist, liegt auf der Hand. Zugleich aber decken 
sich die Hsia-Zeichen in ihren Elementen jedenfalls nicht mit den begriff- 
lich entsprechenden Worten des Chinesischen. Und doch wird die Hsia- 
Schrift nicht unabhängig von der chinesischen sein. Es ist nicht ausge- 
schlossen, daß hier eine „Erfindung“ vorliegt, beider Elemente der 
chinesischen Schrift benutzt, aber ganz frei verwertet sind, so daß diese 
Schrift — übrigens wie die chinesische eine Wortschrift — für die 
Hsia-Worte völlig neue Gestalten gebildet hat. Dieses Problem aber ist 
noch nicht völlig gelöst. Ich darf hoffen, später in diesem Blatte von 
einer fortgeschrittenen Entzifferung der Hsia-Schrift berichten zu können. 


Mitteilungen. 


Stenographiermaschine. Am 24. November 1912 wurde von Frau K. Stobbe, 
Charlottenburg und Herrn E. Wilkendorf, Coswig-Anh. das Deutsche Patent für eine 
„Schreibmaschine für Kurzschrift‘‘ nachgesucht und vom Kaiserlichen Patentamt 
am 9. Dezember 1913 unter Nr. 268836 erteilt. — Bei der Erfindung dieser Steno- 
graphiermaschine wurde, wie uns mitgeteilt wird, von dem Gedanken ausgegangen, 
daß das Hoch- und Tiefstellen der Zeichen, sowie der Druck maschinell nicht durch- 
zuführen seien, wie dies auch schon mehrfache Versuche bewiesen hatten. Es 
wurde deshalb dazu übergegangen, die Vokale durch de verschiedene Fär- 
bung der Konsonanten anzuzeigen. Selbstverständlich sind aber auch die Vokale 
als solche auf der Maschine vertreten, was sich schon wegen vorkommender Vokal- 
häufungen der Um- und Doppellaute als notwendig erwies. So ist demnach ein in 
der Farbe des e geschriebenes a = ä, ein in der Farbe des u geschriebenes a = au usw.; 
ebenso zeigen die Zahlen durch ihre Färbung ihre Einer-, Zehner- usw.-Stellung an. 
Ferner ist noch jedem stenographischen Zeichen in jeder Farbe alleinstehend 
ein Sigel zugeteilt. Da die Maschine gleich jeder gewöhnlichen Schreibmaschine 


56 Mitteilungen 





über 2mal 42 = 84 Zeichen verfiigt, so ergibt das auch nach Abzug der Zahlen 
und der Interpunktionszeichen eine groBe Anzahl von Sigeln. Wenn nun auch 
zugegeben werden muß, daß die Menge der Sigel das Erlernen der Maschinen- 
stenographie erschwert, so ist dem einerseits entgegenzuhalten, daß sich ein großer 
Teil der Siegl von selbst ergibt, so z. B. ein m in der Farbe des a = am, ein m in 
der Farbe des i = im, ein m in der Farbe des u = um usw., und daß andererseits 
die Stenographiermaschine auch bei noch nicht vollständiger Beherrschung der 
Sigel doch schon in bezug auf die Schnelligkeit ein bedeutendes Übergewicht 
über die handschriftliche Stenographie hat. Je vollkommener der Maschinen- 
stenograph das Siegelsystem beherrscht, um so glänzendere Leistungen wird er 
aufweisen können. Die Maschine ist, wie schon nach Vorstehendem zu vermuten, 
mit einem fünffarbigen Farbband versehen, das in der Ruhelage mit dem Mittel- 
streifen in Schwarz für e arbeitet; für die anderen vier Farben wird das Farbband 
für je zwei gehoben bzw. gesenkt. Zum Heben und Senken des Farbbandes ist eine 
patentierte Hebelvorrichtung angebracht, die mittelst der in der Tastatur liegenden 
Farbbandtasten bedient wird. Dem Maschinensystem, das natürlich einer besonderen 
Ausarbeitung bedurfte, sind in erster Linie die Zeichen Gabelsbergers zugrunde 
gelegt, doch ließen sich diese nicht ausschließlich verwenden, da z. B. das t und f 
dieses Systems zu Unklarheiten geführt hätten; andere Zeichen wieder mußten 
etwas geändert werden, doch sind im ganzen die Abweichungen von den 
Zeichen des Gabelsbergerschen Systems gering. Mit dieser Stenographiermaschine 
kann man leicht eine Schnelligkeit erlangen, wie sie bisher kaum von sehr 
geübten Debattenschreibern erreicht wurde, und das Stenogramm hat den Vorzug, 
daß es nicht mit individuellen Mängeln behaftet, sondern vollkommen korrekt ist; 
es ist deshalb nicht mehr, wie bisher, ein sofortiges Übertragen des Stenogramms 
durch den Schreiber selbst notwendig, sondern das Stenogramm kann direkt als 
Manuskript für jeden Setzer dienen, der das System beherrscht, auch ist das Steno- 
gramm sofort nach seiner Aufnahme versandfertig und kann, mit kopierfähigem 
Farbband aufgenommen, leicht in mehreren Exemplaren weiter gegeben werden. 
Die vorliegende Stenographiermaschine eröffnet somit der Anwendung der Steno- 
graphie außerordentlich weite Möglichkeiten. — — Wir werden auf die Maschine, 
die, wenn sie brauchbar ist, von nicht geringer Bedeutung sein wird, später noch 
zurückkommen. 


























Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 57 





Über den Ursprung und die Entwicklung der 
äthiopischen Schrift 


Von Dr. Adolf Grohmann. 


J. Schrift und Sprache. 


D: äthiopische Schrift stellt in ihrer ältesten erreichbaren Form die 
graphische Fixierung jener Sprache dar, die, in der ersten Hälfte 
des 4. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich festgehalten, im aksu* 
mitischen Reiche als Amts- und Umgangssprache in Gebrauch war'), 
die Sprache, in die etwa ein Jahrhundert später die Evangelien über- 
tragen wurden. Die äthiopische Literatur bezeichnet sie mit dem Na- 
men lesana Geʻez ANTS: AGH: „die Ge ezsprache“?), welche. Bezeich- 
nung auch von europäischen Gelehrten angewendet wurde’); hier soll 
für Schrift und Sprache mit Job Ludolf und A. Dillmann an der, wenn 
auch historisch jüngeren, so doch einmal üblichen Bezeichnung ‚‚äthio- 
pisch“ festgehalten werden. Mit der Regierung der Zague-Dynastie, 
durch Yekuno ‘amlak (1270—1285 n. Chr.) begründet, beginnt der Verfall 
der äthiopischen Sprache, die, der Verlegung des politischen Schwer- 
punktes nach Süden entsprechend, dem dort als Volkssprache ge- 


1) Die Aksumiten haben nach E. Littmann ‘Deutsche Aksumexped, Bd. IV, S. 76) 
etwa im ı. oder 2. Jahrhunderte, jedesfalls nicht später als 300 n. Chr. begonnen, ihre 
Sprache im sabdischen Alphabete zu schreiben Littmann Nr. 6, 8, davon Nr. 6 
mit der altäthiopischen Nr. 7 auf einem Stein). In der ersten Zeit wurde am Königs- 
hofe wahrscheinlich auch sabäisch gesprochen, worauf die sabäischen Worte für 
„König“ (449g) „Sohn“ (Iı[]) in Littmann Nr. 6 hindeuten. Im ganzen und großen 
war das Verständnis der sabäischen Sprache zu dieser Zeit (um 350 n. Chr.) aber 
schon sehr gering, man sprach eben schon allgemein äthiopisch und ließ so bald auch 
die sabäische Schrift am Hofe fallen, an deren Stelle noch unter demselben Regenten 
‘Ezana schon mit Littmann Nr. 9 die altäthiopische trat (um 350 n. Chr.). 

2) Vgl. Job Ludolf, Grammatica aethiopica Ed. II, Francofurti ad Menum 1702. 
Dissertatio § 7f. 

3) So zuerst von E. Rödiger, Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes I. 
(1837) S. 336. 

Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2,3. 5 


58 Dr. Adolf Grohmann 


sprochenen Amharischen Platz machte'). Als Sprache der Kirche und 
der Literatur aber hat sie sich noch lange erhalten und war, wie bei 
uns das Latein, noch zu Ludolfs Zeiten dem Hofe, der Priesterschaft 
und den Gebildeten verständlich?. Bis in die Mitte des ı8. Jahr- 
hunderts, schon stark mit amharischen Bestandteilen gemischt, hat sich 
das Athiopische als Sprache der Chroniken, lesana tarik (A\]F: FZ7\:) 
erhalten. Seit dieser Zeit ist die Sprache nur mehr als die Sprache 
des Kultus im Gebrauch, die Amtssprache und die Sprache des Hofes 
ist heute in Abessinien das Amharische. Von den heute in Abessinien 
gesprochenen Volkssprachen kommt dem Äthiopischen am nächsten das 
Tigre, in zweiter Linie das Tigrina?), die zum Äthiopischen im Ver- 
hältnis von Schwestersprachen stehen; eine Menge äthiopischer Wörter 
findet sich auch in dem sonst ziemlich fern abstehenden Amharischen. 
Von diesen drei modernen Dialekten hat zuerst das Amharische, in 
dem schon um 1600 Königslieder aufgezeichnet wurden‘), durch Modi- 
fikation von sieben Buchstaben des äthiopischen Alphabetes ñ, +t, 5, 
N, H, P, M zu A, F, > Hh, H, FB, m für die sieben in der äthio- 
pischen Sprache fehlenden Laute š ‘UJ: und fl. werden nämlich wie s 
gesprochen) €, n, kh, 2, d, c das äthiopische Alphabet für seinen Laut- 
bestand zurecht gemacht, das so auch heute noch im Gebrauch ist, 
wenigstens im amtlichen Verkehr und unter den Gebildeten. Anfäng- 
lich wurde nur selten amharisch geschrieben). Im Tigre und Tigrina 
entwickelt sich unter der Leitung der schwedischen Mission eine Lite- 
ratur unter Verwendung der amharischen Lettern?). 

In den grammatischen Untersuchungen des “Abba Takla Maryam’) 
scheint sogar die äthiopische Sprache wenigstens zum Ausdruck wissen- 
schaftlicher Themen wieder aufleben zu wollen. 


1) So nannte man das Amharische lesana negus (AMT: 49-40) „Sprache des 
Königs“. Vgl. F. Prätorius, Die amhar. Sprache, Halle 1879, S. 2. 

2) Vgl. Job Ludolf a.a. O. § 14—17. 

3) Vgl. F. Prätorius, Grammatik der Tigriñasprache, Halle 1871, S. 4, zum Ver- 
breitungsgebiet beider Sprachen die Karte von M. Checchi, G. Giardi, A. Mori, 
Lingue parlate nella colonia Eritrea 1912, Rivista Coloniale Anno VII, 25. Nov. 1912 
mit einem einschlägigen Artikel von C. Conti Rossini S. 349— 53. 

4) Vgl. F. Prätorius, Die amharische Sprache, S. 2. 

5) Job Ludolf, Gramm. Aeth. Diss. § 17. Gramm. linguæ Amharicae, Praefatio. 
Zu erwähnen ist auch, daß die Jesuiten einige biblische Bücher ins Amharische über- 
tragen haben sollen, sowie daß es von Peter Heyling heißt, er habe (in der ersten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts) das Evangelium Johannis ins Amhar. übersetzt. 

6) So wurde im Tigre, doch mit amharischen Lettern das „Evangelium enligt 
Markus, pa Tigre-spraket‘‘ zu Mukullo 1889 gedruckt, eine Christenlehre nach der 
Bibel im Tigrifia erschien r910 in Asmara, vgl. C. Conti Rossini, Riv. degli Studi 
Orientali VI, 1913, S. 288. 

7, Vgl. C. Conti Rossini, Riv. Studi Orient. VI, 1913, S. 287. 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 59 


2. Das vorliegende Schriftmaterial. 


Die äthiopische Schrift ist uns auf abessinischem Boden auf Denk- 
mälern aus Stein, auf einer Felswand in der Nähe von Cohaito, auf 
Münzen‘), auf Gemälden in Kirchen und endlich in Pergament- und 
Papierhandschriften erhalten. Aus den ersten drei Gruppen hat, nach- 
dem bereits H. Salt?), E. Rüppell?), Th. Lefebvre*) und Th. Bent) 
Kopien altäthiopischer Inschriften aus Abessinien mitgebracht hatten, 
um deren Entzifferung sich besonders A.Dillmann®) und D.H.Müller’) 
verdient gemacht haben und auch C. Conti Rossini) ein wichtiges 
Denkmal aus heidnischer Zeit (etwa 350 n. Chr.) hinzugefügt hatte, die 
deutsche Aksumexpedition im Jahre 1906 wohl alles Material gesammelt, 
das überhaupt noch erreichbar sein wird. Mit der prächtig ausge- 
statteten Publikation dieses Materials durch E. Littmann?) ist erst für 
eine paläographische Würdigung der äthiopischen Schrift die Grund- 
lage geschaffen worden und wenn ich nach der von E. Littmann 
auf S. 76—8r seines Werkes gegebenen Charakteristik der Sprache 
und Schrift der ,altabessinischen Inschriften“ das Wort zu diesem 
Thema ergreife, so geschieht dies, um jetzt alles über die äthiopische 
Schrift Einschlägige hier zusammen zu tragen, ihre Entwicklung durch 
den Lauf der Jahrhunderte zu verfolgen, und ihrem Ursprung aus der 
sabäo-minäischen Schrift mit besonderer Berücksichtigung der Graffiti 
nachzugehen. Zu leichterer Verfolgung dieses Weges habe ich unter 
Beniitzung von E. Littmanns Tafel ,,Die altathiopische Schrift und 
des in seinem Werke enthaltenen inschriftlichen Materials eine Schrift- 
tafel entworfen, die auch das älteste handschriftliche Material mit 
berücksichtigt (Tafel III). 


ı) Vgl. A. Dillmann, Über die Anfänge des Axumitischen Reiches, Abh. Kgl. 
Preuß. Akad. 1878, S. 226—30. 

2) H. Salt, Voyage en Abyssinie, Paris 1812. 

3) E. Rüppell, Reise in Abyssinien (1838). 

4) Theophile Lefebvre, Voyage en Abyssinie exécuté pendant les années 1839—43. 

5) J. Th. Bent, The Sacred City of the Ethiopians, Lond. 1893. 

6) A. Dillmann, Über die Anfänge des Axum. Reiches, Abh. Königl. Preuß. Akad. 
Wissensch. zu Berlin, 1878, S. 210 ff. 

7) D. H. Miiller, Epigr. Denkm. aus Abessinien, Denkschr. k. Akad. d. Wissensch. 
in Wien. Phil. Hist. Cl., Bd. XLIII, 1894. 

8) C. Conti Rossini, L’iscrizione dell’ obelisco presso Matara, Reale Acc. dei 
Lincei, Rendiconti Vol. V, 1896, p. 250—253. 

9) Deutsche Aksumexpedition, herausgegeben von der Generalverwaltung der Kgl. 
Museen zu Berlin Bd. IV. Sabäische, griechische und altabessinische Inschriften von 
Enno Littmann, Berlin 1913. Ich zitiere die äthiopischen Inschriften dieses Werkes 
im folgenden unter „Littmann“ mit beigesetzter Nummer in der Reihenfolge der 
Edition. 


5* 


60 Dr. Adolf Grohmann 





a) Inschriftliches Material. 


Dieses scheidet sich in zwei Gruppen: a) Inschriften in unvokali- 
sierter und b) in vokalisierter Schrift. 

Zu a) gehört: Littmann 7, 8, Inschriften des ‘Ezana (erste Hälfte 
des 4. Jahrh. n. Chr.), Littmann 13, 14 (beide 7.—12. Jahrh. n. Chr.), 
17'), 18 (altchristl.), 20, 21, 22 (altchristl.); alle bis jetzt genannten Inschriften 
stammen aus Aksum; 23 (altchristl.) aus “Abba Likanos, 24 (bei Aksum), 





We HV Mw 
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|> YEN XN: Hy, 
| NEV ADNE +s: mi 
OV NAH: ARPA | 
L LEHIAK Ag N 
í au an 





Abb. J: Cod. Vindob. Aeth. 2]. fol. J08r (Anfang des XIV. Jh.). 


25 Steinmetzzeichen (aus Aksum), 26 Steinmetzzeichen im Grabe des Gabra 
Maskal (6. Jahrh., aus Aksum), 33 altchr. Graffito aus Debra Dammo, 
34 Stele von Matara (etwa 350 n. Chr.), 39 Graffito aus Toconda. Von 
den Graffiti aus Cohaito (Littmann 40—100) gehört hierher: Nr. 41, 44, 


1) Ein Fragment davon ist nach E. Littmann vielleicht die bei Salt, Voyage 
en Abyssinie, Paris 1816, II, S.179 abgebildete Inschrift. Salt war der erste, der 
Kopien altäthiopischer Inschriften (Littmann 15, 19 nach Europa brachte. 


Uber den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 61 





47, 49, 52 (54), 55, 56, 57—60, 62, 65 (67), 69 (70), 71—74, 77, 79, 80—85, 
87, 96, 97, 100. 

Zu b): Littmann 9, ıo (erste Hälfte des 4. Jahrh. n. Chr., Inschriften 
des oben genannten ‘Ezana, heidnisch), rr (um 350 n. Chr., christl.), r2 
(etwa 7.—12. Jahrh. n. Chr.), 15, 16 (altchristl.), 19 (um 1000). Alle bis jetzt 


genannten Inschriften stammen aus Aksum; ferner die Ge ezinschrift 





Abb. 2: Cod. Vindob. Aeth. 23. fol.‘ $38: (Anfang des XIV. Jh.). 


auf einer Alabasterlampe, die ich in der Wiener Zeitschrift zur Kunde 
des Morgenlandes rogrr (S. 411—22) publizierte (9.—10. Jahrh.)'). 
Von den Graffiti aus Cohaito gehören hierher: Littmann Nr. 40, 42, 
43, 45, 46, 48, 50, 51, 53, 61, 63, 64, 66, 68, 75, 76, 78, 86, 88—9;5 (98), 99. 
Hier sei auch noch an die fünf äthiopischen Grabinschriften aus den 
Jahren 1550—1654 n. Chr. im Kloster San Stefano dei Mori in Rom 
erinnert?), sowie an die halbvokalisierte (oder schlecht kopierte?) In- 
2) C. Conti Rossini, Riv. degli Studi Orientali, 1913, S. 270 hält sie für älter. 


2) Publ. von F. Gallina, Archivio della R. Societa Romana di Storia Patria Vol. XI, 
S. 281—95 (1888). 


62 Dr. Adolf Grohmann 





schrift 7P°C zr: iiber der Skulptur des gleichnamigen Heiligen in der 
Kirche von Golgotha ‘etwa 12. Jahrh.)'). 

Die dritte Gruppe ist zusammen mi tden beiden ersten in der Tafel III 
berücksichtigt, die folgende vierte kommt, ebenso wie die Grabinschriften 
in Rom, weil spät, für diese nicht in Betracht. 


b) Handschriftliches Material. 


Eine allgemeine Übersicht darüber bietet C. Conti Rossinis Zu- 
sammenstellung ,,Manoscritti ed opere abissine in Europa“?). Hier sind 


n AF Tonta ; 
AANA NN SH: Kira: 
EN OINZIEFERD: 
L3a iih: ass, 
RAE MNADANAMALY: 
En: ONAN Poo ANA 
WNAPSA7HAWASEY 
bate nn: AANA. 
oo PFI et ORM 
H:O PDDU WAGA: 
HN 9S AL eh :FAas. 
Ltt AMAA LARP 





_ Ks “IR 


Abb. 3: Cod. Vindob. Aeth. 5. fol. 40v (Mitte des XIV. Jh.). 


besonders die alten Mss. vom paläographischen Standpunkte aus im 
Verhältnis zur Lapidare interessant. In der Schrifttafel (Taf. III) habe 


1) Achille Raffray, Les Eglises Monolithes de la ville de Lalibéla (Abyssinie) 
(Paris 1882) Taf. VII. 
2) Rendiconti della Reale Accad. dei Lincei 1899, S. 606—637. 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 63 


ich die Hs. Ath. 21 (Abb. 1, 2) der Wiener Hofbibliothek') zugrunde ge- 
legt, die zu jener Gruppe von Mss. gehört, die durch die Hs. Borg. ath. 3 
der Vaticana in Rom, der ältesten Hs. der vier Bücher der Könige’), 
vertreten ist. Diese stammt wohl aus dem Ende des 13. oder Anfang 
des 14. Jahrh. und ist in Aksum geschrieben. Ungefähr in diese Zeit 
gehört auch Äth. 5 (Wien)?), vielleicht etwa in die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts (Abb. 3). 

Hieher gehört auch die Hs. Eth. 22 der Pariser Nationalbibliothek 
)Abb. 4)*), aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. stammen Eth. 27 (Zoten- 
berg Nr. 45, S. 42—44), geschrieben im Jahre 1378 n. Chr. und Eth. 33 


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Abb. 4: Cod. Paris. Eth. 22. fol. J62v (Mitteides’ XIV. Jh.). 


bis (Zotenberg Nr. 52, S. 53—57) aus dem Jahre 1379 n. Chr. Am 
nächsten kommen diesen Mss. dann die Hss. Eth. 94 (Zotenberg 
Nr. 5, 13. Jahrh.? S. 69), Eth. 59 (Zotenberg Nr. 131, 13. Jahrh.? S. 196 
—198) und Eth. 15 (Zotenberg Nr. 10, 14. Jahrh., S. ı5f.) der Biblio- 
theque Nationale in Paris, sowie endlich Bibliotheca Vaticana 50 (aus 
dem 14. Jahrh.). Bevor nun auf die Schrift selbst und ihren Ursprung 
eingegangen wird, mögen hier kurz 


3. Die Meinungen und- Zeugnisse über die äthiopische Schrift 


mitgeteilt werden, die in der gelehrten europäischen Literatur nieder- 
gelegt sind. 

Das erste in Europa gedruckte Buch, das auch ein äthiopisches 
Alphabet enthielt, war der Psalter, der zusammen mit dem Alphabetum 





ı) Vgl. N. Rhodokanakis, Die äthiopischen Handschriften der k. k. Hofbibliothek 
zu Wien, Sitzb. k. Akad. d. Wiss. in Wien Bd. CLI /1906', Nr. XVI, S. 46—49 u. Taf. III. 

2) Vgl. N.Roupp, Die älteste äth. Handschrift der vier Bücher der Könige, Zeit- 
schrift für Assyriologie XVI 1902, S. 296—343. (Mit 4 Tafeln.) Eug. Tisserant, 
Specimina Codicum Orientalium, Bonnae 1914, Taf. 62. 

3) Vgl. N. Rhodokanakis, a. a. O., Nr. XV, S. 42—46 und Taf. IV. 

4) H. Zotenberg, Catalogue des manuscrits Éthiopiens (Geez et amharique) de la 
Bibliothèque nationale, Paris 1877, Nr. 32 (S. 24—29). 


64 Dr. Adolf Grohmann 





seu potius Syllabarium literarum Chaldearum, Cantica Mosis, Han- 
nae etc. von Johannes Potken 1513 zu Rom bei Marcellus Silber er- 
schien. Darauf erfolgte im Jahre 1548 der Druck des Neuen Testa- 
ments und der Meßliturgie mit einer lateinischen Einleitung über die 
Form des äthiopischen Alphabets, das in der in äthiopischen Hss. 


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Abb. 5: Cod. Vindob. Aeth. 20. fol. 44r (XV.—XVI. Jh.). 


üblichen Anordnung (Überschrift: Alphabetum seu potius Syllabarium 
literarum Chaldearum) mit Transkription und den Zahlzeichen samt 
Auflösung abgedruckt wurde, gezeichnet: Impressit omnia, quae in 
presenti Libro continentur Valerius Doricus: Romae, impensis Petri 
Comos Ethiopis Et Angelus de Oldradis eius Operarius composuit. 
Anno a nativitate Domini M. D. XLVIII. 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 65 


Eine eingehende Untersuchung des äthiopischen Alphabetes unter- 
nahm erst Job Ludolf in seiner Historia Aethiopica Lib. IV, Cap. I. 
Er sagt: Quod autem nostras Aethiopicas spectat, in nonnullis nomine 
quidem: figura vero nullatenus cum Hebraicis hodiernis conveniunt, 
ut si has spectes, dicendum sit, Aethiopes cultum neque sacrum neque 
profanum ab Israelitarum gente accepisse. At cum Samaritanorum 
characteribus, quos multi judiciosissimi viri pro primaevis, et genuinis 
veterum Hebraeorum elementis agnoscunt, aliquem convenientiam 
habere videntur. Tametsi plerasque, nisi valde distorqueas et invertas, 
sibi invicem assimilare non possis. 

Er gibt nun das samaritanische Alphabet, stellt die entsprechenden 
äthiopischen Buchstaben parallel und fährt nun fort: 

Quamquam non certum quoddam Alphabetum Samaritanum secuti 
simus; sed ex diversis figuris, quas Clariss. Waltonus in apparatu Bi- 
bliorum polyglottorum habet, eas selegerimus, quae nostris Aethiopicis 
similiores videbantur. Verisimile tamen crediderim, autorem literarum 
Aethiopicarum (quem hucusque incompertum habeo) et literarum illa- 
rum antiquarum, et Graecarum veterum cognitionem aliquam 
habuisse; at eas non, veluti manu traditas, in certum sacrorum usum 
accepisse, sed ex ingenio suo ad usum linguae Aethiopicae, recipiendis 
vocalium notis, formasse et ordinavisse. 

Schon damals wurden Stimmen laut, die das äthiopische Alphabet 
aus dem Griechischen ableiten wollten. Ludolf entgegnet ihnen in 
seinem Commentarius ad historiam S. 555 mit den Worten: 

„Alii ex Graecis derivare maluerunt, verum ita, ut si volupe fuerit, 
Aethiopicas a Runicis vel si malis Indicis detorquere possis.‘ 

Allein trotz Ludolfs Entgegnung ist dieselbe Idee immer wieder 
aufgenommen worden. So von O. G. Tychsen’), Wah1?), H. E. G. Pau- 
lus3), Renodot‘), B. Klaproth5), W. Gesenius®), deren Gründe 
U.F.Kopp?) eingehend widerlegte. 

In eine neue Bahn wurde die Forschung über das äthiopische Alpha- 
bet durch William Jones?) gelenkt, der zuerst die äthiopische Schrift 
mit der indischen verglich. Maßgebend waren für ihn nur rein all- 

1) In F. C. Eichhorns Repertorium III, S. 155 f. (1779). 

2) Allgemeine Geschichte der morgenländischen Sprachen und Litteratur, Leipzig 
1784, S. 632. 

3) Memorabilia VI, S. 109 (1796). 

4) Memoires de l’acad. des inscriptions II, S. 485. 

5) Asiat. Magazin. I, S. 537 (1802. 

6, Geschichte der hebräischen Sprache und Schrift, Leipzig 1815, S. 138. 

7) Bilder und Schriften der Vorzeit, Mannheim 1821, Bd. II, S. 345 ff. 


8) Asiat. Rech. III, S. 4, Millin Mag. 1806, III, S. 308, Memoires de l’académie des 
inscript. L. 1808, S. 292. 


Dr. Adolf Grohmann 


hemals gefiihrt hatten. 


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Schreibrichtung von links nach rechts, 2. 
Silben, 3. der Name „Indier“, den die Ath 


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Gründe, 1. di 


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Abb. 6: Cod. Vindob. Aeth. 9. fol. 198v, 199r mit Notizen von Job Ludolfs Hand (Mitte des XVII. Jh.). 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 67 





Seine Gründe sind schon von U.F.Kopp') als unzureichend erwiesen, 
seine These ist aber gleichwohl später von R. Lepsius?) wieder 
aufgenommen worden. 

Es wird übrigens auf Jones noch bei der Frage nach der äthiopischen 
Vokalbezeichnung zurück zu kommen sein. Die These vom griechischen 
Ursprung des äthiopischen Alphabets wurde wieder von Silvestre 
de Sacy?) aufgenommen. In seiner Arbeit „Mémoire sur l'origine et 
les anciens monumens de la littérature parmi les Arabes“ hatte de 
Sacy die These aufgestellt, die äthiopische Schrift sei von christlichen 
Missionären gegen das 4. Jahrh. n. Chr. erfunden und mit dem Christen- 
tume nach dem Jemen gebracht worden und aus ihr sei die himjarische 
Schrift, die ihm aus den Alphabeten arabischer Paläographen in Pa- 
riser Hss. bekannt war, entstanden. Die These erledigt sich bald 
dadurch, daß man das Alter der sabäischen, oder, wie er sagen würde, 
himjaritischen Schrift erkannte, deren älteste Denkmäler gegen 750 
v. Chr. hinaufreichen. De Sacy glaubte auch im äthiopischen Alpha- 
bete Spuren der koptischen Schrift zu erblicken‘) und seiner Meinung 
nach verriet ein großer Teil der Buchstaben überdies seinen Ursprung 
aus der griechischen Schrift. Dieser Ansicht, der schon U. F. Kopp5) 
mit guten Gründen entgegentrat, ist auch M. J. B. Silvestre nicht mehr 
gefolgt, der in seiner Paléographie universelle®) Fol. 205” zu folgender 
Anschauung über das äthiopische Alphabet kam: ,,c’est a l’alphabet sama- 
ritain qu’on rattache l'origine de l'alphabet éthiopien. Il y a, en effet, 
des rapports évidents de forme entre les signes des deux alphabets; 
mais il y a aussi des différences très marquées, et la plus saillante 
est dans la marche contraire des deux écritures, l’ethiopienne se diri- 
geant de gauche à droite comme les écritures indiennes et européennes, 
et la samaritaine de droite à gauche comme les autres écritures 
arabico-semitiques.‘‘ Daß die sabäische — oder wie sie seinerzeit ge- 
nannt wurde — himjaritische Schrift von etwa 750—500 v. Chr. auch 
rechtsläufig geschrieben wurde, war Silvestre nicht bekannt; mit 
dieser Tatsache fällt aber auch sein Haupteinwand gegen die Hypo- 
these der Zusammengehörigkeit mit dem samaritanischen Alphabete, 
die von allen Hypothesen der Wahrheit ja immer noch am nächsten 


1) A. a. O., S. 348. 

2) Zwei Sprachvergleichende Abhandlungen (1836), S. 74 ff. 

3} Mémoires de l’académie des inscript. L., S. 247ff., 281ff. (Paris 1808), Seine 
hier vertretenen Ansichten hatte er schon im Jahre 1785 ausgesprochen. 

4) Einen Vorläufer hatte er hierin in O.G. Tychsen, der Bibl. d. alt. Lit. VI, S. 5ı 
das ithiopische g dem koptischen I ähnlich fand (vgl. U. F. Kopp, a. a. O. S. 355). 

5) A. a. O., S. 357f. 

6) Paléographie universelle par Silvestre, Paris 1839, I. Vol. 


68 Dr. Adolf Grohmann 





kam. M. J. B. Silvestre mag sich wohl durch U. F. Kopp haben 
belehren lassen, der in seinem ebenso geistreichen als scharfsinnigen 
Werke ,,Bilder und Schriften der Vorzeit‘‘ (1819) im sechsten Abschnitte 
ausführlich über die äthiopische Schrift gehandelt hat (S. 344—61). 
Nach Widerlegung der These vom griechischen Ursprunge des äthio- 
pischen Alphabetes und der Ansicht Jones betont Kopp den unmittel- 
bar semitischen Ursprung dieser Schrift, indem er auf die semitische 
Rasse der Äthiopier, die Verwandtschaft der äthiopischen Buchstaben- 
namen mit den hebräischen, die mit der samaritanischen überein- 
stimmende Interpunktion verweist und endlich S. 351—56 die einzelnen 
Buchstaben des Alphabetes samt hebräischer Umschrift mit den ent- 
sprechenden phönizischen, aramäischen, samaritanischen, gelegentlich 
althebräischen, altpersischen, Estangelo- und Peschitto-Zeichen ver- 
gleicht. Am Schlusse seiner Ausführungen S. 360 ($ 338) spricht 
Kopp die Vermutung aus, daß die Abessinier ihre Schrift den Syrern 
verdanken. 

Trotz mancher Mängel — so die Ableitung von äthiopischem 4 und 
koptischem b aus gemeinsamer Quelle — stellte Kopps Arbeit doch 
wohl das Beste dar, was zu seiner Zeit überhaupt mit den beschränkten 
Mitteln zu leisten war, und die Wissenschaft wäre vielleicht lange 
bei den durch Kopp geschaffenen Anschauungen stehen geblieben, 
hätte nicht durch das Auftauchen einer neuen Schriftart der Forschung 
sich eine neue Weit aufgetan. 

Bereits im Jahre ı81r waren durch den russischen Kollegienassessor 
Herrn von Seetzen südarabische Inschriften aus Doffar (Zafar) und 
Menkät (Menkat bei Jerim) nach Kopien auf einer Kupfertafel der 
Öffentlichkeit vorgelegt worden'). Einen bedeutenden Zuwachs an in- 
schriftlichem Material brachte 23 Jahre später J. R.Wellsteds Artikel 
„Account of some Inscriptions in the Abyssinian character, found at 
Hassan Ghorab, near Aden, on the Arabian coast‘‘?), der vor allem 
die 525 n. Chr. datierte zehnzeilige Inschrift von Hisn el-Gurab enthielt, 
die bis A. Arnaud als das umfangreichste sabäische epigraphische 
Denkmal der Forschung als hauptsächlichste Unterlage diente. War 
schon durch den Titel von Wellsteds Arbeit der Zusammenhang mit 


1) In den Fundgruben des Orients Bd. II, Wien 1811, S. 282f. Einige kleine sabä- 
ische Fragmente aus Jeha kopierte H. Salt auf seiner Reise in Abessinien (1809 und 
ı810. und veröffentlichte sie in seiner „Voyage en Abyssinie en 1809, London 1814, 
S., 431f. 

2) Im Journal of the Asiat. Soc. of Bengal vol. III (1834), S. 554—56, samt Tafel. 
Die Arbeit Michelangelo Lancis ,,Sugli Omireni e loro forme di scrivere trovate 
ne’ codici Vaticani“ 1820) konnte hier nicht in Betracht kommen, da die beigegebene 
Tafel für paläographische Zwecke ganz unbrauchbares Material bot. 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 69 





dem abessinischen Alphabete betont, so wurde von nun an das sabä- 
ische Alphabet konstant zum äthiopischen in Beziehung gesetzt. So 
hat E. Rödiger in seiner ‚Notiz über die himjaritische Schrift nebst 
doppeltem Alphabet derselben‘'), S. 335f., die Ähnlichkeit der him- 
jarischen und äthiopischen Schrift betont, und in seiner Untersuchung, 
der hauptsächlich zwei himjarische Alphabete nach arabischen Mss. 
zugrunde liegen, 
richtig sabäisch mit äthiopisch 
MS.-Inschrift 


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1) Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes I (1837), S. 332—40. 


70 Dr. Adolf Grohmann 


zusammen gestellt (S. 336f.). Auch auf die Gleichheit des Worttrenners, 
des senkrechten Striches in den sabdischen und Riippellschen In- 
schriften (Littmann ro, rr) hat er bereits hingewiesen'). Den Aus- 
führungen E. Rödigers schloß sich auch W. Gesenius?) an. Er ver- 
weist (Sp. 379) auf „die in die Augen fallende Ähnlichkeit der him- 
jaritischen Schrift mit der äthiopischen, insbesondere der altäthiopischen 
Schrift, wie wir sie schon durch Salt, viel genauer durch die von 
Rüppell bekannt gemachten und von E. Rödiger erklärten Inschriften 
kennen“, und folgert (Sp. 379 f.): „Sowohl die alte eckige, als die neuere 
gerundete äthiopische Schrift enthält nun so viele mit den himjaritischen 
zusammentreffende Buchstaben, als N), H, Nh, 5, fl, daß man an der 
nahen Verwandtschaft dieser Alphabete nicht zweifeln konnte, wie man 
auch schon früher auf dem Wege bloßer Vermutung eine Abkunft des 
äthiopischen Alphabetes aus dem himjaritischen angenommen hat“?). 
Gestützt auf neue inschriftliche Funde aus Aden, Sana und Nakb el 
Hagr in Südarabien beschäftigte sich James Bird in seinem Aufsatze: 
„On the Origin of the Hamaiyaric (sic) and Ethiopic alphabets‘“‘4) mit 
der Frage, ob das Alphabet der Inschrift von Aden griechischen oder 
semitischen Ursprungs sei. — Er kommt bei seiner Untersuchung zu 
folgenden Resultaten: 

Das himjarische Alphabet hat seinen Ursprung im Phönizischen, das 
äthiopische (nach Gesenius) im Himjarischen. Das äthiopische Alpha- 
bet adoptierte die sieben griechischen Vokale, die an den Buchstaben 
der ersten Kolumne (Geez) angebracht wurden. Diese Kolumne stellte 
das fertige System dar, als 325—335 n. Chr. die Abessinier, durch Fru- 
metius zum Christentum bekehrt, die Septuaginta erhielten (vgl. hierzu 
weiter unten S. 79ff.). Bird gibt auf Tafel XIII des Bandes, Hamaiyaric 
and Ethiopic Alphabets, arranged by J. Bird Esq. and compared with 
the Hebrew, Phænician, Samaritan, Mendæan, and Arabic Alphabets. 
Obwohl die Liste keineswegs fehlerfrei ist5) und seine Ausführungen 


1) Vgl. auch seinen „Versuch über die himjaritischen Schriftmonumente“, Halle 
1841, und seinen „Exkurs über himjaritische Inschriften“ in J. R. Wellsteds Reisen in 
Arabien. Deutsche Bearbeitung, Halle 1842 (S. 352—4ır). Das Werk enthält auch 
das äthiopisch-himjarische Alphabet. 

2) Himjaritische Sprache und Schrift, und Entzifferung der letzteren, Allg. Literatur- 
zeitung, Juli 1841, Nr. 123, Sp. 369—99. 

3) Den umgekehrten Weg hat S.de Sacy angenommen, vgl. oben S. 67. Dagegen 
hat Büttner, Vergl. Taf. II, 19 inach U. F. Kopp, a.a.O., S. 300', bereits an den 
Ursprung der äthiopischen Schrift aus der „homeritischen‘‘ — den Namen kannte er 
wohl aus Ludolf Comm., S. 66 — gedacht. 

4) The Journal of the Bombay Branch of the Royal Asiatic Society Vol. II 1844, 
S. 66—71. 


5) 2 D ‘heute als t, r, d gelesen, erscheinen zusammen mit d (wohl Fragment 


Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 71 


auch sonst der Phantasie zu weiten Spielraum lieBen'), war die Er- 
kenntnis der Ähnlichkeit der äthiopischen und sabäischen Schrift doch 
von bleibendem Werte, ebenso wie die des phönizischen Ursprungs 
der letzteren. Am Schlusse seiner Arbeit verwies Bird noch auf 
koptisches UW, “4, b, 2, X, 6, T, 3, f, h, h, g, ċ, ti?) und fand sie 
„almost identical in character‘ mit den äthiopischen bzw. himjari- 
tischen Zeichen. Er griff so wieder auf O. C. Tychsen und S. de Sacy 
zurück. 

Wenn man sich von nun an zum äthiopischen Alphabete äußerte, 
so geschah dies im Zusammenhange mit dem sabäischen Alphabete. 
So hat A. Weber sich mit dem Problem des Ursprungs des indischen 
Alphabetes?) beschäftigt und dabei auch eingehend die äthiopische 
Vokalisation besprochen (s. weiter unten S. 80). Seine Theorie wurde 
von seinem Schüler W. Deecke*) weiter ausgebaut. Deecke gibt 
4 Tafeln bei, auf denen er folgende Schriften zusammenstellt: He- 
bräisch, Arabisch, Assyrische Keilschrift, Südsemitische Urform, Harra- 
inschriften, Libysch, Indisch, Himjaritisch, Äthiopisch, und kommt zu 
folgenden Resultaten: Das indische und himjarische Alphabet, dem 
das äthiopische entsprang, zeigen so nahe Verwandtschaft, daß sie 
einem gemeinsamen, aus dem ältesten südsemitischen abgezweigten 
Mutteralphabete entstammt sein müssen. Doch kann man weder das 
erhaltene indische Alphabet aus dem erhaltenen himjarischen ableiten, 
noch umgekehrt. Die Bemühungen Rödigers und Birds um den 
Zusammenhang der äthiopischen und sabäischen Schrift wurden erst 


von ®) neben dem äthiopischen P. Den Worttrenner | hält Bird für äthiopisches 


P. A soll A sein, bei | (g) ist aber 1 ‘li nicht geschieden. Der Buchstabe $ (f) 
erscheint in einer ganz verzerrten Form. H 7 A sind mit ge" Pl der altäthiopischen 
Inschriften und O (d) verglichen, doch ist R= A= N b: nur H = U. Neben 9 ) (r) 
erscheint im Athiopischen der Inschriften ) ‘r) und ? (y', dem das kursive £Z, gleich- 
gesetzt ist. 4} (h) ist als U (5: aufgefaßt. Endlich ist x 3 x (Z, š, s: in eine Reihe 
gestellt und mit A ($) verglichen. 

1) So sollten w, y, ‘a im Sabäischen auch Vokale gewesen sein und die Namen 
der himjaritischen Buchstaben, die man doch höchstens aus dem Äthiopischen hypo- 
thetisch erschließen könnte, den hebräischen und phönizischen SENEDESSHEN und un- 
et ihren semitischen Ursprung klarlegen. 

) Statt h, h, g, € transcribierte Bird k, h, z, s! 

F Über den semitischen Ursprung des indischen Alphabetes, Zeitschrift d. deutschen 
Morgenl. Gesellsch. ro (1856), S. 389—406. Er setzt sich auch mit seinen Vorläufern 
W. Jones, R. Lepsius und Kopp auseinander, übersah aber, daß bereits v. Seetzen, 
a. a. O., S. 284, die Vermutung ausgesprochen hatte, die Pfeilerinschrift von Dehly, 
die von Firūs Schah herstammen sollte, habe Ähnlichkeit mit der himjarischen Schrift. 

4) Über das indische Alphabet in seinem Zusammenhange mit den übrigen süd- 
semitischen Alphabeten, Zeitschr. d. deutschen Morgenl. Gesellsch. 31 '1877', S. 598—612. 


72 Dr. Adolf Grohmann 





Abb. 7: Cod. Upsala Aeth. 5. fol, J7* (XV. Jh.). 


wieder von D. H. Müller!) aufgenommen. Auf S. 64 und 69f. kommt 
Müller zu folgenden Ergebnissen: Die äthiopische Schrift ist das Pro- 
dukt einer Reform, die das sabäische Alphabet in seiner ältesten Ge- 
stalt (altsabäisch) zugrunde legte, die Vorlage stammte wahrscheinlich 


ı) Epigraphische Denkmäler aus Abessinien, Denkschriften der Kais. Akad. d. 
Wissensch. in Wien Bd: 43 (1894). 


Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 73 


aus dem Staatsarchive von Aksum. Sie wurde von einem christlichen 
Missionär vorgenommen und die bis dahin linksläufige Schrift nach 
dem Muster der griechischen rechtsläufig gestellt. Diese Reform, mit 
der sich auch die Vokalisierung der Konsonanten verband, wurde mit 
einem Male eingeführt und ist ein einheitliches Werk, für den grie- 
chischen Einfluß spricht auch die Herübernahme griechischer Zahl- 
zeichen‘). - Unmittelbar nach D. H. Müllers Publikation äußerte sich 
auch E. Glaser?) zu den aksumitischen Inschriften; er sah in der Vokal- 
bezeichnung ‚das indische System auf die sabäischen Buchstaben auf- 
gepfropft“. Zum Vergleich in schriftgeschichtlicher Beziehung wurde 
das äthiopische Alphabet noch gelegentlich von M. Lidzbarski?), 
F. Prätoriust), Th. Nöldeke:) herangezogen. 

Auf der Basis, die D. H. Müller geschafien hatte, konnte endlich 
E. Littmann, der Herausgeber des reichen inschriftlichen Materials 
der deutschen Aksumexpedition, zu einer abschließenden Charakteristik 
des äthiopischen Alphabets der Inschriften schreiten. Abgesehen von 
den bereits oben (S.57 Note 1) erwähnten Ergebnissen gelangte Litt- 
mann®) in der Hauptsache zu folgenden Resultaten: 

I. Man schrieb in Abessinien von etwa 50—350 n. Chr. die ein- 
heimische Sprache mit sabäischen Buchstaben, verwendete für 
diese aber zur selben Zeit ein direkt vom sabäischen abgelei- 
tetes Alphabet, das das Produkt einer Schriftreform darstellt. 

2. Die äthiopische Schrift war anfangs unvokalisiert und erhielt 
erst später Vokalzeichen. Man wählte unter griechischem 
Einfluß die rechtsläufige Richtung, ließ 5 sabäische Zeichen 
fallen und nahm die 24 Zeichen des Alphabets in wenig ver- 
änderter Form herüber. Diejenigen altsabäischen Zeichen, die 
den altnordsemitischen näher stehen als den sabäischen, wie 
+, H, sind dennoch aus letzterem, nicht aus einem älteren 
oder anderen Alphabete abzuleiten. T und nr, in den alten 


ı, D.H. Müllers Ausführungen schloß sich auch Th. Nöldeke (Zeitsch. d. deutsch. 
Morgenl. Gesellsch. 48 [1894', S. 378) an. Auch E. J. Pilcher legte seinem Artikel 
„Ihe Himyaritic Script derived from the Greek‘ (Proceedings of the Society of Biblical 
Archaeology 1907, S. ı23ff.) D. H. Müllers Anschauungen zugrunde, erwähnt das 
äthiopische Alphabet aber nur kurz (S. 125f.) im Zusäimmenhange mit dem Sabäischen. 

2) Die Abessinier in Arabien und Afrika, München 1895, S. 168f. 

3) Der Ursprung der nord- und südsem. Schrift, Ephemeris I (1900— 1902), S. 109 — 36. 

4) Bemerkungen zum südsemitischen Alphabet, Zeitschr. d. deutschen Morgenl. 
Gesellsch. 58 (1904, S. 715—726. 

5) Die semitischen Buchstabennamen i. d. „Beiträge zur semit. Sprachwissenschaft“, 
S. 124—136 (1904), vgl. zum selben Gegenstande auch M.Lidzbarski, Die Namen 
der Alphabetbuchstaben, Ephemeris II (1903— 1907), S. 125—39. 

6) A. a. O., S. 78 ff. 

Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 23. 6 


74 Dr. Adolf Grohmann 


Inschriften nicht belegt, waren bei Einführung der Vokale 
wahrscheinlich schon vorhanden. 

3. Die Einführung der Vokalschrift fiel ungefähr mit der Ein- 
führung des Christentums zusammen (um 300 n. Chr.) und stand 
mit der Tätigkeit christlicher Missionäre im Zusammenhange. 
Der Vokalschrift lag das bekannte nationale Alphabet (s. Punkt 2) 
zugrunde, in Littmann 7 und 26 finden sich aber für /, N, 
U, N, Å, T, ältere, dem sabäischen näherstehende Formen, 
die auch auf der unvokalisierten Inschrift Nr. 34 vorkommen 
(A, U, A), was beweist, daß die vokallose Schrift älter als die 
vokalisierte ist. 


4. Die Beziehungen der äthiopischen Schrift zum altnord- 
arabischen und südarabischen Alphabete. 


Ich möchte hier nun auf einige auffallende Erscheinungen in der 
unvokalisierten äthiopischen Schrift eingehen, die bis jetzt keine Be- 
achtung gefunden haben, für die Frage, aus welcher Form der minäo- 
sabäischen Schrift das äthiopische Alphabet entstanden sei, aber von 
Wichtigkeit sind. Ich gebe in der hier folgenden Tafel I die alt- 
sabäische Form (etwa 750—500 v. Chr.)'), die spdtsabdische’) (aus den 
ersten Jahrhunderten n. Chr., etwa bis 500 n. Chr.), die Formen der 
südarabischen Graffiti?), die entsprechenden Zeichen des lihjanischen, 
thamudenischen und safatenischen Alphabets*) und endlich die äthio- 
pischen Formen. | 

Aus dieser Tafel ergibt sich für die äthiopischen Zeichen folgendes: 

ı. Aus der linksläufigen sabäischen Schrift sind übernommen 


ALn aA 


2. Im Gegensatz zum Sabäischen änderten th, AR, W, P ihre Lage. 
ih: stellt sich verkehrt um), statt daß die eine Haste die Stütze 
bildet, wird sie Spitze und das Zeichen gewinnt so gleichsam 


1) Nach Hofmus. 14, Gl. 1699— 1702, 1724, 1642. 

2) Vgl. CIH. 1, 2, 5—8, 29, 31, 102, 308, 325, 358 usw. 

3) Von den 18 ausgewählten Abklatschen trägt keiner eine Nummer, Als Provenienz 
der Graffiti (Gl. 1472—1498, 1502—1518) ist im Tagebuche I. eine Sandsteinfelswand 
bei Jenur angegeben, ferner Damm el Kafir und Sailetel Kenz, beide bei Jenur, 
2 Abklatsche Nr. 3, 4) tragen den Namen u) a>. Ich habe natürlich nur die 
vom gewöhnlichen sabäischen Duktus abweichenden Graffiti herangezogen, die von 
mir gegebenen Formen ‘vgl. die nach Pausen hergestellte Taf. II) kommen aber auch 
auf anderen Graffiti als den mit 1—18 bezeichneten der Sammlung Glaser vor. 

4) Nach Mark Lidzbarski, Ephemeris II, S. 361. 

5) Vgl. Sabäische Denkmäler von J. H.Mordtmann und D.H. Müller Nr. 37, 
Glaser 887 = Mordtmann, Himjar. Inschriften und Altertümer, S. 39. 





Archiv fiir Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. Zu Seite 74. 


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Taf. Is Schrifttafel A. Zum Vergleich der altäthiopischen Schrift mit der altnordarabischen (Sihyamisch, Thamudenisch, 
Safatenisch), den sabäischen Graffiti, den spät- und altsabäischen. 
(Gezeichnet von Dr. A, Grohmann.) 


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Archiv fiir Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. 


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Zu Seite 75. 


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Taf. II: Die Buchstabenformen der sidarabischen Graffiti der Sammlung E. Glaser. 


(Gezeichnet von Dg. A. Grohmann.) 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 75 





an Stabilität; das altäthiopische Alphabet führt so eine Ten- 
denz völlig durch, die schon das Sabäische in sich trägt: das 
Streben nach Stabilität der Zeichen!) œ, W und P wurden 
um 90° gedreht und so gleichfalls auf eine stabilere Basis ge- 
stellt. Von den entsprechenden Zeichen des altnordarabischen 
Alphabetes zeigt das lihjanische das h in derselben Stellung 
wie das äthiopische, im thamudenischen und safatenischen 
sind beide Lagen möglich. m und d sind auch im thamude- 
nischen bereits liegend. Für die Umlegung der Zeichen mag 
außer der Stabilität auch noch die Vorliebe für den Vertikal- 
schnitt, die das äthiopische Alphabet mit dem sabäischen teilt?), 
maßgebend gewesen sein. 
3. Ihre Form änderten: 

U: Die Stütze des Zeichens ist aufgegeben, der spitze Winkel in 
Littm. 4 und den Münzen erinnert an die altsabäische Form, 
die sabäischen Graffiti 8, 16, 17 und das Altnordarabische. 

(\: Der eine Balken des sabdischen Zeichens ist verlangert und 
der Buchstabe auf die Schenkel des so entstandenen Dreiecks 
gestellt. Ein Vorläufer zu dieser Entwicklung ist das / des 
sabdischen Graffito rr, das auch lihjanische Verwandte hat. 


®: Nur Littm. 26, ı8 zeigen die altsabäische Gestalt, die aber auch 
auf den sabäischen Graffiti vorkommt, 7, 17, 34, 77 und die 
Münzen zeigen starke Verwandtschaft mit den sabäischen Graf- 
fiti 7, II, 15. 

W: Zeigt auf Littm. 26 und den Münzen die altsabäische Form, 
die auch imLihjanischen und Thamudenischen und den sabäischen 
Graffiti erscheint, neben der späteren gerundeten, die aber auch 
im Sabäischen vorkommt (auf Inschriften, die dem Altsabäischen 
nahe stehen). Dieselbe Form erscheint übrigens auch auf der 
Inschrift Littm. 8, die spätsabäischen Duktus hat. 

Z/.: Erscheint in zweifacher Gestalt: auf Littm. 7 (34, 26, 17, 3 und 
den Münzen) in einer Form, die der winkeligen spätsabäischen, 
der von Graffito 4, der lihjanischen und safatenischen entspricht 
(nur ist der Buchstabe dadurch, daß er auf dem vorderen 
Schenkel ruht, etwas verschoben); daneben ein Nachkomme 
der altsabäischen runden Form auf Littm. 7, 8, 33c, wozu be- 
sonders die Form des sabäischen Graffito 17 und die safa- 
tenische zu vergleichen ist. 


t) Auf diese Tendenz des sabäischen Alphabetes hat zuerst M. Lidzbarski, Ephe- 
meris I, S. 118, 126, aufmerksam gemacht. 
2) Vgl. M. Lidzbarski, Ephemeris I, S. 113. 
6” 


76 


an 


Dr. Adolf Grohmann 


: Weist nur auf Littm. 77 eine dreieckige Form auf, zu der das 


spätsabäische, bzw. das Zeichen auf dem sabäischen Graffito 
ıo und die gleiche lihjanische Form zu vergleichen wäre. Daß 
der Strich übrigens im Altäthiopischen durch den Ring durch- 
geht (so auf Littm. 7) ist nach der dem Sabäischen entsprechen- 
den Nebenform auf Littm. 7 zu schließen spätere Umgestaltung. 


: Zeigt im Altäthiopischen abgerundete Ecken, wie im sabäischen 


Graffito 8, 4, im Thamudenischen und Safatenischen. 


: Nur einmal (Littm. 26), wie im Altsabäischen und Lihjanischen 


regelmäßig, in der Form des Andreaskreuzes, erscheint im 
Äthiopischen gewöhnlich gerade gerichtet, wie auf dem sa- 
baischen Graffito 11, im Thamudenischen und Safatenischen. 


: Hält die altsabäische Form ein, die wohl auch die Graffiti 


zeigen mögen; nur steht mir kein Y auf Graffiti zu Gebote. 


: Zeigt im Altäthiopischen Neigung zu den Formen der sabäischen 


Graffiti und des Thamudenischen, besonders Littm. 7, 34, 26, 17, 77- 


: Nur auf Littm. 7, 26 entspricht das Zeichen dem altsabäischen, 


das aber auch auf den Graffiti belegt ist; die Formen auf Littm. 
18, 33, 34, 77 und die Münzen zeigen eine Entwicklung, die 
der Form der sabäischen Graffiti ı, 7, ır, 12 näher steht und 
sich auch im Thamudenischen findet. 


: Der altsabäischen Form, die sich auch noch später erhalten hat, 


entspricht noch Littm. 7, Littm. 26, 17, 33 und die Münzen sind 
verwandt mit den sabäischen Graffiti 4, ır und den thamu- 
denischen Formen. 


: Dem alt- und mittelsabäischen steht am nächsten das altäthi- 


opische Zeichen auf Littm. 33, die Schiefstellung des Mittel- 
striches in Littm. 7, 17 erinnert an die sabäischen Graffiti 4, 17, 
die Dreiecksform auf Littm. 34, 26, 77 und den Münzen an die 
gleiche lihjanische und die quadratische Form auf dem sabä- 
ischen Graffito ro (vgl. das lihjanische); ein Mittelding zwischen 
beiden zeigen die sabäischen Graffiti 6, 8. 


: Im Altäthiopischen erscheint es in zwei Formen, von denen 


eine (die Kreisform), die sich in der Schrift der sabäischen In- 
schriften unverändert erhalten hat, in Littm. 7, ı7 sich ans 
Sabäische anschließt, jene auf Littm. 26, 33, 34 aber ihrer 
Winkelbildung nach zu der Form auf dem sabäischen Graffito 
13 gehört. Eine ähnliche Form, nur anders gelegt, zeigt auch 
das Safatenische, eine viereckige auch das Lihjanische. 


: Erscheint schon im Altäthiopischen durchwegs mit einem 


Mittelstrich, wie auf dem sabäischen Graffito ro und im Lih- 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 77 


janischen, im Gegensatz zur sabäischen Form der Inschriften, 
die zwei Mittelstriche aufweist. 

P: An die dreieckige Form des Kopfes, wie in Littm. 7, 41, 77 
und auch auf Münzen erinnert das Lihjanische. Littm. 7, 26 
zeigen aber meist die dem Sabäischen verwandten Formen 
mit rundem Kopfe. 

P: Die durch Littm. 17, 33, 4I, 77 vertretenen Formen scheinen 

Neubildungen zu sein, der Kopf ist von der Basis getrennt und 

in Littm. 17 gerundet. Die Rundung des Kopfes erinnert an 

die thamudenischen und safatenischen Formen, die aber die 

Trennung nicht zeigen. Die Trennung des Kopfes von der 

Basis ist übrigens auch auf der im spätsabäischen Duktus ge- 

schriebenen Inschrift Nr. 8 zu beobachten. Hingegen zeigen 

Littm. 7 und die Münzen ein auf der Basis aufsitzendes großes 

Dreieck. Die Betonung des Dreiecks im Größenverhältnis 

entspricht ganz den Formen der südarabischen Graffiti 8, 9, 16 

und ist für diese und fürs Altäthiopische charakteristisch. (Vgl. 

auch die Altarinschrift von Yeha.) 

Ist im Altäthiopischen unten oflen und oben gerundet, wie im 

Thamudenischen und Safatenischen, zum Unterschied von der 

im Sabäischen und Lihjanischen gewöhnlichen geschlossenen 

eckigen Form. (Eine unten offene Form zeigt CJ H 351, das 

auch sonst paläographisch merkwürdig ist.) 

A: Mit dem Sabäischen verwandt ist nur die Form mit rundem 
Kopfe auf Littm. 7, auch hier zeigt die zweite die im Sabäischen 
fehlende Dreiecksbildung. Littm. 26, 33 und 34 zeigen eine 
Umgestaltung des Zeichens ins Dreieckmotiv. 

2,: Die spätsabäische Grundform ist noch kaum zu erkennen. Die 
beiden geraden Enden sind nach rechts gebogen und das so 
entstandene altäthiopische Zeichen auf die untere Linie als 
Basis gelegt. Eine Parallele hiezu gibt es nicht. Ähnlich 
gebildet ist nur etwa das thamudenische Zeichen. 

4. Das Altäthiopische zeigt eine Vorliebe für die Gestaltung drei- 
eckiger Formen, wie das Lihjanische und teilweise auch die 
sabäischen Graffiti. 


> 


5. Herkunft der äthiopischen Schrift. 


Überlegt man nun, daß das äthiopische Alphabet, wie es die ältesten 
Inschriften zeigen, zeitlich vom altsabäischen etwa durch ıroo Jahre 
getrennt, das Vorhandensein von altsabäischen, die Kontinuität der 
Entwicklung in der Schrift auf abessinischem Boden bezeugenden 


78 Dr. Adolf Grohmann 


Inschriften durch nichts erwiesen und die Vermutung, es habe im 
Königlichen Archiv in Aksum eine Schriftvorlage, die dem altsabäischen 
Duktus nahe stand, gegeben, aus der die äthiopische Schrift geschaffen 
worden sei, eben nicht mehr als eine Vermutung ist, so liegt es noch 
am nächsten, die Schrift der südarabischen Graffiti, die dem Altsabä- 
ischen wie dem Altäthiopischen gleich nahe steht, als Basis für die 
altäthiopische anzusehen. Ich möchte hier auch die Vermutung aus- 
sprechen, daß wir in dieser Schrift eine Art kursiver Form‘) des 
sabäischen Alphabetes zu sehen haben, die für den privaten Gebrauch 
bestimmt war. Dies liegt einmal durch den Gebrauch der Schrift in 
so zu sagen inoffizieller Weise bei den Graffiti zur Verewigung des 
Namens in Verbindung mit Tierbildern nahe und wird auch durch die 
Gestalt der Buchstaben selbst bestätigt. Gewiß spielt bei dieser das 
Material, z. B. härterer Stein ?), eine große Rolle; allein man darf dabei 
nicht übers Ziel hinausschießen. Dem Sabäer, der Graffito ı, 7, II, 12 
schrieb (vgl.Taf.II), konnte es unmöglich mehr Mühe oder Zeit kosten, statt 
der offenkundig kursiven Form die gebräuchliche Form m der offiziellen 
Inschriften einzukratzen. Ebenso verhält es sich bei œ mit der Schief- 
stellung des Striches in den Graffiti 4, 6, 17. Das große Dreieck von 
Pl in Graffito 8, 16 hat im Gegenteil sogar vielleicht mehr Arbeit ge- 
kostet als das lapidare Zeichen in ıo, und bloße Ungeschicklichkeit 
kann auch nicht der Grund für die Formgebung gewesen sein, da sich 
ein Dreieck eben, ob groß, ob klein, stets gleich bleibt. Ähnlich steht 
es mit X in Graffito r, rr oder mit 9 in 7, 1, 15, wo die Rundung 
durchaus kursiv ist. Es müßte auch merkwürdig zugehen, wenn ein 
Handelsvolk, wie die Sabäer, das auf schriftlichen Verkehr, der 
sich wohl auf Ton-, Holztafeln, Papyrus o. ä. vollzog, angewiesen 
war, keine Kursive entwickelt hätte. Kursiven Einschlag zeigen ja 
auch die drei altnordarabischen Alphabete, deren Zusammenhang mit 
der minäo-sabäischen Schrift M. Lidzbarski betont hat?.. Nun fand 


1) Wenn ich hier von „Kursiv“ spreche, so meine ich natürlich nicht eine Schrift, 
die etwa solche Abstände von der Lapidare zeigt, wie die byzantinische Schreibschrift 
von der Unziale. Derlei ist ja bei einer Schrift, deren Buchstaben sich nicht oder 
nur schwer untereinander verbinden lassen, wie die sabäische, undenkbar. Die Ver- 
änderung bezieht sich eben nur auf handlichere Gestaltung der Formen, wie in der 
punischen Kursive. 

32, Man beachte aber, daß dies Moment, das die Umwandlung runder in eckige 
Formen begünstigt, bei den sabäischen Graffiti, die hier herangezogen sind, kaum 
in Betracht kommt; denn diese sind in Sandsteinfelsen eingegraben. 

3) Ephemeris I, S. 113, s. auch E. Littmann, Zur Entzifferung der Safa-Inschriften, 
Leipzig 1901, Einleitung S. III. Es ist nicht undenkbar, daß auch hier die Form, in 
der das sabäo-minäische Alphabet nach Norden zurückwanderte, die sabäische Kursive 
gewesen ist. Das würde die so auffallende Übereinstimmung des Altnordarabischen 


Zu Seite 79. 


Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. 





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Tat. I: Schrifttafel B. Die unvokalisierte und vokalisierte Schrift der altäthiopischen Inschriften und ältesten äthio 





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pischen Handschriften. 





(Gezeichnet von Dr. A. Grohmann.) 





Über den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 79 





E. Littmann auch auf abessinischem Boden sabäische Graffiti 
(Littmann 36—38 in Toconda) und auf Littmann 36 sehen wir W 
bereits umgekehrt sh, wie im äthiopischen, & mit Schiefstellung des 
Mittelstriches; in Littmann 37 haben wir das älteste Dokument einer 
rechtsläufigen Inschrift, in Littmann 38 die Form des X wie im sabä- 
ischen Graffto 6 E. Glasers und dasselbe Y wie im Graffito 2. Die 
sabäische „Kursiv‘form, wie sie die südarabischen Graffiti zeigen, 
ist sonach auf abessinischem Boden belegt und der Schritt von 
dieser Schriftform zur nationalen altäthiopischen — oder, wie ich eben 
sagen würde, die Übernahme der sabäischen Kursive zur altäthiopischen 
Lapidare und Kursive — nach den oben erwähnten Gleichungen weder 
groß noch außer dem Bereich der Möglichkeit. Man braucht so kein 
antiquarisches altsabäisches Alphabet heranzuziehen, sondern einfach 
die natürliche Entwicklung der Dinge, die Erkenntnis der praktischen 
Seite der sabäischen Kursivschrift oder Alltagsschrift, für die Gestal- 
tung des äthiopischen Alphabetes geltend zu machen. Daß diese 
Schrift auch am Hofe eingeführt wurde und man die alte Sitte, Sabä- 
isch in der so zu sagen ornamental degenerierten Lapidare'), die um 
300 n. Chr. herum in Südarabien und Aksum in Gebrauch war, aufgab, 
zeugt für ihre praktische Bedeutung. Diese war es auch sicher zu- 
sammen mit einem Entgegenkommen an den nationalen Stolz der 
Abessinier, die es den christlichen Missionären nahelegte, die einmal 
nun vorhandene Schrift auch für die Bibelübersetzung zu verwenden. 
Daß man dabei von links nach rechts schrieb, muß nicht unbedingt 
griechischen Einfluß verraten — die südarabischen Graffiti laufen auch 
nach beiden Richtungen, Littmann 37 ist bereits rechtsläufig. 
Unzweifelhaft griechischen Ursprungs sind nur die Zahlen; die 
sabäischen waren eben weder ausreichend noch praktisch. 


6. Die Vokalbezeichnung der äthiopischen Schrift. 


Die vokalisierte Schrift, wie sie bereits in Littmann g vorliegt, be- 
hält die vor allem aus Littmann 7, 34, 26 bekannte Schriftform bei. 
Obwohl bereits auf diesen alten Staatsdokumenten die Vokalisation 


mit den südarabischen Graffiti erklären. Vgl. N. Rhodokanakis, WZKM XXII, 1908, 
S. 214 f. 

ı) Die sabäische Lapidare von Littmann 8 zeigt übrigens sehr starke Anklänge 
an die Schrift der Graffiti bzw. späte Formen. Man vergleiche die Buchstaben 
3 = UW 3, 4 =Å 1 vor allem K, (P) d mit Trennung des Dreiecks von der 
Stütze, wie in Littmann 17, 33, 41, 77. Vielleicht ist es denkbar, daß man wenigstens 
bei 1 und Šš die Graffitoform in die Lapidare aufnahm. Daß für Littmann 17, 33, 
41, 77, das d von Littmann 8 eine Art Vorlage abgegeben hat, ist nicht recht denk- 
bar, die graphisch ältere Form ist jedenfalls in Littmann 7 erhalten; allerdings zeigt 


80 Dr. Adolf Grohmann 


voll durchgeführt war, hat man doch auch noch später, wie die Mün- 
zen und die äthiopischen Graffiti zeigen, in archaischer Weise teils 
ohne Vokale, teils in halbvokalisierter Schrift geschrieben. Die Art 
und Weise, wie die Vokale bezeichnet werden, hat A. Dillmann’) 
mit größter Genauigkeit beschrieben und was noch aus den Inschriften 
beizubringen war, haben D. H. Müller?) und E. Littmann?) gegeben. 
Ich möchte hier nur kurz darauf verweisen, daß bezüglich des Ur- 
sprungs der Vokalisation drei verschiedene Erklärungen einander gegen- 
überstehen. 

Nachdem schon Job Ludolf die Meinung ausgesprochen hatte, der 
Schöpfer der äthiopischen Schrift habe die griechischen Vokale ge- 
kannt (vgl. S. 65), meinte Klaproth‘), daß die Äthiopier die sieben grie- 
chischen Vokale übernommen hätten, was bereits U. F. Kopp5) be- 
richtigte. Für W. Jones war die äthiopische Vokalisation ein Grund 
zum Vergleiche mit der indischen Schrift (vgl. S. 66); ihm schloß sich 
auch U. F. Kopp an, indem er in der Anhängung der Vokale einen 
nachherigen Zusatz sah, „der von einer vielleicht vorhanden gewesenen 
Kenntniß und Nachahmung indischer Schriften herkommt‘“‘ć), Jones Mei- 
nung teilte auch R. Lepsius’). A. Weber?) beschäftigt sich eingehend 
mit der äthiopischen Vokalisation. Ihr Prinzip ist seiner Ansicht nach 
dasselbe wie das der indischen und arianischen Alphabete, er sagt 
aber selbst: „direkte Gleichheit der Bezeichnung findet allerdings eben- 
so wenig statt, wie bei diesen beiden‘. Eine Übertragung der indischen 
Vokalbezeichnung aufs Äthiopische nahm auch E. Glaser an (vgl. S. 73) 
A. Dillmann?) sah in der Erfindung der Vokale „eine Tat des abyssi- 
nischen Volks“. Über D. H. Müllers und E. Littmanns Ansicht 
s. oben S. 73f. 


Von den beiden gegen die unabhängige Erfindung der Vokale ge- 
richteten Ansichten hat noch diejenige den meisten Schein von Wahr- 
scheinlichkeit für sich, die im indischen Vokalsystem die Quelle des 
äthiopischen sieht. Daß dies aber eben nur Schein ist, soll hier dar- 


sich auch da gelegentlich schon die Trennung des Dreiecks durch eine Linie von 
der Basis. 

1) Grammatik der athiopischen Sprache, S. 20 ff. 

2) Epigraphische Denkm. aus Abessinien, S. 6gf. 

3) Deutsche Aksumexped. Bd. IV, S. 79f. 


> 


) A. a. O., S. 537, ebenso S. de Sacy, Hupfeld, W. Gesenius und J. Bird. 
\ A.a. O., S. 346. 

} A. a. O., S. 360. 

7) A. a. O., S. 74 ff. 

8 A.a. O., S. 404. 

9) Grammatik der äthiopischen Sprache, S. 20. 


a U 


Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 81 


getan werden. — Da die Einführung der Vokalschrift nach E. Litt- 
mann (a. a. O. S. 79) unzweifelhaft um 350 n. Chr. stattfand, kommen 
für die allfällige Entlehnung nur folgende indische Alphabete in Be- 
tracht’): 

ı. Das Brahmaalphabet etwa 350 v. Chr. bis 350 n. Chr. 

2. das Kharosthialphabet etwa 350 v. Chr. bis 200 n. Chr., 
von denen das Brahmaalphabet, wie es von Christi Geburt bis etwa 
350 n. Chr. im Gebrauch war, noch am ehesten zum Vergleich heran- 








Grundform 
mit 4 mit u mit e 
g N Ov n 
gt g XIII 9 VIII 


y E S 


13 II 13 II 


32 II 32 XVII 
t A 3. A 
aıl 21 XVII 2ı IX 
bh A de 
29 I ag Il 
a J T 
15 VI ı5 VIll 
t c a 
16 VI 16 V 
a Ir I 
20 VIII 20 IX 
th © ~O 
a2 Ul 22 1X 


Abb. 8: Spezimina der Vokalbezeichnung für (a) & und e in der Brahmaschrift. 


gezogen werden kann. Auffällig ist vor allem die Inhärenz des a 
(wohl als des häufigsten) Vokals, die sich auch im Kharosthi findet — 
allerdings auch bereits in der persischen Keilschrift?).. Die Vokale 


1) Ich entnehme die folgenden Daten aus G. Bühler, Indische Paläographie (StraB- 
burg 1896) im Grundriß der Indo-Arischen Philologie und Altertumskunde 1.Bd., 11. Heft, 
S. ıoff. und wähle daraus nur das in Bezug auf das Äthiopische Wichtige aus. Für 
alle paläographischen Angaben sei auf Taf. III seines Werkes verwiesen. 

2) Vgl. A.Weber, Zeitschr. d. deutsch. Morgenl. Gesellsch. 10 (1856), S. gor, Note 2. 


82 


Dr. Adolf Grohmann 


aber sind mit zwei Ausnahmen durchwegs vom Athiopischen grund- 
verschieden bezeichnet. Zur leichteren Orientierung seien diese beiden 
Falle (u, e) auch hier als Spezimen der indischen Vokalisation auf- 
gefiihrt?). 

Im indischen Brahmaalphabet sind nun die Vokale auf folgende 
Weise ausgedriickt. 


u 


Sc 


S| 


durch Verlängerung des rechten Balkens nach unten und An- 
satz zweier Horizontalstriche rechts oder eines links oder 
rechts, oder Ansatz zweier Striche ohne Verlängerung des 
Balkens (vgl. das äthiopische u). 


durch einen geraden nach unten gerichteten Strich an der 
rechten unteren Seite der Grundform, der sich gelegentlich 
wie deren Verlängerung oder Stütze ausnimmt, durch Ansetzung 
eines geraden oder etwas gebogenen Striches an der rechten 
Seite in der Mitte oder am Fuße der Grundform (gelegentlich 
z. B. gu 9 VI durch beide Arten zugleich). 


durch Ansetzung eines ringförmigen offenen Hakens oben am 
Kopfe, rechts an der Spitze des oberen Querbalkens, oder am 
Kopfe des rechten oder linken Vertikalbalkens. 


durch einen nach links gebogenen Strich, rechts oder links 
oben an der Grundform. 


durch einen geraden oft schief nach aufwärts gerichteten Strich, 
rechts oben, selten rechts in der Mitte der Grundform. 


durch einen geraden, selten schief aufwärts gerichteten Strich 
links oben am Kopfe oder mehr gegen die Mitte der Grund- 
form, der gelegentlich auch durch diese hindurch geht, oder 
oben links innen nach unten angebracht ist (vgl. äthiopisches 2). 


durch einen horizontalen Strich oben über der Grundform, 
der gelegentlich durch diese geht, auf einem vorhandenen 
Horizontalbalken rechts normal aufliegt; durch Ansetzung eines 
Horizontalstriches rechts in der Mitte und links oben an der 
Grundform, eines Striches rechts und links in der Mitte oder 
oben an den linken oder rechten Balken der Grundform. 


Vergleicht man nun damit die altäthiopische Vokalisationsart, so er- 
geben sich sofort durchgreifende Unterschiede. 


a) Im Indischen ist zwischen uU und i und i und I geschieden, im 
Athiopischen nur ii und 1 vorhanden, Ñ, ï (Öö, > ë geworden. 


1) Nach G. Bühler, a.a. O. Taf. III, Die Brahma-Schrift von Chr. Geb. bis ca. 
350 n. Chr. 


Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 83 


b) Dagegen fehlt im Indischen die spezielle Bezeichnung des é und 0. 
Was die Art der Bezeichnung der Vokale im Altäthiopischen anlangt, 
so wird: 

aw durch einen Horizontalstrich rechts in der Mitte mit gelegent- 

licher Stützung der Grundform (U), Z, T), selten unten (Q,, 2»), 

einmal (A) auch rechts innen durch einen schiefen Strich be- 

zeichnet (vgl. das indische U). 

ı fast regelmäßig durch einen geraden Strich rechts unten am 

Fuße der Grundform, die öfters gestützt wird (Ausnahme /),). 
a durch Verkürzung des linken Balkens, bzw. rechte Stützung 

der Grundform oder Ansatz eines Striches links (bei („, G 

rechts) an der Grundform. 

e regelmäßig durch Ansetzung eines Ringes rechts unten an die 
Grundform (bei /\, A innen, RB in der Mitte) oder an die Stütze 
derselben. 

ist auf verschiedene Weise bezeichnet: r. durch Knickung des 
linken bzw. mittleren Balkens (4), $\, 4:), 2. durch Anbringung 
eines schiefen bzw. Schiefstellung eines vorhandenen Striches 
oben in der Mitte des Zeichens A, ñ, +, U, 9), 3. durch 
Anbringung eines geraden Striches in der Mitte links (rf\}), oben 


links (h, 4, N. H), unten links innen (Ñ), oben rechts (C, Ar, 
P, R, C), 4. Stützung des Zeichens links (J, 4), 5. Ansatz 
eines Ringes links innen (q) oder 6. zweier Striche am Fuße 
(8&,). (Vgl. das indische £.) 

durch Stützung der Grundform links (lJJ in der Mitte), bzw. 
Verkürzung ihres rechten Balkens oder Ansatz eines Ringes 
(Dreiecks) oben. 

Eine prinzipielle Ähnlichkeit zwischen dem Brahmı und dem Äthio- 
pischen bezüglich der Vokalisation ist also nur in drei Punkten vor- 
handen: 

I. in der Inhärenz des d in der Grundform. 

2. in der Bezeichnung der Vokale durch Striche. 

3. speziell in der Art der Vokalbezeichnung für ZU und ë. Gemein- 
sam ist hier bei U die Anbringung eines Striches rechts und seine 
Ansetzung an eine Verlängerung bzw. Stützung des Balkens (/, SL). 
Man beachte aber, daß eigentlich nur % im Indischen ausschließlich 
rechts bezeichnet wird, wie Kim Äthiopischen und für & auch andere im 
Äthiopischen nicht vorhandene Möglichkeiten der Bezeichnung gegeben 
sind. — Ebenso auch bei č. Die Anbringung eines Striches links ist 
beiden Alphabeten gemeinsam, hingegen fehlen dem Brahmi alle an- 
deren Bezeichnungsmöglichkeiten des Altäthiopischen. 


Wc 


el 


84 Dr. Adolf Grohmann 


Von diesen drei Punkten ist ersterer auch in der persischen Keilschrift 
geltend zu machen, der zweite und dritte fällt wegen der überwiegend 


verschiedenen Anwendungsart nicht sehr ins Gewicht. 


Die Entlehnung 


der Vokalbezeichnung aus indischer Quelle ist sonach nur in den Be- 
reich einer sehr hypothetischen Möglichkeit zu verweisen. Es ist viej 


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Abb. 9: Cod. Tubing. M. a. IX. 33. fol. 83r (Anfang des XVI Jh.). 


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wahrscheinlicher, daß die Erfindung der Vokale ein Verdienst der 


christlichen Missionäre ist und unabhängig erfolgte. 


Ist bei ihnen 


aber gewisse Kenntnis der indischen oder einer ähnlichen Vokalisation 
vorhanden gewesen, so würde deren grundverschiedene Anwendung 
im Äthiopischen eben wieder ihre eigene Erfindung darstellen, die 
darum nicht weniger geistreich wäre. 


Uber den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 85 





7. Weiterentwicklung der äthiopischen Schrift. 


Betrachtet man die Buchstabenform der ältesten Hss. im Vergleich 
zu denen der Inschriften, so ergibt sich, daß eigentlich die Schrift 
völlig gleich bleibt. Für das griechische TI, das in den Eigennamen 
der Bibel vorkam, finden wir zwei neue Zeichen verwendet nr und T''), 
die in den altäthiopischen Inschriften nicht vorkommen und wohl auf 


die Bibelübersetzung zurück zu führen sind. A ist formell an ange- 
glichen, graphisch aber vielleicht, wie H.Grimme vermutet, aus \ + U 





Abb. 10: Cod. Tubing. M. a. IX. 13. fol. 80° (Anfang des XVII. Jh.). 


entstanden. Sonst aber hat sich nichts geändert. Dieser Konservati- 
vismus zeigt sich in der Schrift der Hss. des 13. bis 19. Jahrhunderts, 
ja eigentlich bis heute. Es war stets nur die Größe der Buchstaben, 
die gewechselt hat, oder die schlankere oder kräftigere Betonung der 
Balken, gelegentliche Schweifung, die Form der Häkchen u.ä. Die 
ältesten Handschriften (13. bis 14. Jahrh.) sind in markigen eckigen 
Zügen geschrieben, bei denen statt der späteren Rundungen die Drei- 


1) Vgl. Job Ludolf, Gramm. aeth. Ed. II, S. 7. 


86 Dr. Adolf Grohmann 


ecksformen bevorzugt sind. Man vergleiche besonders P, P, V, A; A 
(siehe Tafel III und Abb. ı, 2) in Aeth. 21r der Wiener Hofbibliothek 
(13. bis 14. Jahrh.), ferner auf der Stiftungsurkunde Amda Sıyons (1314 
bis 1344 n. Chr.) in der Hs. Borg. äth. 3 der Vaticana') und in der Notiz 
auf Fol. 162” des Cod. Paris. Eth. 22, der aus derselben Zeit stammt 





Abb. JJ: Lefafa Sedek. Wien, Privatbesitz. (Ende des XVIII. Jh.) 


(Abb. 4). Ein gutes Beispiel für den Duktus dieser Zeit bietet auch Cod. 
Vindob. Aeth. 5 (Mitte des 14. Jahrh., Abb. 3). In diesen Hss. ist auch diet 
für die alten Mss. des 13. bis 15. Jahrh. charakteristische Form des 
(P angewendet, die schönsten Hss. dieser Zeit stammen aus der 
Schreiberschule zu Aksum. Die Vorliebe für eckige Züge herrscht 


1) Vgl. N. Roupp, Zeitsch. f. Assyr. XVI 1902), Taf. IV. 


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Zu Seite 9. 


Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. 





Taf. IV: Cod. Mus. Brit. Or. 706. fol. 134r 


(zw. 1478 u. 1494 n. Chr.). 





Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. Zu Seite 87. 





Taf, V: Cod. Mus. Brit. Or. 706, fol, 3: 
(zw. 1478 u. 1494 n. Chr.). 





Archi 





Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 87 


auch noch im 15. Jahrhundert vor, so in der Hs. Or. 706 des British 
Museum (zwischen 1478 u. 1494 n. Chr., Taf.IV u.V) und Cod. Aeth. 5 der 
Kgl. Universitätsbibliothek zu Upsala (Abb. 7, Anfang des r5. Jahrh.). 
Das 16. Jahrhundert liebt mehr lange, gestreckte Formen; auch hier 
zeigt sich noch Vorliebe fiir eckige Ziige (Abb. 5, Cod. Vindob. Aeth. 20), 
die sich erst in der zierlichen Schrift verliert, die um die Wende des 
16. und Anfang des 17. Jahrhunderts in Gebrauch kommt und die ,,feine“ 
(Rakik) genannt wurde (z. B. Cod. Aeth. Tubing. M. a. IX. 13, Abb. 9, ro). 
Den ästhetischen Höhepunkt erreicht die äthiopische Schrift in der 
Unziale:) (Guelh), die um die Mitte des 17. Jahrhunderts aufkommt und 
besonders unter “Yyasu I. (1682 bis 1706) gepflegt wurde. Die Buch- 
staben erreichen hier gelegentlich die Höhe von ı cm. Als Beispiel sei 
Cod. Vind. Aeth. 9 (Abb. 6, Mitte des 17. Jahrh.) gegeben. Nach 'Yyasul. 
verfällt die Schreibkunst rasch. Das ausgehende 18. Jahrhundert zeigt 
gelegentlich noch feinere Züge (ein Beispiel in Abb. rr, ein Stück aus 
einem Lefafa Sedek im Besitz von H. Prof. K. Wessely in Wien), im 
allgemeinen ist die Schrift aber dickzügig und unschön. 

Ebenso bleibt es im rg. Jahrh. und auch der moderne Duktus kann 
sich mit dem vergangener Zeiten nicht entfernt messen. Nur in Gon- 
dar hielt man lange die Traditionen der guten alten Zeit aufrecht und 
noch zu E. Rüppells Zeiten (erste Hälfte des ıg. Jahrh.) wurden dort 
Hss. in feinerem Duktus geschrieben’). 


1) Unziale soll hier natürlich nur im Sinne von „Großschrift, Prunkschrift‘ ge- 
braucht sein. Die Bedeutung von guelh ist „grandior, crassior“. Vgl. C. Conti 
Rossini, Journal Asiatique XIX (1912', S. 563. 

2) Wenn die Reproduktionen Taf. I und III nicht ganz so ausgefallen sind, wie es 
wohl mir und manchem Leser lieb wäre, so liegt dies daran, daß sie nach den ersten 
Klischees angefertigt werden mußten, die die Originale in etwas zu starker Verkleine- 
nerung (ca. 1/12) wiedergaben. Meine zur nochmaligen Reproduktion knapp nach 
Ausbruch des Krieges nach Leipzig entsandten Originale sind nämlich leider ver- 
loren gegangen. In Taf. III gebe ich die erste Reproduktion zusammen mit der nach 
ihr verfertigten zweiten, 





Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares: 


Timothe Brights Characterie 


entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. 
Von Dr. Paul Friedrich. 


Einleitung. 


m Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellschaft von 1897!) brachte 
Dewischeit zum ersten Male den bestimmt gefaBten Gedanken, zur Er- 
klärung der Abweichungen vieler Shakespearequartos von den Folio- 
versionen die Brightsche Stenographie heranzuziehen. Die Idee selbst, 
als eine Ursache der oft schlechten Überlieferung mancher Dramen eine 
mangelhafte Aufnahme durch einen Geschwindschreiber anzunehmen, ist 
schon älter. Bereits Dyce?), Collier?), Knight?) äußerten solche Ver- 
mutungen. Der Engländer Levy hat sich schon mehrfach mit Unter- 
suchungen beschäftigt, doch sind seine Ausführungen oft sehr unbestimmt. 
Erst Dewischeits Darlegungen sind klar, im einzelnen bestimmt und wissen- 
schaftlich wertvoll. | 
Wir kennen Brights Stenographie aus dem Lehrbuche, der ‚„Characterie‘‘, 
von 1588. Die erste ausführlichere Darstellung des Systems brachte 
Pocknell, der Präsident der ,,Shorthand Society“. Im Jahre 1884 gab er 
der „Phonetic Shorthand writers Association‘“‘ einen Bericht über Brights 
Stenographie®), die er nach dem damals einzigen bekannten Original der 
Bodleiana®) studiert hatte. Seine Darlegungen erstrecken sich aber nicht 
auf die ganze ,,Characterie‘‘. Alle bisherigen Ausführungen — auch die 
Pocknells — über Brights Kunst waren immer nur Beschreibungen des 
Systems an sich, gingen aber nicht auf die Entstehung dieser ersten moder- 
nen Kurzschrift ein. Die folgende Arbeit versucht nun, das Brightsche 
Stenographiesystem zu besserer Erkenntnis seines Wesens und Zweckes 
nach seiner Entwicklung darzulegen, es kritisch zu betrachten und weiter- 
hin seine Bedeutung für die Shakespearestudien im besonderen zu kenn- 
zeichnen. 
1) Sh. J. (= Jahrbuch der deutschen Shakespearegesellschaft) Bd. XXXIV, 
S. 170, u. A. f. St. (= Archiv fir Stenographie) 1897. 
2) Dyce’s Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. ror. 
3) Colliers Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 469, vol. V. 
4) Knights Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 4. 
5) The Phonetic Journal 1884, p. 86. — Shorthand, a scientific & literary magazine, 


p. 126, 1884. 
6) Signatur „Douce W. 3“. 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 89 


ERSTER TEIL. 
Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 
J. Kapitel. 
England als Vaterland der modernen Kurzschrift. 


ie Erfindung der Kurzschrift läßt sich in gewisser Hinsicht als ein 
Doo o Akt ansehen gegenüber dem Entwicklungsgange der Laut- 
schrift, der als ein analytischer Prozeß hingestellt werden kann. — Der erste 
Versuch des Menschen, seinen Gedanken Dauer- und Wiedererzeugungs- 
sicherheit zu verleihen, ist das Schreiben in Bildern gewesen. Amerika- 
nische Steinzeichnungen enthalten stets für einen ganzen Gedanken nur 
ein Zeichen, ein Bild. Das war bereits ein Auflösen des Vorstellungskom- 
plexes. Eine Weiterbildung auf analytischem Wege ist es, wenn die Ägypter 
ein Zeichen nur für einen Begriff, ein Wort verwenden. Den nächsten 
großen Schritt, die Zergliederung in Silben brachten die Babylonier. Euro- 
päisch-arische Völker gebaren wahrscheinlich den Genius, der mit feinem 
Ohr und scharfem Sinn das Wort noch als ein zusammengesetztes Gebilde 
erlauschte und aus dieser Erkenntnis heraus die Buchstabenschrift erfand!). 
Hohe Kulturbedürfnisse und Reichtum der Sprache ließen im Laufe der 
Zeiten begabte Völker auf den Wunsch kommen, die Aufzeichnung der 
Rede und der Gedanken schneller zu ermöglichen, als die Lautschrift es 
gestattete. An Deutlichkeit und Richtigkeit durfte aber nichts eingebüßt 
werden. Abkürzungen sind wohl der erste Schritt zur bewußten Bildung 
einer Kurzschrift gewesen. Die vielen gebräuchlichen Abkürzungen im 
Lateinischen sind Anzeichen dafür. Hierin zeigt sich schon eine gewisse 
Neigung zum Zusammensetzen. Der Erfinder einer Stenographie mußte 
sich immer bemühen, alles, was die Lautschrift ausführlich darstellte, zu 
verdichten, räumlich und zeitlich. In diesem Streben nach Verschmelzung 
bekundet sich ein synthetischer Vorgang. Schon im vierten Jahrhundert 
vor Christus scheint eine griechische Kurzschrift bestanden zu haben. Den 
Höhepunkt antiker Tachygraphie bedeutet aber Tiro, der Freigelassene 
Ciceros. Daß das Latein gerade eine solche lebensfähige Geschwindschreibe- 
kunst hervorgebracht hat, nimmt bei dem Hochstande dieser Sprache in 
jeder Hinsicht nicht wunder. — Mit der alten Kultur ging für das Abend- 
land auch Tiros Kunst verloren. Ganz vergessen war sie freilich nicht. 
Das brachte ja schon das Studium des Lateinischen mit sich. Dem Kloster- 


1) Archiv fiir Schriftkunde. 1914. Jahrgang I. Nr. ı weist Reinhold Frhr. 
v. Lichtenberg in einem Aufsatz ‚Ursprung u. Alter der Buchstabenschrift‘‘ die An- 
sicht zurück, unsere Buchstabenschrift leite sich von den semitischen Phönikiern ab. 
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 23. 7 


90 Paul Friedrich 





fleiB der Karolingerzeit verdanken wir tiberhaupt in erster Linie unsere 
Kenntnis der tironischen Noten. Aber praktische Bedeutung besaBen sie 
damals schon nicht mehr. Bald stirbt auch die gelegentliche Anwendung 
der römischen Tachygraphie vollständig aus. Aus dem Jahre 941 stammt 
die letzte deutsche, aus 1067 die letzte französische Urkunde, in der sich 
tironische Noten finden. In den einzelnen Sprachen entwickelte sich dann 
— gleichsam als eine Vorstufe zur Neubildung einer Stenographie — ein 
üppiges Abkürzungswesen. Schon im frühen Mittelalter besteht in Eng- 
land eine Kurzschrift, die mit dem Namen John of Tilbury verknüpft ist!). 
In drei Handschriften ist uns seine ‚‚ars notaria‘‘ überliefert. Doch diese 
Stenographie bezog sich wieder auf das Lateinische. Schon aus diesem 
Grunde, weil sie nicht für die Landessprache des Erfinders berechnet war, 
kann man sie nicht als modern bezeichnen. Vor dem Humanismus war 
überhaupt das Geistesleben der neuen jungen Völker Europas noch nicht 
reich und rege genug, um das Fehlen einer Kurzschrift in der National- 
sprache als einen Mangel zu empfinden. Die Renaissancezeit selbst aber 
mit ihrer übermächtigen Schätzung alles Klassischen war im allgemeinen 
der Pflege heimischer Sprache nicht günstig. 

Am ehesten rang sich in England die Muttersprache durch, vor allem 
hat das Inselreich auf diesem Gebiete früher Einheitlichkeit erreicht als 
z. B. Deutschland. Das Vorhandensein einer allgemein verstandenen 
Schriftsprache ist aber erste Vorbedingung für die Blüte nationalen Lebens. 

Die Engländer besaßen 1623 bereits Shakespeares, ihres größten Meisters 
Werke im Druck; in Deutschland sagte Opitz um dieselbe Zeit in einer latei- 
nischen Abhandlung, daß deutsch zu schreiben auch für Gelehrte keine 
Schande sei. 

80 Jahre vorher (1545) schon schrieb der elisabethanische Pädagog 
Roger Ascham seinen ‚‚Toxophilus‘ in englischer Sprache und sagte in der 
Vorrede vaterlandsstolz, wie hoch er seine „English tongue‘‘ schätzte?). 

12 Jahre später erschien ein großes Geschichtswerk in Englisch, Holin- 
sheds Chronik. Die Liebe zur heimischen Sprache und ihre Anerkennung 
brachte auch früh die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr mit sich. 
1559 veröffentlichte Th. Wilson eine ‚‚Arte of Rethoricke‘‘. 9 Jahre darauf 
finden wir bei Smith in einer Schrift über das Griechische eine Abhandlung 
„de recta et emendata Anglicae scriptione‘‘. 1586 druckte William Bul- 
lokar, der sich viel mit grammatischen, orthographischen und phonetischen 


1) Arthur Mentz, „Zwei Stenographiesysteme des späteren Mittelalters‘. Sonder- 
abdruck aus dem Korrespondenzblatt, der amtlichen Zeitschrift des Königl. Stenogr. 
Landesamts zu Dresden. 57. Jahrgang, 1912, Nr. 6—9. 

2) Roger Ascham, English works ed. by W. A. Wright. Cambridge 1904, p. X. 
„I — haue written this Englishe matter in the Englishe tongue, for English men.“ 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 91 


Studien beschäftigte, die erste englische Grammatik ‚‚the bref Grammar“. 
Der Hochstand der heimischen Sprache in England ist nun zweifellos die 
Ursache gewesen, daß dieses Inselreich auch das Vaterland der neuen 
Stenographie wurde. 1588 erschien in London ein Büchlein ,,Characterie, 
an Arte of shorte, swift and secrete writing by Character. Invented by 
Timothe Bright, Doctor of Phisike“. In diesem Schriftchen haben wir 
das erste moderne Stenographielehrbuch vor uns, es enthält die erste neue 
Kurzschrift in der Nationalsprache des Autors, „being altogether of Eng- 
lish yeeld‘‘. 

Ein so wichtiges Ereignis wie die Neuerfindung der Stenographie muB in 
Verbindung mit den geistigen Kulturerscheinungen seiner Zeit betrachtet 
werden. Die Kurzschrift läßt sich nun gewiß nicht von der Schrift und 
damit von der Sprache trennen. Die ‚Characterie‘‘ zeigt deutlich, mit 
welcher Liebe der Verfasser zu seiner Sprache erfüllt war, und das Volks- 
idiom war im geistigen und wirtschaftlichen Leben der Nation bereits in 
solchem Umfange bedeutungsvoll, daß die Kurzschrift auch als ein Be- 
dürfnis empfunden wurde. Andernfalls wäre Brights Stenographie nicht 
so verbreitet gewesen und hätte nicht so viele Nachahmer gefunden. Eine 
wissenschaftliche Durchdringung des Sprachlichen nach grammatischer 
Hinsicht kann man in der ‚‚Characterie‘‘ noch nicht entdecken. Darin war 
eben Bright noch ein Kind seiner Zeit. Trotzdem er die alten Sprachen 
kannte, war ihm doch eine solche grammatische Betrachtung, wie er sie 
dort gewohnt war, bei seiner Muttersprache noch nicht geläufig. Die erste 
englische Grammatik war erst 1586 erschienen und kann eher als ein 
orthographisches Reformbuch als eine Grammatik in unserem Sinne be- 
zeichnet werden. Die zu geringe Beachtung des Logisch-Formalen im 
Brightschen System ist von ungünstigem Einfluß gewesen. Im allgemeinen 
sei hier noch bemerkt, daß die Characterie von dem Gedanken ausgeht, als 
Konstruktionselement das Wort hinzustellen, und zwar das Wort in seiner 
Bedeutung, erst in zweiter Linie das Wort in seiner Form. Brights Kurz- 
schrift ist eine Wortstenographie. Die späteren Systeme, schon das von 
Willis 16021) gingen — eine analytische Weiterbildung — zur Buchstaben- 
kurzschrift über. So bestätigt sich auch hier die Richtigkeit des oben er- 
wähnten Gedankens, daß uns in der Geschichte der Schrift ganz aus- 
geprägt analytische Tendenzen begegnen: von der Bilderschrift bis zur 
Buchstabenschrift. Die Erfindung der Stenographie dagegen ist unzweifel- 
haft ein synthetischer Vorgang, in ihrer Weiterbildung erst wandelt sie 

1) The Art of Stenography, teaching by plaine and certaine rules, to the capacitie 
of the meanest, and for the use of all professions. The way of compendious writing. 
Whereunto is annexed a very easie direction for Steganographie, or Secret Writing. 


At London. Printed to Cuttbert Burbie 1602. 
7* 


92 Paul Friedrich 


wieder analytische Wege. Uns tritt also in der Entwicklung der Schrift 
ein ähnlicher Wechsel entgegen wie in der Sprache. Auch hier ist das älteste 
Stadium die analytische Bildung gewesen. Dann strebte alles zur synthe- 
tischen Bildung, wie sie z. B. das Lateinische oder Griechische erkennen 
läßt. Unsere heutigen Sprachen befinden sich bereits wieder weit auf 
analytischem Wege, besonders das Neuenglische. 


2. Kapitel. 
Bright und sein Vorläufer Tilbury. 


Timothe Bright!) wurde im Jahre 1550 oder 1551 in Cambridge geboren. 
Seine Eltern waren arm. Deshalb wurde er nur als subsizar am 21. Mai 
1561 am Trinity College seiner Vaterstadt immatrikuliert. Für einen 
Knaben von ıı Jahren erscheint uns heute der Universitätsbesuch reich- 
lich früh, doch in der elisabethanischen Zeit schickten die Eltern ihre 
Söhne viel zeitiger ‚‚to college‘‘ als heute. Timothys Tutor war Vincent 
Skinner, ein Mann von hohen geistigen Fähigkeiten. Diese beiden haben 
ihr Leben lang Freundschaft gehalten; tutor und pupil standen sich damals 
oft viel näher, als es jetzt der Fall sein soll. Skinner spielte später eine 
wichtige Rolle in seines Schülers Lebensgang. Schon das erste Jahr, das 
Bright als Student verlebte, wurde ereignisreich für ihn; die jungfräuliche 
Königin kam zum Besuche der Universität. Fünf Tage lang dauerten die 
Festlichkeiten. Wie mögen jene glänzenden Feiern des Knaben Herz und 
Sinn bewegt haben! Als er 25 Jahre später der Königin seine neue Kunst 
widmete, werden ihm die Cambridger Jugendtage wieder aufgestiegen sein. 
1568 erlangte er den akademischen Grad des B. A. Da er Medizin studieren 
wollte, ging er zur besseren Ausbildung auf den Kontinent. Die englischen 
Universitäten konnten sich damals noch nicht messen mit den altberühmten 
von Paris, Montpellier, Pisa oder Padua. Vielleicht hat Bright einen 
reichen Gönner begleitet, Sir Francis Walsingham; 1572 finden wir ihn in 
Paris. Mit knapper Not entging er hier durch seines Gönners Schutz jener 
schrecklichen Nacht vom 23. zum 24. August, der berüchtigten Pariser 
Bluthochzeit. Mit Sir Philip Sidney zusammen war er ins Haus des eng- 
lischen Gesandten, eben jenes Walsingham geflohen. Zurückgekehrt ins 
Vaterland, erwarb er sich den M. A. in Cambridge und wurde 1579 M. D., 
medicinae doctor. In diesem Jahre verheiratete er sich auch. Dann 
scheint er sich in seiner Vaterstadt als Arzt niedergelassen zu haben. 
Seiner Ehe entsprossen 8 Kinder. 


1) Zu Brights Leben vgl.: Dictionaryof National Biographie, William J. Carlton, 
Timothe Bright Doctor of Phisik. A Memoir of ,,the father of modern shorthand". 
London IgII. 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 93 


Auf medizinischem Gebiete ist gerade das Zeitalter Shakespeares eine 
Übergangsperiode. Bright war eigentlich mehr in den klassischen Sprachen 
vorgebildet als in den Naturwissenschaften. Die Ärzte fußten damals 
meistens noch auf Galen, Hippokrates und Aristoteles. Zu eigener selbst- 
ständiger Naturbeobachtung hatten sich nur wenige durchgerungen. 1580 
veröffentlichte Bright eine kleine Schrift ,,A Treatise, Wherein is declared 
the sufficiencie of English Medicines, for cure of all diseases, cured with 
Medicine‘, eine Verteidigung der englischen Arzneimittel gegenüber den 
ausländischen. Patriotisch ist Bright also gewesen, vielleicht hat ihn sein 
Auslandsaufenthalt besonders vaterlandsstolz gemacht. Sein Erstlings- 
werk scheint Erfolg gehabt zu haben, denn bald darauf schrieb er ein Buch 
in lateinischer Sprache ,,Hygieina id est de sanitate tuenda medicinae pars 
prima, authore Timotheo Brighto Cantabrigiensi, Medicinae Doctore“. 
Ein Jahr später erschien ,,Medicinae therapevticae pars, de dyscrasia 
corporis humani.“ Auch dieses Buch hat Aufsehen erregt, 1589 schon 
wurden Hygieina und Therapeutica zusammen bereits auf dem Festlande, 
in Frankfurt am Main gedruckt. Eine seiner nächsten Schriften ist Sir 
Philip Sidney, mit dem er einst in Paris die Bartholomäusnacht durchlebt 
hatte, gewidmet. Der junge Arzt bewegte sich also in einflußreichen 
Kreisen. 1585 erlangte er den Posten eines ,,physician to the Royal Hospital 
of St. Bartholomew“‘; seine medizinischen Werke hatten ihm diese wichtige 
Stellung erworben. 25 Jahre später bekleidete der berühmte Harvey, der 
Entdecker des Blutkreislaufes, dasselbe Amt. Bright gab jetzt als Hospital- 
arzt verschiedene medizinische Schriften heraus, unter anderem auch 
„A Treatise of Melancholie containing the causes thereof and reasons of 
the strange effects it worketh in our minds & bodies. London 1586.‘ 
Dieses Buch hat wohl auch Shakespeare gelesen: ,,Brights Seelenlehre war 
die Atmosphäre, unter deren Einfluß Shakespeares Werke entstanden.‘‘!) 
Hamlets Charakter und Verhalten stimmen auffallend mit Brights Ge- 
danken überein. Diese Schrift war in englischer Sprache abgefaßt. Bright 
sagt ausdrücklich ‚‚I write it in our mothertongue, that the benefit might 
be more common.“ | 

1588 erschien das Werk, um dessentwillen er heute am meisten genannt 
wird, die Characterie. Bright hatte schon vorher seine Schriften immer 
einflußreichen Personen zugeeignet; die Characterie war der Königin selbst 
gewidmet. ‚To the most high & mighty prinze Elizabeth, by the grace of 
God, of England, Fraunce, and Ireland Queene: Defender of the Faith etc.“ 
Nicht genau wissen wir, ob er selbst das Büchlein der Herrscherin über- 


1) Sh. J. XXXI. S. r. „Über die physiologischen Grundlagen der Shakespeare- 
schen Psychologie“. Richard Loening. p. 5. 


94 Paul Friedrich 


geben hat. Im gleichen Jahre, wahrscheinlich noch vor dem Drucke der 
Characterie, stellte ihm Elisabeth ein Patent aus, in dem ihm Schutz vor 
Nachdruck und unerlaubter Veröffentlichung seiner Werke zugesichert 
wurde!). Die Ausstellung dieses Erlasses zeigt Elisabeths lebhaften An- 
teil an Brights Erfindung, denn der Tag, an dem er unterzeichnet wurde, 
der 26. Juli 1588, fällt in die bewegteste Zeit des Armadakrieges. Am Tag 
zuvor hatte ein groBer Kampf bei der Insel Wight zwischen den Englandern 
und Spaniern stattgefunden, und noch war er nicht ganz beendet. 

Vielleicht hat der arztliche Beruf Bright nicht befriedigt, schon die Be- 
schäftigung mit der doch immerhin abseits liegenden Geschwindschrift 
deutet das an. Jedenfalls konnte oder wollte er seinen Pflichten als Hospi- 
talarzt nicht mehr genügen. Nach mehrfacher Verwarnung entließB man 
ihn aus seiner Stellung. Er wurde Geistlicher. Meine späteren Ausfüh- 
rungen werden erweisen, wie sich diese Änderung des Lebensberufes, die 
wohl einer Neigung entsprochen haben mag, auch in der besonderen Aus- 
gestaltung seiner Kurzschrift ausprägt. 1591 wurde er Rektor von Methley 
in Yorkshire, in der Nahe von Wakefield?). Bald gerät er aber in trübe 
Lebenslagen. Ende 1594 nahm Bright neben dem bisherigen Amte noch 
die Stellung eines Rektors in Barwick-in-Elmet bei Leeds an und wohnte 
auch dort. Hier machte er sich um die Hebung der nahen Mineralquellen 
von Harrogate verdient. Seinen Lebensabend hat er in keiner seiner 
beiden Gemeinden verbracht. 1615 ist er zu Shrewsbury, wo sein Bruder 
Pfarrer war, gestorben. Hier liegt er auch in der Kirche St. Mary be- 
graben. Aus seinem Testament erkennen wir, daB eine seiner Lieblings- 
beschäftigungen die Musik gewesen ist. 

Timothy Bright ist nicht der erste Engländer gewesen, der eine Kurz- 
schrift erfunden hat. Um das Jahr ı200 sind 2 Entwürfe neuer Steno- 
graphiesysteme entstanden, die aber nicht mehr vorhanden sind. Nur ein 
Brief über diese neue Kunst ist uns in 3 lateinischen Handschriften (in 
London, Oxford und Florenz) erhalten. Die beiden in England liegenden 
Handschriften stimmen unter sich in den angegebenen Zeichen überein, die 
Florentiner gibt andere. Trotzdem ist erkenntlich, daß der Urheber des 
letzteren Systems auf dem Werke des ersteren basiert?); dessen Erfinder 
nennt sich uns nicht, aber V. Rose®) vermutet, daß es ein Mönch Johannes 


1) Das Dokument befindet sich heute ın Patent Office Roll, 30th Elizabeth, part 12. 
Abgedruckt ist es bei Levy „William Shakespeare and Tim. Bright. London 1910.“ 
p. 18, und bei Carlton, p. 72. 

2) Vgl. auch Phonetic Journal 1900, p. 438 u. p. 469. 

3) Arthur Mentz, ,,Zwei Stenographiesysteme des spateren Mittelalters‘‘, Dresden 
1912. 

4) V. Rose, Ars notaria, im Hermes, Bd. 8, p. 308 f. 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 95 


von Tilbury um 1200 aufgestellt hat!). Er hat die tironischen Noten gut 
gekannt, wenigstens besser als irgend ein anderer seiner Zeit. Aber trotz- 
dem er manches daraus gelernt und benutzt hat, bekämpft er sie doch sehr 
und betont die Notwendigkeit, daB man eine einfachere Schrift anwenden 
müsse. Ars notaria nennt er seine Kunst?). Wenn auch John of Tilbury 
Bright zeitlich vorangeht, kommt ihm doch entwicklungsgeschichtlich 
kaum die Bedeutung eines Vorläufers zu. Tilburys Kunst bezieht sich 
noch auf das Lateinische, erst der elisabethanische Arzt unternimmt den 
wichtigen Schritt, sein System für die Muttersprache, das Englische, auf- 
zustellen. 

Ob Bright die römische Tachygraphie, Tiros Notenschrift, gekannt hat, 
ist zweifelhaft, obgleich die Einleitung zur ‚‚Characterie‘‘ gleich mit Cicero 
beginnt: ‚Cicero did account it worthy his labour & no less profitable to 
the Roman Commonweale, to invent a speedy kind by character.‘‘ Diese 
Kunde vom Vorhandensein der tironischen Noten hat Bright sicher nur 
Andeutungen in den klassischen Schriftstellern zu verdanken, denn die 
Fortsetzung der eben zitierten Stelle ,,As Plutarch reporteth in the life of 
Cato the younger“ klingt nicht so, als ob er selbst Tiros Zeichen je ge- 
sehen hat. 

Inwieweit Bright nun Tilburys System gekannt hat, ist schwer nach- 
zuweisen. In beiden Systemen ist allerdings der senkrechte Strich zum 
Grundelement des Alphabets genommen, auch entdeckt man einige Buch- 
staben, die der Form nach bei beiden gleich sind, nämlich | I fF ır ) [- 
Doch halte ich letzteres für bloßen Zufall; die Zeichen sind so einfach und 
naheliegend, daß graphische Gleichheit nichts beweist. Selbst wenn sich 
eine genauere Kenntnis des Tilburyschen Systems bei Bright nachweisen 
ließe, so glaube ich doch nicht an eine umfangreichere Benutzung?). 
Die späterfolgende entwicklungsgeschichtliche Darlegung zeigt, daß zu- 
nächst das Alphabet Brights, wie wir es in der Characterie vor uns haben, 
erst die Frucht jahrelangen Werdens ist; also ist es keinesfalls über- 
nommen). Ferner ist Brights Werk auf ganz anderer Grundlage auf- 


1) Moser ,,Allgemeine Geschichte der Stenographie vom klassischen Altertum bis 
zur Gegenwart‘, p. 71. Mentz ist anderer Ansicht. 

2) Levy, „W. Sh. u. T. Br.“ nennt diese notarial art ein ‚‚tree alphabet‘‘, p. IL: 
»it is the alphabet of Dioscorides the philosopher, commonly called the tree alphabet.‘ 
Ich vermag dieser Auffassung nicht zuzustimmen. 

3) Im Gegensatz zu Moser, der annimmt, daB Bright auf Tilbury sich griindet, 
ohne aber einen Beweis zu erbringen. ‚Gesch. der Stenogr.‘‘ p. 118. 

4) Sh. J. XXXIV, p. 176. Dewischeit: ‚Tilbury mag vielleicht, wie Professor 
Michaelis annimmt, auf seine alphabetischen Zeichen durch die Ogham-Schrift der 
Irländer oder durch die Runen, die sich ja alle an einen Stab anlehnen, gekommen 
sein. Mit ihnen hat auch Brights Characterie vieles gemeinsam. Ja man ist versucht, 


96 Paul Friedrich 


gebaut als die ars notaria. Diese war ganz nach grammatischen Gesichts- 
punkten konstruiert!). Z. B. Stamm und Endung sind in ihr unterschieden, 
die einzelnen Verbalsuffixe haben besondere Kennzeichen. Das Formale 
ist also bei Tilbury sehr in den Vordergrund gerückt. Bei Bright aber bildet 
die Bedeutung der Wörter die Hauptsache. Seine Stenographie berück- 
sichtigt wenig die Ausdrucksmöglichkeiten für grammatisch bedingte Ver- 
änderungen der Wörter. Ihm war eine grammatische Betrachtung des 
Englischen nicht geläufig; er hatte seine Muttersprache nicht durch Regeln 
erlernt und beachtete nicht, daß auch sie Gesetzen unterworfen war. Gewiß 
bedurfte das — vom grammatischen Gesichtspunkt aus betrachtet — 
analytische Englisch gegenüber dem synthetischen Latein nicht so vieler 
Darstellungsformen für Endungen usw.; doch hätte eine genaue Kenntnis 
des Tilburyschen Systems Bright sicher veranlaßt, seine Kunst nach gram- 
matischer Seite hin etwas mehr auszugestalten. 


3. Kapitel. 


Kurze deskriptive Darstellung des Brightschen Systems nach dem 
Lehrbuche von 1588. 


Im folgenden sind der Aufbau und die besonderen Eigenheiten des 
Brightschen Kurzschriftsystems kurz dargestellt. Eine solche Beschreibung 
muß erfolgen, um den entwicklungsgeschichtlichen Darlegungen in einem 
späteren Kapitel einen ungehemmten Fluß zu ermöglichen. 

Im Jahre 1588 gab Bright das Lehrbuch seines Systems heraus. Von 
diesem Originalabdruck sind heute nur noch 3 Exemplare bekannt; von 
einem, dem in der Bodleiana, wußte man schon länger; ein zweites befindet 
sich in Cambridge, im Magdalene College unter den Schätzen, die von 
Samuel Pepys vermacht sind. Ein drittes, gut erhaltenes Exemplar wurde 
erst I9ıI aufgefunden in der Bibliothek des Earl of Crawford & Balcarres, 
in Haigh Hall, Lancashire; dieses letzte ist darum bemerkenswert, weil es 
ein Blatt enthält, das den beiden anderen fehlt, nämlich eine allgemeine 
Übersicht des Systems, eine ,,synoptical table‘‘?2). Am Schluß dieses Ka- 
pitels ist diese Übersicht wiedergegeben. 


den Ursprung beider Systeme auf die alte Devanägarischrift des Sanskrit zurück- 
zuführen, deren Buchstaben sich ja immer an einen Querbalken ‚‚mäträ‘‘ genannt 
anlehnen.‘‘ Ich halte aber Brights Erfindung für ureigen. 

1) Mentz, ,,2 Stenographiesysteme‘‘, p. 9. „Das System ist ganz grammatisch 
orientiert.‘ 

2) Vgl. Pitman’s Journal 1911r, Vol. LXX, p.4. Ein Faksimile dieses Blattes 
findet sich ferner bei Carlton ‚Tim. Bright‘‘, p. 88. — Früher sind noch mehr Exem- 
plare der Characterie bekannt gewesen, denn im A. f. St. 1911, H. 2—3, p. 108 bringt 
Johnen bei einer Besprechung des Carltonschen Buches die Anmerkung: ‚4 Exem- 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 97 


1888 veranstaltete Herbert Ford einen Neudruck des Werkes. Dadurch 
wurde dieses Büchlein dem Studium etwas leichter zugänglich. Leider 
wurde der Neudruck — wie so oft bei englischen Ausgaben — auf 100 Stück 
beschränkt, so daß auch er verhältnismäßig selten ist 1). 


Der Titel des Büchleins lautet genau: ‚„Characterie, An Arte of shorte, 
swifte, and secrete writing by Character. Inuented by Timothe Bright, 
Doctor of Phisike. Imprinted at London by J. Windet, the Assigne of 
Tim. Bright. 1588. Cum priuilegio Regiae Maiestatis. Forbidding all 
other to print the same.‘‘ Der Name ‚‚Characterie‘‘ bedeutet Zeichenkunst. 
Die Bezeichnung ‚„Shorthand‘‘ kam erst später auf. Das Werkchen 
beginnt mit einer Widmung an die Königin (S. 3—ı1). Darauf folgt eine 
Vorrede an den Leser (S. 13—16) beginnend: „Thou hast here gentle 
reader an art of short and so of speedie wryting plainly delivered vnto thee. 
So as by thine own industry, thou maiest attain unto it, if thou wilt but 
one month take paines therein, and by continuance of an other month, 
maiest thou attain to great readiness‘ usw. Daran schließen sich die 
eigentlichen Ausführungen über die Stenographie an. In 4 Teile kann 
man das Büchlein gliedern: 1) eine theoretische und praktische Erläuterung: 
The Arte of Characterie (S. 17—36)?); 2) eine Sigeltabelle: The Characterie 
Table (S. 37—47). Das ist der eigentliche stenographische Teil. 3) folgt 
ein Wörterbuch: A Table of English Words von 179 Seiten (S. 49—228). 
Daran schließen sich 4) die: Appellative Words (S. 229—256). Diese 
Raumverteilung ist ziemlich sonderbar für ein Lehrbuch der Stenographie; 
denn stenographische Zeichen finden sich, außer wenigen im ı. Teil, nur 
im 2. Teil, der selbst nur ıı Seiten umfaßt. Zusammenhängende Stücke in 
„Characterie‘‘ sind überhaupt nicht darin. Allein aus den knappen An- 


plare sind in den Jahren 1856, 1859, 1866, 1878 in Privatbesitz gewesen, jetzt aber 
nicht mehr nachweisbar (vgl. The Willis Byron Club Bulletin, I. Nr. 7. Okt. /Dez. 
1903, p. 2). — Brit. Mus. Add. Ms. 35333 Art. 7 ist eine Abschrift aus dem 16. od. 
17. Jahrhundert.‘ 

1) Trotz der Versicherung Fords in dem Begleitwort ‚In every detail I have 
followed the original, preserving the exact spacing and pagination, as well as the 
quaint old-style spelling‘‘ hat der Neudruck doch manche Mängel. Auch dieser Neu- 
druck ist recht selten geworden, da nur 100 Exemplare zur Ausgabe gelangt sind. 
Nicht stimmt jedoch die Angabe im Arch. f. Sten. 1901, p. 225, Anm.: ,,In Deutsch- 
land besitzen nur die Bibliotheken des Dresdner Institutes, sowie des Stenographen- 
vereins zu Berlin u. Dr. Johnen in Düsseldorf je ein Exemplar dieses Neudrucks.“‘ 
Ich habe außer dem Dresdner Exemplar noch das aus der Freiburger Universitäts- 
bibliothek benutzt. 

2) Paginiert ist die Characterie nicht. Meine Zählung rechnet das Titelblatt als 
die beiden ersten Seiten, beginnt also mit der Widmung als dritter Seite. Nach der 
Vorrede S. 16 folgt, nach Angabe von Pitman’s Journal 1911, p. 4 die ,,synoptical 
table‘ von Earl of Crawfords Original. 


98 Paul Friedrich 


gaben dieses Lehrbuches, ohne ein Manuskript!) in Brights Kurzschrift, 
kann man sich deshalb nur schwer eine rechte Vorstellung des Systems 
machen. Brights Erklärungen in der Arte of Characterie, dem ı. Teil, 
S. 17—36 sind oft sehr breit und umständlich gehalten, manchmal aber 
auch sehr knapp zu nennen. 

Zur Bildung eines Alphabets verwendet Bright als Grundelement den 
senkrechten Strich und fügt zur Kennzeichnung des Einzelbuchstabens 
oben ein Merkmal an. Es sieht folgendermaßen aus: 


ı\FrırıraıstiIırıert ? 


==", 


a bk de fg hilmno opr st u,v,w 


k und q werden dureh e vertreten, y, j durch i; v, w durch u; somit hat das 
Alphabet 18 Zeichen. 

Diese Buchstaben werden nun nicht — wie man erwarten könnte — so 
verwendet, daß die Wörter durch Zusammensetzung dieser Zeichen gebildet 
würden, sondern Brights Kurzschrift war eine Wortstenographie, das 
bedeutet: Gleichlange Zeichen für jedes Wort. Demgemäß konnte ein 
solches Zeichen graphisch nicht alle Laute wiedergeben, die einem Worte 
phonetisch gebührten, sondern nur der Anfang eines Zeichens zeigte den 
richtigen Buchstaben, das Ende war symbolisch. Bright mußte nun darauf 
bedacht sein, auf möglichst klare Weise möglichst viele Variationen jedes 
Buchstabenzeichens zu erlangen, um eine große Wortzahl dadurch zu ge- 
winnen. Er fügte zu diesem Zweck jedem Buchstabenzeichen am Fuße 
ein Charakteristikum an, und zwar stets, um es an a zu zeigen, die folgen- 


men JeIL IL IC LAN 

Wie man sieht, sind 10 dieser Charakteristika denen gleich, die am Kopfe 
des senkrechten Striches — zur Bildung der Buchstaben — verwendet 
wurden. Anders ist nur das letzte: „|. Dieses ist offenbar dem f nach- 
gebildet. Da Bright am Fuße der Zeichen nur ı2 Charakteristika braucht, 
am Kopfe aber 18, so konnte er 6 unberücksichtigt lassen. Er schied aus: 


LJ |} $4. Die Reihenfolge der Anfügung der letztgenannten Zeichen 
unten war genau dieselbe bei jedem Buchstaben. So hatte Bright für jedes 
seiner 18 Zeichen bereits 12 Variationen und damit, da jeder Buchstabe, 
der am Fuß ein Charakteristikum trug, ein Wort darstellte, 12 Wörter. 
Außer der senkrechten Lage wendete er nun noch 3 andere Lagen seiner 


1) Glücklicherweise besitzen wir ein solches in „The Divine Prophesies of the 
Ten Sibills‘‘ von Jane Seager. 1589. Siehe weiter unten S. 31. Hier sei gleich bei- 
gefügt, daß die Schreibung in Brights Stenographie in vertikaler Richtung erfolgte. 
en p. 18 „The situation of character ought to be one directly under the 
other.“ 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 99 





Zeichen an: die wagrechte, die schrage von rechts oben nach links unten 


und von links obennachrechts unten: | _ 7 N. Damit waren fiir jeden 
Buchstaben 12.4 = 48 verschiedene Wortzeichen gewonnen. Für b 
hätten alle 48 Variationen demnach folgendermaßen ausgesehen: 


eee ee ae ee 


NHK a Pm meme m ol 


JIILILD AL AAS 
VAYNV VV VANE 


Insgesamt hätte Bright also 18.12.4 = 864 Wörter schreiben können. 
Aber er hat nicht bei jedem Buchstaben alle 48 Zeichen ausgenützt. Inter- 
essant ist die Verteilung auf die einzelnen Buchstaben. Aus den folgenden 
Zahlenangaben kann man zugleich ersehen, wieviel Zeichen in den ver- 
schiedenen Lagen vorhanden sind, man braucht nur nach Zwölfern ab- 
zuteilen. Die Reihenfolge der Lagen ist stets streng folgende: senkrecht, 
wagrecht, schräg von rechts oben, schräg von links oben. Wenn d z.B. 
32 Zeichen aufweist, so ist daraus ersichtlich, daß nur 8 Zeichen dar- 
unter sind von schräg rechts oben nach links unten, aber keins von links 
oben nach rechts unten; denn eine neue Lage wird nur benutzt, nachdem 
die vorhergehende erschöpft ist. Die folgenden Zahlen geben an, wieviel 
Wörter wir unter dem zugehörigen Anfangsbuchstaben in der ,,Characterie 
Table“ vorfinden: 


A = 24; B = 40; C = 48; D = 32; 
E = 17; F = 39; G = 24; H = 31; 
I = 14; L = 20; M = 30; N = 13; 
O = 23; P = 38; R = 30; S = 48; 
T = 30; W, U, V = 37. Summa: 538. 


Alle 48 Zeichen sind also nur bei 2 Buchstaben beniitzt worden, bei C 
und S. Dazu kommen noch 32 besonders gebildete Zeichen, die Bright 
Partikel nennt. Die Gesamtzahl der von Bright verwendeten Zeichen 
beträgt also 538, mit den Partikeln 5701). Eine wichtige und merkwürdige 
Abweichung ist die Verteilung bei dem Buchstaben h. 31 Zeichen finden 
wir hier, die sich den Lagen nach abzuteilen hätten: 12 + 12 + 7. Die 
Verteilung ist aber 12 + 11 + 8. Die 2. Lage, die wagrechte ist hier 


1) Nicht 556, wie Dewischeit Sh. J. XXXIV, p. 193 angibt; auch Pape hat die 
Zahl 556; Pocknell 1884 zählte richtiger 537, so auch Carlton und Mentz. Die Wieder- 
holung der Zahl 556 stammt vielleicht aus der nicht nachgeprüften Angabe der 2. Auf- 
lage des ‚Schoolmaster‘: von John Willis 1628, der von „Dr. Bright’s Charactery 
with 556 charactericall words‘‘ spricht. A.f. St. 1908, p. II. 


100 Paul Friedrich 


seltsamerweise nicht voll ausgenutzt, ganz entgegen dem sonst so streng 
eingehaltenen Prinzip. Das ist ein Versehen. Das weggelassene Zeichen 
ist leicht zu konstruieren als ~f. Sollte auch seine Bedeutung konstruiert 
werden, so müßte es nach seiner alphabetischen Stellung ein Wort sein, 
das — da es zwischen hit und hollow steht — mit hol beginnt, darauf 
müßte ein Buchstabe folgen, der zwischen 1 und o im Alphabet steht. In 
Jane Seagers Stenogramm findet man nun das tatsächlich vorkommende 
Zeichen e? mit der Bedeutung holy belegt, die also genau mit der er- 
schlossenen übereinstimmt. 

Die gegebenen Darlegungen über die Bildung der Zeichen sind aber bei 
Bright bei weitem nicht in dieser Ausführlichkeit zu finden; dagegen gibt 
er in der Einleitung zur ‚‚Arte of Characterie‘‘ manche umständliche und 
unnötige theoretische Erklärung: ,,Charactery is an art of writing brieflie. 
— The character is a brief mark of a word — The kinds of characters are 
two: simple or compound. The simple one is a character, made of no other 
and is varied by every kind of position, hanging or lying. It is either a 
straight line or crooked. — The compound character hath two parts: the 
one is the body of the character and the other is an addition to it. — The 
addition is to either side of the body, to the head or to the foot.‘ 

Die folgenden Erorterungen halten den Gang der Characterie ein. 

Nachdem Bright auf Seite 21 seines Lehrbuches in ziemlich unklarer 
Weise das Alphabet!) dargeboten hat, kommt er auf die Bedeutung der 
Zeichen zu sprechen: 

The signification of the character is of two sorts, solitary or accom- 
panied. The solitary signification is that, which a solitary character ex- 
presseth. That is certain words whereto all other may bee referred, called 
charactericall.‘‘ Das sind jene 538 Wörter, deren Zeichen und Bedeutung 
in der Characterie Table gegeben sind. 

Die nächsten Abschnitte berichten uns über die „properties belonging to 
words.‘‘ Darunter versteht Bright anscheinend alle syntaktisch bedingten 
Veränderungen eines Wortes. Uber ihre Darstellung heißt es: „The pro- 
perties belonging to words are shewed by plain expressing them or are 
gathered by nature of the speech.“ Aus letzterem zieht Bright stillschweigend 
die Folgerung, daß sie in der Stenographie überhaupt nicht bezeichnet 
zu werden brauchen. ,,They are expressed by pricks.‘ | 

Charact. p. 24 spricht Bright von ‚‚primitiues, or deriuatiues‘‘, diese 


1) An sich ist, wie meine Ausführungen gezeigt haben, die Bildung der Alphabet- 
zeichen streng logisch. Ich stimme nicht mit Mentz überein, der A.f. St. 1902, 
S. 210 auBert: ,,Zwar finden wir schon bei Bright eine Art Alphabet, aber welch ein 
Unterschied! Bei ihm ist alles willkürlich aufgestellt (!), bei Joh. Willis 1602 finden 
wir jedoch überall regelmäßige Bildung.“ 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 101 





Ausdrücke bedeuten Stammwörter und Ableitungen. Der betreffende Ab- 
schnitt lautet: ,,Primitiues and deriuatiues are known by the language: 
as, he is a virtuous man, not a virtue man: fear God, honor the king: not 
fearful, so not honourable.“ 

Danach braucht also ein Stenograph z.B. nur zu schreiben: he is a 
virtue man, den Leser wird sein Sprachgefühl schon das Richtige finden 
lassen. 

In bezug auf die Bezeichnung grammatischer Beziehungen seien noch 
folgende Angaben Brights erwähnt: ı) deriuatiue words that end in er, 
require two prickes at the right side of the character: as, labourer is deriued 


of labour } 1), 2) Der Plural wird durch einen Punkt rechts ausgedrückt: 


b = thé age, b = the ages. 3) The comparative degree is known from 

the other, by than, following: as Gold is better than silver, not good, nor 
best.‘ Das heißt, der Komparativ braucht demnach überhaupt nicht 
ausgedrückt zu werden, das nachfolgende than sagt dem Leser, daß das 
vorangehende Adjektiv im Komparativ steht! 4) Das Präteritum wird 
durch einen Punkt links vom Infinitiv bezeichnet. Das scheint sich auch 
auf die starken Verba zu beziehen, trotzdem das Lehrbuch nur von den 
Verben auf ed im Präteritum spricht. 5) Das Futur ,,the time to come 
requireth a prick on the right side.‘ Would wird mit will bezeichnet, 
should durch einen Punkt rechts von will. 6) Das Partizipium Präsentis, 
„a word of doing, that endeth in ing‘‘, wie es Bright nennt, ‚‚requireth 
two pricks direct under the body of the character as =. 

Nun folgt wieder eine Äußerung, die uns deutlich zeigt, wie sehr sich 
Bright auf das Sprachgefühl seiner Schüler verließ: ‚other times or tences 
depend upon those and are plainly discerned by the nature of the language“, 
bediirfen also keiner besonderen Bezeichnung. 

In bezug auf die stenographische Wiedergabe der Eigennamen ist die 
Darstellung in der Characterie nicht ganz klar?). Aus der Anwendung 
des Brightschen Systems bei Jane Seager ergibt sich aber, daß Eigen- 
namen buchstabiert wurden oder werden konnten, also durch Zusammen- 
setzung der Buchstabenzeichen gebildet wurden?). 


1) Andere hier nicht erwähnte Regeln werden später berührt bei der entwick- 
lungsgeschichtlichen Betrachtung, so die Bezeichnung von Ableitungen mit ship. 

2) Bemerken möchte ich, daß die Unklarheit nicht an etwaigen Fehlern des Neu- 
drucks liegt, sondern wirklich an der Fassung Brights selbst; denn Pocknell, der 1884 
nach dem Originale in der Bodleiana referierte, gibt die betreffende Stelle genau so 
wieder wie der Neudruck und fügt noch hinzu ‚iin some respects obscure as regards 
the meaning of the author.“ 

3) Wenn M. Levy in seiner Broschüre ‚William Shakespeare and Timothy Bright. 
London ı910“ S. 17 sagt: ‚The letters were incapable of being readily joined‘‘, so 


102 Paul Friedrich 





Der wichtigste Abschnitt im Lehrbuche ist der über die ,,accompanied 
signification“. Das ist die von Bright erfundene Methode, mit Hilfe der 
aufgestellten 538 charactericall words möglichst viele weitere Worte be- 
zeichnen zu können. Die accompanied s umfaßt 2 Unterarten: die con- 
senting und die dissenting signification, die Art der Bezeichnung heißt da- 
nach: consenting und dissenting method, Übereinstimmungs- und Gegen- 
satzbezeichnung. Die Grundidee ist folgende: Ein Begriff, der nicht als 


scheint mir das nicht richtig. An dieser Stelle sei gleich bemerkt, daß Levys Schrift- 
chen in bezug auf die Brightsche Stenographie nichts Neues bringt. Im Hinblick 
auf die ganze Materie, die der Titel andeutet, ist es wohl bezeichnend, daß Levy De- 
wischeits grundlegende Arbeiten auf diesem Gebiete überhaupt nicht kennt. Den 
ganzen Abschnitt über das System Brights scheint Levy nur aus dem Artikel Pock- 
nells 1884 geschöpft zu haben, wenigstens benutzt er für seine Beispiele nur Pocknells 
Angaben. Levy leugnet ferner, daß ein Alphabet bei Bright bestanden hat: ,,Recent 
writers assert there was an alphabet, but at the same time they admit ‘that the system 
was not worked alphabetically as we understand it’.‘‘ Die ,,recent writers‘‘ (1910), 
die Levy hier meint, sind einzig und allein Pocknell 1884, der erste, der sich iberhaupt 
mit Bright näher beschäftigte. Von ihm stammt auch der zitierte Satz. Der darauf 
folgende Satz ist sogar wörtlich von Pocknell herübergenommen und nur zur Hälfte 
als Zitat bezeichnet. — Levy bringt ferner mehrere sehr überflüssige und zum Teil 
direkt irreführende Bemerkungen, die nicht einmal mnemotechnisch unterstützen 
können, z. B.: ‚The word ‘age’ has a mark resembling the figure 6.‘ [Das Zeichen 


fiir age ist | ]. Ferner: ,,Sometimes the character represents several words, as 

‚in perils of the sea (water).’‘‘ In dieser Fassung ist das direkt falsch. ,,Looked at 
closely it will be observed the character is really the letter in a kind of running 
hand and in Bright’s system ¢/is the character for‘see = sea’.‘‘ Das ist nicht richtig. 
Zunächst sieht dasin Frage kommende Zeichen nicht wie ein S: aus, sondern folgender- 
maßen: f ; ferner bedeutet 3 nicht sea zunächst, sondern water; see (sehen) ist 


nicht T , sondern t ; sea ware in Brights Stenographie richtig zu schreiben als 3 . 
Ich glaube zu vermuten, woher Levys verwirrende Darstellung kommt. Er hat nur 
Pocknells Artikel eingesehen, und dieser sagt, daß er sich die betreffende Stelle der 


Characterie nicht erklären könnte: 0 œ 
S. 33 „In perils of waters, in perils of robbers, k a. 
in perils of the sea, write thus g ee. 9 


[etwas übersichtlicher geschrieben 

als in der Characterie. ] 
Die Deutung ist nicht schwer: nicht ? , sondern der kleine Kreis ist das Zeichen der 
Wiederholung für ,„in perils“. Pocknell bringt auch schon den Gedanken „the 
character for see [!] being the letter S shortened‘‘; daher Levys diesbezügliche Be- 
merkung. Man wird durch diese zu der Vermutung verleitet, daß Bright das Zeichen 


für sea [water] genommen hat, weil d «ähnlich sei. Das ist ganz und gar nicht 
der Fall. Levys Broschüre ist nicht geeignet, von Brights System eine rechte Vor- 
stellung zu geben; auch sind die Zeichen sehr schlecht wiedergegeben. Nur dadurch 
erhält das kleine Schriftchen Wert, daß es gute Reproduktionen des Titusbriefes und 
einer Seite von Jane Seagers Stenogramm darbietet. — Den Vortrag Pocknells findet 
man in den Zeitschriften Shorthand Vol. II, 1884, p. 126, u. Phonetic Journal 1888, 
p. 86. 


Brights Stellung in der Geschichte der Stenographie. 103 


Sigel (= charactericall word) vorkommt, kann und muB durch ein Wort 
umschrieben werden, das eines von diesen 538 Zeichen besitzt, also Sigel 
ist!). Die consenting method besteht nun darin, daß man einen Begriff 
durch ein synonymes charactericall word ausdrückt, und zwar so, daß an 
die linke Seite des vikariierenden Zeichens der stenographische Anfangs- 
buchstabe des zu schreibenden Wortes gesetzt wird; bei der dissenting 
method nimmt man ein der Bedeutung entgegengesetztes Wort aus dem 
Sigelverzeichnis und setzt den Anfangsbuchstaben des zu stenographierenden 
Begriffes rechts an. Ein besonderes Glossar, das ,,dictionary‘‘ in der 
Characterie gibt für viele Vokabeln die Sigelworte an, womit man um- 
schreiben kann. Consenting method der Bezeichnung ist in folgenden 
Beispielen angewendet: sure ist kein characterical word, wohl aber das 


Synonym certaine, also kann sure geschrieben werden: tf = ‘certaine. 
Auch nourish hat kein Sigelzeichen, es kann mit dem bedeutungsverwandten 


feed umschrieben werden: ‘) = "feed. Für clear wird bright gesetzt: 


X = ‘bright. 

Dissenting method ist vorhanden, wenn z. B. come durch go mit c rechts 
ausgedrückt wird: Í’; ähnlich wird Feind durch Freund ersetzt: foe = a 
= friend‘. silent wird stenographiert mit: J’ = speake’. 

In dem schnellen Finden von sinnverwandten und sinnentgegengesetzten 
Sigelzeichen für fernerliegende Begriffe liegt die größte Schwierigkeit der 
Brightschen Stenographie. Bright verließ sich also mit diesem Prinzip 
sehr auf die Assoziationsfähigkeit seiner Jünger, consenting und dissenting 
words gleich zu finden. 

Wenn es schon nicht leicht war, fernerliegende Worte zu schreiben, 
noch schwerer war es fast, das Stenographierte wieder zu entziffern; leicht 
ist noch: ee” = common!’ = rare; schwieriger schon: %= ‘young = tender. 
Zur Hilfe für den Anfänger gibt Bright seinem Lehrbuche ein Wörterbuch 
bei, das für jeden Begriff das zur Umschreibung mögliche Sigelwort angibt. 

Einige wichtige Sätze, die eine größere Bedeutung haben, als es zunächst 
scheint, enthält der SchluBteil der arte of Characterie: „The sense is only 
to be taken with the character when besides that we desire to be swift, 
the very express worde is not necessary.‘‘ Also wörtliche Nachschrift 
wurde nicht unbedingt erstrebt. 

Zum SchluB sei die allgemeine Ubersicht iiber das System gebracht, 
die das 1911 gefundene Originalexemplar enthält (s. nächste Seite). 


1) Die im folgenden angeführten Beispiele stehen nicht in der Characterie, die 
überhaupt nur wenig Stenographisches bringt. Sie sind, um selbstgebildete Bei- 
spiele zu vermeiden, aus dem Stenogramm der Jane Seager genommen. 


Paul Friedrich 


104 





The first part 
is of the Cha- 
racter. 

The Character 
is of two kinds 
to which 


Charactery 
hath two 
parts 


The second part 
of Charactery 
is of the signi- 
fication of the 
Character. 

The significa- 
tion is of two 
kinds 


A generall view of the Art of Charactery!) 


Short and 
Figure 
Belong Easie 
Situation & 
Joyning 
Distinction 
Streightlined 
‘ 2 halfe circle 
The kinds Simple; of two kinds or Crooked; or 
are two whole 
The parts of (The body One | Streight 
Compound a Compound line or 
are And the addition Crooked 
to it which is ) OF of two Of the same kind 
either of lines and 
that Or of divers 
The kinds are Simple Compound 7 S head 
eher Or double at the foote. 
The Grammer proper- Generall to all words as to be 
é ties belonging to |Expressing them J a primitive, or derivative 
Solitary. The part words either by and those Number 
which teacheth of the To noun . 
Pecular Comparison 


Solitary, showeth To verbe, tence 


Or by necessary gathe- 
ring from the lan- 


guage 


And the Charactery 
words 


After a coniunction betwixt 

two wordes of like or con- 
| trary Signification 

or in repetitibus 
of Consenting ale nine ation|| Synonimaes 
with the solitary & that in; or 


of dissenting in Contraries | Sortes 
Descriptions 


Hetherto belongeth a 
shortning 
Precise wordes 


or Accompanied either | The kindes 


in 
Periphrases 

Sence only in n 
Phrase. 


Divisions 


1) Pitmans Journal rọrr, p. 4; u. Carlton „Timothe Bright“ 1911. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 105 


ZWEITER TEIL. 
Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift. 
J. Kapitel. 


Das stenographische Quellenmaterial. 


icht allzuviel an Aufzeichnungen in der Stenographie Brights ist uns 
N. geblieben. Sicher wurde einst diese Kurzschrift viel benutzt. 
Aus der Tatsache, daß wir heute nicht viel stenographische Manuskripte 
besitzen, darf man nicht den Schluß ziehen, daß Brights neue Kunst wenig 
gepflegt wurde. Denn Stenogramme sind immer nur Mittel zum Zweck. 
Auf ihre Erhaltung wurde deshalb wenig Wert gelegt. 

Vom 30. März 1586, aus der Zeit, in der Bright noch Arzt am Bartholo- 
mäushospital war, besitzen wir einen Brief von Vincent Skinner an Michael 
Hicks. Skinner!) war einst in Brights Jugendzeit dessen tutor am Trinity 
College zu Cambridge gewesen. Innige Freundschaft hat sie lange zu- 
sammengehalten. Michael Hicks, ein Freund Skinners, war Sekretär des 
Ministers Lord Burleigh und Vertrauter dessen Sohnes, also ein ziemlich 
einflußreicher Mann am Hofe. In dem erwähnten Briefe empfiehlt Skinner 
seinen einstigen Schüler Hicks und schreibt, Bright habe eine neue Kunst 
erfunden ‚‚a matter of rare noveltie‘‘, die von großem Nutzen für Nach- 
schriften sein könne ‚‚a matter of great vse and commoditie, to couch 
much matter in so short compasse and to take a speech from any mans 
mouth as he delivereth it, w" both yo’ Lawiers in yo’ Courthowses, and 
students in the vniu'sitie maye make good vse of.‘‘ Bright sei nun ,,desi- 
rous to have some effectual frute of his travayle, having charg of a familie 
and his professions yelding him small mayntenaunce“, deshalb wolle er 
Mr. Robert, den Sohn Burleighs, diese neue Kunst lehren, Hicks solle 
das befürworten. Dem Briefe liegt gleichsam als Empfehlungsschrift bei 
„a paper w“® conteyneth the whole ep’ to Titus“, in Brightscher Steno- 
graphie. Der Brief mit der stenographierten Titusepistel befindet sich im 
Britischen Museum als Landsdowne Ms Nr. 51 fol. 272). Das ist das erste 
wichtige Manuskript für diese Kurzschrift. 


1) Eine Biographie Skinners findet man Phonetic Journal 1884, vol. XXXXIII, 
p. 315. 

2) Reproduktionen des Stenogrammes bei Carlton und Levy ,,W. Sh. and Tim. 
Bright‘. Carlton berichtet auch über die Auffindung des Briefes, p. 67. Dr. Gibson 
will ihn 1883 zuerst gefunden haben; das war aber nur eine Wiederentdeckung. 
60 Jahre früher hat schon ein gewisser Hanbury den Brief erwähnt. Abdruck des 
Briefes bei Carlton p. 60, und Phonetic Journal 1884, p. 316. 

Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2/3. 8 


106 Paul Friedrich 


Das zeitlich nächste Dokument, das uns Brightsche shorthand darbietet, 
ist das schon genannte Lehrbuch der Characterie vom Jahre 15881). 

Ferner besitzen wir von 1589 ein höchst wichtiges Zeugnis für die neue 
Geschwindschreibekunst, eine Handschrift von ı2 Blättern mit dem Titel 
» the divine prophesies of the ten Sibills‘‘. Eine Dame, Jane Seager, wid- 
mete dieses sehr schön geschriebene Werkchen der Königin, vielleicht als 
Neujahrsgeschenk. Das 1. Blatt enthält die Zueignung: ,,To the Queenes 
most Excellent Ma'’. Sacred Mat. Maye yt please those most gracious 
eyen (acquaynted with all perfections, and aboue others most Excellent) 
to vouchsafe to make worthy of thefr princely view, the handy-worke of 
a Mayden yo’ Ma“ most faithfull Subiect. It conteyneth (Renomed 
Souereigne) the divine prophesies of the ten Sibills (Virgyns) vpon the 
birthe of our Sauiour Christ, by a most blessed Virgyn; of w most holy 
faith, your Ma‘’ being cheife Defendress, and a virgyn also, yt is a thinge 
(as it weare) preordeyned of god, that this Treatis, wrytten by a Mayden, 
yo’ Subiect, should be only deuoted vnto yo" most sacred selfe. The 
which, albeit I haue graced both w'" my pen and pencell, and late practize 
in that rare Arte of Charactery, invented by D. Bright, yet accompting yt 
to lack all grace withoute yo’ Ma“** most gracious acceptance, I humbly 
presente the same, with harty prayers for yo" Ma’’. Jane Seager.“ 

Das erste Blatt ist nur in longhand geschrieben, die andern 11 Blatter 
enthalten links den Text, je 10 Zeilen, in longhand und rechts in charactery, 
je 5 senkrechte Zeilen, 10 Blatter davon bieten je eine Prophezeiung einer 
Sibylle, das ı2. Blatt gibt ein Schlußwort an die Königin: 

„Lo thus in breife (most sacred Maiestye) 

I haue sett downe whence all theis Sibells weare: 
What they foretold, or saw, wee see, and heare, 
And profett reape by all their prophesy. 

Would God I weare a Sibell to divine 

In worthy vearse your lasting happynes: 

Then only I should be Characteres 

Of that, which worlds with wounder might defyne 
But what need I to wish, when you are such, 

Of whose perfections none can write to much.‘ 

Als Uberschriften der Prophezeiungen dienen die Namen der Sibyllen, 
in der stenographischen Umschrift sind diese immer nur mit den 3 An- 
fangsbuchstaben dargestellt. Es sind folgende: Agrlippa, Samlia, Libiyea, 
Cim|meria, Eurlopaea, Perlsia, Erylthraea, Dellphica, Tybjurtona, Cumjana. 
Die Schreiberin hat mit großem Fleiße gearbeitet, die Zeichen sind sehr 


1) Über die Geschichte der erhaltenen Originalexemplare Carlton p. 86 f. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 107 


klar und genau dargestellt. Das Dokument befindet sich Brit. Mus. Add. 
Ms. 10037!). 

Weitere größere Manuskripte in Brightscher Stenographie besitzen wir 
nicht mehr. 

Auf dem Titelblatte des ersten medizinischen Werkes Brights von 1580, 
dem ,, Treatise, wherein is declared the sufficiencie of English Medicines‘, 
glaube ich 3 stenographische Zeichen mit Sicherheit zu erkennen?). Uber 
ihre Deutung werde ich später Näheres ausführen. Diese Characters, die 
also 6 Jahre vor dem Titusbrief geschrieben wurden, bezeichnen wohl den 
Anfang der neuen Kunst. 

Ferner existiert noch ein Siegelabdruck des Petschaftes von Bright. 
„Bright schloß seine Briefe mit einem Siegel, das eine geflügelte Hand 
darstellte. Die Hand führte einen Federkiel, der die Worte ‘fear we much’ 
in Brightscher Kurzschrift niederschrieb. Um dieses Siegelbild standen 
die Worte: Bright. ingenio — arte — manu‘‘?). Carlton deutet anders: 
„So far as can be judged from the fragment which has been preserved, 
these symbols represent the words: ‘Man must heal’. Around the whole 
runs the legend ‘Bright. Ingenio. Arte. Manu’.‘‘ Carlton bringt auf p. 166 
eine Abbildung dieses Siegelfragments. Klar erkennbar darauf sind: 
Bright. Ingen. — Von den 3 stenographischen Zeichen ist das erste deut- 
lich als much zu entziffern. Da man in der Schreibung von oben nach 
unten gehen muß, wäre dies das erste; daher stimme ich mit den ange- 
gebenen Deutungen nicht überein. Schon die Tatsache, daß Bright ein 
Siegel mit stenographischen Zeichen führte, dürfte wohl dafür sprechen, 
daß seine Kunst ziemlich verbreitet war. 

Das bekunden auch Nachrichten über stenographische Aufnahmen von 
Predigten nach Brights System bereits aus dem Jahre 1589. Wir besitzen 
eine solche Predigt noch, aber nur in Druck*). Andrew Maunsell hat in 
seinem ‚Catalogue of English printed Bookes‘‘ (1595) p. 99 die Notiz: 
„Steph. Egerton his lecture, (taken by Characterie) on Gen. I2. vers 17. 
18. 19. 20. Printed for John Daldren. 1589. in 8 [vol].‘“ Im Stationers 


1) Durch die freundliche Vermittlung des Herrn Professor Dr. Förster war es 
mir möglich, diese 12 Blätter nach eigens für das englische Seminar der Univ. Leipzig 
hergestellten Photographien zu studieren. Eine kurze äußere Beschreibung des 
Manuskriptes findet sich in ‚‚Stolzesche Stenographenzeitung‘‘, 1902, p. 59, „Das 
älteste Stenogramm von Frauenhand‘‘ von Marie Mellen. Abbildungen einer Prophe- 
zeiung bei Levy ,,W. Sh. and Tim. Bright“, p. 27; Carlton, p. 97; Pitmans Journal, 
IQII, p. 265; Fachbeilage zum Deutschen Stenographen, 1903, Nr. I. 

2) Faksimile des Titelblattes bei Carlton, p. 20. 

3) Arch. f. Stenogr. 1906, p. 206. Dewischeit nach Hall, Rektor zu Methley, wo 
einst auch Bright wirkte. 

4) Die folgenden Angaben in der Hauptsache nach Carlton, p. 99 ff. 

8* 


108 Paul Friedrich 


Register fiir 1589 findet sich nun der Eintrag: ,,xxj° die Julij‘‘ John Win- 
dett!) Entred for his Copie an ordinarie lecture preached at the Blacke 
friers by master Egerton, &c. and vnder th[{e h]andes of master Docter 
Staller and bothe the wardens.... vj‘. G{abriel] C[awood]‘‘. Diese 
Predigt war vermutlich von Daldren für Windett gedruckt worden. Von 
dieser Originalausgabe ist kein Exemplar bekannt. Doch 1603 wurde 
dieselbe Predigt noch einmal konzessioniert. ‚25 Junij.‘“ Walter Burre 
Entred for his copie vnder the handes of the wardens A Lecture preched 
by master Egerton vpon the xij chapter of Genesis. verses 17. 18. I9. 
20.... vj*.“* Von dieser Ausgabe hat sich ein Exemplar erhalten?). Die 
Titelseite lautet: ,,A lectvre preached by Maister Egerton, at the Black- 
friers, 1589 taken by Characterie, by a yong Practitioner in that Facultie: 
and now againe perused, corrected and amended by the Author.. Printed 
at London by V. S. for Walter Burre, and are to be sold at the signe of the 
Crane in Paules Churchyard.‘ Der Autor erklärt, daß es das erste Mal 
sei, daB er eine seiner Predigten herausgebe, aber er tue es, weil diese 
Predigt nur unvollkommen gedruckt worden sei ,,by one who, as it seemeth 
to me, respected the commendation of his skill in Charracterie more than 
the credit of my ministery.“ 

AuBer dieser besitzen wir noch eine andere Predigt desselben Geist- 
lichen aus dem gleichen Jahre, die nach einem Stenogramm in Kurrent- 
schrift übertragen wurde. ‚An ordinary Lecture of M[r]. Edgertons at 
the BI. Fryers on friday the 19. of September 1589. Taken in Charactery by 
John Lewys, at it was vttered by the Autour.“ Das Manuskript besteht 
aus Io Quartblättern, die an die 3500 Worte enthalten. 

Mehrere Veröffentlichungen des puritanischen Priesters Henry Smith, des 
„silver-tongued‘‘, lassen ebenfalls erkennen, daß in den Jahren 1590 und 
1591 die neue Kunst ein willkommenes Mittel war, Reden aufzunehmen?). 
Besonders diese frühen Nachrichten aus den Jahren kurz nach der Ver- 
öffentlichung der Characterie bekunden, welches Ereignis die Erfindung 
der Stenographie für die Zeit bedeutete. Später, im neuen Jahrhundert, 
hat wohl Brights Kurzschriftsystem den neuen, besseren weichen müssen, 
vielleicht aber kannte noch der große Pädagog Comenius, der erst 1637 
nach London kam, das System von Timothy Bright®). 


. 2) John Windett war auch der Drucker der ,,Characterie‘‘. 

2) Mr. Alex. Tremaine Wright, Secretary of the Institute of Shorthand Writers, 
der das Exemplar in der Bodleiana entdeckte, sprach darüber 1908 vor der Incorpor- 
ated Society of Shorthand Teachers. Vgl. auch: Pitmans Journal 1907, p. 923 
„Shorthand in London before the great fire‘. 

3) Carlton, p. 123. 

4) Arch. f. St. 1901, p. 158. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 109 


Die 3 wichtigsten Materialien fiir das Studium der Brightschen Steno- 
graphie sind, um dies nochmals zusammenzufassen, demnach: 

1) Der Titusbrief vom Jahre 1586. 

2) Das Lehrbuch vom Jahre 1588. 

3) Die Sibyllinischen Prophezeiungen der Jane Seager aus dem Jahre 

1589. 

Sehr bedeutsam ist nun die bisher nicht beachtete Tatsache, daB der 
Titusbrief ein anderes stenographisches System aufweist als die beiden 
andern Schriften. Die Characterie und Jane Seagers Stenogramm stimmen 
untereinander in bezug auf das benutzte System ganz genau überein. Den 
Titusbrief kann man jedoch nicht entziffern, auch wenn man das edierte 
System von 1588 ganz genau kennt. Er stellt eben in der Entstehung der 
Stenographie eine Vorstufe dar. Diese Entwicklung des Brightschen Kurz- 
schriftsystems soll im folgenden dargestellt werden. 


2. Kapitel. 
Das System von 1586 aus dem Titusbriefe rekonstruiert. 


Der von Bright selbst stenographierte Titusbrief besteht aus einem 
Blatt!). Er enthält 18 senkrechte Zeilen, die Schreibung erfolgte in verti- 
kaler Richtung. Die Schriftzüge sind bei weitem nicht so schön und 
deutlich wie im Stenogramm der Jane Seager, dafür erkennt man aber an 
der Flüchtigkeit der Zeichen, daß der Schreiber seine Kunst gut beherrschte 
und sicher bereits eine ziemliche Geläufigkeit besaß. 

Das Stenogramm läßt zunächst weder eine Verseinteilung noch eine 
Kapitelbezeichnung erkennen. Eine genauere Beobachtung zeigt aber, 
daß die Kapitelanfänge doch angegeben sind, und zwar mit den arabischen 
Ziffern?®). Am Versschluß steht meistens ein Punkt. 

Ich halte den uns erhaltenen Brief für eine direkte stenographische 
Nachschrift, vielleicht mit späterer Nachbesserung, aber nicht für eine 
Abschrift. Er ist nicht?) eine genaue Wiedergabe der Geneva version. Er 
stimmt überhaupt nicht vollkommen überein mit einer der damals gebräuch- 


1) Photographien bei Levy und Carlton. Vgl. zu allen folgenden Hinweisen die 
am Schlusse beigefügte photographische Wiedergabe des Titusbriefes. 

2) Deutlich erkennt man auf Zeile 7, unten, die Ziffer 2; das ist der Beginn des 
2. Kapitels; in der 16. Zeile (K. III. V. 10) kommt diese Zahlnoch einmal vor. Zeile 13 
findet man ferner vor dem Beginn des 3. Kapitels die Ziffer 3. Die Ziffern scheinen 
demnach so geschrieben worden zu sein wie in longhand. Carlton gibt in seiner 
kurzen Analyse des Titusbriefes an, daß ein besonderes ,,arbitrary sign‘‘ fur two 


vorhanden gewesen sei: l. Das ist aber nichts anderes als die flüchtig geschriebene 
Ziffer 2. 
3) Wie Carlton angibt. 


110 Paul Friedrich 


licheren Bibelversionen. Ich habe ihn verglichen mit folgenden Uber- 
setzungen: Wicliff 1380, Tyndale 1534, Cranmer 1539, Geneva 1557, 
Rheims 1582, Authorised Version 1611 und Barkers Bibel 15991). Mit 
keiner der genannten Übersetzungen stimmt er wörtlich überein. Am 
meisten lehnt er sich noch an die Genfer Version an, abweichend sind aber 
z. B. Kapitel I, V. 9, 10, 11, 15. Kap. II, V. 13. Kap. III, 1, 8. Der 1. Vers 
hat merkwürdiger Weise ziemlich die Fassung der Authorised version”). 

Der Brief beginnt mit den Worten: The epistle of Saint Paul to Titus; 
genauer: The word(?) [mit einem nicht näher identifizierbaren Ableitungs- 
zeichen links, das also ein Synonymon angibt] of holy [mit s links, also: 
saint] Paul to Titus. The begin [mit f links, also = first] part [mit c 
links, also chapter]?). 

Die genaue Analyse des Briefes ist insofern schwierig, als kein bestimm- 
ter Übersetzungstext für die Entzifferung vorliegt. Doch eine synoptische 
Betrachtung der verschiedenen Versionen macht die Identifizierung der 
stenographischen Zeichen mit ihren Bedeutungen leichter. Die meisten 
Zeichen lassen sich so sicher deuten®). 

Dem in diesem Briefe verwendeten Systeme liegt ein deutlich erkenn- 
bares Alphabet zu grunde, so wenig das zunächst glaubhaft erscheint; es 
ist aber anders als das von 15885). Die hier gebrauchte Kurzschrift ist 


1) The English Hexapla, exhibiting the six important english Translations of the 
new Testament 1841. — The Bible imprinted at London by the Deputies of Cristopher 
Barker, 1599. Letztere wurde mir freundlichst von Herrn Professor Dr. Förster 
aus seiner Privatbibliothek zur Verfügung gestellt. 

2) Eine ungefähre Verseinteilung kann man, da Punkte meist die Versabschlüsse 
bezeichnen, auch nach der authorised version vornehmen. Die 3 Titusbriefkapitel 
enthalten zusammen 46 Verse, es kommen also ungefähr auf je 2 Zeilen des Steno- 
grammes 5 Verse. 

3) Das Zeichen J bedeutet begin, es ist noch einmal belegt durch Textworte 
0 


(Z. 2, I. 2 Schluß). Das Zeichen J läßt nur erkennen, daß es mit p beginnt; ich 
f tibersetze es mit part; Zeile 13 oben, vor dem Anfang des 3. Kapitels, wiederholt 


/) es sich J , Wohl zu übersetzen mit: part three. 


4) Bei der Mehrzahl der oben folgenden Zeichen ist ein Zweifel an der ihnen von 
mir zugewiesenen Bedeutung ausgeschlossen, da sie mehrere Male belegt sind; hinter 
manche, die nur einmal vorkommen, oder über deren Deutung ich aus anderen 
Gründen nicht sicher bin, habe ich ein Fragezeichen gesetzt. Das gegebene Ver- 
zeichnis ist ziemlich erschöpfend. Eine ausführliche Analyse des Stenogramms, wie 
sie oben folgt, ist noch nicht unternommen worden. Carlton gibt zwar ,,a few arbi- 
trary signs‘‘, aber seine Darstellung ist sehr kurz, an manchen Stellen unrichtig und 
gibt vor allem ein falsches Bild von der Stenographie. 

5) Dewischeit irrt, wenn er Sh. J. XXXIV, p. 185 schreibt: ‚Ohne große Mühe 
kann ein Kenner der Brightschen Stenographie gleich die Anfangsworte Paul, a 
servant of God and an apostle of Jesus Christ etc. herunterlesen.‘‘ Auch wer das 
System von 1588 genau beherrscht, kann noch nicht den Titusbrief lesen. Im neuen 
System sehen viele Zeichen anders aus, besonders ist die Bedeutung fast immer eine 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 111 


auch schon eine Wortstenographie, das heißt, nur der Beginn der Zeichen 
gibt den Buchstaben an, mit dem ein Wort in longhand anfängt. So läßt 
sich das Alphabet aus den Anfängen der Zeichen rekonstruieren, voraus- 
gesetzt, daß genügend viel Beispiele mit sicherer Deutung vorliegen. 


Im folgenden habe ich vorkommende Wörter mit gleichem alphabe- 
tischen Beginn zusammengestellt, um an den nach Vergleichung der ver- 
schiedenen Bibelversionen gedeuteten, einfachen Zeichen zu erweisen, 
daß tatsächlich ein Alphabet bestand, und um dieses zu rekonstruieren. 


Vorangestellt seien die Worte, die durch ihre Zahl den gemeinsamen 
Anfangsbuchstaben in den zugehörigen Zeichen am klarsten erkennen 
lassen. 


Beispiele für w: Ê world; [ work; l word; 6 wine; J withstand; 
? will; f winter; 4 wise; G vaine; 2 which; { witness; + wherefore; 
? with. 


Beispiele für a: J according; ) all; . any; 7 as; 


A 


a; } at; 
J accuse; b appoint; J admonish; J adorne; } angry; l abundant; 
} affirm; \ also; age; P = after = before*; '— authority. 

Beispiele für b: f begin; © bishop; f but; / by); ( bless; — beleeve; 
— bring; / behaviour; | before. 4! = beast = man?. 

Beispiele für p: \ peace; b principality; ) prophet, preach; u pure; 
| promise; J patience; \ people; J present; 4 put; J part (?); w pro- 
fesse; \ power (?); | pattern; J pecular (?); ) parent (ziemlich sicher, 
denn / = father). 

Beispiele für m: æ make; . man; ( many, much; 6 mercy; ( may; 
4 mind; ( master; { mouth. 

Beispiele für I: t life; A lie; 4 learn; + let; % lust; # Lord; & love; 
Ê law (?). 

Beispiele für g: « God; m good; eo give; a grace; e” go; et glory. 

Beispiele für e: 7 eternal; f even; ? exhort; 9 every; J expect; 
J earnest; J (h)eretic (?). 

Beispiele fiir s: l saviour, salvation; o) servant, subject; ~ salue; 


è stay; A son; » say; ? steward; N striker. 
Beispiele für h: X honest; % hope; f have; P husband; € holy; 


ganz andere. Johnen, A. f. St. 1911, p. 107 urteilt nach Carlton auch nicht ganz 
richtig: „Die Zeichen (1586) weichen von denen des später veröffentlichten Systems 
vollständig ab.“ 

1) Nicht, wie Carlton p. 66 angibt, dasselbe Zeichen für by und but. but 13, Ilıo. 
by IIIs. 


112 Paul Friedrich 


4 hold; & he, his; ù home, house; f haste (?); / history (?); 

X (w)holesome. 

Beispiele für t: d true, truth; F this; C that; < thing; / turn. 

Beispiele für f: — faith; 7 from; ~ə filthy; ~y forsake; 7 fast; 
=~ fruit; 7 false (?). Die mit f beginnenden Wörter unterscheiden sich 
von denen mit t nur dadurch, daß erstere ihr Charakteristikum rechts an 
den wagrechten Anfangsstrich ansetzen, letztere links. 

Beispiele für d: & deceiver; X defiled; «= despise; 1 do (denn 79 = 
had done); 7 diligent; “h drinker (?, ‘a = sober); | demonstrate (?, 
immer für show gebraucht). 

Beispiele für c: t cause; P) city; 4 conscience; 4 chapter (?, “part?). 

Beispiele fiir r: d rebuke; J remembrance; f ready. 

Beispiele für o: © or; % one; “r own. 

Beispiele für i: if; X instruct. 

Beispiele für n: e no; @ necessary. 

Beispiele für dž: f Jesus; A justify; f journey. 

Beispiele für z: 22 = zealous (?) (= mind’)!) II. 14. Zeile 14. 

Diese Beispiele bekunden wohl mit Sicherheit, daß Bright sich ein 
Alphabet aufgestellt hatte, und zwar würde dieses, aus den obigen Beispielen 
abstrahiert, folgendermaßen aussehen: 


a=); b=[; ce=1; d=1I; e=1; f=- om; g=.;h=f; 
i=-7;1=Y;m=/;n=«.;,0=-;p=|;r=1;5=-\;t=nm,; 
vwu= [;dz=f;z=z(?). Ein Vergleich dieses Alphabets von 
1586 mit dem von 1588: 


1586) f 1419.56 f te ee - 

a b c d e ff ghi1lmno t 
1588; } f 4 prrirtire f 
ergibt das Resultat, daß, rein graphisch betrachtet, mehrere Zeichen vor- 
kommen, die auch das neue System hat, aber die Bedeutung dieser Zeichen 
ist 1588 eine ganz andere: 


FEET TFET 
l h 
t 


Qa d 


f 
? 


-A y L 


r 
r 
f 


-9 y e~ 


1586: p c r d e dž 
1588:a d e npr s 
Allein, für sich in ihrer Bedeutung gebraucht, kommen diese Buchstaben 
nur selten vor, nur gelegentlich bei Anwendung der consenting und dissen- 
ting method; so z. B. {' = after = before‘; 9 = children = ‘sons; 


l 
l 


1) Das ist der einzige Beleg für z. Dieses Zeichen hat also Bright, wenn er es 
überhaupt ins Alphabet aufgenommen hat, aus der longhand herübergenommen. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 113 


ci = beast = man”; .4 = saint = ‘holy; J = father = fparent; vielleicht 
auch I.g 9 = against = with*. 

Beachtenswert ist wohl die Tatsache, da8 Bright in diesem Alphabet 
ein besonderes Zeichen fiir dZ hat. Der Vater der modernen Stenographie 
scheint also der phonetischen Schreibung schon Zugeständnisse gemacht 
zu haben; aber nicht überall rang er sich zu dem Prinzipe durch: Für jeden 
Laut ein Zeichen; denn für c und k, als Spirans und Verschlußlaut hatte 
er doch denselben character, so in city und conscience. Im edierten 
System von 1588 besteht ein Sonderzeichen für dž nicht mehr. 


Merkwürdigerweise stimmen zu dem eben beschriebenen Alphabete 
nicht ausnahmslos alle Wörter des Briefes. Zunächst kommen 8 Namen 
vor, die davon abweichen. Diese 8 Zeichen haben ein ganz anderes Aus- 
sehen als die übrigen characters. Ein grundlegender Unterschied besteht 
schon darin, daß diese Namen mit allen Buchstaben geschrieben sind, 
während die sonstigen Begriffe, wie oben ausgeführt, nur im Anfang des 
Zeichens einen Buchstaben erkennen ließen. Die Namen sind: Paul, Titus, 
Creta, Apollos, Tychicus, Artemas, Nicopolis, Zenas. Die 5 letztgenannten 
befinden sich auf der vorletzten Zeile. Die zugehörigen Zeichen sind: 


3 = Paul; $ = Titus; 3 = Creta!); 2 = Apollos; 3 = Tychicus; 


? = Artemas; $ Nicopolis; e Zenas. Wie man sieht, ist die Art 


der Bildung dieser Zeichen eine ganz abweichende von der der anderen. 
Die Tatsache, daß alle Namen ausbuchstabiert sind, ermöglicht uns, 
die Einzelbuchstaben zu identifizieren und herauszulösen. Mit Erstaunen 
nimmt man wahr, daß diese einem eigenen Alphabet sich einfügen, das 
viel gerundetere Formen zeigt als das andere. Ein ziemlich vollständiges 
‚„Namenalphabet‘‘ läßt sich so sehr leicht aufstellen. Eine Analyse der 
8 Namen ergibt: 
„=a SC=cek; M=e; /=h; - =i; J=1; | =m; Pf =n; 
-2 = 0; ~ = P; ww =f; 6d = s2?) vb = t; Nv = u. Die nicht er- 
wähnten Buchstaben des Alphabets kommen nicht vor. 


1) Außerdem noch einmal: Cretians. 
2) Bereits Carlton hat das Namenalphabet rekonstruiert, p. 66. Darin führt 


er ẹ als r mit an. Das ist wohl ein Irrtum; der letzte Buchstabe von Artemas zeigt 
deutlich, daß } =s ist. Arch. f. Sten. 1911, H. 2—3, p. 107 stellt Johnen bei Be- 
sprechung des Carltonschen Buches die wirkliche Sachlage in bezug auf die ver- 
wendeten Alphabete nicht klar dar. Nach ihm muB der Leser glauben, da8 nur das 
Namenalphabet in dem Titusbriefe eingehalten wiirde, aber das ist gerade das un- 


114 Paul Friedrich 





Wie kommt Bright dazu, in ein- und demselben Manuskripte 2 Alphabete 
zu verwenden?!) Ich bin der festen Uberzeugung, daB das ,,Namen- 
alphabet" ein älteres Alphabet darstellt, als das für den übrigen Teil des 
Briefes benutzte; Bright behielt es noch für die Namen bei?); aber im Laufe 
der Entwicklung mußte es aufgegeben werden; die Praxis wird Bright 
gelehrt haben, daß zu wenig Unterscheidungselemente in den Zeichen 
lagen; und an der Vervollkommnung seiner Kunst hat er außerordentlich 
gearbeitet. Zur Unterstützung meiner Ansicht, daß ein älteres Alphabet 
existierte, möchte ich anführen, daß schon 1580 auf dem Titelblatte des 
Traktats über englische Arzneimittel?) 3 Zeichen stehen, die wohl zweifel- 
los stenographische sind: ~œ 4y¥.v~. Ich übersetze sie mit Tim. Bright. 
D[octor]. Die beiden Ausbuchtungen nach oben in den ersten 2 Zeichen 
halte ich für „t“; nämlich Tim. Bright. ~ als t anzusehen, ist auch sehr 
naheliegend, denn das Namenalphabet im Titusbrief gibt t als v , dasselbe 
Zeichen, nur nach unten; ein Analogon erblicke ich in dem Zeichen für 


s, das als é und }, und e, das als ^ und f vorkommt. Nebenbei be- 
merkt sei, daß Bright seinen Namen auf dieses, sein Erstlingswerk 
nicht hat drucken lassen; deshalb ist seine Autorschaft oft angezweifelt 
worden. S. Carlton, p. 20 ff. Durch die drei stenographischen Zeichen 
hat sich Bright meiner Uberzeugung nach wenigstens in seiner Geheim- 
schrift als Autor bekennen wollen, um nicht ganz Anonymus zu bleiben. 
Mit der Deutung dieser 3 Zeichen glaube ich, eine direkte Bestätigung der 
Verfasserschaft Brights in bezug auf dieses Büchlein gefunden zu haben. 

Als Relikta eines älteren Alphabets betrachte ich ferner einige characters 
im Titusbrief, die sich nicht in eines der Alphabete einfügen lassen. Dahin 
rechne ich Zeichen wie: / = of; I = be; eo = the, thee; o = for; 
C=it; h = when; % = must; f =I, me; | = and. Viele von diesen 
Zeichen sind auch im System von 1588 erhalten geblieben. Hier stehen 
sie außerhalb der alphabetisch neu geordneten Tabelle und führen die 
besondere Überschrift: „Particles‘. 


wichtigere. Carlton ist daran schuld, er hat eben nur das Namenalphabet, nicht aber 
das andere, wichtigere rekonstruiert. 

1) Carlton geht auf diese Frage nicht ein. 

2) Daß gerade Namen es sind, die das Sonderalphabet behalten, ist bezeichnend. 
Die Namen sind oft in den Sprachen eigene Wege gewandelt, so auch hier. In der 
Urzeit brachte man den Namen oft Ehrfurcht entgegen. Ihre Kenntnis schlechthin 
z.B. galt als wertvoll. Ein Niederschlag dieser Denkweise ist in unserem Märchen 
Rumpelstilzchen noch zu erkennen. Die Namen haben mehrfach die Lautgesetze 
nicht mitgemacht. Alles dies kann uns verständlich machen, daß Bright die Namen, 
hier auch noch biblische, so eigen behandelt. 

3) „A Treatise; wherein is declared the sufficiencie of English Medicines. Lon- 
don 1580.‘ Faksimile des Titelblattes bei Carlton, p. 20. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 115 


FaBt man diese Partikelzeichen als Reste aus den Anfangsstadien der 
Entwicklung auf, so erklart sich sehr leicht ihre Sonderstellung im neuen 
System; und man ist nicht genötigt, sie als ,,frei erfunden‘‘, als ,,besonders 
markante Sigel‘ zu betrachten!); die letztere Charakterisierung trifft nicht 
einmal zu?). 

Im folgenden sei zusammengestellt, was über die Art und Weise des 
Systems aus dem Titusbriefe rekonstruiert werden kann. 

An Interpunktionszeichen kennt der Brief nur den Punkt?). Er steht 
am Versschluß; selten fehlt er, manchmal ist er nur undeutlich. 

Überblickt man das Alphabet, so erkennt man, daß seiner Aufstellung 
ein strenger Konstruktionsgedanke fehlt; anders im Alphabet von 1588, 
wo man deutlich den logischen Fortschritt von Zeichen zu Zeichen wahr- 
nehmen kann. Ferner ist im edierten System der senkrechte Strich und 
seine Lage als normal angenommen, 1586 ist das noch nicht in dieser 
scharfen Ausprägung der Fall. 

Die Stenographie ist eine Wortschrift: jedes Zeichen bedeutet ein Wort, 
und zwar gibt nur der Beginn des Zeichens den Wortanfangsbuchstaben 
wieder, der übrige Teil des Zeichens ist frei gebildet, nach meiner Ansicht 
ohne Regel und System in seiner Anwendung bei den verschiedenen 
Wörtern®). Bright benutzt nicht einmal dieselben ‚„additions‘‘ bei ver- 
schiedenen Buchstaben. Deshalb gibt es deren eine solche Menge. Bei 
den unter w angeführten Wörtern sieht man fast keine geraden Striche 


als Endungen: l 6 f J 5; während bei denen unter p sehr viele gerad- 
linig sind: u I) N. 

Der Titusbrief läßt auch erkennen, daß Bright sich bereits die verschiede- 
nen Lagen der Zeichen nutzbar machte, um dadurch möglichst viele Varia- 


tionen und damit Bedeutungen zu erzielen. Z.B. f but; / by; J begin; 


1) Sh. J. XXXIV, p. 194. Dewischeit. 

2) Entschieden lehne ich die unzureichende Art der Darstellung Carltons ab. 
Pag. 66 bringt er einige Wörter aus dem Titusbrief, z.B.: a ” ; again N; and l; 
as ; evil X (11); even f I P sin ` ; of |. one %. Diese Art der Zusammen- 
stellung muB jedem Leser den Gedanken aufdrangen, daB Bright durchaus kein 
Alphabet eingehalten habe. Ich glaube, den Gegenbeweis erbracht zu haben. Die 
Zeichen an sich hat Carlton ziemlich richtig wiedergegeben, nur ist ^’ = evil keine 
primäre Bedeutung; ferner haben I und we dasselbe Zeichen = P , auch he und 
they = X as ist genau 7, 

3) Nicht besonders zu rechnen ist wohl der Schlußschnörkel. 

*) Nicht ganz richtig ist die Bemerkung von Johnen, Arch. f. Sten. 1911, H. 2—3, 
p. 107. „Das System [von 1586] hat zwar eine alphabetische Grundlage, bezeichnet 


aber nur die Eigennamen alphabetisch, die anderen Wörter nur durch den ı. Buch- 
staben des Wortes“ (!). 


116 l Paul Friedrich 


“> bring; J all; J accuse; f have; hope; £ he usw. Aber eine um- 
fassende Durchführung dieses Gedankens der Lagenveränderung vermag ich 
nicht zu erkennen. Sicher war 1586 diese Idee noch nicht zum Prinzip 
erhoben wie 1588. Bei manchen Buchstaben kommt nur eine Lage vor, 
so bei p nur die senkrechte, bei der Menge der vorhandenen Belege wird 
das nicht nur Zufall sein. Eine durchgeführte Anwendung der Lagen- 
änderung wäre schon am Alphabet gescheitert, insofern als mehrere Buch- 
staben dadurch verwechslungsähnlich geworden wären. So wäre o in 
Konflikt gekommen mit a: —® l; p mit f: l? =; s mit m: ‘‘ 4; g 
mit e: -: 1 usw. 

Die Schreibung erfolgte in senkrechten Reihen. Das scheint mir ein 
gliicklicher Griff gewesen zu sein!). Die ganze Art der Zeichen drängte 
dazu hin. Deshalb hat Bright diese Anordnung auch beibehalten. Aus- 
gegangen ist er aber doch wohl von der Schreibung in wagerechter Rich- 
tung, die 3 Worte auf dem Treatise von 1580 veranlassen mich, das an- 
zunehmen. Vielleicht wurde er durch die Lange vieler Zeichen dazu be- 
stimmt, vertikal zu schreiben; man denke an die Namen, die sich ja wegen 
ihrer verschiedenen Hohe gar keiner Zeilenbreite eingefiigt hatten. 

Von dem Gedanken aus, daß längere Worte einst mit einer längeren 
Endung versehen waren, kann man auch einen Satz in der Characterie 
von 1588 verstehen, der dorthin gar nicht zu passen scheint, wohl aber als 
ein Anfangssatz.der ganzen Kunst verständlich ist ‚‚Let a short character 
serve an usual and short word and a long one a long word.“ Im System 
von 1588 sind alle Zeichen gleich lang. 

Auch in Rücksicht auf die Bedeutung der Wörter lassen sich mehrere 
Systemgedanken erkennen. Bright wendet mehrere sinnreiche Mittel an, 
den Wortschatz zu erhöhen. So benutzte er, vielleicht indem er von der 
longhand ausging, das Durchstreichen für die reine Verneinung eines 
Begriffes mit not: m = give, m = not given I.7, II.32); 1 = can, + = 
cannot I.2, II.8; ~, = must, % = must not I.11; f= by, # = not by 
III.5; J = be, ? = be not. Es kommt auch vor ™ = neither, von ~ = 
or I.6, 7. 

Das Präteritum wurde bereits durch einen Punkt links vom Infinitiv 
ausgedrückt: “e = made I.3; ‘| = promised I.2; 4 = do, 4 = have done 
IIl.5; «m = gave IIll.6; ._, = have beleeved III.8. 


1) Mancher Erfinder hat ihm das später nachgemacht. Arch. f. Sten. 1905, 
p. 304. ,,Capellen hat sein System unabhängig von der Zeile gestaltet. Er schreibt 
nicht in wagerechter, sondern in senkrechter Richtung, wie die Chinesen und Ja- 
paner .... da man dadurch lange Verbindungsstriche, Raumüberschreitungen und 
Wortunterbrechungen vermeidet.‘ 

2) Die Ziffern geben Kapitel und Vers im Titusbrief an. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 117 


Besonders sinnreich, wenn auch schwierig in der Durchführung, ist die 
— um den Ausdruck der Characterie zu gebrauchen — schon hier auf- 
tretende Anwendung der consenting und dissenting signification zu nennen. 
Allerdings ist dieses Mittel nicht immer streng angewendet. Sehr oft 
finden sich Wörter, die zur Seite nur ein allgemeines Ableitungszeichen, 
nicht aber einen deutlich identifizierbaren Buchstaben haben. Daraus 
erkennt man nur, daß ein synonymes oder ein sinnentgegengesetztes Wort 
gelesen werden soll; man bekommt aber keine Hilfen für die Lösung. 
Meist wird als ein solcher unbestimmter Exponent ein Häkchen gebraucht, 
oft auch ein Strich. Genau nach den Regeln der consenting und dissenting 
method sind z. B. bezeichnet: ‚m = “given = committed I.3; y = ‘parent 
= father I.4; .¢ = *holy = saint; N = become II.1; 14 = authority II.15; 
‘4 = appeare III.4; 16 = apostle I.1.— 4 = with* = against; (1 = before’ 
= after; „ = man? = beast I.13 usw. Weit häufiger sind aber jene 
Bezeichnungen, die nur durch einen allgemeinen Exponenten andeuten, 
daß das Zeichen nicht in seiner primären Bedeutung zu fassen ist. Viel- 
leicht ist dies die Vorstufe jener genaueren Schreibung gewesen. So be- 
deutet ‘ù epistle; -¢ lucre I.7. Besonders zahlreich sind die allgemeinen 
Exponenten für Wörter mit entgegengesetzter Bedeutung gebraucht; hier 
hat Bright sehr psychologisch gedacht, das Gegenteil eines Begriffes asso- 
ziiert sich mit diesem oft leichter, als ein sinnverwandter Inhalt. Beispiele 
sind: 4 men II.2, cv = women II.4; 7 aged II.2, -* young II.4; — beleeve, 
—,’ unbeleeving; « good, « evil; „/ not true, „/£ not false II,3; 1. sober; 
— unfruitful; f rebuke, f‘ blameless I.6, 7; YY husband 1.6, ”’ wife I.6; 
~o obedient, „ø“ disobedient I.6, 10, III.3; 2 affirme, 3° deny 1.16, II.12; 
e~ go, e’ come IIl.ı2; f have, f’ want IIl.ı3. Die angeführten Beispiele 
zeigen wohl, wie schwierig es war, in dieser Stenographie zu schreiben. 
Gelegentlich kommt deshalb eine Inkonsequenz vor, die uns wohl verständ- 
lich erscheint, die aber doch dem Schreiber, der ja der Autor war, nicht 
hätte widerfahren sollen. 1.8, letztes Wort = $4. Was heißt das? / be- 
deutet sicher enjoyment (riot), I.6 schon einmal belegt. Der Exponent 
rechts zeigt an, daß ein sinnentgegengesetztes Wort zu lesen ist. Der 
Exponent § kommt aber gar nicht im Alphabete vor! Fünf Bibelversionen 
(Tyndale, Cranmer, Geneva, Authorised, Barkers B.) geben uns nun die 
Bedeutung temperate an die Hand. Danach muß ¿ = t sein. Es ist 
auch t, aber das t aus dem Namenalphabet! Bright vergriff sich, weil 
eben 2 Alphabete für ı Manuskript zu verwirrend sind. 

Bright wendet sich mit seiner Kunst nur an Gebildete, denn er forderte 
von seinen Schülern sehr viel Sprachgefühl und Gestaltungsfähigkeit; 
z.B. Flexionsformen bezeichnet er im Titusbriefe gar nicht. Das Prä- 


118 Paul Friedrich 


teritum ist, wo es aus syntaktischen Griinden klar erkennbar ist, nicht be- 
zeichnet. Z.B. I.3 Schluß: before the world begin. Sogar den von einem 
anderen Stamm gebildeten Obliquus beim Pronomen personale der r. Per- 
son läßt er durch den Rektus vertreten, f = I und me. 1.3: ‚which is 
committed to I“ lautet das Stenogramm. Das Personale vikariert sogar 
fiir das Possessivum: I.4: To Titus mine own son ist wiedergegeben durch: 
To Titus I own son. I.3 steht stenographiert: According to the comman- 
dement of God I saviour. 

Gewiß wurde durch solche Vertretungsmöglichkeiten eine große Er- 
sparung von Zeichen erreicht, aber zugleich eine große Schwierigkeit für 
das Wiederlesen verursacht. 

Thou wurde durch Lagenveränderung und Punkt von I unterschieden. 

P = I, @ = thou; aber thee = © = the. He, his, him, they, their, 
them wurden wiedergegeben durch 4. Fast ebenso vieldeutig ist das 
bereits besprochene Zeichen f = I, me, my, mine, we (III.3), our (II.13), 
us (II.14). you = €. 

Eine Durchstreichung dieser Pronomina bedeutet aber keine Verneinung, 
— hierin liegt eine gewisse Inkonsequenz — sondern eine Verstärkung: 


% = himself Il.14; % = thyself 11.7; f = ourselves III.3; £ = them- 
selves I.12. — Should war gleich may = ¢. 

Eine Wiederholung mehrerer Wörter scheint bereits — wie 1588 — 
durch einen kleinen Kreis möglich gewesen zu sein. Das glaube ich 
schließen zu können aus II.4. Man erblickt da die Zeichen: 

C das heißt: that they love their husbands, children. Das letzte Wort 
© hat neben sich einen Kreis, das kann unmöglich ein Buchstabe sein. 
g Die Bibelversionen schreiben nun an dieser Stelle: that they love their 
5 husbands, that they love their children. Danach ist es klar, daß der 
0) Kreis als Wiederholungszeichen steht fiir: that they love their. 

Wörter, die deutlich aus 2 Begriffen zusammengesetzt sind, können 
auch mit 2 Zeichen wiedergegeben werden: soberminded Il.4 = > = 
sober mind; nothing = © = no thing III.13. 

Im allgemeinen scheint Bright schon die Auffassung gehabt zu haben, 
daß eine wörtliche Treue des Gehörten gar nicht erstrebt zu werden braucht, 
sagt doch 1588 noch die Characterie: ‚The sense is only to be taken with 
the character.“ 

Die gegebenen Ausführungen haben wohl erkennen lassen, daß Brights 
Kunst, um brauchbar zu werden, noch sehr entwicklungsbedürftig war. 
Das erkannte auch Bright selbst, deshalb hat er in den beiden folgenden 
Jahren, bis zur Herausgabe des Systems außerordentlich an dessen Ver- 
vollkommnung gearbeitet, wie der nächste Abschnitt bekundet. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 119 


3. Kapitel. 
Das System von 1588 als letzte Entwicklungsstufe’). 


Nach der Darstellung im ı. Teil könnte man glauben, daß Brights System 
von 1588 von dem vorangegangenen völlig verschieden sei, da man damit 
den Titusbrief nicht lesen kann. Genaues Studium der zugrunde liegen- 
den Gedanken läßt aber erkennen, daß die neue Kurzschrift ganz und gar 
aus der älteren hervorgegangen ist. Manches davon ist schon angedeutet 
worden. 

Herübergenommen vom System von 1586 sind vor allem die eigenartigen 
Bildungsgedanken, die der Brightschen Stenographie ein so spezifisches 
Gepräge verleihen. Neu sind der Ausbau im einzelnen, die größere Logik 
im Alphabet und mehrere Sonderlehrsätze. Viele Mühe und Arbeit hat 
Bright auch — wie noch näher ausgeführt wird — neben der Verbesserung 
des Graphischen im System besonders der Auswahl des Sigelwortschatzes 
zugewendet. Die Umbildung der Zeichen ist aber dem flüchtigen Be- 
schauer viel offensichtlicher als das letztere. 

Vorangestellt seien die wichtigsten Punkte, aus denen man erkennt, 
wie sehr das neue System von 1588 ein Kind des früheren von 1586 ist. 

Aus dem älteren System stammen: 


I. an Grundlegendem: 


1. die Schreibung in vertikaler Richtung, 

2. das Vorhandensein eines Alphabets, dessen Grundelement der 
gerade Strich ist (Vergleich beider Alphabete S. 25), 

3. die Idee der Wortschrift: nur der Anfangsbuchstabe eines Wortes 
wurde durch sein entsprechendes alphabetisches Zeichen wieder- 
gegeben, der übrige Teil wurde nur angedeutet, nicht buch- 
stabiert, 

4. die Idee der Lagenänderung der Zeichen, 

5. die Beibehaltung besonderer, nicht dem Alphabete sich ein- 
fügender ‚‚Partikel‘‘2), 

6. die Idee der consenting und dissenting method of signification, 

7. die Nichtbezeichnung vieler Formantien, 

8. der Gedanke, daß wörtliche Treue nicht unbedingt nötig sei; 


1) Die beiden Grundlagen für unsere Kenntnis des neuen Systems bilden die 
Characterie und Jane Seagers Stenogramm. Letzteres bietet außerordentlich wert- 
volle Hilfen, indem es oft Klarheit in Einzelfragen schafft und reichlich Beispiele 
liefert, wo die Characterie zu knapp gehalten ist. Deshalb wird oft darauf verwiesen. 

2) Unverändert beibehalten sind die „Partikel“: o =the, f =I, ‘` = in, 
c = it, ; = of, / = with, | = and, - = to, ~ = for. 


120 Paul Friedrich 


II. an Einzelheiten: 


9. die Möglichkeit, Eigennamen zu buchstabieren, 

10. die Verneinung eines Begriffes mittels Durchstreichens, 

II. die Bezeichnung des Präteritums durch einen Punkt links vom 
Infinitiv, 

ı2. die Verstärkung des Pronomens mittels Durchstreichens, 

13. die Möglichkeit, mehrere Wörter durch I Zeichen, einen Kreis, 
zu wiederholen. 

14. die Bezeichnung eines Absatzes oder einer Pause durch einen 
Punkt!). 

15. die Schreibung von Zahlen durch Ziffern?). 


Etlichen dieser Punkte seien einige ausführende Bemerkungen bei- 
gefügt. In der Bildung des neuen Alphabets zeigt sich eine durchgreifen- 
dere Systematik. 1586 waren wohl auch einige Prinzipien in der Ge- 
staltung des Alphabets vorhanden, das neue aber ist viel einfacher und 
logischer aufgebaut: a als erster Buchstabe besteht nur aus dem Bildungs- 
elemente, dem einfachen Strich selbst; teilt man von b ab die Buchstaben 
in Paare ein, so ist jedes zweite Zeichen im Paar das Spiegelbild des voran- 


gehenden: I IE + ır ar fi ır 93P fr P. Nur u (w) steht wieder 
allein, seine Bildung ist aber charakteristischerweise so, daß sein Spiegel- 
bild mit ihm identisch ist. Diese klare geometrische Konstruktion, nicht 
etwa die bloße Aufstellung neuer Zeichen, stellt den Fortschritt dar). 

Die Lagenveränderung wird im neuen System bei jedem Buchstaben 
angewendet — früher nur bei einigen —, und zwar ist die gleiche Lagen- 
folge wieder bei jedem Zeichen streng eingehalten. Das bedeutet eine 


1) Characterie p. 18. ,,The distinction ought to be made with a prick sette under 
the character at every breathing, or pause of the sentence.‘ 

2) Die Characterie sagt dartiber etwas zu knapp: ,,Nombers are written by the 
heads of the compound characters, with a streight bodie hanging, and take increase by 
place as cyphers in arithmetike‘' p. 29. Das Wörterbuch gibt für 3 an: count, ebenso 
für 6: count. Also werden wohl die Zahlen durch Ziffern bezeichnet worden sein, 

3) Eine interessante Einzelheit, die allerdings von ganz untergeordneter Bedeutung 
ist, finde ich bei Jane Seager. c, k, q sind von ihr im allgemeinen stets gemäß der 
Characterie durch dasselbe Zeichen = f wiedergegeben. Als Exponenten der mit 
k beginnenden Wörter schreibt sie aber dieses k nicht mit c = ( ‚ sondern mit © 
also einer kleinen Variation von Í. Aus 3 Belegen ergibt sich dies: ‘f = knotty 
III. (Blatt), 2. (stenogr. Zeile); 9 = king III.3; “7 = kept IX.ı; eine entsprechende 
Variation von ist konsequenterweise auch fiir q zu beobachten.q = 7. 7@ = 
arest = quiet (guyet) VI.4; J’ = princea = queene IV.5; sonst istc = f . come = 


T (=go. Durch diese kleine, sehr einfache Variation wurde eine bedeutend 
groBere Genauigkeit erzielt. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 121 


Anderung, die also in der Idee nichts Neues darstellt, die aber der Kurz- 
schrift ein ganz anderes Aussehen verleiht. 

Von den Partikeln hat Bright mehrere in ihrer alten Form und Be- 
deutung beibehalten; ob alle, das läßt uns die geringe Wortzahl des Titus- 
briefes nicht erkennen. Durch die Neuordnung des Alphabets kommen 
aber damit einige Inkonsequenzen herein, die man nur bei vergleichender 
Betrachtung verstehen kann: Es tritt einige Male der Fall ein, daß Partikel- 
zeichen einem Buchstaben gleichen, der durchaus nicht der erste Buch- 
stabe des Bedeutungswortes ist. 9% heißt als Buchstabe: p, als „Partikel“: 
wel); liegend: e = they; f als Buchstabe = r, als „Partikel“ = I; 
| als Buchstabe = n, als „Partikel“ = so. Aber eine Verwechslungsmög- 
lichkeit, die man bei solcher Identität erwarten könnte, trat doch nicht 
ein; denn da Bright die Buchstaben nie allein, sondern nur neben einem 
Worte verwendet, nämlich bei der consenting und dissenting method, so 
bedeuteten jene oben genannten Zeichen, wenn sie allein stehen, immer 
die Partikel. Hier kommt dem System die vertikale Schreibfolge außer- 
ordentlich günstig zustatten: Bei wagerechter Schreibrichtung wäre leicht 
Verwirrung entstanden, da man nie hätte wissen können, ob eines jener 
Zeichen als Buchstabe oder Partikel gemeint sei. 

In bezug auf die Bezeichnung von consenting und dissenting words ist 
Bright im neuen System viel genauer. Die allgemeinen Exponenten 
Hakchen, Strich, Punkt verschwinden. Der Anfangsbuchstabe des zu 
stenographierenden Wortes muß stets geschrieben werden. Das war für 
eine brauchbare Kurzschrift auch sehr notwendig. Der Punkt z.B. hat 
noch so viele Funktionen zu versorgen, daß seine Verwendung noch reich- 
lich vielseitig ist. Schon die viel genauere Bezeichnung einer sekundären 
Bedeutung mit ihrem Anfangsbuchstaben birgt noch manche Schwierig- 
keit für das Wiederlesen in sich. Einige Beispiele, nicht einmal sehr 
fernliegende, seien zum Beweise dessen angeführt; ich greife sie aus Jane 
Seagers Schriftchen heraus: a = ‘sing = verse; Me “open = unlock; 
I = offend = synn; ə = whore? = chast; 4’ = marrie’ = virgin; 
P = irejoice = joy[ful]; l’ = fall" = raise. 

Bright hat sich in den 2 Jahren, die zwischen der Niederschrift des 
Titusbriefes und der Herausgabe der Characterie liegen, sehr viel mit seiner 
Kunst beschäftigt, das ist bereits durch mehrere Tatsachen erwiesen wor- 
den. 1586 war die erste englische Grammatik erschienen, von Bullokar 


1) Der Ausdruck ,,Partikel‘‘ ist von Bright nicht in streng grammatischem Sinne 
gemeint, Bright wird überhaupt nichts Einheitliches darunter verstanden haben; 
denn wir finden z. B. Pronomina unter diesen ,,Partikeln‘‘, andererseits sind Prono- 
mina auch unter den charactericall words. 

Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2/3. 9 


122 Paul Friedrich 


veröffentlicht. Vielleicht hat sie Bright studiert; denn wir können be- 
obachten, daß er im neuen System wenigstens bemüht ist, dem Formalen 
und seiner Bezeichnung viel mehr Rechnung zu tragen als früher; z.B. 
deutet er jetzt manches Flexivische des Wortes an, was er früher nicht 
getan hatte. Allerdings benutzt er dazu als fast einziges Ausdrucksmittel 
den Punkt; diese Vielseitigkeit macht darum dessen Deutung oft schwierig. 
Eingehende Betrachtung ergibt, daß der Punkt folgende Funktionen aus- 
üben kann!): . 

I. Er bezeichnet das Präteritum, wenn er links neben den Infinitiv 

gesetzt wird b = he despised; z = he did; 
2. das Futur, wenn er rechts vom Infinitiv steht: = he shall bring; 


3. 2 Punkte unter den Infinitiv gesetzt, bezeichnen das participium 
praesentis, oder wie es Bright — grammatisch nicht sehr scharf — aus- 
drückt: a word of doing that endeth in ing as eating, drinking requireth 


two prickes direct under the body of the character 4 = passing. 


h. 
. Der Punkt kann ‚‚shall“ vertreten: 1 = shall he be. J. S. II.42). 


. Der Plural wird durch den Punkt ausgedrückt: k = the ages. 
. Der Punkt ist das einzige Interpunktionszeichen. 


N An A 


. „Derivative words that end in er require two pricks at the right side 
of the character, as labourer is derived of labour f es t = sa- 
viour. J. S.IX.z. | 

8. Ein Punkt links von he verwandelt es in his: .k = his. 

9. Ein Punkt rechts von he macht es zu she: b. = she), 
10. 2 Punkte rechts von he geben ihm die Bedeutung her. b. = her. 
11, this mit Punkt links heiBt thus: 9, = thus. 
12. may mit Punkt links bedeutet might: "( = might. 
13. will wird durch einen Punkt rechts zu should =®9, J. S. XII.4. 
1) Die oben folgende Zusammenstellung ergibt sich aus einer vergleichenden 

Betrachtung der Characterie und Jane Seagers Büchlein. In der Characterie sind 

natürlich diese Einzelverwendungen nicht so übersichtlich aneinandergereiht. Diese 

Zusammenstellung geschieht aus dem Grunde, weil sie für ein späteres Kapitel dieser 

Arbeit bedeutsame, erklärende Unterlagen bietet. 


2) Dieses Beispiel ist uns noch verständlich, da Punkt 2 solche Verwendung nahe- 
legt. Brights ungrammatische Denkweise verrät sich aber, wenn wir sehen, daß 


der Punkt auch shall vertreten kann, ohne Hilfszeitwort zu sein: 2‘ = shall from. 
Jo IL-5, 
3) Aus Punkt 4 ergibt sich, daß hiermit eine Verwechslungsmöglichkeit geschaffen 


wurde: h. = she oder shall he.! 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 123 


Im besonderen hat Bright noch manches zur Klarheit und Eindeutigkeit 
seiner Zeichen ersonnen. So hat er fiir we einen anderen character ge- 
prägt als für I; früher war beides = f: jetztI =P, we = 7. 1586 
waren noch he, him, his, they, them, their alle durch 1 Zeichen ausgedrückt, 
jetzt hat er mehrere dafür. 

Betont sei nochmals, daß Bright kein Grammatiker war: Bildet man 
einige Zusammenstellungen, z. B. der Zeichen für das pronomen personale 
und possessivum, so ergibt sich folgendes Bild: 


I=? we = Ì1 mine = mw our = q 
thou = f you = f thine = f your = f 
he = b they = e~ his = +} their = f. 


Man sollte vermuten, daß ein Systemerfinder bei der Bildung solcher 
Gruppen ähnliche oder doch wenigstens verwandte Zeichen aufstellte. 
Bright hat das nicht getan, wie die kleine Tabelle zeigt. You und your 
zwar entsprechen sich in ihren Zeichen, auch he und his; aber nicht they 
und their, obgleich sie mit dem gleichen Buchstaben beginnen; während 
Bright ferner den Akkusativ von I mit I wiedergibt, trotzdem er mit m 
beginnt, erfindet er doch ein ganz anderes Zeichen für mine. 

Eine kleine Verbesserung gegenüber dem 1586er System bedeutet ferner 
die Einführung einer Ableitungssilbe, die andere vertreten kann. Charac- 
terie, p. 24 „Such [derivatives] as end in ship as friendship or hood as 
neighbourhood require in the word written the character of ship to be 
placed underneath and whether it or hood be to be read, the language will 
plainly deliver.‘ Die letzte Hälfte dieses Satzes zeigt deutlich, welche 
Ansprüche Bright an die Sprachbeherrschung seiner Schüler stellte: 


neighbourhood würde z. B. stenographiert so aussehen: } = neighourship. 


Das Lehrbuch sagt weiter nichts über Ableitungssilben. Einige Beispiele 
von Jane Seager bestätigen mir aber, was zwar die Characterie nicht aus- 
drücklich schreibt, was aber doch wohl zwischen den Zeilen gelesen wer- 
den muß, nämlich, daß ship auch andere Ableitungssilben als hood, viel- 
leicht alle vertreten kann. Die 3. Prophezeiung enthält den Satz (IV. 5.): 


1" 
The heauens of this happynes divines. happiness ist so geschrieben: T 
= happy-ship, hier wäre also -ness durch ship vertreten; Blatt VII.3 


enthält das Wort: afflictions = T = *grief-shoote! Das untere Zeichen 


halte ich für zweifellos verschrieben, $ bedeutet shoote; die untere Schleife 
nach der anderen Seite gelegt, würde es sofort zu ship machen, das wäre 
9* 


124 Paul Friedrich 


viel verständlicher; demnach würde ship auch für tion vikarieren können, 
und so wahrscheinlich auch für andere Silben!). 

Bei der Verbesserung seines Systems hat Bright besonders viel Sorgfalt 
auf die Durcharbeitung des Wortschatzes verwendet. Endziel mußte 
“immer sein, mit Hilfe einer begrenzten Zeichenanzahl einen großen Reich- 
tum an ausdrückbaren Begriffen zu schaffen. In dieser Hinsicht hat nun 
Bright das eine große Prinzip, das er zur Erweiterung des Wortschatzes 
ersonnen hatte, konsequenterweise ausgeniitzt. Die consenting und 
dissenting signification gab ihm bekanntlich die Möglichkeit an die Hand, 
auf leichte Weise sinnverwandte oder sinnentgegengesetzte Begriffe zu 
schreiben. Demnach konnte er aus dem Wortschatze, der durch Sigel 
ausgedrückt wurde, alle die Wörter mit Recht ausschließen, die bereits 
ein Synonymon oder ein bedeutungsentgegengesetztes Wort als Sigel 
hatten. Dadurch wurden Zeichen „erspart“. Mit anderen Worten: die 
Characterie table durfte im Interesse eines großen Wortreichtums mög- 
lichst keine consenting oder dissenting words enthalten, da diese leicht 
auf andere Weise zu schreiben waren. 

Daß die eben skizzierte Gedankenreihe auch von Bright durchlaufen 
wurde, darf man wohl aus einem Satze der Characterie schließen, der eben 
nur das Endresultat der Überlegung bildete: ,, The charactericall words are 
a number that have neither agreement nor contrarity‘‘. Daß diese Vor- 
schrift von Bright bei der Aufstellung der Sigelworte auch befolgt worden 
ist, erkennt man, wenn man sich z.B. zur Prüfung einige Paare von 
dissenting words bildet: day— night; good —evil; high —deep; man — woman 
over— under; fall—raise; great— small; bright—dark; up—down; mind— 
body; hill—vale; common—rare; friend—foe; go—come; rich—poor; 
sound—sick; Christian—heathen. Diese Beispiele sind mit Absicht so 
reichlich und naheliegend gewählt. Bei Nachprüfung erkennt man, daß 
Bright von allen diesen Paaren nur ı Wort (das erste) als Sigel hat, das 
zweite aber stets durch dissenting method of signification ausdrückt, wie 
Jane Seager oder das Wörterbuch erweist. Daß die Vervollkommnung 
des Sigelverzeichnisses in dieser Hinsicht, die Ersetzung vieler Wörter 
durch fernerliegende, erst im Laufe der Entwicklung geschah, ist an sich 
schon der natürliche Gang der Dinge. An einigen Wortpaaren vermag ich 
jedoch die in diesem Sinne bessernde Hand noch direkt nachzuweisen. 
1586 gab es nach Ausweis des Titusbriefes für die beiden konträren Begriffe 
filthy und pure je r Sigel, filthy = ~, pure = us (I.11, I.15 Titusbr.). 


1) Für Adverbia gab es die besondere Silbe ly, t , sie steht auch in der Characterie, 


$ 
2 = heavenly II.2; 7 = shortly III.1; = heartily V.3; aber auch only b = XIl.4. 


l, 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 125 


1588 ist pure nicht mehr unter den charactericall words zu finden; es 
wurde mit filthy umschrieben! (Jane Seager IX.3.) Also war pure als 
Sigel gestrichen worden und so sein character fiir eine andere Bedeutung 
freigeworden. Erklärlicherweise sind bei der geringen Wortzahl des 
Titusbriefes sichere Belege dieser Art spärlich. Ein Beispiel ist vielleicht 


noch zu erblicken in dem Gegensatz: true und false. 1586 ist true = J ; 
false oder doch wenigstens ein Synonym davon = x (Titusbrief 1.16, 
Zeile 7, Mitte). Die Characterie aber kennt nur noch true als charactericall 
word; false wird nach Aussage des Wörterbuches mit true umschrieben. 
Auch für 2 synonyme Begriffe läßt sich ähnliches nachweisen: Der Titus- 


brief hat für Lord und god je ein Sondersigel; Lord = ? , god = o@ ; die 
Characterie kennt nur god als Sigel und umschreibt damit auch Lord. 

Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, ist es auch nicht nur als Zufall 
aufzufassen, wenn wir so manchen Gattungsbegriff in der Characterie table 
finden: die Unterarten waren eben leicht durch consenting signification 
damit zu umschreiben. Beispiele: metall, parent, tree, weapon, plaie, 
garment, feast, birde, herbe, house, colour, time usw. | 

Bright hat wohl die Notwendigkeit empfunden, seinen Schülern, wenig- 
stens den Anfängern, Hilfen zu bieten gegenüber den Schwierigkeiten 
mancher Wortbezeichnung, indem er in einem Sonderabschnitte z.B. 
Unterarten aufzählt, die man alle durch einen Gattungsbegriff umschreiben 
konnte. So entstand der Teil „appellative words“. Dieser Abschnitt ist 
nicht sehr umfangreich, der Autor hat offenbar nicht allzuviel Wert darauf- 
gelegt; ja er hat ihn wohl gar, wie sich noch erweisen wird, längere Zeit 
unbeachtet gelassen. 


Die Characterie besteht, wie bereits ausgeführt, wenn wir von der Wid- 
mung und der Vorrede absehen, aus 4 Teilen: 

ı. einem erklärenden Teil: The Arte of Characterie, 

2. dem Sigelverzeichnis: The Characterie Table, 

3. einem Wörterbuch: A Table of English words, 

4. den Appellative words. 

Diese 4 Abschnitte sind augenscheinlich nicht mit gleicher Liebe und 
Sorgfalt gearbeitet worden. Ihnen haften noch manche Spuren der Ent- 
wicklung an. So weisen sie z. B., unter sich verglichen, gewisse kleine 
Unstimmigkeiten auf, die, im Zusammenhange mit des Autors Lebens- 
gang und dem Zwecke seiner Kunst betrachtet, manchen Aufschluß geben 
können. Im folgenden seien einige aus eingehender Betrachtung resul- 
tierende Verhältnisse dargelegt, die uns bedeutsame Rückschlüsse auf den 
Werdegang der Brightschen Stenographie ziehen lassen. 


126 Paul Friedrich 


Der umfangreichste Abschnitt ist das Worterbuch. Ihm ist kein be- 
sonderes Wort der Erklärung seines Gebrauches beigefügt; doch seine 
Einrichtung läßt uns sofort seinen Zweck erkennen: In einer linken Rubrik 
stehen die Wörter in ihrer alphabetischen Reihenfolge, und in der rechten 
Spalte stehen, auch nur in longhand, die charactericall words (= Sigel), 
durch die man den betreffenden Begriff umschreiben kann, mit consenting 
oder dissenting signification. Das ganze Wörterbuch verdankt demnach 
seine Existenz diesem Prinzip der accompanied signification. 


Aus der gegebenen Beschreibung erkennt man, daß die rechte Rubrik 
dieser table of English words nur Sigel[wörter] enthält. Damit ist uns 
ein wichtiges Mittel an die Hand gegeben, das Sigelverzeichnis (= The 
Characterie Table) auf seine Richtigkeit oder wenigstens Übereinstimmung 
mit dem Wörterbuch hin zu prüfen. Da ergibt sich nun merkwürdiger- 
weise, daß eine solche zu fordernde Übereinstimmung manchmal nicht 
vorhanden ist. 


Schlägt man z. B. das Wort salve nach, so wird man angewiesen, es mit 
medicine wiederzugeben; medicine findet sich aber nicht unter den charac- 
tericall words! Ebenso ist medicine als zu benutzendes Sigel angeführt 
bei plaister, treacle und baulme. Ich schließe wohl richtig, wenn ich an- 
nehme, daß medicine allerdings einst als Sigel bestand, daß Bright es aber 
später gestrichen hat. 

Ähnliches findet man bei mehreren anderen Wörtern. Für brine und 
mustarde ist sauce, für clammie ist tough, für decoction ist seeth angegeben 
als zu benutzendes charactericall word. Keines dieser Worte steht aber 
in der Sigeltabelle. 

Sucht man nun diese 4 Begriffe medicine, [sauce], tough, seeth in der 
linken Rubrik des Wörterbuches auf, so findet man sie wieder durch Sigel- 
worte umschrieben,denen diesmal in der Sigeltabelle tatsächlich ordnungs- 
gemäß Zeichen zugewiesen sind. Das ist der beste Beweis dafür, daß 
Bright diesen Begriffen, nachdem er sie aus den charactericall words ge- 
strichen hatte, wohl im Wörterbuch das neue entsprechende Sigelwort 
beifügte, aber vergaß, die alten, fehlerhaften Sigelworte dort, wo sie für 
irgend einen Begriff in der zweiten Rubrik als Umschreibung angegeben 
waren, zu entfernen. 

Die eben ausgeführten Vermutungen werden durch einen beweiskräftigen 
Grund unterstützt: Im letzten Teil, den appellative words, der Zusammen- 
stellungen enthält, steht als Überschrift einer solchen Gruppe das Wort 
medicine, darunter sind ıo Einzelarten angegeben. Wenn Bright diesem 
Begriff eine solche herausgehobene Stellung zuwies, dürfen wir in Ver- 
bindung mit den anderen Gründen mit Sicherheit annehmen, daß ihm einst 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 127 


auch ein eigener character gehörte. Nach der Veränderung vergaß aber 
Bright die Nachbesserung auch für diesen letzten Teil, der überhaupt wenig 
gleichmäßig gearbeitet ist, sicher aber mit an den Anfang der ganzen Er- 
findung gestellt werden muß. 

Nach welchen Gesichtspunkten hat nun Bright die obengenannten Wörter 
und zweifellos noch viele andere aus den charactericall words gestrichen, 
und vor allem, nach welchen Prinzipien erfolgte die positive Vervollkomm- 
nung der Sigeltabelle? Diese ist ja der wichtigste Abschnitt der ganzen 
Characterie. 

Der eine naheliegende Grund, sinnverwandte oder entgegengesetzte Be- 
griffe zu vermeiden, kommt hier ganz gewiß nicht allein in Frage. Fur 
medecine Z. B. stellt sich nicht leicht ein synonymer oder konträrer Gattungs- 
begriff ein, es ist auch keiner vorhanden.!) 

Der wahre Grund ist nach meiner Ansicht vielleicht in der Änderung des 
Lebensberufes des Autors zu suchen. Bright war ursprünglich Mediziner, 
seine Interessensphäre lag also auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. 
Gerade in jenen Jahren aber neigte er sich der Theologie zu. Er ‚took 
holy orders“. Damit wurde seine ganze Lebensauffassung anders, das 
übertrug sich naturgemäß auch auf seine Erfindung. Er begann, sie 
seinem neuen Berufe dienstbar zu machen und vervollkommnete sie nach 
dieser Richtung. 

Zur Begründung meiner Hypothese sei noch folgendes ausgeführt. Der 
letzte Teil des Lehrbuchs ‚‚appellative words‘‘, der relativ zeitig entstanden 
ist, zeigt bei vergleichender Untersuchung eine erstaunlich hohe Zahl von 
medizinischen Begriffen. Folgende Überschriften sind so zweifellos in 
diese Vorstellungswelt zu rechnen: sickness, hearbe, medecine, belly, diet, 
head, mouth, back, breast, birde, graine usw. Um nur einige Zahlen als 
Zeichen dafür zu nennen, wieviel Unterarten Bright aufzählt, sei hervor- 
gehoben: unter sickness führt er 25 Namen an, unter medsine Io, unter 
belly 17, unter hearbe 292), unter flie 26, unter beast 27, unter fish 28, 
unter fruit 32. Auf dem medizinisch-naturwissenschaftlichen Gebiete 

1) Auch wird man nicht sagen können, es sei gestrichen worden, weil es ein 
seltenes Wort sei, wie z. B. mainprize, das das Wörterbuch noch als Sigel aufweist, 
nicht aber die Characterie table. 

2) Mit dieser hohen Zahl spricht wohl deutlich Brights ‚‚maidenessay‘‘ zu uns, sein 
» Treatise wherein is declared the sufficiencie of English medicines‘‘ von 1580. Der 
junge Arzt zählt unter ‚„‚hearbe‘‘ hier manche Kräuter auf, die sicher nicht alle Zeit- 
genossen im alltäglichen Wortschatze gehabt haben. Es sind folgende: basill, borrays, 
buglosse, burnet, cabbage, hissop, lettice, marioram, persely, peniroyall, rue, sage, 
savery, spinach, spurge, worte; [on the right side, das heißt, bei den folgenden Wörtern 
soll der Anfangsbuchstabe rechts von hearbe gesetzt werden, also Anwendung der 
dissenting signification] fagge, flaxe, hemlocke, hempe, henbane, hoppes, mallowes, 
nettle, pimpernell, rush, sedge, wreth, waod. 


128 Paul Friedrich 


standen ihm eben als Fachmann auBerordentlich viel Begriffe zur Ver- 
fiigung. Demgegeniiber findet man in den ,,appellative words‘‘ nur einen 
einzigen sprachwissenschaftlichen Begriff [,,word‘‘] und darunter nur 8 Na- 
men aufgeführt; diese 8 Wörter sind zudem noch Begriffe, die zu der Uber- 
schrift ‚‚word‘‘ nur in entfernter Beziehung stehen: accent, character, con- 
sonant, element, letter, sillable, titell, vowell. 


An theologischen Begriffen findet man im Vergleich zu dem Reichtum 
an naturwissenschaftlichen erstaunlich wenig unter diesen appellative words, 
nur bishop und church; vielleicht noch heaven und worship. Die beiden 
letzteren sind aber, nach den darunter aufgezählten Namen zu urteilen, ganz 
bestimmt nicht in kirchlichem Sinne zu fassen. 


Alles dies erweist wohl zur Genüge, daß Bright bei der Ausarbeitung 
dieses Teils seinen Interessen nach noch vollkommen Mediziner war. 

Untersucht man nun die Characterie table, das Sigelverzeichnis in bezug 
auf die Verteilung ihres Wortschatzes nach den verschiedenen Gebieten, 
so ergibt sich offensichtlich, daß ziemlich wenige medizinische Ausdrücke 
darin aufgenommen oder entwicklungsgeschichtlich ausgedrückt ge- 
blieben sind. 

Viele sind getilgt worden; außer den obengenannten: medicine, seeth, 
tough, auch z. B. noch: back und sickness, die im 4. Teile noch als Über- 
schriften stehen, also ganz bestimmt einst Sigel gewesen sind. 

Bedeutend vermehrt worden ist aber der theologische Wortschatz, und 
zwar auf Kosten des naturwissenschaftlichen. Man ist über die Menge 
der kirchlichen Begriffe in der Characterie table ebenso sehr erstaunt, als 
man verwundert war über ihre geringe Anzahl unter den appellative words. 
Von den rein kirchlichen Ausdrücken des Sigelverzeichnisses nenne ich 
nur: anoint, bishop, bless, Christian, church, god, faith, glory, gospel, grace, 
faith, holy, heven, hope, inheritance, mercie, pray, preach, praise, pre- 
judice, prophesy, pulpit, religion, salute, save, vertue, worship, Amen. Viele 
von diesen Worten wären, wenn sie nicht dem geistlichen Vorstellungskreis 
angehörten, der eben jetzt Brights Gedankenwelt beherrschte, gewiß nicht 
zum Sigel erhoben worden. Sonst z.B. ist Bright so sparsam mit seinen 
Sigeln, hier aber gibt er so nah verwandten Begriffen wie faith—gospel, 
grace—mercy, preach—prophesy, bless—save, eigene characters. In einem 
Falle vermag ich noch dieses bewußte Aufstellen von neuen Sigelworten 
theologischen Inhalts nachzuweisen, entsprechend dem Streichen medi 
zinischer Ausdrücke aus der Tabelle. 

1586 besaB Bright noch, wie der Titusbrief glücklicherweise erkennen 
läßt, für preach und prophesy ein gemeinsames Zeichen, 1588 aber führt 
er für jedes dieser beiden Worte ein Sonderzeichen ein. 


Die Entwicklung der Brightschen Kurzschrift 129 


Zu den obengenannten geistlichen Begriffen der Characterie table könnte 
man noch andere anführen: benefit, eloquence, judge, peace, repent, reward, 
innocent usw. Aber viele braucht man nicht zwingend als aus kirchlichem 
Denken entsprungen zu betrachten. 

Der Grund der Vervollkommnung der Stenographie auf eine besondere 
Brauchbarkeit in kirchlichen Dingen ist wohl darin zu suchen, daß Bright 
seine Neuerfindung vielleicht zunächst für das Nachschreiben von Predigten 
bestimmte. Die uns erhaltenen Nachrichten über die Verbreitung der 
Kurzschrift würden diese Vermutung bestätigen. 


Schließlich sei noch einiges aus dem ersten Teil der Characterie erwähnt, 
das deutlich auf eine Entwicklung hinweist. 

Mehrere kleinere Abschnitte der ‚Arte of Characterie‘‘ beschäftigen sich 
mit simple und compound characters, ferner mit simple compounded und 
double compounded characters, der letztere Gegensatz deckt sich praktisch 
mit den Begriffen: Buchstabe und Sigel; jene theoretische Auseinander- 
setzung über die Art der Bildung ist jedoch für ein Verständnis des Systems 
ganz überflüssig; wir müssen aber wohl darin noch Überbleibsel der anfäng- 
lichen Gedankengänge Brights erblicken, die sich auf geometrischem Boden 
natürlicherweise bewegten. Von den 19 Seiten der Einführung entfallen 
5 allein auf die Darstellung der Zeichenbildung! Wegen der Herübernahme 
vieler Partikelzeichen aus den Anfangsstadien sind aber z. B. solche ziem- 
lich überflüssige Sätze beibehalten worden: ‚The simple one is a character 
made of no other — — itiseither streight line or crooked‘“‘, p. ı8f. Dieser 
Satz erstreckt sich nur auf folgende Partikelzeichen: ! + -v a » «0, 


Unter Berücksichtigung aller angegebenen Tatsachen scheint es mit 
wohl möglich, für die Entstehung der einzelnen Teile der Characterie eine 
relative zeitliche Fixierung zu erschließen: Am frühesten entstand natür- 
lich die Einführung, die durch die Fassung mancher Abschnitte noch auf 
anfängliche Entwicklungsstufen hinweist. In Verbindung damit wurde 
das Sigelverzeichnis aufgestellt, der Kern der ganzen Kurzschrift. Relativ 
zeitig erfolgte auch die Zusammenstellung von „appellative words“. 
Schließlich wurde das Wörterbuch angelegt. Die Hauptarbeit hat Bright 
immer an die ständige Verbesserung des Sigelverzeichnisses gewendet. 
Die Auswahl dieser Wörter blieb doch immer das Wesentliche; deshalb hat 
er wohl häufig ihm entbehrlich scheinende Worte herausgenommen oder 
neue eingesetzt. Solche Streichungen und Einfügungen in diese Tabelle 
sind zweifellos auch der Grund für eine Erscheinung, die anders gar keine 
Erklärung findet: Im Sigelverzeichnis kommt es manchmal vor, daß, 
obwohl die Zeichen streng logisch angeordnet sind, die Bedeutungswörter 
doch nicht genau nach der alphabetischen Reihenfolge auftreten. Z.B. 


130 Paul Friedrich 


continue steht zwischen compell und conceive, due vor duble, even zwischen 
edge und element. Solche Inkonsequenzen finden eine einfache Erklärung 
darin, daß Bright an Stelle eines gestrichenen Wortes ein neues setzte, 
das alphabetisch gar nicht dort zu stehen hatte. Er konnte unmöglich bei 
jeder nachträglichen Änderung dem Alphabete zuliebe ganze Gruppen- 
verschiebungen vornehmen; viele Zeichen hätten in diesem Falle immer 
ihre Bedeutungen gewechselt, das hätte für den Erfinder ein ständiges Um- 
lernen bedeutet. 

Das Wörterbuch hat Bright gemäß diesen Änderungen immer möglichst 
in Übereinstimmung mit der Characterie table gehalten, mehrfach vergaß 
er jedoch, es nachzubessern. Die ‚„appellative words‘‘ scheint er überhaupt 
in der letzten Zeit nicht besonders beachtet zu haben. 

Obige Ausführungen haben bewiesen, daß die ‚„Characterie‘‘ von 1588 
als letzte Stufe einer ziemlich langen Entwicklungsreihe aufzufassen ist. 


DRITTER TEIL. 
Kritische Betrachtungen. 


$. Kapitel. 
Allgemeine Würdigung des Systems. 


in Urteil über den Wert der Brightschen Kurzschrift zu fällen, ist 
Ei. nicht leicht, als man sich kaum von Gegenwartsanschauungen 
und- ansprüchen frei halten kann. Eine Wertung nach modernen Maßstäben 
ist aber nicht gerecht für eine Kulturerscheinung, die 330 Jahre hinter 
uns liegt. Für die Shakespearezeit war die Brightsche Kurzschrift schlecht- 
hin, mochte sie sein wie sie wollte, bedeutsam, schon aus dem Grunde, weil 
sie die erste und einzige war. 

Im folgenden sei versucht, das System im allgemeinen kritisch zu be- 
trachten und im einzelnen darzulegen, was wir als mehr oder minder ge- 
lungen vom Standpunkte einer möglichst praktischen Kurzschrift aus an- 
sehen. 

Bright hat sich seine ganze Kunst allein ersonnen. Nur die Idee der 
Stenographie fand er vor. Das Bewußtsein, daß schon vor ihm, bei den 
Römern, die Geschwindschreibekunst zu hoher Blüte gelangt war, war 
das einzige, was ihm Hoffnung auf Gelingen seines Werkes geben konnte. 
Der Anfang seines Büchleins erzählt uns, was sein Vorbild und sein Streben 
war. ,,Cicero did account it worthy his labour and no less profitable to the 
Roman commonweale — to invent a speedie kinde of wryting by character. 


Kritische Betrachtungen 131 


— — — I have invented the like. — — — It (= my charactery) is like a 
tender plant, young and strange —I doubt not, but it will growe up, be 
embraced and yeeld profitable fruite unto many.‘‘ Die Liebe zu seiner 
jungen Erfindung verlieh Bright auch die erstaunliche Energie, von der 
uns schon die lange Entwicklungszeit des Systems Kunde gibt. 


Ein groBer Unterschied besteht zwischen der ,,first modern shorthand‘ 
und allen neueren Systemen: Bright besaß eine Wortschrift. Die Zugrunde- 
legung des Wortes statt des Buchstabens brachte naturgemäß eine Be- 
schränkung mit sich in bezug auf die Zahl der schreibmöglichen Ausdrücke; 
denn für jedes Wort der Sprache ein besonderes Zeichen zu prägen, war 
natürlich ausgeschlossen. So wirft z. B. Bright den Chinesen vor, daß sie 
zu viel characters in ihrer Schrift haben ,,they fall into an infinite number, 
which is a thing that greatlie chargeth memory and may discourage the 
learner.“ (p. 5.) Dem Erfinder erwächst also die Schwierigkeit einer 
Auswahl. Hierin wird immer zuerst eine Kritik einer Wortstenographie 
einsetzen können. Bei einer Lautstenographie ist eine derartige Betrach- 
tungsweise gar nicht vorzunehmen, denn sie führt die Analyse bis auf die 
Bildungselemente der Sprache, die Buchstaben, durch, also kann sie auch 
jede Synthese der Sprache nachahmen. Warum Bright den Schritt zur 
Buchstabenstenographie nicht getan hat, scheint mir begreiffich. Für 
ihn, den Erfinder auf diesem Gebiete, war eine Buchstabenschrift keine 
„shorthand‘‘. Der Wille, „short and swift“ zu schreiben, inspirierte ihm 
als nächsten Gedanken, daß ein Zeichen seiner Kunst ein größeres Gebilde 
der Sprache darstellen mußte als den Buchstaben, also das Wort.. Dem 
Vater der ,,modern shorthand‘ erschlossen sich noch nicht die Künste, 
die spätere Erfinder mit der Zeit ersannen, um doch bei der Buchstaben- 
stenographie bleiben zu können. Versucht hatte es Bright auch, z.B. bei 
den Namen, die Praxis hatte ihn aber gelehrt, daß eine solche Schrift keine 
„shorthand‘‘ war. Nachdem er sich nun zur Wortstenographie entschlossen 
hatte, strebten natürlicherweise viele Maßnahmen dahin, die damit ver- 
bundenen engen Grenzen zu erweitern. Der bei weitem wichtigste Schritt 
in dieser Richtung war, daß er seine Zeichen nicht eigentlich für bestimmte 
Worte allein prägte, sondern für Bedeutungen. Zur Umsetzung dieses 
Gedankens in die Praxis erfand Bright in höchst sinnreicher Weise die 
consenting und dissenting signification. Aus der Bevorzugung alles Sema- 
siologischen ergibt sich uns leicht das Verständnis dafür, daß alles Formale, 
Grammatische erst in zweiter Linie Berücksichtigung finden konnte. 

Die sehr wichtige Wahl der Sigelworte ist von Bright zweifellos mit 
großem Geschick getroffen worden. Vielleicht ist es nicht nur Zufall, daß 
wir unter den noch nicht 600 charactericall words allein über 40 Zeichen 


132 Paul Friedrich 


für Beziehungsbegriffe, Partikel!) zählen. Diese Fülle der Beziehungs- 
wörter gereicht dem System zu großem Nutzen. Ganz sicher wird durch 
eine klare Bezeichnung vieler Partikel dem Leser die syntaktische Analyse 
wesentlich erleichtert. Ich glaube, daß Bright bereits so viel von einer 
Psychologie der Syntax ahnte, um dumpf zu fühlen, ‚‚daß die psychologische 
Analyse der Formenbildung eng zusammenhängt mit der syntaktischen 
Fügung der Worte‘‘?). Der relative Reichtum an Partikeln im Brightschen 
System mag aber wohl mehr den Forderungen der Praxis als syntaxpsycho- 
logischen Überlegungen des Erfinders zuzuschreiben sein. Aber immer- 
hin Wendungen wie ‚‚the nature of the speech‘‘, oder „as the language will 
plainly deliver‘‘, ,, the rest is declared by the language‘‘, womit er die mangel- 
hafte Formbezeichnung gleichsam entschuldigt, bekunden, wie sehr Bright 
der Syntax vertraute. Als Arzt war er eben auch Psychologe. 

Im AnschluB daran sei iiber die Verteilung der 570 Sigel auf Nomina und 
Verba einiges bemerkt. Die Nomina überwiegen unbestritten. Häufig 
läßt uns die Wortform nicht erkennen, ob Bright einen Begriff nominal 
oder verbal empfand: dreame, cause usw.®). Selbst wenn wir solche Wörter 
immer als Verben rechnen, so wird man doch deren im ganzen noch nicht 
200 zählen. Bright hat diese Verteilung sicher nicht bewußt vorgenommen. 
Ich bin durch das Uberwiegen der nominalen Begriffe veranlaßt, eine 
Parallele zu ziehen: Brights System mit seiner tatsächlichen Begrenztheit 
im Ausdruck läßt sich mit einer unentwickelteren Sprache vergleichen. 
Für eine solche nimmt die Völkerpsychologie auch eine Vorherrschaft des 
Nomens an: ‚Innerhalb der unentwickelteren Sprachen ist die Zahl der 
Wortformen eine beschränktere, und diese Beschränkung kann sich in 
den Anfängen des sprechenden Denkens sachlich sogar auf die Haupt- 
formen erstrecken, indem der Gegenstandsbegriff und sein sprachlicher 
Träger, das Nomen, zuerst weit über das Verbum vorherrscht, ja in einem 
frühesten Stadium wahrscheinlich allein vorhanden ist‘‘4). 

Damit wäre in ungezwungener Weise für die Schrift, auch noch für den 
besonderen Zweig der Kurzschrift, ein im Entwicklungsgange der Sprache 
ebenfalls durchlaufenes Stadium dargelegt. 

Wie sehr Bright durch die Anwendung der consenting und dissenting 
signification den ausdrückbaren Wortschatz erweiterte, läßt sich nicht 
zahlenmäßig fassen. Der Erfinder glaubte wohl, mit der Einführung 


ı) Partikel ist hier in wissenschaftlich-grammatischem, nicht in dem Bright- 
schen undefinierbaren Sinne genommen. 

2) Wundt, Volkerpsychologie. I. Band. Die Sprache. 2. Teil, p. 4. 1900. 

3) Sehr häufig werden Verbbedeutungen sogar durch nominale umschrieben; so 


suffice = r = Senough. Jane Seager, VII.3 sucke = » = Sbrest! 
4) Wundt, „Völkerpsychologie‘‘. 1900. I. Band. Die Sprache, 2. Teil, p. 8. 


Kritische Betrachtungen 133 





dieses sinnreichen Mittels alle Schwierigkeiten in dieser Hinsicht aufge- 
hoben zu haben. Wenn auch nicht eine vollkommene, so war doch einem 
begabten Menschen gewiB eine groBe Bewegungsfreiheit dadurch gegeben, 
aber sie wurde gewonnen auf Kosten der Deutlichkeit. Das Wiederlesen 
eines solchen Stenogramms ist jedenfalls nicht leicht gewesen. Zur Ent- 
schuldigung Brights ließe sich anführen, daß er seine Stenographie in 
erster Linie nicht als ein Verkehrsmittel betrachtete, sondern als ein Mittel 
zum Nachschreiben von Predigten und Reden: ‚‚The uses are divers, short, 
that a swift hande may therewith write orations or publike actions of 
speach, uttered as becommeth the gravitie of such actions, verbatim.‘ 
Es war wohl selbstverständlich, daß der Aufnehmende auch sein Steno- 
gramm selbst entzifferte, der Schreiber besitzt aber für eine Entzifferung 
viel mehr psychologische Hilfen als ein anderer. 

Durch mehrere kleinere Maßnahmen sucht Bright eine weitere Er- 
höhung der Zahl der in Characterie darstellbaren Worte zu erreichen. 
Z.B. Characterie, p. 23: „A word of the same sound, though of diverse 
sense, is written with the same, as, fast for abstinence from meat, for 
swiftness and sureness, so if it much differ not, as whore and hore, whole 
and hole.“ Zunächst scheint diese Maßregel wenig Wörter zu betreffen, 
aber bei der Weitherzigkeit der Auffassung, die Brights eigene Beispiele 
verraten, ist die Vermehrung des stenographiermöglichen Wortschatzes 
doch ziemlich bedeutend. Man denke an Homonyme wie: sum—some, 
their—there, asse—as, light = [lux und levis], here—heare, may —May 
usw. 

Besonders brauchbar ist Brights System, wie bereits dargelegt, fiir das 
Nachschreiben von Predigten gewesen. Er selbst war Geistlicher geworden. 
Oft mag ihm da als gut geschultem Beobachter beim Hören oder Predigen 
bewußt geworden sein, wie sehr gerade im geistlichen Stande die Wieder- 
holung von Worten oder Sätzen eine große Rolle spielt, z. B. bei der feier- 
lichen Hervorhebung. Diese Erkenntnis verwertete er sofort für seine 
Kunst, indem er für Wiederholungen ein besonderes Zeichen einführte!). 
Damit war er stenographischen Bedürfnissen außerordentlich entgegen- 
gekommen. 

Die Frage nach der Schreibleichtigkeit der Zeichen ist dahin zu beant- 
worten, daß an sich die characters gewiß nicht schwierig darzustellen sind. 
Ein Nachteil aber läßt sich auf diesem Gebiete nicht leugnen: Viele cha- 
racters sehen sich außerordentlich ähnlich, deshalb ist zu ihrer Unter- 
scheidung sehr viel Gedächtniskraft nötig, besonders weil Bright für die 


1) Characterie p. 32. „If it (= the repetition) be of a sentence or whole parte 
thereof place a circle on the right side of the first repeated wordes character.‘ 


134 f Paul Friedrich 


additions am Fuße mehrere den Buchstabenköpfen ähnliche Formen ver- 
wendete. Nicht nur innerhalb derselben Buchstaben kommen Ähnlich- 
keiten vor, wie: m: e- possible : posser; eœ: —: co: e = hete, 
hetherto heven, high; sondern auch Gruppen aus verschiedenen Buchstaben 
konnte man leicht verwechseln in ihren Anfängen und Schlüssen; z. B. 
possible power pray praise preach prejudice present prepare 


m ~ oo oe? en o— of oz 
Q Q t—o as a, Gs _L oH, 
restore rewarde revenge revile rich right robbe ripe 


Ferner bringt die Verwendung der 4 Lagen, ein an sich gliicklicher Ge- 
danke, manche schwer auseinanderzuhaltenden Formen mit sich. So 
bieten besonders die Schräglagen dem Schreibenden manche Klippen. 
Die genaue Einhaltung der Winkel bei Ansetzung der additions war oft 
nicht leicht. Man vergleiche bei s und t: fF/ TI TIIIESFT 

A N AIALA A A 
TARA. Sogar Jane Seager hat sich in ihrem 
peinlich gearbeiteten Stenogramm einige Male verschrieben: VII.2 cure 


= 'b ‚es muß aber sein = 7 > X.3 habyt = ") , richtig: j ; V.5 mirrhe 
= ¥ ‚richtig: 7 ; höchstwahrscheinlich ist auch verschrieben: VIII.3 ’$ = 
hebrew = "region; richtiger wohl = ‘f = "religion. 

Als ein Vorzug ist die Untereinanderschreibung zu betrachten. Die 
Bildung der Zeichen geschah meistens von oben nach unten, von den 538 
Zeichen liegen nur ungefähr 160 wagerecht. Die vertikale Schreibrichtung 
bedingte infolgedessen nicht so großen Zeitverlust durch Raumübersprin- 
gungen, wie es die horizontale getan hätte. 

Ein anderer Vorteil war mit der Nichtausnützung aller Zeichen ver- 
knüpft. 864 characters hätte Bright aufstellen können, 538 benutzt er 
nur!), Es blieben also noch viel Zeichen ohne festgelegte Bedeutungen 


1) Einer kurzen Betrachtung sei die Verteilung der Sigel der Zahl nach auf die 
einzelnen Buchstaben unterworfen. Bemerkenswert wäre es, zu sehen, ob Bright 
einigermaßen das Verhältnis gewahrt hat, nach dem die Sprache selbst die Wörter 
auf die einzelnen Buchstaben verteilt. Zum Vergleich habe ich ein kleines Schul- 
wörterbuch ausgezählt (Pitman’s Engl. Dictionary for Schools), mit Absicht kein 
größeres, um durch den Anteil der Fremdwörter und selteneren Begriffe die Verhält- 
niszahlen nicht allzusehr verschieben zu lassen, die die Alltagssprache liefert. Als 
Vergleichszahl ist S genommen. S bei Pitman = 1240 (höchste Zahl), bei Bright 
= 48 (höchste Zahl). Als Vergleichszahlen ergaben sich folgende: 

abckde fg h i Imn opr s t u 
Pitm. 31 22 48 25 20 IQ 14 I4 22 I3 I9 7 8 37 2I 48 26 23 
Br. 24 40 48 32 17 39 24 31 I4 20 30 I3 23 38 30 48 30 37 
Aus der Tatsache, daß diese Zahlen auch nicht annähernd übereinstimmen, schließe 
ich wohl mit Recht, daß Bright seine Sigelverteilung nicht nach statistischen Er- 


Kritische Betrachtungen 135 


übrig, so daß ein Stenograph, der sich für neue oder technische Worte 
Sondersigel bilden wollte, eine reiche Auswahl hatte. 

Für das Einprägen der zu den Zeichen gehörigen Bedeutungen konnte sich 
ein Jünger Brights zur Erleichterung manche mnemotechnische Stützen 
bilden, z. B. besteht die Tatsache, daß kein Wort, das als zweiten Laut u hat, 
in der senkrechten Lage sich befindet, bei C und S liegt nicht einmal mehr 
ci und si senkrecht. Man könnte noch mehr Gedächtnishilfen herausfinden, 
dies hätte jedoch nur für einen Schüler des Systems Wert. Ob viele dieser 
Erleichterungen von Bright bewußt oder unbewußt geschaffen worden sind), 
kommt für die Kritik des Systems nicht in Frage, offenbar bestehen sie. 

Brights Kurzschrift kann gewiß nicht mehr mit heutigen Systemen in 
Wettstreit treten, aber ein Urteil wie das folgende von Lewis halte ich für 
gänzlich unhistorisch und ungerecht. ‚The system being built on a bad 
foundation and wrapt up in obscurity, confusion and perplexity, presented 
to the student impediments so numerous and discouraging, that nothing 
but a determined resolution, together with intense application was suffi- 
cient to overcome.‘‘ Man darf auch das zeitgenössische Urteil von Willis 
1602 nicht allzuhoch bewerten: ‚‚It requireth such understanding, that few 
of the ordinary sort of people could attain the knowledge thereof.‘ Willis 
war Brights Konkurrent, er wollte sein eigenes System als das bessere 
jenem gegeniiberstellen. Man darf dem Brightschen Kurzschriftsystem 
gerechterweise eine hohe Anerkennung auf keinen Fall versagen. Man 
muß zugestehen, daß es genügend durchgebildet war, um einem darin 
geübten Schreiber der Shakespearezeit eine treue Aufnahme von Predigten 
und Reden zu ermöglichen. Die uns erhaltenen Zeugnisse seiner Ver- 
wendung bekunden, daß ihm Brauchbarkeit und damit eine große Be- 
deutung nicht abzusprechen ist?). 


wagungen, sondern nur nach seinem eigenen Wortgebrauch vornahm. Aus nahe- 
liegenden Griinden habe ich nicht das Worterbuch der Characterie zu dem Vergleich 
benutzt. 

1) Einmal spricht Bright allerdings von der ,,order of the alphabet disposed for 
memory“. 

2) Mit Dewischeit bin ich der Meinung, daß Brights Stenographie in der Elisa- 
bethanischen Zeit außerordentlich verbreitet war. Einem der Gründe möchte ich 
aber nicht die Beweiskraft in dieser Hinsicht beilegen, die Dewischeit ihm gibt. Für 
Dewischeit ist das Stenogramm der Jane Seager ein ,,ganz besonderer‘‘ Beweis der 
Verbreitung der Brightschen Schnellschrift. ‚Also schon im Jahre 1589 konnte 
eine Dame in England stenographieren.‘‘ — Unabhängig von Carlton (p. 97) kam 
mir die Vermutung, daß Jane Seager vielleicht eine Verwandte von Francis Seager, 
einem berühmten Schulmanne jener Zeit, oder von William Seager, einem Rektor, 
gewesen ist; in dem Testamente des letzteren wird eine Tochter Jane erwähnt. Wegen 
dieser wahrscheinlichen nahen Beziehung Jane Seagers zur Berufspädagogik scheint 
mir der Gedanke nicht yon der Hand zu weisen, daß das Büchlein mit den ‚‚Prophesies‘‘ 
gewissermaßen eine Reklameschrift sein sollte, um der Königin und der Welt zu 


136 Paul Friedrich 


2. Kapitel. 


Die Verwendungsmöglichkeit des Systems bei Theaternachschriften 
seiner Zeit. 


Die Verwendbarkeit der Brightschen Stenographie zu Theaternach- 
schriften ihrer Zeit soll im folgenden im allgemeinen erörtert werden. 
Diese besondere Wendung der Betrachtung geschieht, um ein späteres 
Kapitel über die Heranziehung des Systems zur Erklärung von unvoll- 
kommenen Quartausgaben von Dramen vorzubereiten. 


Daß der Gebrauch von Stenographie zum Nachschreiben von Bühnen- 
stücken damals bereits verbreitet war, ersehen wir aus mancherlei Zeug- 
nissen, z.B. Klagen elisabethanischer Dichter; denn oft wurden die auf 
solche Weise gewonnenen Texte zu unrechtmäßiger Ausgabe verwendet. 
Wir bezeichnen solche Ausgaben als Raubdrucke. Thomas Heywood 
äußert z.B. einmal!): ,...did throng the seats, the boxes and the stage, 
so much, that some by stenography drew the plot, put it in print scarce 
one word true.“ Bei einem andern Zeitgenossen Shakespeares, John 
Webster, finden wir: ,,Do you hear, officers? You must take great care 
that you let in no Brachigraphy men to take notes‘‘?). Bis 1602 kann nun 


beweisen, daB eine Dame diese schwierige Stenographie schreiben konnte. Ob Jane 
Seager im wahren Sinne des Wortes ,,stenographieren‘‘ konnte, kann man bezweifeln. 
Ihre Verse sind gezeichnet, aber nicht geschrieben. ,,The verses were penned in 
cold blood, she had unlimited time, so far as we know, for thinking out the most 
suitable characterical word.‘‘ (Carlton, p. 98.) Im SchluBwort an die Königin hatte 
Jane Seager z. B. das Wort ‚‚character‘‘ in Characterie wiederzugeben. Das konnte 


geschehen durch Umschreibung mit word, wie es das Wörterbuch angibt: P. Sie 
wollte aber offenbar der Deutlichkeit halber buchstabieren: car und stenographiert 


(XII. 4): f . Das ist nicht ganz richtig. Der zweite Buchstabe ist kein a, sondern 


ein i. Wahrscheinlich wollte sie nur den Ansatz des a = | an das c deutlich mar- 
kieren, bedachte aber nicht, daß dadurch ein anderer Buchstabe entstand, richtig 


wäre es gewesen: | . Arch. f. St. 1897, p. 58 geht Dewischeit sogar so weit zu be- 


haupten: „Shakespeares London stand auch auf stenographischem Gebiete jenen 
beiden Brennpunkten des klassischen Altertums nicht nach, jener Welitstadt Athen, 
in der zu Xenophons Zeit dem Besucher der Akropolis ein dort aufgestellter Marmor- 
block die Erlernung der Kurzschrift anempfahl und jenem mächtigen Rom, in dem 
die Kurzschrift von Sklaven in ärmlicher Kleidung, wie von Cäsaren in Purpurtracht 
gehandhabt wurde.“ 

1) Prolog zu „Queen Elizabeth‘‘ (= If you know not me you know nobody) 
in „Pleasant Dialogues and Dramas‘. 

2) „The Devil’s Law Case‘‘. 1623. Act 4. Sz. 3. Sanitonella. Viele andere Belege 
bei Levy „Shakespeare and Shorthand‘‘, London 1884 und Dewischeit, Sh J. XXXIV; 
Arch. f. St. 1897. 


Kritische Betrachtungen 137 





nur Brights Stenographie allein in Betracht kommen; in diesem Jahre 
erschien John Willis System!). 

Inwieweit war nun Brights System den Anforderungen einer Bühnen- 
stenographie gewachsen? Im allgemeinen ging die Anlage des Sigelver- 
zeichnisses, des Wesentlichsten der Characterie, nicht dahin, zur Nachschrift 
von Dramen geeignet zu sein. Unter den characterical words selbst finden 
sich an spezifischen Ausdrücken für Theaterwesen nicht allzuviel: murmur, 
enter, othe, gest, frowne, historie, flourish u. a. Das Wörterbuch und die 
appellative words geben natürlich mehrere hierhergehörige Begriffe an; 
so unter song: dittie, daunce, fancie, galliard, note, paven, rime, tune, 
verse; unter sitte: bank, bench, chaire, cushon, pannell, stoole, shrine, 
scaffold, stake, treshold; unter plaie: comedie, enterlude, pageant, tra- 
gedie, primero, game; unter house: cage, chamber, cloyster, hall, 
kitchen, pallace, parler, pavilion, stable, stie; auch garment liefert mehrere 
spezifische Theaterausdrücke. Alle die letztgenannten Wörter mußten 
aber erst mit consenting oder dissenting signification dargestellt werden. 
Die wirklichen Verhältnisse lagen aber nicht etwa so, daß die oben auf- 
gezählten und noch andere Begriffe des Wörterbuches den schreibmög- 
lichen Wortschatz auf diesem Gebiete erschöpften. Der Stenograph konnte 
durch eigenes Nachdenken jedes Wort, auch wenn es nicht im Dictionary 
verzeichnet stand, darstellen. Jedoch brachte die Notwendigkeit, viele 
wesentliche Begriffe mit Hilfe der doch immerhin umständlichen accom- 
panied signification schreiben zu müssen, manche Fehlerquelle mit sich. 
Diese Art Fehlerquellen — das sei vorausnehmend bemerkt — sind nach 
einer zuerst von Dewischeit aufgestellten Hypothese zum Teil die erklärende 
Ursache für manche mangelhafte Aufnahme von Bühnenstücken in 
Brights Kurzschrift. Zwischen vielen Shakespeare-Quarto- und -Folio- 
versionen bestehen nun tatsächlich oft Differenzen. Hier würde nun die 
begründete Vermutung, die Quarto biete uns in ihrer Mangelhaftigkeit 
einen Text dar, der nach einem Stenogramm gedruckt ist, viele Ab- 
weichungen dieses Textes von der als wahre Bühnenversion betrachteten 
Folio erklärlich machen. 

Einige wesentliche Unterschiede zwischen Rede- und Bühnennachschrift 
seien an dieser Stelle ausgeführt. 


1) Peter Bales hat 1591 auch ein Buch über swift writing geschrieben, er scheint 
sich aber in sehr vielen Stücken an Bright angelehnt zu haben. Näheres ist nicht 
bekannt. Gute Gründe sind vorhanden, anzunehmen, daß Bales keine eigentliche 
Kurzschrift, sondern nur eine Abkürzungsmethode erfunden hat. Sein Buch hieß: 
„The writing schoolmaster: Containing three Bookes in one; the first teaching 
Swift writing; the second, True writing; the third, Faire writing, etc. London by 
Thomas Orwin.‘‘ Näheres bei Moser, ‚Geschichte der Stenographie‘‘, p. 121 ff. 

Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2/3. 10 


138 Paul Friedrich 


Die Umstände, unter denen ein Bühnenstenograph zu arbeiten hat, 
sind in vieler Hinsicht abweichend von denen, die für den Redesteno- 
graphen gültig sind. 

Ein Schauspiel nachzuschreiben, bietet schon dadurch eine größere 
Schwierigkeit, daß die sprechende Person vermerkt werden muß, bei schnell 
wechselndem Dialog, der Stichomythie, können sich leicht Verwechslungen 
von Personen einschleichen. Es müssen ferner stage directions aufge- 
schrieben werden. Das war freilich beim elisabethanischen Theater noch 
nicht in dem ausgedehnten Maße nötig wie heute, wenigstens soweit die 
Szenerie in Betracht kommt. In Hinsicht auf die Personen mußte jedoch 
manches bezeichnet werden, was für das Verständnis erforderlich war: 
Auftreten, Abgehen der Schauspieler, Gesten, Mienenspiel, belauschende 
Personen, Geisterscheinungen, Überbringen von Briefen usw. Für alles 
mußte der Bühnenstenograph Zeit zum Vermerken finden. Demgegenüber 
kommen ihm aber auch Vorteile zu statten, die der Predigt- und Rede- 
stenograph nicht genießt. Ein Redner wird im allgemeinen immer einen 
ziemlich gleichmäßigen Fluß des Vortrages wahren; bei einem durch- 
schnittlich schnellen Sprecher muß sich deshalb ein Nachschreiber von 
vornherein auf eine unvollkommene Aufnahme gefaßt machen, weil ihn 
neben einem vielleicht tatsächlich bestehenden Unvermögen, auch noch 
das ständige Bewußtsein seiner mangelhaften Fertigkeit in seinem Können 
beeinträchtigt!). Anders liegen die Verhältnisse bei Theaternachschriften. 
Ort und Handlung verlangen von den verschiedenen Schauspielern Wechsel 
im Tempo; Überlegungen, Schmerzäußerungen, feierliche Reden, ernste 
Stimmungen erfordern ein langsames Zeitmaß; so kann Hamlet [Ill.ı] 
seinen Monolog unmöglich schnell sprechen. Andrerseits erheischt gewiß 
oft Leidenschaft eine raschere Vortragsweise. All dies gestattet einem 
Stenographen an vielen Stellen eine größere wörtliche Treue zu erreichen 
als z. B. bei einer schnellen Rede. Oft freilich wird er sich auch mit Stich- 
worten begnügen müssen. Im allgemeinen braucht man sich deshalb über 
eine ungleichmäßige kurzschriftliche Aufnahme eines Theaterstückes nicht 
zu verwundern. Erklärlich und entschuldbar würde es auch sein, wenn 
ein Stenograph gegen Ende eines längeren Stückes lässiger würde, Er- 
müdung, Abnahme des Interesses und Eifers könnten die Ursache sein. 

Hauptbedingung für einen Nachschreibenden ist immer das gute Ver- 
stehen, rein akustisch gefaßt. In dieser Hinsicht hatten die shorthand- 
writers der Shakespearezeit nicht über besondere Ungunst der Verhältnisse 


1) Eduard Engel schreibt in der Stolzeschen Stenographenzeitung, 1902, p. 13, 
daß manche Reichtagsabgeordnete der „Schrecken aller Stenographen‘' seien, da sie 
zu Zeiten eine Redegeschwindigkeit von 350 Silben in der Minute haben. 


Kritische Betrachtungen 139 


zu klagen. Der bei den meisten Gebduden nicht tiberdachte Zuschauer- 
raum!) des elisabethanischen Theaters zwang schon zunächst die Schau- 
spieler zum lauten Sprechen, ferner gab es ja Plätze auf der Bühne selbst 
für reichere Zuhörer?). 

Den Jüngern Brights — und seitdem noch vielen Stenographen — ist 
wohl das unangenehmste der reiche Wortschatz der Dichter gewesen. 
Jedes neue noch nie geschriebene Wort bereitete Verzögerung, da erst 
überlegt werden mußte, auf welche Weise es darzustellen war. Ein geübter 
. Kurzschriftler war sich gewiß bei sehr vielen Begriffen des entsprechenden 
stenographischen Zeichens sofort bewußt, Wiederholung prägt eben alles 
ein; aber die Fülle des Ausdrucks, die z.B. Shakespeare entfaltet, ohne Vorbe- 
reitung in Characterie schnell und eindeutig zu bezeichnen, mag oft schwer 
gewesen sein; in dieser Hinsicht müßte auch mancher moderne shorthand- 
writer seine Unfähigkeit zugestehen. Solchen Verzögerungen, die die 
Schreibung neuer Worte verursacht, suchen noch heute die Stenographen 
zu begegnen, indem sie sich z.B. vor der Aufnahme einer Rede darin zu 
erwartende berufstechnische Termini zurechtlegen. Brights System bot 
dazu, überhaupt zur Aufstellung von Sondersigeln, reiche Gelegenheit, da 
es 326 (864—538) Zeichen an die Hand gab, deren Bedeutungen noch nicht 
festgelegt waren. 

In einer Beziehung versagt allerdings die Characterie fast ganz, gleich 
ihr aber auch manches neuere System: Dialektische Aussprache wie die 
Evans oder Fluellens, oder gar Fremdsprachliches konnte nicht getreu 
wiedergegeben werden. Schon manierierte Redeweise, wie die Pistols, 
nachzuschreiben, entsprach nicht den Prinzipien, nach denen die Cha- 
racterie aufgebaut war, wird doch immer die ,,plain language“ als Grund 
benutzt, Grammatisches unbezeichnet lassen zu können. 

Manchmal gaben aber kürzere oder längere Aktpausen?) Gelegenheit, 
sofortige Nachbesserung und Vervollkommnung des eben Gehörten im 
Manuskript vorzunehmen. 

Für ein verständnisvolles Nachschreiben eines Schauspieles konnte sich 
ferner ein Stenograph mancherlei Umstände zunutze machen. In vielen 
Dramen ruht das Interesse nur auf wenigen Personen; ‚Coriolanus‘“ ist solch 
ein „one man play“. Der shorthand-writer wußte also, daß er bei dem 

1) Lawrence „The Elizabethan Playhouse and other Studies“, p. 25, zählt 17 
Londoner Theater auf (1576— 1663), nur 6 davon sind als ‚‚roofed‘‘ bezeichnet. 

2) Lawrence a. a. O. p. 20. 

3) Zwar „eigentliche Zwischenpausen‘“‘ fanden damals nicht statt. Koch, „Sh.“ 
Stuttgart 1885, p. 262. Aber Tucker Brook ,,The Tudor Drama‘, p. 433 spricht 
doch von „intervals between weightier scenes‘‘. Lawrence a. a. O. p. 15 schreibt dar- 
über, „Act divisions were indicated rather than realised and generally lasted no longer 


than it took a dumbshow to pass across the stage or Chorus to deliver a brief speech.“ 
10* 


140 Prof. Fr. Kuhlmann 


Auftreten der Hauptpersonen seine Aufmerksamkeit besonders anzu- 
spannen hatte, die Reden der Nebenakteure wörtlich aufzunehmen, war 
nicht von so großer Bedeutung. Bekanntschaft mit dem Stoff half auch 
für ein sinnvolles Nachschreiben. 

Für stereotype Redewendungen, wie sie Dichter ja oft zur Charakteri- 
sierung mancher Personen diesen in den Mund legen, kam dem Bright- 
stenographen eine besondere Einrichtung der Characterie sehr zu statten: 
die Einführung eines Wiederholungszeichens. 

Häufig geschieht eine kurzschriftliche Aufnahme von größerer zeit- . 
licher Dauer zudem von mehreren Stenographen, so daß deren Aufzeich- 
nungen sich ergänzen Können. 

Wenn man ferner bedenkt, daß in früheren Jahrhunderten die allgemeine 
Redegeschwindigkeit sehr wahrscheinlich nicht so groß gewesen ist wie 
heute!), so wird man nach Erwägung aller Punkte nicht leugnen können, 
daß in der elisabethanischen Zeit begabte und geübte Jünger Brights ganz 
sicher im stande gewesen sind, ein Bühnendrama in Characterie mit zu- 


reichender Treue nachzuschreiben. 
(Schluß in Heft 4) 


Deutsche Würde fordert die Befreiung 
der deutschen Handschrift vom Banne 
britischen Einflusses. 


Ein Wort an alle, die es angeht 
von Prof. Fr. Kuhlmann. 


Ungeachtet der auf dem deutschen Volke lastenden schweren Zeit, auch 
in dem gigantischen Kampfe, den es gegen eine Welt von Feinden führt, 
ist es erfüllt von froher Erwartung auf eine neue Zeit, eine Zeit, in der deut- 
sches Wesen, deutsche Kraft sich ganz werden entfalten können. Wo immer 


1) Wundt, Volkerpsychologie, I. Band. Die Sprache, p. 419. Ferner: Stolzesche 
Stenographenzeitung, 1902, p. 59 f. Arch. f. St. 1906, p. 256. ‚Die Zunahme der 
Redegeschwindigkeit und ihre Feststellung durch die Kurzschrift.‘““ Von Ch. Johnen. 
— Mit einem Nachwort vom Herausgeber (Dewischeit). Unsere Vorstellung von der 
Redegeschwindigkeit wird übrigens beeinflußt dadurch, daß wir bei dem Begriff 
„stenographische Aufnahme‘‘ meistens sofort an Parlamente denken, da hier aller- 
dings ein großes Betätigungsfeld der heutigen Kurzschrift liegt. Nun sind aber 
gerade in bezug auf Reden unsere modernen Parlamente nicht mehr als Norm für 
das Zeitmaß im Sprechen anzusehen. Besondere Umstände haben hier das Tempo 
fast aller Redner in den letzten Jahrzehnten sehr beschleunigt. ‚Im heutigen Reichs- 
tag gibt es langsame Redner überhaupt nicht mehr‘ (Engel 1902). 


Zu Seite 140. 


Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2;3. 


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Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I, Heft 2/3. Zu Seite 140 ff. 


Die Entwicklung der deutschen Schreibschrift. 


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Í. Schrift des J4, Jahrhunderts. 


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„Geschobene* Schrift von Wolfgang Fugger, Nürnberg, 1553. 


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3. „Gelegte‘* Schrift von®Ant. Neudörffer dem Jüngeren, Nürnberg, 16015. 





„Stehende‘ Schrift von Joh. Chr. Albrecht, Nürnberg, 1764. 


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Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I, Heft 2/3. 


Zu Seite 140 ff. 


Pro. Die Entwicklung der deutschen Schreibschrift. 







5. Chr. Gottl, Roßberg, Dresden und Leipzig, 1793. Erster Einfluß der engli- 
schen Schrift und der spitzen Feder, Weichlichere, rundere Formen als früher, 


erie SieCerfchen und 1790307, fennen. G; 


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Y Inin eh nirre Pen loner fo Cl armak raian A y she 

6. 


Thomas Tomkins, London, 1777. Englische Spitzfederschrift 
mít leeren, phrasenhaften großen Schwüngen aus dem Handgelenk, 





(> | 7. Englische Spitzfederschrift aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 

i Korrekte, runde Formen ohne Leben und Ausdruck. Die zum Teil unnattirliche 

D Lage des Druckes läßt den Einfluß des Graveurs erkennen, Spitzfederschrift. 
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Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I, Heft 2/3. Zu Seite 140 ff. 


Die Entwicklung der deutschen Schreibschrift. 


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Joh. Heintings, Krefeld, 1813. Deutsche Schrift mit den Zeichen des durch die englische Schrift 
herbeigeführten Verfalls. Große, leere, weichliche Schwünge, dünne, nach Art der gravierten 
Linie anschwellende Züge. Spitzfederschrift. Als Ideal gilt: die Erzeugung der „schönen Linie‘, 


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9. Von demselben Schriftkünstler. Ein Beispiel, welches die völlige Unnatur der Schriftent- 
wicklung kennzeichnet. Ein Vorbild, das mit einer einzigen Feder gar nicht darstellbar ist. 
Die Schrift erscheint hier nicht mehr als persönlicher Ausdruck, sondern als Armgymnastik 
und äußerer Drill. Der Charakter der alten deutschen Schrift ist völlig verschwunden. 





10. Deutsche Schulschrift aus dem Ende des 19. und dem Anfange des 20. Jahrhunderts. Spitz- 
federschrift. Völliges Erstarren der Schrift unter dem Zwange der mathematischen Grundformen: 


Absolute Korrektheit, größte Ausdruckslosigkeit und Langeweile. 


der Ellipse und Spirale. 


A DTT? 


SDI HAAZ E 








— nn. [m a mn. mos -mamaa | (Lern rn m. angie & = 


Deutsche Wirde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift usw. 141 


führende Geister des Volkes in Schrift oder Rede zu den großen Ereignissen 
und Fragen der Zeit das Wort nehmen, spricht sich die zuversichtliche 
Hoffnung auf das Kommen einer neuen Zeit, eines erneuten Aufschwunges 
deutschen Geistes und deutscher Kultur aus, zugleich aber auch die Mahnung 
an die Nation, in allen ihren Schichten und auf allen Gebieten des geistigen 
Lebens mitzuarbeiten an einer Wiedergeburt, besonders an einer Befreiung 
und Reinigung der deutschen Kultur von fremden, sie zersetzenden und ihrer 
unwürdigen Einflüssen. 

Deutschland hat sich erhoben zu großen Taten. Während die waffenfähigen 
Männer des Volkes in blutiger Schlacht die Millionenheere der tückischen 
Feinde wehren, sind die Daheimgebliebenen mit nicht minderem Ernst in den 
Kampf eingetreten. Für sie gilt es, den inneren Feind zu bekriegen, den Feind, 
der in uns selbst lebt, der sich vor allem in der Sucht äußert, das Fremde bis 
zur Verehrung hochzuschätzen, unter Hintenansetzung jeder Würde und 
Selbstachtung nachzuahmen, das Eigene dagegen zu mißachten. 

Wahre deutsche Art zu stärken, unser echtes deutsch-völkisches Wesen 
zu kraftvollem Ausdruck zu bringen, vor allem auf den Gebieten, auf denen 
wir uns bis dahin von anderen Nationen unwürdig abhängig machten, das 
ist des Deutschen heilige Pflicht, denn es hängen nicht nur Wohl und Wehe, 
nicht nur Ehre, Ansehen und Wohlstand, sondern letzten Endes Sein und 
Nichtsein der Nation davon ab. 

Wohl haben mancherlei Bestrebungen zur Reinigung und Befreiung der 
deutschen Kultur von fremden Einflüssen bereits — und auch schon vor dem 
großen Kriege — eingesetzt, aber nimmermehr kann man sagen, daß das Volk 
als solches seine Schwäche und unwürdige Abhängigkeit, überall da wo sie 
bestehen, erkannt, noch weniger, daß es sie abgelegt habe. Ganz im Gegenteil: 
auf weiten und bedeutungsvollen Gebieten herrscht nicht nur Unkenntnis 
über den Grad, nein, auch über die Tatsache der Abhängigkeit überhaupt. 

Das gilt insonderheit von der Schrift, vor allem der Hand- und Ver- 
kehrsschrift. Hier wähnt der Deutsche sogar völlig unabhängig zu sein, 
sich einer besonderen völkischen Eigenart rühmen zu können und befindet 
sich dabei in dem unwürdigsten Banne, den man sich denken kann, im 
Banne seiner Todfeinde, im Banne des Volkes, das er wie kein anderes 
hassen und verachten gelernt hat. 

Die Schrift gehört zu den höchsten Kulturgütern der Menschheit. Schrift 
ist in ihrem Wesen Ausdruck, wie die Sprache. Beide sind Wertmesser für 
die Kultur eines Volkes. Wie in der Schrift des einzelnen Menschen, so 
spricht sich auch in der Schrift eines Volkes sein Charakter, seine Kraft 
und deryGrad seiner politischen und kulturellen Selbständigkeit aus. Es 
bestehen hier die allertiefsten Wechselbeziehungen. So ist die Schrift eines 
Volkes, vor allem seine Hand- und Verkehrsschrift, da sie einmal neben 
der Sprache der unmittelbarste Ausdruck, zum anderen das Mittel der Ver- 
bindung unter den Völkern und somit der offen liegende Wertmesser ist, von 
außerordentlicher Bedeutung. 


142 Prof. Fr. Kuhlmann 


Bis zur Stunde vermissen wir in den Bestrebungen zur Reinigung und 
Wiedergeburt der deutschen Kultur die Würdigung dieser Momente. Wir 
beobachten eine bedauerliche Vernachlässigung dieses hochwichtigen Ge- 
bietes, die nur erklärlich ist aus der durch jenen fremden Einfluß verur- 
sachten Vernichtung des einst so regen und fruchtbaren deutschen Schrift- 
sinnes. Wir stehen vor der betrübenden und beschämenden Tatsache, daß 
selbst jene Kreise, die an der Spitze der Bestrebungen einer neuen Kultur, 
einer Kultur des Ausdruckes stehen, die Kreise, die eindringlich an einer 
Reinigung der deutschen Sprache, an einer Erneuerung der deutschen 
Tracht arbeiten, für eine Reinigung und Erneuerung der deutschen Hand- 
schrift weder Interesse noch Verständnis zeigen. Das ist bezeichnend und 
beweist überzeugend, wie tief das deutsche Volk auf diesem Gebiete zur- 
zeit steht, daß es den Wert des einst ererbten Schriftgutes so wenig wie die un- 
würdige Abhängigkeit zu empfinden vermag. 

Daß auch auf dem Gebiete der Handschrift eine Wiedergeburt erfolgen 
muß, kann gar nicht zweifelhaft sein. Oder wollte jemand behaupten, es sei 
des deutschen Volkes würdig, die Abhängigkeit vom britischen Geiste, den 
wir bis auf den Tod hassen und mit Feuer und Schwert im heißesten Ringen 
bekämpfen, auf dem Gebiete der Handschrift, also in unserem persönlichsten 
und täglichen Ausdruck bestehen zu lassen? Darf der Deutsche auch ferner 
noch in seiner Handschrift sich der Formen bedienen, die den lügnerischen 
Krämergeist unserer Todfeinde ausdrücken? Vermag ein Deutscher ohne Ge- 
wissenbedrängnis ferner täglich eine Schrift auzuwenden, die das Wahrzeichen 
und der beschämende Beleg des einstigen politischen und kulturellen Tiefstandes 
seines Volkes und ein Beweis seiner unwürdigen Nachahmungssucht ist? 

Wohl nur vereinzelte wissen es: Als das deutsche Volk sich einst in 
politischer Ohnmacht und geistiger Unselbständigkeit, besonders auf ge- 
' schmacklichen Gebieten, zum Vasallen und Nachbeter anderer Nationen 
machte, da versündigte es sich auch an seiner Schrift. Es entäußerte sich 
seiner ihm von den Vätern überlieferten kraft- und charaktervollen Hand- 
schriftzüge zugunsten der Schriftzüge eines fremden Volkes, der Briten. 
Man brach damals den deutschen Buchstaben im wahren Sinne des Wortes 
das Rückgrat, richtete es in britischem Sinne auf, hing dann unorganische, dem 
deutschen Wesen fremde, charakterlose, langweilige, schematische britische 
Schwünge daran und ließ diesen, jeden völkischen Charakters baren Bastard 
auf die deutsche Schule los. Er treibt hier bis heute sein Unwesen und hat 
die gute, gesunde und ausdrucksvolle alte deutsche Schrift längst völlig 
verdrängt. 

Es wird im weiteren auf das Werden dieser Schrift und auf ihren Gegen- 
satz zum deutschen Charakter und der wirklich deutschen Schrift, wie sie 
deutscher Geist unserer Väter geformt und uns vererbt hat, noch einzu- 
gehen sein. 

Die Zeit deutscher Ohnmacht und unwürdiger Erniedrigung ist nun für 
immer dahin. Das deutsche Volk weiß und fühlt heute, was es wert ist 


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Deutsche Wirde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift usw. 143 


und welche Kräfte in ihm ruhen, weiß auch, daß, wie auf allen geistigen 
Gebieten es auch auf dem des Geschmacks anderen Völkern gleichzutun 
vermag. Als ein freies und starkes Volk steht es da, auf Leben und Tod en 
mit dem verlogenen, neidischen britischen Vetter. | 

Unwürdig wäre es, wollten das deutsche Volk und die deutsche Schule an 
jenen Schriftzügen festhalten, die das verlogene Wesen der Briten und 
. zugleich die eigene einstige unwürdige Schwäche und politische Ohnmacht 
verkörpern. Die Selbstachtung muß uns dazu zwingen, uns des Erbes, das 
uns die Väter in einer wahrhaft deutschen Schrift hinterließen, zu erinnern 
und den britischen Bastard mit Entrüstung von uns und aus unseren 
Schulen zu weisen. 

Mit ehernem Schwert, mit Feuer und Blut schreibt heute das deutsche 
Volk seinen Willen und seinen Ruhm in die Blätter der Weltgeschichte. 
Groß und alle Völker der Erde überrägend steht es da. Fürwahr, das 
jetzige Geschlecht wäre einer solchen Zeit und eines solchen Volkes nicht 
würdig, wollte es nicht mit all seiner Kraft dahin wirken, daß im Einklang 
mit der ehernen Schrift der deutschen Armeen auch das Volk in seinem 
Leben eine Schrift echt deutscher Art, völkisch echt bis ins Mark schreibt. 

Die Volksschrift, die wir ersehnen, besaß das deutsche Volk bereits. Sie 
ist dahin. In den verstaubten Fächern der Museen und der Familienarchive 
harrt sie der Auferstehung entgegen. Sie wird auferstehen, wenn die neue 
große Zeit, die wir erhoffen, hereinbricht. Es ist notwendig, über diese alte 
deutsche Schrift einiges zu sagen, wie zugleich darüber, wie es geschah, daß 
das deutsche Volk sich ihrer entäußerte. 

Die Genealogie der alten deutschen Schreibschrift ist vollkommen rein. 
Ihr Ursprung liegt weit zurück in den ersten Jahrhunderten unserer Zeit- 
rechnung und fällt bezeichnenderweise mit dem Werden und Wachsen 
des deutschen Volkes unmittelbar zusammen, wie sie sich denn auch in 
Harmonie mit der deutschen Sprache, immer sich ihr anpassend, entwickelt 
hat. Schon zur Zeit der Reformation hat sie volle Ausgestaltung erreicht. 
Die Schriften eines Luther, Hans Sachs, Dürer und anderer deutscher 
Männer, in denen wir den vollkommenen Ausdruck deutscher Art verehren, 
können wohl als Typus echt deutscher Schrift angesprochen werden. 
Bereits im Jahre 1519 schuf der Schreibmeister Neudörfer im kunstfertigen 
Nürnberg den ersten Normalduktus deutscher Schreibschrift. Die beige- 
fügten Abbildungen zeigen einige von deutschen Schreibmeistern geschaf- 
fene Schreibvorlagen aus mehreren aufeinanderfolgenden Jahrhunderten. 
Diese Schriften lassen die Kluft erkennen, die sich zwischen der heute 
geübten britischen Bastardschrift und der echt deutschen auftut. 

Schrift ist fixierte Handbewegung. Die deutsche Hand ist in ihren Be- 
wegungen, und somit auch in ihrer Schrift, eckig, markig, kraftvoll und 
energisch. Die kernhaft deutsche Art tritt in den alten Schriften deut- 
lich zutage. Ein Blick auf diese alten Schriften ist wie ein Blick in den 
deutschen Eichwald. Man empfindet nicht nur, wie sie mit innerer Anteil- 


144 Prof. Fr. Kuhimann 


nahme geschrieben, man fühlt auch, wie neben deutscher Innigkeit 
deutsche Phantasie die Feder geführt und eine Mannigfaltigkeit der Formen 
geschaffen hat, die uns angesichts des heute waltenden Schemas der Ein- 
tönigkeit außerordentlich wohltut. 

Je reiner und vollkommener germanisches Wesen in einem Manne zum 
Ausdruck kommt, desto eckiger, schärfer und markiger ist der graphische 
Ausdruck seiner Hand. Wir wissen, daß dies schon in vorgeschichtlicher 
Zeit zutage trat, daß die ersten und ältesten Zierformen auf vorgeschicht- 
lichen germanischen Gefäßen den deutschen Schriftformen ähnliche eckige 
Linienzüge tragen. Wir wissen weiter, daß selbst in heutiger Zeit, wo 
der Schriftausdruck wesentlich abgeschwächt ist, Männer von ausgeprägt 
deutscher Art das Eckige und Spröde in der Schrift besonders kräftig zum 
Ausdruck bringen. Bismarck darf hier als klassisches Beispiel genannt 
werden, und nicht Zufall ist es, daß auch unser jetziger Reichskanzler eine 
Schrift schreibt, die den Charakter der alten deutschen markig-eckigen 
Schrift trägt. Soll eine Schrift als deutsch gelten, so muß sich die deutsche 
Art in ihr deutlich aussprechen. Daß die alte deutsche Schrift dies tat, ist 
eine nicht abzuleugnende Tatsache. Der Ausdruck des deutschen Charak- 
ters in der Schrift wurde wesentlich unterstützt durch das alte Schreibgerät, 
die breite Gänsefeder. Sie war des Deutschen wahres, seinem Charakter an- 
gepaßtes Schreibwerkzeug. 

Dies alles ist uns verloren gegangen durch britischen Einfluß, durch 
Nachahmung der englischen Schrift. Die sogenannte ,,ecriture anglaise“ 
war eine lateinische Schrift und das Endergebnis einer Schriftentwicklung, 
die einesteils der englische Charakter, andernteils der Grabstichel des 
Kupferstechers hervorgebracht hatte, somit eine Schrift, die an inneren 
Werten an die deutsche Schrift gar nicht heranzureichen vermochte. Und 
dennoch wurden die deutschen Schreibmeister, wie ganz besonders auch 
die deutschen Kaufleute, durch sie so völlig betört, daß man die an 
sich nicht nur schöne, sondern auch schreibtechnisch durch und durch ge- 
sunde deutsche Schrift ihr, der fremden, opferte. Das Bestechende war 
gerade das Undeutsche an ihr, das äußerlich Glatte, Elegante, das Unpersön- 
liche und Schematische. Das Lob dieser Schrift nimmt die höchsten, un- 
würdigsten Töne an. Es heißt in den Urteilen jener Zeit, die Schrift sei so 
schön, ‚daß man sie sich gar nicht schöner denken könne“ (Drescher 1843). 

In diesem Wahn befangen, nahmen deutsche Schreibmeister und Kauf- 
leute an der deutschen Schrift eine geradezu ungeheuerliche Operation vor. 
Sie übertrugen die Formen der lateinischen, also schon in ihren Grund- 
elementen anders gearteten, nämlich runden Schrift, auf die durchaus im 
Gegensatz dazu stehende deutsche eckige. Was eingangs gesagt wurde, 
ist keine Übertreibung: es wurde den deutschen Buchstaben das markige 
Rückgrat gebrochen, das deutsche Element wurde ihnen genommen 
und dem deutschen Charakter Widersprechendes, der deutschen Hand 
Fremdes und Widerstrebendes wurde ihnen in Gestalt von phrasenhaften, 
leeren, schematischen unpersönlichen Schwüngen angehangen. Was deut- 





Deutsche Wirde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift usw. 145 


sche Schreibmeister und Lehrer damals schrieben, um diesem britischen 
Bastard Eingang in die Schule und Anerkennung im Volke zu verschaffen, 
gehort zu? dem} Traurigsten und Beschämendsten der pädagogischen Lite- 
ratur. Es mu8 uns heute anwidern und die Schamrote ins Gesicht treiben, 
wenn man sich der Nachbeterei und Fremdländerei noch zu rühmen ver- 
mochte, wenn wir z. B. in einem für die Beseitigung der alten deutschen 
Schrift besonders wichtigen Buche die Worte lesen müssen: „Wir sind 
auch hier, wie in so vielen anderen Kürfsten und Wissenschaften, glückliche 
und geschmackvolle Nachahmer geworden.‘‘ C.F. Leischner, 1829. 

Das Ergebnis solchen Bemühens wurde nun noch dadurch vervielfacht, 
daß mit der englisierten Form der Buchstaben auch die englische Unter- 
richts- und Schreibmethode Eingang in die Schulen und kaufmän- 
nischen Schreibstuben fand. Dadurch wurde dem gesamten Schreibwesen 
Deutschlands der britische Charakter aufgedrückt. Diese Methode bestand 
darin, daß der gesamte Schreibakt, der in deutschem Sinne ein Ausdruck 
der inneren Kräfte war, den Gelenken und Muskeln übertragen wurde. 
Aus ihnen heraus, und nur durch sie, also rein äußerlich und mechanisch, 
wurde die Form erzeugt. Die treibende Kraft war die Eile und nur dieEile, 
das Geschäft und der Krämersinn, die vollste Ausnützung der Zeit. Schnellig- 
keit und geschäftliche Gewandtheit allein wurden zum Stempel der Schreib- 
schrift. Die deutsche Kaufmannschaft unterstellte sich fast mehr noch als 
die deutsche Schule diesem Geiste und untersteht ihm heute noch in gleich 
starkem Maße. Es ist für den deutschen Kaufmann sicher ein fast an 
Wahnsinn grenzendes Beginnen, wenn hier dem Ausdruck deutschen 
Charakters und der Persönlichkeit, auch in der Schrift des Geschäftslebens, 
das Wort geredet und die britisch-heuchlerische Glätte und Phrase der 
Schrift, die ihn heute so unentbehrlich und schön dünkt, als im höchsten 
Grade unschön und unwürdig erklärt wird. In ein besonders beschämendes 
Licht wird die Sache durch den Umstand gerückt, daß, während der deutsche 
Kaufmann und die deutsche Schule den britischen Bastard mit größter, einer 
besseren Sache würdigen Ausdauer und Anhänglichkeit pflegen, man in 
England selbst die Prinzipien, denen er entstammt, längst verlassen hat. 
Das macht uns in noch höherem Grade lächerlich und verächtlich, vor 
jenem Volke, wie vor allen Völkern. Das muß jeder Deutsche empfinden. 
Wenn nun trotz aller Mühe und Qual, die den deutschen Kindern in der 
Schule damit bereitet wird, diese im englischen Geiste verunstaltete deutsche 
Schrift zu erlernen, dennoch kein Deutscher von Persönlichkeit und Cha- 
rakter diese Schrift länger schreibt, als eben dieser Schulzwang währt, 
wenn sich jeder deutsche Charakter, trotz dieses jahrelangen Drills, beim 
Verlassen der Schule doch eine andere Schrift zu formen sucht, dann ist 
damit deutlich bewiesen, wie wenig der Deutsche innerlich mit dieser so- 
genannten ‚‚deutschen‘‘ Schrift gemeinsam hat, daß sie ihm fremd und un- 
sympathisch ist. Es läßt sich leicht die Wahrheit der Behauptung fest- 
stellen, daß nur kleinliche und untergeordnete Naturen, Leute, die geschäfts- 


146 Prof. Fr. Kuhlmann 


mäßig diese Schrift zu schreiben gezwungen sind, an ihr festhalten. Auch 
der deutsche Kaufmann, der sie von seinen Angestellten streng verlangt, 
schreibt sie selbst nicht. Es ist für ihn die Schrift der Kommis. 
Das sind schlimme und bedeutungsvolle Widersprüche. Wie kann und darf 
man solche Schrift zur Schrift der Schule und damit des deutschen Volkes 
machen? Die kaufmännische Schrift englischen Stils gilt dem deutschen 
Kaufmann im allgemeinen bis zur Stunde, aufrichtig sei es beklagt, als ein 
allem Persönlichen entrücktes, unantastbares Heiligtum. Wie kann der 
deutsche Kaufmann glauben, mit dieser Schrift könne er im Auslande 
würdig sein Deutschtum vertreten? Hier mag nur kurz angedeutet werden: 
Es ist nicht schon verdienstvoll, wenn man die sogenannte deutsche Schrift 
der lateinischen gegenüber hochstellt und sie im Verkehr anwendet. Es 
klingt wohl widersinnig und doch ist es wahr: man kann eine lateinische Schrift 
so schreiben, daß sie dern Geist und Ausdruck nach deutscher ist, als diese 
englisch-deutsche Bastardschrift. Eine lateinische Schrift von einem aus- 
geprägtem deutschen Charakter geschrieben, ist unter Umständen deutscher in 
ihrem Ausdruck, als die deutsche Schrift in britischem Sinne verunstaltet. 

So möge denn das deutsche Volk beherzigen: Die Schrift, die ihm heute 
als deutsch gilt, ist nicht deutsch. Sie ist fremden, des verhaßten britischen 
Geistes Kind. Das deutsche Volk hat seine Schrift vergessen und verloren. 
Wer sie finden und sich ihrer freuen will, der gehe in unsere Museen, durch- 
stöbere seine und seiner Bekannten Familienarchive. Da wird es über ihn 
wie eine Offenbarung kommen und nicht lange wird es währen, so wird 
sein Schriftsinn gesunden an diesen alten schönen, markigen Zügen von 
deutscher Hand und er wird den englischen Bastard richtig einschätzen, ihn 
nicht mehr ansehen, noch weniger ihn anwenden mögen 

Darin liegt zugleich die Antwort auf die Frage: Was ist zu tun und was 
soll in dieser Sache geschehen? Wir haben zu tun, was auf anderen Ge- 
bieten bereits mit Erfolg geschehen ist, haben zu versuchen, den abge- 
rissenen Faden mit der deutschen Vergangenheit wieder anzuknüpfen, 
haben zu trachten, daß wir selbst am Wesen der alten deutschen Schrift 
wieder genesen. Es trifft zusammen, daß die deutsche Schule aus anderen als 
hier in den Vordergrund gestellten Gründen im Begriff steht, an eine Reform 
des Schreibunterrichts heranzutreten. Möchten ihr die großen, völkischen 
Gesichtspunkte Leitstern sein und Richtung geben. 


Lu 2 ur om. a ca 








Kritische Betrachtungen 147 


Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares: 


Timothe Brights Characterie 


entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. 


Von Dr. Paul Friedrich. 
(SchiuB.) 


3. Kapitel. 


Kritische Betrachtung der mit Hilfe des Brightschen Systems bisher 
angestellten Erklärungen unvollkommen erscheinender Dramentexte. 


Die Idee, daß Shakespearedramen stenographisch aufgenommen-worden 
sein mögen, ist schon älter. Bereits Dyce!), Collier?), Knight?), Elze?) 
u. a. vermuteten, daß der Text mancher Quarto mit seinen offensichtlichen 
Unvollkommenheiten zum Teil auf eine mangelhafte stenographische 
Nachschrift des Stückes zurückzuführen sei. Von Dewischeit wurde zum 
ersten Male scharfsinnig im einzelnen nachgewiesen, wie sehr viele Diffe- 
renzen von Quarto- und Folioversionen durch Annahme der Verwendung 
des Brightschen Systems bei der Herstellung leicht ihre Erklärung finden 5). 
Er kommt deshalb zu dem Schluß, daß die Raubausgaben der Shakespeare- 
dramen mittels des Stenographiesystems Brights gewonnen worden sind, 
daß also die Quarto den nach einem Stenogramm editierten Text darstelle. 
Seine Beweisführungen bestehen, allgemein gesprochen, darin, daß er viele 
der Quartoschreibungen — gegenüber dem als echte Bühnenversion 
betrachteten Foliotext — als fehlerhafte Varianten nachweist, die ent- 
standen sind durch die eigene Beschaffenheit und die damit zusammen- 
hängende Schwierigkeit der Brightschen Stenographie. 

Zu den wichtigeren von Dewischeit ausgeführten Gedanken sei im 
folgenden einiges beigetragen. 

Viele Abweichungen der Quarto- von den Folioausgaben bestehen z.B. 
darin, daß die eine Version an Stelle des genau entsprechenden Wortes der 
anderen ein Synonymon desselben aufweist. Bezugnehmend darauf äußert 
Dewischeit [Sh. J. XXXIV, p. 197]: Die Characterie , kann — und das ist 
der größte Fehler des Brightschen Systems — synonyme Wörter nur schwer, 


1) Dyces Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. ror. 

2) Colliers Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 469, vol. V. 

3) Knight Shakespeare, Introduction zu Hamlet, p. 4. 

4) Elze, „William Shakespeare“, Halle 1876, p. 326. 

5) Arch. f. St. 1897. ,,Shakespeare und die Anfänge der englischen Stenographie“‘. 
Sh. J. XXXIV, 1898. „Shakespeare und die Stenographie‘, p. 170 ff. 

Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 4. 11 


148 Paul Friedrich 


mitunter gar nicht mit exakter Genauigkeit wiedergeben.‘‘ Der Gedanken- 
gang für eine Erklärung ist nun folgender: Beim schnellen Nachschreiben 
hat der aufnehmende Stenograph den kennzeichnenden Anfangsbuchstaben 
des gehörten Wortes, der doch gemäß der consenting signification zu dem 
als Sigel existierenden Synonym hinzukommen mußte, weggelassen, ver- 
gessen oder undeutlich geschrieben. Beim Entziffern des Stenogramms, 
das der Schreiber selbst oder vielleicht auch der Drucker vornahm, wurde 
deshalb nicht das wirklich gesprochene Wort, sondern nur das zu seiner 
Umschreibung verwendete Sigelwort eingesetzt. Bei dieser Erklärung De- 
wischeits ist nicht zu vergessen, daß sie eigentlich auf der Voraussetzung 
einer schlechten, nicht ganz systemgerechten Nachschrift beruht. Aber 
man wird zugestehen müssen, daß die Weglassung des Exponenten — wie 
ich kurz den zum Grundsigel hinzukommenden Anfangsbuchstaben eines 
zu stenographierenden Wortes nennen will — sehr leicht möglich war. 
Schon seine Schreibung erforderte häufiges Abweichen von der vertikalen 
Richtung und damit Zeitverlust. Dewischeits Annahme vermag ich sogar 
durch einige beweiskräftige Beispiele zu unterstützen. In Jane Seagers 


0 
Schriftchen finde ich auf Blatt IX.2 die Zeichen ; , das wird jeder lesen 


als „the passing rejoice“, die Übersetzung gibt uns aber die beabsichtigten 
Worte an die Hand: the exceeding joye; richtig geschrieben wäre dies: rą 
Jane Seager hat also auch den Exponenten vergessen, sogar zweimal ,, 
hintereinander. In diesem peinlich gearbeiteten Werkchen sind solche 
Vorkommnisse gewiB schwer entschuldbar, viel eher dagegen in einer 
wirklichen Nachschrift. Blatt IV.2 findet sich noch ein Beispiel: through 
ist wiedergegeben mit m~ = by, es sollte aber sein —7 = ‘by, wie es Blatt 
VI.2 Jane Seager auch richtig geschrieben hat. 

Dewischeit hat nach meiner Ansicht aber nicht genügend hervorgehoben, 
daß man zur Erklärung der Synonyma die Weglassung des Exponenten 
bei der Nachschrift voraussetzen muß. Z.B. Sh. J. XXXIV, p. 203 heißt 
es ohne weiteres: „Es decken sich die Varianten —“ oder eine Seite später: 
„Alle Beispiele decken sich, wenn man sie in Brights Stenographie über- 
trägt.“ Genau genommen haben die angeführten Varianten nur ein ge- 
meinsames Grundsigel!). 

Auf andere Arten der Differenzen zwischen den verschiedenen Versionen 
nimmt Dewischeit Bezug, wenn er äußert Sh. J. p. 197: „Einen weiteren 


1) In einem der Sh. J. XXXIV, p. 203 angeführten Beispiele findet sich ein Ver- 
sehen: ,,Es deckt sich happy (Q) mit blessed, von denen jenes durch dieses, -—* ge- 
schrieben, bezeichnet wird.‘‘ Der richtige Charakter für bless ist =. Genau ge- 
schrieben wäre dann happy =". 


Kritische Betrachtungen 149 


schwerwiegenden Mangel [des Systems] bringt dann die Theorie der Punkta- 
tion mit sich, die Numeri, Modi und Tempora nur mit äußerst gering- 
fügigen Mitteln markiert und die somit den grammatischen Unterschied 
der Wörter in Frage stellt.“ Diesem Urteil muß man zustimmen. Meine 
vorangegangenen Ausführungen haben diese ungenügende Bezeichnung 
des Formalen aus den gegebenen Bedingungen heraus zu deuten ver- 
sucht. 

Da der Punkt eine außerordentlich vielseitige Funktion ausübte, so 
konnten durch seinen Wegfall oder auch nur durch seine Undeutlichkeit 
viele Fehler entstehen. 

Die Hauptarten seiner Verwendung und damit die möglichen Verwechs- 
lungen seien der Übersichtlichkeit wegen noch einmal zusammengestellt. 
Infinitiv, Präsens, Präteritum, Partic., Futur wurden nur durch Punkte 
voneinander unterschiedlich gemacht, ebenso Singular und Plural. he, 
his, her, she, hatten dasselbe Grundzeichen, erst der Punkt gab die Sonder- 
bedeutung!). may wurde durch einen Punkt zu might?). Nicht richtig ist 
es, wenn Dewischeit (Sh. J. XXXIV, p. 210) auch die Verwechslung von 
shall und should auf die Setzung oder Weglassung eines Punktes zurück- 
führen will. Diese beiden Wörtchen unterschied das Brightsche System 
nicht durch Punkte. shall wurde ausgedrückt durch einen Punkt rechts 
vom Verbum (Infinitiv): ,,The time to come requireth a prick on the 
right side‘‘; should aber durch einen Punkt rechts von will ‚for should 
make a prick on the right side of will.“ Belege dafür bietet auch Jane 


Seager: B1. VII.2 shall be = )' , aber BI. XII.4 should be ="), 

Etwas zu weitgehend und nicht ganz aus den Vorschriften der Characterie 
beweisbar erscheint mir die Behauptung Dewischeits Sh. J. XXXIV, 
p. 210: „Die Negation wurde bei Bright durch die Durchkreuzung des 
Zeichens ausgedrückt.“ Im Anschluß daran führt er die mögliche Ver- 


1) he = }; she =; his = b; her =}. 

2) Dewischeit sagt in bezug auf diese beiden Worter Sh. J. XXXIV, p. 204: 
„Besonders auffallend ist hierbei, daß der Altmeister englischer Kurzschrift kein 
Bedenken trug, may oder might durch can oder could zu ersetzen.“ Das ist nicht 


richtig. Die systemgerechte Schreibung der genannten Wörter ist: can = =e , could 
u ( (dasselbe), may = ue , might =. 
3) Eine Zusammenstellung der gebräuchlichsten Hilfsverba in Brights Steno- 


graphie ergibt folgendes Bild — wonach man sich leicht zurechtlegen kann, welche 
Fehler auf diesem Gebiete durch Weglassen des Punktes entstehen konnten: shall = 


Punkt rechts vom Infinitiv oder einem Nomen, should =#-., will = 9, would =8 
(dasselbe), can = [ ‚could = [ (dasselbe), may = t ‚might = M ‚ought =ı®, 
must = a, have =} , had = b ‚do ="3%,did =: %, be = ] am =Y, was = ~, 
were = f. 

11* 


150 Paul Friedrich 


wechslung von unwholesome und wholesome — ersteres schlug Ingleby 
verbessernd fiir letzteres vor in einer Stelle in Cymbeline (Akt I, Sz. 2) — 
auf eine Weglassung der Durchstreichung zuriick. Die Characterie sagt 
Pp. 34: , When it is a mere denying it hath only a dash through the character, 


whose word it denieth as is, is not, good, not good =~ e: 6 &. Hiernach 
scheint mir dies Durchstreichen nur fiir die kontradiktorische Verneinung 
gedacht zu sein. Zur Unterstützung meiner Ansicht führe ich an, daß 
Jane Seager nicht einmal none mittels Durchstreichung von one schreibt, 


sondern none = 4 = some”, Bl. XII,5. Ferner durchkreuzt sie für nor 


nicht etwa das Zeichen für or, sondern schreibt k' — or", BI. IV.4. Gerade 
dieses letzte Beispiel veranlaßt mich, für das obengenannte Wort unwhole- 
some auch eine Bezeichnung durch dissenting method anzunehmen, der 
Exponent wurde sicher vom Schreiber vergessen, infolgedessen las der 
Drucker wholesome. 


In bezug auf die dissenting signification 4uBert Dewischeit: sie ,,findet 
sich bei Bright äußerst selten.“ Sh. J. XXXIV, p.211. Dem kann ich nicht 
zustimmen. Als Gegenbeweis aus der Praxis führe ich zunächst an, daß 
sich bei Jane Seager auf den wenigen Blättern sehr viele dissenting signified 
Wörter finden, gegen 60. Ferner ist aus dem psychologischen Grunde, 
daß Gegenteiliges sich ebenfalls leicht assoziiert, anzunehmen, daß einem 
Jünger Brights dissenting signification der Wörter mindestens ebenso nahe 
lag wie consenting. Die Characterie sagt nichts darüber, daß eine von 
beiden Arten die bevorzugtere sein soll. Es heißt nur Ch. p. 22: ,,The 
charactericall words are a number that have neither agreement nor con- 
trarity together, but stand indifferently affected.“ Aus dieser Tatsache, 
daB es Brights Streben war, auch die Wörter mit gegenteiliger Bedeutung 
vom Sigelverzeichnis auszuschlieBen, muB man aber schlieBen, daB die 
dissenting signification ebenso häufig angewendet werden sollte und konnte 
wie die consenting. 


Sehr sinnreich ist Dewischeits Gedanke, noch eine besondere Gruppe von 
Fehlern der Quartos zu erklären, ‚‚die einzig und allein nur durch das 
Kurzschriftsystem Brights entstanden sein kann. Die übrigen Auflagen 
weichen von den ersten Quartausgaben nicht nur allein dadurch ab, daß 
sie an Stelle einiger Ausdrücke sinnverwandte bringen; nein, sie weisen 
mitunter auch ganz andere Wörter auf. Überträgt man diese Varianten 
in Brights Stenographie und vergleicht sie miteinander, so wird man mit 
Erstaunen wahrnehmen, daß die Schriftbilder, zumal wenn sie eilig nieder- 
geschrieben werden, sich außerordentlich ähneln, und daß sie beim Wieder- 
lesen den Stenographen sehr leicht irre führen konnten.“ [Sh. J. XXXIV, 
p. 211.] Ich bin von dieser Art der Verwechslungsmöglichkeit fest über- 


Kritische Betrachtungen 151 


zeugt, bietet doch gerade in bezug auf das Auseinanderhalten der charac- 
ters das System große Schwierigkeit (S. 46 u. 47); nur halte ich dafür, daß 
Dewischeit in der praktischen Ausdeutung im einzelnen etwas zu weit ge- 
gangen ist. Gewiß sind viele Schriftbilder ähnlich!), aber doch ist kaum 
für so häufige Fälle eine Verwechslung anzunehmen, wie Dewischeits Bei- 
spiele glauben lassen. 

Auf fernere Einzelheiten der grundlegenden Arbeit Dewischeits soll 
nicht weiter eingegangen werden, da solche z. T. in den auf ihn 
basierenden Untersuchungen wiederkehren, die im folgenden besprochen 
werden. 

So hat O. Pape?) die Differenzen zwischen Quarto und Folioversion von 
Shakespeares Richard III. unter Heranziehung des Brightschen Systems 
untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, ‚‚die erste Quartoausgabe | 
von Shakespeares Richard III. vom Jahre 1597 ist die Übertragung eines 
während einer Aufführung von mehreren Stenographen mittels des — 
Stenographiesystems von Timothy Bright aufgenommenen Stenogramms.“ 


1) Gleich gegen das erste von Dewischeit angeführte Beispiel dieser Art habe ich 
Bedenken. Sh. J. XXXIV, p. 211 unten heißt es: ‚‚In der ersten Quartoausgabe des 
Hamlet heißt es 112: farre better, die übrigen Ausgaben lesen aber much better. Die 


stenographischen Schriftbilder für diese Wörter sind nun folgende: J und J, nur 
der Anstrich ist bei dem letzten Zeichen etwas gebogen.‘ Also scheinen die beiden 
Zeichen für much und far sehr verwechslungsähnlich. Nach Ausweis der Characterie 
table, und Jane Seager XII.5 hat aber much zunächst einen schrägen Character: 


J , der obere Haken ist auch nicht rechtwinklig zur Buchstabenrichtung, sondern 
liegt in derselben. Damit wäre das Verhältnis der beiden Zeichen schon etwas anders, 


nämlich J oo . Aber auch, was far angeht, glaube ich nicht, daB es J geschrieben 
wurde, sondern: Ù. Als Beweis führe ich folgendes an: Die Characterie table gibt 
J als fare an; das ihm folgende Sigel heißt faire = 1 . Dieses kann nun nicht fair 


(pulchrum) bedeuten, denn dies ist vorher angegeben als ] und mit dieser Bedeutung 
auch von J. Seager mehrfach bestatigt. Da nun faire mit seinem i an falscher alpha- 
betischer Stelle steht, nämlich zwischen fare und fast, auBerdem keinen Sinn ergibt, 
so halte ich es für verdruckt und sehe das i als r an: farre. Dadurch wird die alpha- 
betische Reihenfolge wiederhergestellt, und ein sinnvolles, sehr gebräuchliches Wort 
als Sigel belegt. Für die Richtigkeit meiner Konjektur spricht, daß im Wörterbuch 
zwischen den Wörtern fare und fast wirklich farre als Sigel steht, womit die Be- 
deutung des in Frage stehenden Charakters ganz klar erwiesen ist. Zum Überfluß 
sei bemerkt, daß immer in der Characterie farre mit Doppel-r geschrieben ist. Dar- 


nach gestaltet sich das Verhältnis von far : much = ul ; diese beiden Charakters 
sind nicht mehr als verwechslungsähnlich zu bezeichnen. — Ich persönlich glaube 
aber trotzdem an eine Vertauschung der beiden Wörter, nur schreibe ich sie dem 
bewußten Willen des Stenographen zu. Dem Brightjünger kam es ja auf genau 
wörtliche Treue zunächst gar nicht an. ‚The sense is only to betaken — “. 

2) O. Pape, Diss. Erlangen 1906: ‚Über die Entstehung der ı. Quarto von Sh. 
Richard III.“ Dieselbe Arbeit gekürzt im Arch. f. St. 1906 unter dem Titel: ‚Die 
I. Quarto von Shakespeares Rich. III., ein stenographischer Raubdruck.“ 


152 Paul Friedrich 


Uber die stenographische Seite dieser Untersuchung seien einige Be- 
merkungen hier ausgeführt, und zwar schließe ich mich dem Gange der 
Papeschen Arbeit an. Im allgemeinen sind zunächst die möglichen Ur- 
sachen der Abweichungen der Q von der Folio besprochen. Man kann 
sie erblicken in ‚‚ı. der Bühnenleitung (Streichungen, Zusätze usw.), 
2. den Schauspielern (Vergeßlichkeit, Willkür, Nachlässigkeit), 3. den 
Setzern von Q, und F (Druckfehler, Flüchtigkeiten), 4. dem von den 
Stenographen benutzten System Bright mit seinen Mängeln. — Als solche 
Mängel kann man betrachten: ı. die Theorie der sogenannten accompanied 
signification, 2. das Prinzip, Numeri, Modi, Tempora nur durch einen oder 
zwei Punkte zu unterscheiden, 3. die häufige Ähnlichkeit der Sigel und 
4. den Umstand, daß man feinere Unterschiede in der Schreibung einzelner 
Wörter nicht auszudrücken vermag.“ 

Unter dem 2. Punkt führt Pape nur 3 Arten an: die Verwechslung des 
Singulars und Plurals, des Präsens mit dem Präteritum und die Unter- 
. lassung von Wiederholungen. Gemäß der Tatsache, daß der Punkt noch 
vielerlei Funktionen auszuüben hat, könnte man — wie bereits ausgeführt 
— noch mehr aufzählen. Die Vertauschung des Präsens mit dem Futurum 
ist an späterer Stelle noch berücksichtigt. In bezug auf die Bezeichnung 
des Präteritums äußert Pape die Ansicht, daß wahrscheinlich auch starke 
Präterita durch Punkte kenntlich gemacht wurden, obwohl der einschlägige 
Abschnitt der Characterie nur von schwachen spricht. ‚‚If the word by 


reason of tence end in ed as I lived!) then make a prick in the character 


of the word in the left side. (Ch. p. 27, 28) /,“. Ich schließe mich Papes 


Meinung an, die durch Jane Seager als richtig bestatigt wird: BI. XII.2 
saw = ‘t 2). 

Unter dem 3. Punkte sind Varianten angeführt, ,,deren stenographische 
Wortbilder sich bei Bright decken.‘‘ Diese Ausdrucksweise nach Dewischeit 
halte ich — wie schon bemerkt — für zu ungenau. Die Weglassung des 
Exponenten ist dabei immer stillschweigende Voraussetzung?). 


1) Hier liegt ein Druckfehler vor, den Pape nicht vermerkt hat, es ist, dem Zeichen 
gemäß, zu lesen: I loved. I lived wäre nach Bright zu schreiben: a 


*) Nur fiir die Prateritalform were hatte Bright ein Sonderzeichen: P, (z. B. 
Jane Seager, XII.3). Deswegen kann ich folgendem Beispiel nicht zustimmen, daß 
nämlich are sent = were sent sein kann. Systemgerecht wäre die Schreibung dieser 

r= ~ 
Wörter: they are sent = ) ; they were sent = f. 
tr 1 

3) In bezug auf die hier angeführten Beispiele stimme ich mit einigen nicht 
überein. Die Zeichen für one und a man, und he und a man sollen gleich sein. Diss. 
Pp. 35, S. 4; in Wahrheit ist one = d, man zj , he = f 


Kritische Betrachtungen 153 


Bei den Wortern, deren characters sich in der Brightschen Stenographie 
zum Verwechseln ähnlich sein sollen, führt Pape meines Erachtens einander 
zu fernstehende Formen an. Man wird vielleicht noch zugeben, daß die 


Zeichen für I und thou = f:f im Aussehen sich nahe kommen; aber 
durchaus nicht kann ich wie Pape die characters für them und it ver- 
wechslungsähnlich finden: e~: <«. Zeichen, die mehr voneinander abweichen 
als diese beiden, gibt es wenige in der Characterie. 

Einen kühnen Schluß zieht Pape aus dem — vermeintlichen — Fehlen 
gewisser Worte in der Characterie. ‚Es finden sich nun aber auch zahl- 
reiche Wortvarianten, die durch das System Bright in seiner Gestalt vom 
Jahre 1588 nicht auszudrücken sind. Solche Worte sind: while, — who — 
by.“ Sie sind ‚also streng genommen gar nicht zu stenographieren.‘“ 

Die betreffenden Wörter, die Pape hiermit meint, sind zusammengestellt, 
folgende: though, within, his, by, ere, when, she, her, who, while, why, 
yes, upon. Die hier aufgezählten Begriffe vermißt Pape in der Characterie 
und schließt nun: „Wir dürfen daher wohl annehmen, daß wir es hier nicht 
mit dem Brightsystem vom Jahre 1588, sondern mit einer vervollkommneten 
Gestalt desselben zu tun haben, von der man freilich sonst nichts weiß“ 1). 
Ich lehne die Annahme einer verbesserten Ausgabe des Systems nach 1588 
entschieden ab. Für die meisten der obengenannten Wörter werde ich die 
Existenz als Sigel oder eine andere Schreibmöglichkeit aus der uns vor- 
liegenden Characterie von 1588 nachweisen, die Bestätigung der Richtigkeit 
lasse ich durch Jane Seager erbringen?). 

Was zunächst das Wort ‚„‚though‘‘ angeht, so erblicke ich für seine Schrei- 
bung keine Schwierigkeit; das Wörterbuch zählt es freilich nicht mit auf; 
es gibt ja ein Sigel ‚„although‘‘. Bright erwartete es als selbstverständlich, 
daß man though durch das fast lautlich gleiche Synonym although um- 
schrieb; deshalb hat auch Jane Seager, wie nicht anders zu erwarten ist, 


Bl. VII.2 though = *h = ‘although. 


1) Schon Dewischeit lehnt in einer Anmerkung zu Papes Arbeit, A. f. St. 1906, 
p. 244 diese Annahme ab, aber ohne genaue Begriindung. Im A. f. St. 1908, p. 236 
tritt aber Seeberger ganz entschieden auf Seite Papes in seiner Abhandlung ,,Zur 
Entstehung der Quartoausgabe des first part of Jeronimo.“ Er sagt dort: „Erst 
wenn nachgewiesen wird, daß sich in Handschriften, die noch aus dem Jahre 1588 
stammen, diese Schreibweisen vorfinden‘‘ dann hätte Dewischeit recht. Im folgen- 
den trete ich den Beweis für die meisten der obengenannten Wörter an. 

2) Da das Stenogramm der Jane Seager 1589, also nur I Jahr nach der Ausgabe 
der Characterie geschrieben ist, so wäre das Vorhandensein von Schreibweisen der 
Wörter in dem Werkchen dieser Dame an sich schon ein Beweis für die Existenz 
derselben Bildungsformen bereits 1588; denn in dieser kurzen Zwischenzeit hat Bright 
auf keinen Fall ein verbessertes System herausgegeben, das wäre — selbst bei heutigen 
Verhältnissen — gerade für eine Stenographielehre mehr als unklug gewesen. In 
den folgenden Ausführungen wird Jane Seager zum Beweise nur herangezogen. 


154 i Paul Friedrich 


„Within“ findet Pape ferner nicht schreibbar; with gibt es jedoch als 
Sigel 7; und auch in = x; also within = 2. Diese einfache Zurecht- 
legung, an deren Richtigkeit mir bei ihrer Aufstellung gar kein Zweifel 
aufstieg, wurde als die nächstliegende auch von Jane Seager angewendet: 
Bl. X.2. Ein etwaiger Vorwurf, daß eine solche Zusammensetzung 
den Konstruktionsgedanken des Systems nicht gemäß sei, läßt sich ent- 
kräften durch Hinweis auf die Bildung von friendship, neighbourhood, 
wo ja auch ‚„Silbenstenographie‘‘ angewendet ist. Hierher gehören noch 
mehr Wörter, die von Pape aber nicht aufgezählt werden. into = x, 


belegt durch Jane Seager VI.3; only = s , J. S. B1. XII.4; indeed = 4 = 


in doe, J. S. Bl. VI.5. 

„His“ wurde durch he mit Punkt links bezeichnet. Pape sagt dies- 
bezüglich: ,Dewischeit irrt, wenn er meint, he würde durch einen Punkt 
zu his.“ Dewischeit hat aber recht. Den Beweis liefert Jane Seager, die 


sehr häufig dieses Wort gebraucht und stets b schreibt. Diese Schreibung 
ist auch in der Characterie angedeutet!). 

Über ‚by‘ schreibt Pape: ‚Unter den English words findet sich wohl 
bie, das auch für by gültig wäre. Auch hier ist die rechte Spalte frei. Es 
müßte also auch ein Charakter sein. In der ‘Table Char.’ und unter den 
‘Partikels’ steht es aber nicht.‘‘ Also ,,by ware ebenfalls nicht schreibbar“. 
Bei näherem Vergleich entdeckt man jedoch folgendes: In der Sigeltabelle 
steht ein Zeichen m~ = be. Dieses steht nach beware und vor bicause. 
Unter den Partikeln findet sich ebenfalls ein Zeichen mit der Bedeutung 
be = ). Einmal muß also die Bedeutungsangabe falsch sein. Das erst- 
genannte Zeichen m~ steht geometrisch an seiner richtigenStelle, nicht aber 
seine Bedeutung be. Man sollte gemäß der alphabetischen Ordnung — 
zwischen beware und bicause — bi erwarten, damit wäre by als Sigel nach- 
gewiesen. Die Konjektur wird bestätigt durch Jane Seager, sie gebraucht 
für das bei ihr häufig vorkommende Wörtchen immer dieses Zeichen ~m 
z. B. Bl. II.2; IIl.5; V.2; VI.2; VII.3 usw. 

„Ere‘“ konnte sehr leicht durch das Homonym air = L bezeichnet 
werden, nach dem Grundsatze Char. p. 23 „A word of the same sound, 
though of diverse sense, is written with the same.“ Oder man umschrieb 


1) Char. p. 25: „Such be written with the character of h and a prick on the left 
side as: h.“ Hier liegt ein offensichtlicher Druckfehler vor. Statt ‚such‘ muß 
„his“ stehen, oder doch nach such eingeschaltet werden. Auch sagt schon Pocknell 
1884, als er noch nicht Jane Seagers Stenogramm studiert hatte, nur aus der Kennt- 
nis der Characterie heraus: „his may be written by the sign for he with a tick on 


the left side, thus = he, h = his.‘ Phon. Journal 1884, p. 87. Pape scheint 
das entgangen zu sein. 


Kritische Betrachtungen 155 


es mit den Synonymen within oder before. Mit before ist zweifellos auch 
after dargestellt worden, wie schon 1586. Letzteres Wort erwähnt jedoch 
Pape nicht. 

„When“ ist bezüglich seiner Schreibung nicht in der Characterie ver- 
merkt. Es liegt aber nahe, es mit then = % mittels dissenting signifi- 


cation darzustellen. when = %*. Leider kommt dieses Wörtchen bei 
Jane Seager nicht vor, wohl aber ein beweiskräftiges Analogon. Auf dem 
letzten Blatt der Prophezeiungen Zeile ı findet sich whence umschrieben 


mit thence. whence = 7%. 
„She“ schreibt Jane Seager mit he und einem Punkte rechts = bk, 


BI. II.3; ‚„‚her‘‘ mit he und 2 Punkten rechts = b: , V.2. Diese Schreibungen 
sind nun allerdings nicht im Lehrbuche zu finden. Aber ich glaube auf 
keinen Fall, daB sie Neubildungen der Jane Seager sind; denn sie machen 
sehr den Eindruck einer alten echten Ableitung Brights selbst, so ganz noch 
im Sinne des Systems von 1586, wo der Punkt noch die Bedeutung ver- 
ändern konnte, im neuen System kann er mit wenig Ausnahmen nur die 
Form verändern. 

„Upon“ hätte sich ein Jünger Brights zusammensetzen können aus up 


und on, das beides als Sigel existierte. up = ”,o0n = § ; also upon = z . 


Es wäre auch darzustellen mit on und consenting signification = T. Bei 
Jane. Seager findet sich fiir upon die Schreibung £ = up durchstrichen, 
Bl. VIII.4. Diese Bildungsweise halte ich für eine nicht sehr glücklich ge- 
wählte Selbsterfindung der Dame. Bright hätte wohl eine sinnreichere 
Bildung ausgedacht als gerade das Durchstreichen, denn dieses diente doch 
im allgemeinen zur Darstellung der kontradiktorischen Verneinung. — 
Auf jeden Fall war aber upon schreibbar in Brights System. 

„Who“ ist auch nicht in der Characterie angegeben. Für dieses so 
häufige Wort sollte man allerdings ein Sigel erwarten und nicht bloß eine 
Umschreibung annehmen. Bei Jane Seager finden wir für who das Zeichen 
X, also einen eigenen Charakter. Bi. VIII.3; II.5 (whose); IX.3 usw. 
Sehr auffallenderweise schließt sich nun gerade dieses Zeichen seiner Kon- 
struktion nach genau an das letzte Sigel unter w an; 9 = use; die nächste 
Bildung muB sein & , eben unser who. Vielleicht ist es von Bright ver- 
gessen worden in der Characterie wie auch holy (s. S. 13), oder es ist eine 
jener Neuprägungen, die jedem offenstanden; lieferte doch das System 
326 characters mit noch nicht festgelegten Bedeutungen an die Hand. 

Das Wörtchen ‚‚yes‘‘ steht nicht der Table of English words, wohl aber 
yea, das durch I wiedergegeben werden soll. Eine Bejahungspartikel wäre 
damit schon für die Characterie nachgewiesen. Ich halte dafür, daß wir 
das unter den ‚‚Particles‘‘ angegebene ‚‚eyee‘‘ als ‚yes‘ zu lesen haben. 


156 Paul Friedrich 


Im Bodleiana-Original war 1884 noch ‚eyes‘ zu erkennen (Pocknell, 
Shorthand 1884 und Phonetic Journal 1884). Das Zeichen selbst = f 
liefert aber als den Anfangsbuchstaben seines Bedeutungswortes y (j) an 
die Hand! Also ergibt sich sehr zwanglos [ = yes. eyee ist überdies 
ganz unverständlich. 

In bezug auf ‚while‘‘ glaube ich annehmen zu müssen, daß Bright 
einst dafür einen eigenen character besaß, den er aber später mit einer 
andern Bedeutung belegte; denn das Wörterbuch gibt while noch als Sigel 
an, hier vergaß Bright offenbar nachzubessern. Darnach dürfen wir also 
auf keinen Fall annehmen, daß er nach 1588 in einem verbesserten System 
dieses Wort wieder mit einem Sigel begabt hätte. Es sollte eben um- 
schrieben werden. 

Auf ‚why‘ komme ich an späterer Stelle noch zu sprechen; hier sei nur 
bemerkt, daß ein Jünger Brights sich wohl eine Schriftform hätte bilden 
können; ich würde es, etwas kühn, aber kurz und klar mit ? geschrieben 
haben, das ist = w + y, also buchstabiert. Diese Bildung ist gewiß 
nicht ganz systemgerecht, da eine Buchstabierung nur bei Namen ver- 
wendet wurde; aber Partikel bilden häufig eine Ausnahme, und so führe 
ich denn zur Entschuldigung für diese Inkonsequenz ein Analogon des 
Systemerfinders selbst an: ,,Amen‘ schreibt Bright mit ,, J “, das ist 
a--m!). 

Meine Nachweise der Schreibungen der von Pape ‚vermißten‘‘ Wörter 
im System von 1588 lassen wohl seine Äußerung gegenstandslos werden: 
„Es ist unerfindlich, wie Bright diese fundamentalen, ganz unentbehr- 
lichen Wörter in seinem System übersehen und auslassen konnte.“ 

Pape führt dann einige Beispiele und Gegenüberstellungen an, nach 
denen merkwürdigerweise die Fo das nach seiner Ansicht nach Brights 
System ausdrückbare Wort besitzt; die Q hat aber das ‚für Bright un- 
mögliche Wort‘‘. Diese Tatsache ist für ihn ein weiterer Grund, ein ver- 
vollkommnetes System anzunehmen. Diesen Schluß halte ich für un- 
statthaft; denn wenn erst nachgewiesen werden soll, daß die Q ein steno- 
graphischer Raubdruck ist, so darf hinterher nicht aus den Eigenschaften 
der Q geschlossen werden, daß ihnen zu liebe das System so und so be- 
schaffen sein muß. Diese Beweisführung bewegt sich in einem Zirkel. 
Diese letztere Begründung der Forderung des verbesserten Systems wird 
allerdings von Pape nicht sehr betont. Hauptgrund dafür sind ihm , nament- 
lich‘“‘ die ‚„vermißten‘‘ Partikel. 


1) DaB Bright die einfache Aneinanderreihung seiner Alphabetzeichen wohl 
kennt und in nötig erscheinenden Fällen skrupellos anwendet, ersieht man daraus, 
daß er bei Eigennamen sich ihrer bedient und sie ferner für Exponenten empfiehlt. 
S. p. 65 Anmerk. 


Kritische Betrachtungen 157 





In einem IV. Teile seiner Arbeit gibt uns Pape zusammengestellt ,,ein 
Verzeichnis der durch das Brightsche System verursachten und erklarbaren 
Varianten‘‘ der Q und Fo von Richard III.!). Hier führt er besondere Ab- 
kürzungen für die Fehlerquellen ein, die dem System zur Last gelegt wer- 
den müssen. Ich zähle die Punkte — trotzdem sie zum Teil Wieder- 
holungen sind — der Übersichtlichkeit wegen noch einmal auf. ‚‚ı) Wörter, 
die bei Bright durch dasselbe Zeichen ausgedrückt werden?), 2) Wörter, 
die durch ähnliche Zeichen wiedergegeben werden, 3) Wörter, die nach 
Bright ausgelassen werden können, 4) Willkürliche, fälschliche Ersetzung 
eines echten characters durch einen andern, 5) nur durch einen Punkt 
oder kleinen Kreis unterschiedene Zeichen, 6) die durch einen Punkt 
bewirkte Veränderung des Singulars in den Plural, 7) des Präsens in das 
Präteritum, 8) des Präsens in das Futurum?), 9) bei Bright nicht vorhandene 
Wörter.“ 


Mit den unter dem letzten Punkte bezeichneten Wörtern meint Pape 
wohl solche, die weder in der Sigeltabelle noch im Wörterbuche angegeben 
sind; diese sind nach seiner Meinung nicht schreibbar. Diese Ansicht 
muß ich als vollkommen unbegründet und als ganz sicher falsch zurück- 
weisen. In der Vorrede zur Characterie sagt Bright p. 14: ,,Bicause every 
man by his own reach can not consider how to refer all words, thou hast 
in this book an English dictionary with words of reference already thereto 
adjoyned to help such as of themselves can not so dispose them.“ Daraus 
ersieht man, daß das Wörterbuch nur als eine Hilfe für den Anfänger ge- 
dacht war. Es wollte keinesfalls erschöpfend sein. Fortgeschrittenere 
mußten sich — darin lag erst die Kunst — eigene Beziehungssigel zurecht- 
legen, das steht außer allem Zweifel. Schon Jane Seager beweist, daß 
auch Wörter, die in der Characterie nicht vorhanden sind, deshalb doch 
schreibbar waren; so finden wir von ihr folgende Wörter, für deren Dar- 
stellung weder das Wörterbuch noch die Sigeltabelle Andeutungen bietet, 
stenographiert: BI. III.2 jewish = [' = gentle’; Bl. V.1 virgin = }% = 
marry’; Bl. VIII.4 upon = f = up durchstrichen. 

Bei Vergleichung im einzelnen muß man sehr viele Beispiele Papes ohne 
weiteres als richtig anerkennen; mit einigen kann ich mich nicht einver- 


1) Im allgemeinen sei hier der Gedanke ausgesprochen, daß, wenn eine Variante 
durch ein System erklärbar ist, sie noch nicht schlechthin ohne weitere Gründe 
auch durch dasselbe verursacht zu sein braucht. Wenn Dewischeit Sh. J. XXXIV 
p. 212 die stenographischen Schriftbilder von graves und graces mit Recht für ver- 
wechslungsähnlich hält und deshalb für ihre Vertauschung ein Stenogramm voraus- 
setzt, so ist das nicht zwingend, denn die Verwechslung ist schon bei einem longhand- 
Manuskript sehr leicht möglich. 

2) Diese Fassung ist — wie schon mehrfach bemerkt — nicht einwandfrei. 

3) Punkt 6, 7, 8 sind streng genommen nur Unterarten von 5. 


158 Paul Friedrich 


standen erklären. So z. B. holes (Q) und wounds (F) sind nach Pape bei 
Bright durch dasselbe Zeichen ausgedriickt worden. (Diss. p. 34, Akt I, 
Sz. 2.) Die Deutung scheint mir sehr gekünstelt und nicht einmal klar: 
„hole = corner, wound = sickness‘‘(?) Nun sei fälschliche, willkürliche 
Vertauschung von hole und sickness eingetreten (!) Schon das Wörter- 
buch spricht gegen eine solche Konstruktion, wounded ist darin als mit 
hurt zu umschreiben angegeben. 


Unter den Varianten, die von Pape mit der Verwechslungsfähigkeit ihrer 
 stenographischen Entsprechungen erklärt werden, finde ich mehrere An- 
gaben, denen ich nicht zustimmen kann. Die characters für majesty und 
king sollen z. B. sich sehr ähneln. (Diss. p. 35, Akt I, Sz. 4. 98): majesty: 
king = worship : prince = oJ ; dabei ist die Weglassung des Exponenten 
m beim ersten Zeichen schon vorausgesetzt. Außerdem ist die Umschrei- 
bung von majesty durch worship auch nicht als die einzig mögliche hin- 


zustellen. Jane Seager stenographiert Bl. XI.1 majesty mit 1S ™ grace; 
das ist zugleich ein Beispiel dafür, daß die Angaben des English dictionary 
nicht als bindend zu betrachten sind, dort ist für majestie allerdings wor- 
ship als zu gebrauchendes Sigel vorgeschlagen. 


Ein Versehen liegt wohl vor in der Gegenüberstellung: keepe : blesse = 


2:7, (Diss. p. 36 unten Sz. 3). Die richtigen characters für die beiden 
Wörter sind: a:~. Mit dieser Korrektur ist zugleich ausgesprochen, 
daß eine Verwechslung der beiden Zeichen wegen sehr großer Ähnlichkeit 
nicht gerade wahrscheinlich ist, aber doch nicht unmöglich erscheint. 


Die stenographischen Entsprechungen von would und will verhalten 
sich nicht wie ®- : 8-2 (Diss. p. 37, letztes Beispiel), sondern beide Begriffe 
wurden mit demselben character & bezeichnet. 


Spech : words (Diss. p. 38, Sz. 3, 160) ist in Characterie nicht gleich 
§: $, sondern gleich /:, also umgestellt und schräg. 


Bei mehreren Beispielen drangt sich mir der Gedanke auf, daB die Deu- 
tung der betreffenden Quartovariante viel einfacher vorzunehmen sei, 
wenn man, anstatt alles den Systemmängeln und einer etwaigen ‚Ver- 
wechslung‘‘ zuzuschreiben, wie Pape es tut, eine bewußte Vertauschung 
seitens des Stenographen annimmt. Z.B. erklärt Pape die Varianten 


appeare (Q) und are seen (F) so: (Diss. p. 36, Sz. 3) appeare = seem $, 


see = t ; t ist mit t verwechselt worden. Hierbei ist aber außerdem 
noch die wenig wahrscheinliche Auslassung des Hilfsverbs anzunehmen. 
Einfacher scheint mir die Vermutung, der aufnehmende Kurzschriftler hat 
beim Hören des Satzes: they are seen, der für einen Kenner der Characterie 
doch gar keine Schwierigkeit in der Schreibung bietet, schnell das kürzere 


Kritische Betrachtungen 159 


„they appeare‘‘ bewußt substituiert; das System erlaubte ihm das: ,,the 
sense is only to be taken!‘ 


Kurz seien noch, um Papes nicht ganz treffende Fassung zu gebrauchen, 
die „Wörter, die bei Bright durch dasselbe Zeichen ausgedrückt werden‘, 
näher betrachtet. Genau genommen gehören in diese Rubrik nur Syno- 
nyme, die mit demselben Buchstaben beginnen und von denen keins Sigel 
ist, wie tell und talke, und Unterarten eines Gattungsbegriffes, die mit 
demselben Buchstaben beginnen, wie bee und butterfly, beides = e? = "fly. 
Andere Beispiele letzterer Art sind: apple, acorn = ^ = “fruit; plumme, 
prune, peach = VU = fruit’; cape, cloake, coate = 'f = “garment; girdle, 
glove, gown, garter = ‘[ = “garment; shoe, shirt, sleeves, slippers = ‘J = 
*garment!). So bedeutsam, wie dieser Mangel zunächst erscheinen mag 
ist er in Wirklichkeit nicht?). Selten wird man in einen Zusammenhang 
eine andere Spezies, die mit dem gleichen Buchstaben beginnt, einsetzen 
können, ohne den Sinn zu zerstören. Ist es aber möglich, so hatte das 
ursprünglich hingehörende Wort nicht eine so große Bedeutung, als daß 
nicht auch das vikarierende denselben Zweck verrichten könnte. Erst 
mit Dewischeits berechtigter Annahme, daß die Exponenten wegfallen, 
die die accompanied signification erfordert, war einer Menge von Fehlern 
Tür und Tor geöffnet. 


Im Anschluß an Pape hat A. Seeberger im Archiv für Stenographie 
einen Aufsatz veröffentlicht ‚Zur Entstehung der Quartausgabe des ‚‚First 
Part of Jeronimo‘'®). Er kommt darin zu demErgebnis: ‚Die in der Bod- 
leiana befindliche Quartausgabe des First Part of Jeronimo ist entstanden 
durch eine während der Aufführung vorgenommene Nachschrift mittels 
des im Zeitraum 1588—1605 vervollkommneten Systems von Bright.‘ 
Soweit die Stenographie in Betracht kommt, sollen zu dieser Arbeit einige 
kritische Ausführungen gegeben werden: Über die Art der Untersuchung, 


1) Faßt man die Vorschriften der Characterie ganz streng, so gilt nicht einmal 
für diese Wörter, daß sie mit demselben Zeichen geschrieben werden: Ch. p. 30 ‚If 
the accompanied signification have two words of like beginning as ledde and latine, 
take two of the first letters made into one character as before any names for difference. 
If two be like (which is very rare), leave the vowel or the consonant of the one for 
difference as in strech and strain and take that which may make the difference.‘ Für 
eine Schnellschrift ist jedoch die Anwendung einer solchen umstandlichen Bezeich- 
nung ganz ausgeschlossen. Jane Seagers ,,Prophecies of the ten Sibylis‘‘ enthält 
nicht ein einziges Beispiel dieser Art. Eine Vorstellung von Brights Absicht in dem 
Satze ,,two of the first letters made into one‘‘ können wir uns aber bilden an dem 


von ihm selbst so geprägten Sigel für Amen = l =a +m. 

2) Einige wenige Falle, wo dasselbe Zeichen in verschiedener Bedeutung gebraucht 
wird, finden sich sogar in neueren Stenographiesystemen z. B. bei Gabelsberger: 
~ = I) einen, 2) kénnen. z = 1) ihn, 2) in. 

3) Arch. f. St. 1908, p. 236 ff. 


160 Paul Friedrich 


die nicht so sein konnte wie die Papes über Richard III., da wir für dieses 
Drama 2 Ausgaben haben, sei Seeberger selbst zitiert: ,,Es ist uns hier nicht 
möglich, denselben Weg einzuschlagen, wie ihn Dewischeit bei seiner 
Shakespeareuntersuchung beschritten hat; denn daß z.B. in den Quartos 
in überaus zahlreichen Fällen statt der richtigen Wörter in falscher Weise 
deren Synonyma stehen, das wissen wir eben nur aus den Folio- oder aus 
den betreffenden späteren Quartoausgaben. In unserem Falle haben wir 
jedoch keine weitere Ausgabe. — Hätten wir eine weitere authentischere 
Ausgabe, so könnten wir durch Vergleiche die Richtigkeit beziehungsweise 
Unrichtigkeit des Wortes paths [das ist das vorangegangene Beispiel] fest- 
stellen; würde es in einer authentischeren Ausgabe waies statt paths heißen, 
dann wüßten wir sofort, daß wir es jedenfalls mit dem System Bright zu 
tun hätten (!). Wir können also nichts weiter tun als nachsehen, ob wir 
möglichst viele Fehler richtig so erklären können, daß die Benutzung des 
Systems klar hervorgeht.“ In vielen Fällen ist das zweifellos Seeberger 
gelungen. Gegen manches jedoch, was er anführt, habe ich Bedenken. 
So sagt er, I sent sei in der Brightschen Stenographie gleich I am sent 
gemäß der Anweisung ‚The sense is only to be taken‘. Nach meiner 
Meinung wird aber durch Weglassung des am der Sinn doch verändert. 
Ferner heißt!) es: „Obtaine my love statt (was der Sinn verlangt) obtain thy 
(your) love. Bright: your = thy = f. my = f(I). Es ware sehr leicht 
möglich, daß hier her love gelesen werden soll: wir finden jedoch her nicht, 
weil her nach Bright nicht geschrieben werden kann (!!). — — — Es wäre 
nach Brights System auch möglich, daß der Nachschreiber her ersetzt hat 
durch she = woman (!!) = J (!!), und wir es hier infolge undeutlicher 
Schreibung mit einer Verwechslung von P und $ zu tun hätten.“ 


Diese „Erklärung‘ enthält neben viel Gekünsteltem viel Falsches. 
Zunächst ist your nicht gleich thy in Characterie; sondern your ist ß, thy, 
= $ (thyne); f bedeutet thou und nicht thy oder your. her konnte ge- 
schrieben werden = }:. Ferner ist das Zeichen für she nicht gleich dem 
für woman. she = ), woman = also nicht nur 5 , das bedeutet nur 
man. Schließlich ist f und $ kaum verwechslungsähnlich zu nennen. 


Seeberger rechnet überhaupt in sehr starkem Maße mit solcher Ver- 
wechslungsmöglichkeit ähnlicher Zeichen. So ist nach ihm auf falsche 
Schreibung oder ‚Verzerrung‘ der Zeichen zurückzuführen die Ver- 
tauschung von mine mit mind = ~»: —©)?; ferner von fate und pate = 
:d!); in diesem Beispiele sind Seebergers Bedeutungsangaben bzw. 
Zeichen nicht richtig; ə heißt zunächst fortune und „ feede. 


1) Archiv f. Stenogr. 1908, p. 246. 
2) A. f. St. 1908, p. 244. 


Kritische Betrachtungen 161 


Einmal muB statt ,,say‘‘, das die Quarto aufweist, ‚‚write‘‘ postuliert 
werden. Auch hier sollen die stenographischen Wortbilder verwechslungs- 
ahnlich aussehen: J: £; ein andermal soll hard = } mit heard = — ver- 
tauscht worden sein; wenn schon eine Vertauschung vorliegt, so ist sie in 
diesem Fall eher auf longhand zurückzuführen, es könnte auch eine be- 
wußte Substitution vorliegen, denn eine Graphik heard konnte zu Shake- 
speares Zeit mit a gesprochen werden. 

Falsch ist es, wenn Seeberger sagt, daß Bright kein Zeichen für without 
hatte. without = }!) 

Ferner heißt es?2): „my minds a giant, though my bulk bee full. Inhalt 
wie der Reim mit dem vorhergehenden all weist auf small statt full hin. 
Nun kann aber Bright small tatsächlich nicht schreiben (!), wohl aber 
das Gegenteil (!): = full. Wir hätten hier also ein schlagendes Beispiel 
der Anwendung der dissenting signification.‘ 

Diesem Schluß kann ich nicht beistimmen. Gewiß, full kann Bright 
schreiben, aber auch small. Dann ist das Gegenteil von small auch nicht 
full, sondern great. In der Table of English words steht auch klar ange- 
geben, daß small durch great = — zu umschreiben sei. 

Eine von Seeberger nicht erkannte Unterstützung seiner Hypothese, daß 
die Quarto des First Part of Jeronimo mit Brights System aufgenommen 
wurde, finde ich in folgendem, p. 259: „Eine Frage bleibt ungelöst. In 
der Stelle: till when receive this token‘‘ muß unbedingt then stehen. Wie 
kommt der Stenograph dazu, statt then, das er schreiben kann, when zu 
setzen, das wir in Brights Lehrbuch vergeblich suchen?‘ When konnte 
nach Bright allerdings geschrieben werden, und zwar gerade mit then; das 
ersehen wir aus Jane Seagers Stenogramm, wo das Analogon thence zur 
Umschreibung von whence benutzt ist, XII.ı. Vielleicht hörte der Steno- 
graph falsch und schrieb so statt then when. Bei der Auflösung setzte er 
dann dieses Wort ein?). 


1) Die Characterie hat für } eine falsche Bedeutungsangabe, nämlich that. 
Dies ist aber schon einmal da, unter t, wo es auch hingehört. Die richtige Bedeutung 


des nun freien Zeichens } liefert uns Jane Seager als without, BI. II.1. 

2) A. f. Stenogr. 1908, p. 246. 

3) An eine Stelle des Seebergerschen Aufsatzes sei noch eine Vermutung ge- 
kniipft, p. 258: ,,Nun gibt es eine Anzahl von Fehlern, die durch das System Bright 
nicht erklärt werden können, ja die direkt das Gegenteil zu beweisen scheinen. So 
haben wir beinahe stets für well das Wort why stehen — —. Wie kommt hier das 
falsche Wort why herein? Es kann ja von Bright gar nicht geschrieben werden.“ 
Dieser Satz bringt mich auf die Vermutung, daß Bright vielleicht doch ein Sonder- 
zeichen für why gehabt hat. Da nun die zitierte Stelle besagt, daß immer well für 
why einzusetzen ist, so liegt der Gedanke nicht fern, daß der Stenograph ein Zeichen 
benutzte, das ihm zunächst well bedeutete, das er — oder vielleicht auch ein anderer 
— bei der Entzifferung jedoch stets für why las. Merkwürdigerweise findet sich in 


162 Paul Friedrich 


Am Schlusse seiner Abhandlung kommt Seeberger wieder auf die An- 
nahme einer vervollkommneten Ausgabe der Characterie zu sprechen. 
Sein einziges Argument sind mit Pape die ‚„vermißten‘‘ Wörter. Ich glaube 
diesen Grund im vorangegangenen entkräftet zu haben. Außerdem ist 
im allgemeinen zu bedenken, daß das, was wir aus Brights Leben in jenen 
Jahren wissen, gar nicht dazu angetan ist, eine Umarbeitung des Systems 
auch nur wahrscheinlich zu machen. Im Jahre 1588 noch wurde ihm ein 
Töchterchen geboren, wenige Monate darauf trug er es zu Grabe. 1591 
wurde er Rektor zu Methley, wo er sich also in völlig neue Verhältnisse 
einzuarbeiten hatte, 1592 starb ihm der Vater. Aus den folgenden Jahren 
hören wir von Streitigkeiten, die ihm wohl kaum Lust und Zeit für eine 
nicht einmal nötige Umarbeitung seiner Stenographie ließen. 1594 bekam 
er noch die Pfarre von Berwick in Elmet hinzu. Endlich nach 1602 wird 
ihm wohl das bessere System seines Konkurrenten John Willis doch lang- 
sam die Freude an seiner Kunst vergällt haben. 

Die in den Hauptzügen zweifellos mit Erfolg angestellten Untersuchungen 
Papes und Seebergers nach den grundlegenden Ausführungen Dewischeits 
beweisen aufs neue, daß an des letzteren Hypothese, die Unvollkommen- 
heiten vieler Quartotexte aus der Shakespearezeit erklären sich aus der 
stenographischen Aufnahme der Stücke mit Brights Characterie, nicht 
mehr gezweifelt werden darf!). 


der Characterie unter den ‚Particles‘‘ ein Zeichen eè- = well; diese Bedeutung ist 
auffällig, da doch das Adjektiv good zur Bezeichnung von well genügte; ein Sonder- 
zeichen dafür wäre also Luxus. Das Wörterbuch bestätigt auch ausdrücklich, daß 
well durch good wiederzugeben sei. Darnach bliebe für g- eine Bedeutung, oder 
doch wenigstens eine zweite Bedeutung frei. Ich vermute, durch Seebergers Aus- 
führungen veranlaßt: why. Durchaus nicht für ausgeschlossen halte ich es, daß &- 
why und well zugleich bedeuten kann. Beide kommen sich dem Sinne nach als 
farblose Beteuerungspartikel so nahe, daß Bright, der doch sogar viel bedeutungs- 
volleren Synonymen gleiche Grundsigel gab, ihnen promiscue das gleiche Zeichen 
zuwies. Somit wäre vielleicht noch das letzte der von Pape ‚‚vermißten‘‘ Partikeln 
als Sigel in der Characterie selbst entdeckt. (Vgl. p. 62.) 

1) Da nur auf der ganz eigenen Beschaffenheit des Brightschen Systems Dewi- 
scheits Beweisführungen ruhen und ruhen können, so weise ich entschieden Dewi- 
scheits mir unverständliche Bemerkung zurück: A. f. St. 1897, p. 58: „Erbringe ich 
durch das Brightsche System den Nachweis, daß die Quartos sich aus stenographischen 
Nachschriften zusammensetzen, so habe ich dies erst recht mit den System von Willis 
erwiesen (1602), denn letzteres bedeutet ohne allen Zweifel vor der Schöpfung Brights 
einen Fortschritt.‘‘ Dewischeit selbst hat dies als falsch erkannt, denn in dem um- 
gearbeiteten Aufsatz im Sh. J. 1898 ist dieser unhaltbare Satz weggelassen; letztere 
Abhandlung stellt überhaupt gegenüber der ersteren manche Verbesserung dar. 


r 
ê . 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 163 . 


ANHANG. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen 
von Shakespeare-Quartos; dargelegt an der ersten Quarto 
der „Merry Wives of Windsor“ 1602. 


Vorbemerkung. 


D: vorangegangenen Darlegungen wollen textkritischen Untersuchungen 
von Shakespearequartos mit Heranziehung des Brightschen Systems eine 
sichere Grundlage bieten. Das Eindringen in die Entwicklung und den 
Aufbau dieser Kurzschrift ließen mir im Laufe der Zeit mehrere Erkennt- 
nisse reifen, die — im Sinne Dewischeits, aber von ihm noch nicht dar- 
gelegt — dahin gehen, aus gewissen besonderen Beschaffenheiten von 
Texten notwendigerweise zu ihrer Erklärung die Verwendung von Brights 
Stenographie bei ihrer Herstellung zu postulieren. 


Um im folgenden Einheitlichkeit zu wahren und den angeführten Bei- 
spielen durch ihr Zusammenwirken mehr Beweiskraft zu verleihen, seien 
alle Belegstellen aus einem Drama genommen, und zwar ist die Quarto 
der „Merry Wives of Windsor‘‘ von 1602 im Vergleich zur Folio von 
1623 als zugrunde liegende Version gewählt. 


Zur besseren Übersicht und vor allem auch, um darzulegen, inwiefern 
ich berechtigt bin, gerade diese Quarto der Lustigen Weiber von Windsor 
heranzuziehen, sei zunächst kurz das Verhältnis der Quarto zur Folio 
dieses Lustspiels behandelt. 


J. Kapitel. 


Verhältnis des Quarto- zur Folioversion der „Merry Wives 
of Windsor‘. 


Das genaue Kompositionsdatum der ‚Merry Wives of Windsor‘ ist 
noch nicht festgestellt. Den frühesten Eintrag im Stationer’s Register, der 
auf dieses Stück bezug nimmt, finden wir unter dem 18. Januar 1601 —2!). 


1) ,,John Busby Entred for his copie vnder the hand of master Seton | A booke 
called an excellent and pleasant conceited commedie of Sir John ffaulstof and the 
merry wyves of Windesor. . 

Arthure Johnson Entred for his Copye by assignement from John Busbye, A 
booke Called an excellent and pleasant conceyted Comedie of Sir John ffaulstafe and 
the merye wyves of Windsor.“ 

Prof. Dr, Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 4. 12 


164 Paul Friedrich 


Die Entstehung unserer Komödie wird aus guten Gründen, die hier nicht 
näher ausgeführt werden können, für das Jahr 1598 angesetzt!). Die 
Shakespeareforschung kennt bis jetzt 3 wichtige selbständige Nachrichten 
über die Abfassung dieses Dramas, die für die Beurteilung des Lustspiels 
sehr bedeutsam sind. 1702, also immerhin schon 100 Jahre nach Elisabeth, 
teilt uns John Dennis in einer Umarbeitung der ‚„Lustigen Weiber‘‘: The 
comical Gallant in der Vorrede mit, daß Shakespeares Komödie auf Befehl 
der Königin Elisabeth geschrieben worden sei: ,, This comedy was written 
at her command, and by her direction, and she was so eager to see it 
acted, that she commanded it to be finished in fourteen days; and was 
afterwards, as tradition tells us, very well pleased at the representation.“ 
1709 erzählt Rowe in seinem ,,Life of Shakespeare“ von der Königin 
Elisabeth: ,,She was so well pleased with that admirable character of Fal- 
staff in The Two Parts of Henry the Fourth, that she commanded him to 
continue it for one play more and to show him in love. This is said to 
be the occasion of his writing The Merry Wives of Windsor.“ Ein Jahr 
später, 1710, bestätigt uns Gildon in seinen ,,Remarks on the Plays of 
Shakespeare‘‘ diese Mitteilungen. 


Die Quellenfrage ist sehr kompliziert. Man weiß, daß der Handlung 
italienische Stoffe zugrunde liegen, man kennt aber nicht die Form, in 
der sie dem Dichter zu Hand waren?). 


An frühen Drucken der „Merry Wives“ besitzen wir 3 Quartausgaben, 
nämlich von 1602, 1619 und 1630; dazu die vier Folioausgaben, als 
deren wichtigste natürlich immer die erste von 1623 in Betracht kommt. 
Die Quarto von 1619 ist ein ziemlich genauer Abdruck der von 1602, 
die von 1630 ist der Folio von 1623 nachgedruckt. Unsere Ausgaben 
stellen demnach nur 2 Versionen dar, auf die im folgenden auch immer 


1) Vgl. u. a.: Porter and Clarke ,,Merry Wives of Windsor‘. First Folio Edition. 
p. 120 ff. und Hart, Arden Sh. „M. W. of W.“ p. XXXVII ff. 


2) Baeske ,,Old-Castle-Falstaff in der englischen Literat. bis auf Sh.“ Palaestra. 
H. I. Berlin 1904, p. 93 stellt die Quellen zusammen. ‚‚Seit Malone pflegt man ge- 
wöhnlich folgende anzusetzen: I) „The two Lovers of Pisa‘ in Tarltons ‚News out 
of the Purgatorie‘‘. 1590 nach einer Novelle in Straparolas ‚Notti piacevoli“ 1551. 
(Hazlitt. Sh.-Libr. I. 3, p. 60—72). 2) ,,The Fortunate, the Deceived and the Un- 
fortunate Lovers‘‘ 1632 (Nach Malone aber schon zu Shakespeares Zeit bekannt) 
aus Giovanni Fiorentinos „Peccorone‘ 1558. (Hazlitt Sh.-Libr. I. 3, p. 17—32.) 
3) „The Fishwife’s Tale of Brentford‘ in ,, Westward for Smelts.‘‘ 1620. Gleichfalls 
schon vorher bekannt. (Hazlitt Sh.-Libr. I. 3, p. 73—88.) Dazu kommen nun als 
stark wirkende Vorbilder hinsichtlich der Charakterzeichnung und einzelner Motive. 
4) Plantus’ ‚Miles gloriosus.‘‘ 5) Udall’s ‚Ralp Roister Doister.‘‘ 1552. 6) Lyly’s 
„Endymion‘ 1585.‘ — Im Anhang der Ausgabe der „M. W.“ in Cassels National 
Library ist ‚the Story of Lucius and Camillus‘ zu finden, eine englische Version der 
Geschichte unter 2). 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 165 


nur Bezug genommen wird: der Quartotext von 1602 und die Folio- 
ausgabe von 1623. Diese beiden Versionen weichen nun ziemlich stark 
voneinander ab!). 


Der Foliotext stellt entschieden die vollständigere und bessere Fassung 
dar, ob die authentische, die Shakespeare seinem Stücke gab, ist damit 
noch nicht ausgesprochen. Die augenfälligsten Unterschiede der beiden 
Ausgaben bestehen darin, daß die Folioversion Einteilung in Akte und 
Szenen zeigt (5 Akte mit zusammen 23 Szenen) und eine Länge von 
2624 Zeilen hat, während die Quartoversion keinerlei Einteilung in Akte 
oder Szenen aufweist und nur 1624 Zeilen umfaßt?). Vielfach sind die 
entsprechenden Szenen einander sehr ähnlich, oft stimmen sie in vielen 
Zeilen wörtlich überein. Gegen den Schluß des Stückes gehen die beiden 
Versionen immer mehr auseinander. | 


Der besseren Übersicht wegen ist in folgender Tabelle die Zeilen- 
anzahl der Einzelszenen gegenübergestellt.e. Man kann im allgemeinen 


schon daraus erkennen, wo ungefähr eine Übereinstimmung vorhanden 
ist). 


1) Die Meinungen über die Ursachen dieser Abweichungen sind noch geteilt. 
Zunächst sei hier nur bemerkt, daß Halliwells Ansicht, wie sie sich in dem Titel seiner 
Ausgabe der Quarto 1842 ausdrückt: ‚‚The first sketch of Sh’s. Merry Wives of Wind- 
sor‘‘, heute wohl nicht mehr geteilt wird. Diese Ansicht war von Pope aufgebracht 
worden. Johnson äußerte sich ähnlich (in seiner Ausgabe der Werke Sh.s, Bd. I, p. 308): 
„Ihe old edition 1602 is a rough draught.“ Sidney Lee in seinem ,,A Life of Shake- 
speare‘‘ 1899 spricht von der Quarto als ,,an imperfect draft‘‘, p. 135. 


2) Der Titel der Q von 1602 lautete (S. Pollard, Sh. Folios and Quartos, p. 45): 
»A Most pleasaunt and excellent conceited Comedie, of Syr John Falstaffe, and the 
merrie Wiues of Windsor. Entermixed with sundrie variable and pleasing humours, 
of Syr Hugh the Welch Knight, Justice Shallow, and his wise Cousin M. Slender. 
With the swaggering vaine of Auncient Pistoll, and Corporall Nym. By William 
Shakespeare. As it hath bene diuers times Acted by the right Honorable my Lord 
Chamberlaines seruants. Both before her Maiestie, and elsewhere. London. Printed 
by T. C. (= Thomas Creede) for Arthur Johnson, and are to be sold at his shop in 
Powles Church-yard, at the signe of the Flower de Leuse and the Crowne. 1602.“ 
Neudrucke der Quarto von 1602 finden sich von Halliwell 1842; Griggs (Faksimile) 
1888; Hazlitt Sh.-Libr. II.2. 1875; Furnivall (Old-Spelling Shakespeare, unter dem 
Foliotexte) 1908; Greg 1910 (beste und zuverlässigste Ausgabe). Faksimile der 
I. Folio: von Sidney Lee und von Methuen. Andere Neudrucke des Foliotextes: Porter 
and Clarke. First Folio Edition; Oldspelling Shakespeare edit. by Furnivall. Alle 
neueren Editionen richten sich natirlich nach der Folio. Beste Ausgabe: Arden-Sh. 
»M. W. of W.“ von Hart; die einzige mit deutschem Kommentar noch die von 
Delius. 

3) Die mit einem Stern versehenen Szenen sind, unter dem Gesichtspunkte der 

bereinstimmung mit der Folio betrachtet, die besten Szenen der Quarto. Deshalb 
werden sie auch besonders zu den späteren Beispielen herangezogen. Die Zählung 
der Fo nach dem Faksimiledruck von Sidney Lee 1902 (Chatsworth Copy). Von den 
rooo Exemplaren stand mir Nr. 942 (Leipziger Universitätsbibliothek) zur Verfügung. 
Zählung der Quarto nach Gregs Ausgabe 1910. 


12" 


166 Paul Friedrich 





Fo Q | Fo Q 

Akt I. Sz. ı. 184 *120 Akt IV. Sz. 1. 77 = 
— 2. ı2 *13 — 2. 210 92 

-— 3. 98 *104 —- 3. 13 *ıı 

= 4. 154 73 = 4. 97 *58 

Akt II. Sz. 1. 218 154 —- 5. 126 *97 
— 2. 296 *179 — 6. 57 *38 

— 3: gt *62 Akt V. Sz. 1. 30 — 

Akt Ill. Sz. ı. III *8ı — 2. 16 — 
>= 2. 82 4I —- 3. 26 — 

— 3. 216 124 = 4. 3 == 

-—- 4. 112 72 — 5. 252 189 

= 5. 143 116 2624 1624 


Die Quarto ist trotz ihrer Kiirze, in sich betrachtet, vollkommen ver- 
ständlich nach ihrem Aufbau; vielfach erklärt sich der geringe Umfang 
gegenüber der Folio daraus, daß lange, aber für die Entwicklung der Hand- 
lung unbedeutende Partien, die die Folio aufweist, fehlen; so I.ı die Ein- 
führungsszene mit den vielen Wortspielen, 1.4 die Fentonszene, IV.1 die 
Schülerszene. Hervorgehoben sei, daß die Q — trotzdem sie ganz offenbar 
nicht den authentischen Text darstellt — mehrere Zeilen aufweist, in denen 
sie unzweifelhaft eine größere Vollständigkeit darbietet, als die Folio!). 
Viele moderne Ausgaben nehmen deshalb mehrere dieser Quartolesungen 
als wahrscheinlich authentische mit auf. Hier liegt auch der Grund, 
warum viele Forscher keine unserer beiden Versionen als rein und echt, 
d.h. so wie sie aus Shakespeares Hand hervorging, ansehen wollen; so 
nehmen die Cambridge Editors an, daß die Folio gedruckt sei ‚from a 
carelessly written copy of the authors manuscript.‘ Immerhin ist zu 
sagen, daß der Foliotext der authentischen Version am nächsten gestanden 
hat, deshalb ist auch er im folgenden, da er relativ das Beste darstellt, als 
die Fassung hingestellt, an der wir die Vollkommenheit oder die Mängel 
der Quarto bemessen. 

Daß unsere beiden Texte Fo und Q auf ein gemeinsames Original zurück- 
gehen, nimmt Daniel an: ,,My conviction is in favour of one common 
original for both versions‘‘?). 

Bezüglich der Entstehung des Quartotextes ist kaum daran zu zweifeln, 
daß er auf eine Bühnenversion zurückgeht. Schon der Titel deutet darauf 


1) Q. Z. 44, 129, 162, 401, 773, 758, 1376, 958. 1306—10. Greg. p. XVIII. 

2) Shakespeare’s Merry Wives of Windsor: The first Quarto 1602. A Facsimile 
in Photo-Litography by William Griggs. With introduction by P. A. Daniel, p. VII. 
London 1888. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 167 





hin: ,,As it hath bene diuers times Acted by the right Honorable my Lord 
Chamberlaines servants. Both before her Majestie, and elsewhere.‘ 


Unsere beiden Versionen stehen sich, wenn man einmal vom Wortlaute 
absieht und auf die Handlung blickt, auBerordentlich nahe. Besonders 
gute zeigt dies das ziemlich genau entsprechende Auftreten der Personen, 
wie es folgende Tabelle veranschaulicht!): 


AktII| Akt III Akt IV 
3\4 5/6 


| Akt I 


Folio = — 
Quarto = 

















Iz|213/4|r|2 3[2|2 3/4|s[: 2 ı\2/3l4|5 





Justice Shallow.. . . . 
SEE ee. 


| 
l 





Weer ees eek tle 
Bat ac 


PA 








Mrs. Quickly ..... 
a ee 
Se Ss a es 
ea latices 6 8 
ee ae 
John \ 
Roberts | ‘> 
Ws ee ew o 
ae Se 





servants ~~ 








Die Ursachen fiir die schlechte Textgestalt der Quarto sind wohl in der 
Art und Weise ihrer Herstellung zu suchen. Der rechtliche Weg für einen 
Drucker der elisabethanischen Zeit, einen Dramentext zu erlangen, war der, 
daß er einer Schauspielertruppe das Manuskript abkaufte. ‚‚Andere Wege 
waren, daß man entweder ein Manuskript stahl, oder daß man sich die 
verschiedenen Rollen der Schauspieler geben oder von ihnen aus dem 
Gedächtnisse vorsagen ließ und nachschrieb und daraus dann ein Gesamt- 
manuskript zusammenstellte. Weiterhin konnten Leute mit gutem Ge- 
dachtnis nach mehrmaligem Theaterbesuch den Text aus dem Gedächtnis 


1) Nach Griggs-Daniel, p. XX. 


168 Paul Friedrich 


aufschreiben. Oder schließlich konnte man während der Aufführung den 
Wortlaut nachstenographieren‘‘1). 

Für unsere Quarto der „Merry Wives‘‘ haben wir bezüglich ihrer Ent- 
stehung sicher einen jener letztgenannten Wege anzunehmen. Daß Steno- 
graphie eine Rolle dabei gespielt habe, wurde schon ziemlich früh ange- 
nommen. Bereits Halliwell, der die Quarto 1842 noch als ,,first sketch of 
the play“ betrachtet, nennt sie späterhin ,a very defective copy made 
up by some -poetaster, with the aid of shorthand notes.“ Daniel schreibt 
1888 (p. 1X): ,,To the performance the literary hack, employed by the sta- 
tioner to obtain a copy, resorted with his notebook. Perhaps he managed 
to take down some portions ot the dialogue pretty accurately in shorthand‘‘2) 
Greg?) ist auch der Ansicht, daß Raub von der Bühne weg dem Quarto- 
text zugrunde liege: ‚The playhouse thief reveals himself in every scene.‘ 
Aber im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen will er gerade für den 
vorliegenden Fall dem Dieb durchaus nicht irgendwelche schriftlichen Auf- 
zeichnungen zuschreiben (p. X XVII) ,,Daniel credits him (= the playhouse 
thief) with a knowledge of shorthand and the use of a notebook. That 
some playhouse pirates relied on these devices seems to be established. — 
In the present case there seems nothing to suggest that the reporter relied 
as a rule on anything but his unaided memory.‘‘ Gregs Ansicht in bezug 
auf die Herstellung des Quartotextes ist, was schon Daniel als eine Mög- 
lichkeit hinstellt, daß ein Schauspieler beträchtliche Partien des Stückes 
dem Verleger besorgte; und zwar, äußert Greg, sei es ‚simply, that the 
pirate who procured the copy for Busby was none other than the actor 
of the Host’s part.‘ p. XL. Die Gründe, die er dafür bringt, sind im allge- 
meinen folgende: Der Wirt erscheint in 8 Szenen des Foliotextes, alle diese 
sind erhalten in der Quarto; in den Partien, in denen der Wirt auf der 
Bühne ist, sind die Übereinstimmungen von Q und Fo auffällig häufig, oft 
wörtlich. Manchmal erscheint mir Gregs Argumentierung- nicht recht 
überzeugend zu sein, z.B. in folgendem: ,MNot only do we find the 
Host’s part alone usually in more or less verbal agreement in the two 
versions, not only do we asa rule find the versions springing into substan- 
tial agreement when he enters and relapsing into paraphrase when he 
quits the stage, but when he disappears for good and all at the end of the 


1) Bericht über die XII. Hauptversammlung des Sächsischen Neuphilologenver- 
bandes 1914. Prof. Dr. Förster ‚Die Überlieferung der Shakespeareschen Dramen‘ p.8. 

2) Ähnlich spricht sich auch Jusserand ‚„‚Hist. litt. du peuple anglais“ aus, wenn 
auch nicht direkt über die „Merry Wives‘‘ (S. 606): „Les pirates publiaient sous ses 
(Sh.s) yeux des textes de ses drames, parfois exacts, parfois compilés a la diable avec 
des fragments de röles empruntes ou voles aux acteurs, completes au moyen d’inven- 
tions grossiéres ou de notes prises ä la representation par la stenographie.“ 

3) Greg: Shakespeare’s Merry Wives of Windsor 1602. Oxford 1910. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 169 


fourth act (and the actor very likely went home or to the tavern) we find 
what remains of the play in a more miserably garbled condition than any 
previous portion’ (p. XLI). Ä 

Man wird auch nicht von einem Satze überzeugt, wie: „I see no justifi- 
cation for conjecturing two agents where one will suffice.‘ Zunächst hat 
Gregs Ansicht, daß der Wirt der Räuber war, der John Busby den Quarto- 
text lieferte, zweifellos etwas Bestechendes; bei genauer Vergleichung der 
beiden Versionen ergibt sich aber doch manches, was Gregs Hypothese 
entgegentritt. Folgende Punkte, gedrängt zusammengestellt, sprechen 
gegen Gregs Gründe und Hypothese: ı) Die Wirtsrolle, als die einer Haupt- 
person, mußte von jedem ‚play house thief‘“, auch von einem shorthand- 
pirate, möglichst gut wiedergegeben werden, daher die relativ treue Über- 
einstimmung der Quarto mit der Folio; 2) wörtliche Kongruenz der beiden 
Versionen in der Wirtsrolle ist nicht durchaus vorhanden, was doch wohl 
bei Richtigkeit der Gregschen Hypothese zu erwarten wäre; 3) die Über- 
einstimmungen in den Rollen der anderen Personen sind in den Szenen, 
in denen der Wirt mit auf der Bühne ist, nicht immer so stark, wie man 
es erwarten sollte von dem Bericht eines Schauspielers, der sicher häufig 
diese Reden mithörte; 4) manchmal weisen die beiden Versionen auch 
nach dem Abgange des Wirts wörtliche Entsprechungen auf; dies ist in- 
sofern auffällig, als bekanntlich die meisten Schauspieler gerade den 
ihrem Abtreten folgenden Partien wenig Aufmerksamkeit schenken; 5) auf- 
fällig ist ferner, daß manchmal sogar die Stichworte, auf die hin der 
Wirt den Dialog aufzunehmen hat, nicht übereinstimmen; gerade die 
„watch words’ kennt aber der Schauspieler genau. — Greg gibt auch 
keinen Grund an, warum der Stenographie bei der Entstehung der Quarto 
kein Platz einzuräumen sei, wo doch so manches — wie das nächste Kapitel 
zeigen wird — gebieterisch darauf hindeutet; offenbar ist Greg in diesem 
Sinne gar nicht an die Untersuchung herangetreten!). 

Im folgenden seien einige Gründe angeführt, die zunächst ganz im all- 
gemeinen darauf hinweisen, daß der Quartotext seine Entstehung einer 
Nachschrift — ob stenographisch sei noch dahingestellt — einer wirklich 
geschauten Aufführung verdankt. Bereits Daniel schreibt (p. 9): ‚In 
support of the theory that the copy for the Q Merry Wives was obtained by 
witnessing the performance of the play, the elaborate descriptive stage 
directions are especially noteworthy.“ Die Folio enthält viel weniger 
Bühnenanweisungen als die Quarto. 

1) In einer Anmerkung, p. XXVII, konzediert Greg aber doch etwas: ,,Of course, 
if there was any extensive revision of the text between quarto and folio, the former 
though still demonstrably corrupt may represent its original much more closely 


than we are aware, and in that event the case in favour of a stenographic copy would 
be strengthened.‘‘! 


170 Paul Friedrich 


Ein anderer wichtiger Grund, der für eine Nachschrift während der 
Vorführung spricht, sind gewisse Auslassungen der Quarto in Szenen, die 
sonst gut wiedergegeben sind. Besonders 2 wichtige Stellen, die schon 
Daniel (p. ı0o) anführt, weisen deutlich daraufhin, daß wir tatsächlich 
Auslassungen im Quartotext anzunehmen haben, die Folio gibt uns das 
Fehlende an die Hand. 

Zunächst Fo Akt IV Sz. 5 (p. 57, Spalte 11)): Simple erwartet, die ver- 
meintliche ‚mother Pratt‘ aus Falstaffs Zimmer herunterkommen zu 
sehen. Simple kommt von seinem Herrn Slender und hat zwei Aufträge; 
erstens soll er sich bei der „Wise-woman of Brainford‘‘ nach der Kette 
erkundigen, die Slender gestohlen worden ist, ferner soll er nach den Aus- 
sichten fragen, die Slender in bezug auf das Heiratsprojekt gegenüber Anne 
hat. Simple ruft hinauf zu Falstaff und läßt durch ihn die bei ihm ver- 
mutete ‚„witch of Brainford‘ fragen. 


Die beiden Versionen fahren nun folgendermaßen fort: 


Fo 1623, S. 56 Sp. 2 (Faksimile 
von S. Lee) 


Falst.: Marry shee sayes, that the 
very same man that beguil’d Master 
Slender of his Chaine, cozon’d him 
of it. 


Simp.: I would I could haue spo- 
ken with the Woman her selfe, I 
had other things to haue spoken 
with her too, from him. 


Falst.: What are they? let vs 
know. 

Host.: I: come: quicke. 

Fal.: [Sim.] I may not conceale 
them (Sir.) 

Host.: Conceale them, or thou 
di’st. 

Sim.: Why sir, they were nothing 
but about Mistris Anne Page, te 
know if it were my Masters fortuno 
to haue her, or no. 

Falst.: ’Tis, ’tis his fortune. 

Sim.: What Sir? 


Quarto 1602. Z. 1332. (Greg) 


Falst.: Marry she ses the very 
same man that beguiled maister 
Slender of his chaine, cousoned 
him of it. 


1) Die Angaben in bezug auf die Folio nach dem Faksimile von S. Lee. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 171 


Fo Q 
Falst.: To haue her, or no: goe; 
say the woman told me so. 


Sim.: May I be bold to say so Sir? Sim.: May I be bolde to tell my 
maister so sir? 
Falst.: I Sir: like who more bold. Falst.: I tike, who more bolde. 
-Sim.: I thanke your worship: I Sim.: I thanke you sir, I shall 
shall make my Master glad with make my maister a glad man at 
these tydings. these tidings. 


Man sieht, daB die Quarto gar keine Äußerung über Anne enthält, 
Simples Worte: er wolle seinen Herrn froh machen mit der Nachricht, 
daß er um seine Kette betrogen sei, sind aber Unsinn. Wir müssen an- 
nehmen, daß die Mittelpartie bezüglich Annes ausgelassen ist, nur dann 
haben Simples Worte: „I shall make my maister a glad man at these 
tidings‘‘ eine Erklärung!). 

Uber die andere wichtige Stelle sagt Daniel (p. 10): „Again, in Act I 
sc. IV. Dr. Cajus’s anger against Parson Hugh and his challenge to him 
is unintelligible in the Q ed., for there no information has been given him 
that Simple is the parsons messenger; we must turn to the Fo if we want 
to understand why the Dr. challenges the Parson. A clear proof, therefore, 
that there is ommission in the Q.“ 


Ich finde ferner, daß die Annahme, unser Text sei während einer Vor- 
führung nachgeschrieben, für einen anderen Mangel der Quarto eine ein- 
fachere Erklärung gestattet, als Gregs Meinung, der Schauspieler der 
Wirtsrolle habe den Quartotext zusammengestellt. Akt III Sz. ı, Schluß 
(Q Z. 780): nach dem Abgange des Wirtes läßt uns die Folio in der Unter- 
haltung der beiden nun ,,reconciled duellists‘‘ — denen vom Wirt ver- 
schiedene Platze fiir den Austrag ihres Duells angewiesen worden waren —, 
die ersten Fäden der Verschwörung bezüglich des Pferdediebstahls er- 
kennen, das dann im ‚„garmomble business?) (A. IV Sz. 5) zur Ausführung 


1) Greg ist allerdings anderer Meinung, p. XXV: ,,Daniel argued that the omissions 
of these speeches made Simple’s subsequent remarks absurd, but our view of the 
question must depend upon the limits we set to Simple’s imbecility (see note to 1. 1333).‘ 
Ich halte diese Ablehnung Gregs fiir schwach begriindet. 

2) Der deutsche Graf von Mömpelgart machte 1592 von der Erlaubnis der Königin, 
mit Postpferden unentgeltlich durch das Land zu reisen, sehr freien Gebrauch und 
bat dann 1595 noch um den Hosenbandorden. (Hazlitt: Sh.s Libr. II.2, p. 15 ff.) 
Clarke (Introd. Old-Spelling Sh. ,,M. W. of W.“), p. XI: „The ‘cozen garmombles’ 
of the Quarto is sufficiently close to be considered an anagram of the name, as he is 
addressed as Cousin Mumpellgart in Elizabeth’s letters to him.“ Die Folio liest an 
der entsprechenden Stelle: ‚„Cozen-Jermans‘‘. — Näheres vergleiche Greg, p. 85 
und besonders Hart (Arden-Shakespeare. M. W. of W. Introduktion), p. 40. 


Ver. mer er Pu ZU eee a un ee nr 


172 Paul Friedrich 


gelangt. Sir Hugh äußert nämlich in der Folio (Akt III Sz. ı Schluß): 
„Let vs knog our praines together to be reuenge on this same scall-scuruy- 
cogging-companion, the Host of the Garter.“ Die Quarto aber enthält an 
dieser Stelle nur ganz belanglose Worte, durchaus nichts, was auf ein Kom- 
plott hinweist. Der Nachschreiber hat offenbar die kurze Bemerkung des 
Pfarrers in ihrer Bedeutsamkeit nicht erfaßt, deshalb ließ er sie ohne Be- 
achtung. Bei dem Schauspieler aber, der den Wirt spielte, müßten wir 
wohl ein Verständnis solcher Partien voraussetzen, die seine Rolle ganz 
besonders betreffen; besonders wenn, wie Daniel, Hart und Greg annehmen, 
die ganze Verschwörungsepisode in der Originalversion vielleicht noch 
ausführlicher gewesen ist, als in der uns vorliegenden Folio. 

Meines Erachtens gibt uns ferner die Voraussetzung einer Nachschrift 
eine annehmbare Erklärung für eine von der Fo abweichende Reihenfolge 
zweier Auftritte in der Q. Ak. IV Sz. 5, als Bardolph dem Wirt eben die 
Nachricht gebracht hat, daB dessen Rosse gestohlen sind, treten in der Fo 
kurz nacheinander Evans und Cajus auf und verspotten. den Wirt; von 
ihnen war ja die ganze Pferdediebstahlgeschichte ins Werk gesetzt worden 
als Rache dafür, daß der Wirt sie einst zum besten gehabt hatte. Nur 
wenige Worte sprechen die beiden hier, aber ihre Schadenfreude läßt sich 
doch erkennen. In der Q nun tritt zuerst Dr. Cajus auf und nach ihm erst 
Sir Hugh. Ich erkläre diese Umstellung damit, daß der Nachschreiber, 
als er auf der Bühne den Pfarrer die wenigen Worte der Schadenfreude 
sprechen hörte, diese für ganz belanglos hielt und deshalb nicht notierte; 
erst als gleich darauf Dr. Cajus erscheint und dasselbe sagt, kam dem 
Nachschreiber zum Bewußtsein, daß hier ein Komplott der beiden vorlag. 
Deshalb schrieb er des Doktors kurze Äußerung schnell auf und holte nun 
auch des Pfarrers Anspielung als bedeutsam nach. Unterstützt werde ich 
in meiner Ansicht dadurch, daß Evans Äußerung viel deutlicher und durch- 
sichtiger ist als die des Cajus. Der Pfarrer sagt in der Q: „Now you are an 
honest man, and a scurvy-beggerly lowsie knave beside: and can point 
wrong places‘‘!), 

Noch mehr Griinde sprechen dafiir, daB fiir die Herstellung des Quarto- 
textes eine direkte Nachschrift einer wirklich gesehenen Auffiihrung an- 
zunehmen ist. 


Im folgenden will ich nun aus der Quarto mehrere besonders bezeich- 
nende Eigenheiten herausheben, die nach meiner Ansicht erweisen, daB 
Brights Stenographie eine Rolle bei der Nachschrift gespielt hat. In dieser 
Hinsicht ist es auch beachtenswert, daB unsere Quarto 1602 erschien, da 
konnte wohl kaum die Kurzschrift John Willis’ in Betracht kommen, denn 


1) Gegeniiberstellung von Folio- und Quartolesung dieser Szene bei Greg, p. 46 — 53. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 173 


dieses System erschien erst in diesem Jahr; Die Quarto war aber schon zu 
Anfang des Jahres gedruckt worden, gemäß dem Eintrag ins Buchhändler- 
register; außerdem ist für das Erscheinungsjahr einer r Stenographielehre 
noch keine große Verbreitung derselben anzunehmen. 


Den kommenden Ausführungen sei vorausgeschickt, daß sie nicht dahin 
verstanden sein wollen, daß die Quarto der ,,Merry Wives‘ in allen ihren 
Teilen als stenographische Nachschrift nach Bright erklärt werden soll; 
das halte ich für den Schluß des Stückes nicht für wahrscheinlich. Die 
Darlegungen wollen auch nicht erschöpfend sein. 


Ferner will ich solche Tatsachen, die nach Dewischeit als Beweis steno- 
graphischer Niederschrift nach Bright anzusehen sind, nur mit wenigen 
Beispielen als vorhanden erweisen. 


Hauptsache ist mir, aus der ganz eigenen Beschaffenheit des Textes, wie 
ihn ähnlich auch andere ‚‚bad Quartos‘‘!) aufzeigen, mehrere Sonderheiten 
herauszuheben und sie nach neuen Gesichtspunkten, die mir während des 
Studiums der Brightschen Kurzschrift aufgingen, als Folgen stenogra- 
phischer Aufnahme der Aufführung in Characterie zu erweisen. 


2. Kapitel. 


Besondere Beschaffenheiten der Quarto der „Merry Wives of Windsor“, 
nach neuen Gesichtspunkten als Folgen einer stenographischen Nach- 
schrift des Textes mit Brights Kurzschrift erklart. 


Einleitend seien einige Gegenüberstellungen dargeboten, die nach den 
Ausführungen Dewischeits schon die Verwendung von Characterie bei 
Herstellung unseres Quartotextes postulieren. Der größeren Beweiskraft 
wegen belege ich nicht solche weniger schwer wiegende Erklärungen von 
Abweichungen in Numeris, Temporibus und Modis, da diese für eine ,bad 
quarto‘“‘ doch nicht genügend überzeugen, sondern ich führe einige jener 
höher zu wertenden Variantenerklärungen an, durch welche uns das Vor- 
handensein von synonymen Begriffen an entsprechenden Stellen verständ- 
lich wird. Meine Belege sind sämtlich mit Absicht solchen Szenen ent- 
nommen, die im allgemeinen gut übereinstimmen, da nur für solche 
Partien einer Erklärung wirklicher Wert zugesprochen werden kann; denn 
wo alles abweicht, ist mit der Erklärung weniger Einzelheiten nicht viel 


1) Nach dem Textwert der Quartos unterscheidet man 2 Gruppen: 14 gute Quartos 
und 5 schlechte. Zu letzteren gehören: „Romeo and Juliet‘‘11597; „Henry V.‘‘11600; 
„Merry Wives‘‘ 11602; „Hamlet‘‘ 11603; ‚Pericles‘‘ 11609. Vgl. Prof. Dr. Förster 
im Bericht des Sächs. Neuphilologenverbandes 1914, p. 8. 


174 Paul Friedrich 


gewonnen. Ferner habe ich nur solche Wortpaare aufgeführt, die sich in 
Brights Wörterbuch finden und hier ausdrücklich durch ein gemeinsames 
Sigel belegt sind, um jedem Vorwurf einer constructio ad hoc zu entgehen. 
Fo I.3 (p. 42, Sp. 1): And his soft Q: (Z. 231) and his bed defile. 
couch defile. 





Das Wörterbuch der Characterie gibt fiir couch und bed als Grundsigel 
liean= f. In vorliegendem Falle mußte der das Stenogramm Entziffernde 
allerdings dieses Sigel l, wenn der Stenograph ihm keinen näher bezeich- 
nenden Exponenten beigefügt hatte, mit dem alltäglichen Wort bed ent- 
ziffern, da dieses in obigem Zusammenhang näher liegt als couch. 

Q (Z. 99): and take her by the 
mussel 


Fo I.1 (p. 41, 1): and taken him 
(den Bären) by the Chaine 


Für chaine und mussel führt die Table of English words als gemeinsame 


Umschreibung an: fetter = m~. Bemerkt sei ferner, daß him und her 
nur durch Punkte unterschieden waren. 





Fo II.2 (p. 47,1): ... you knew Q (Z. 620): ... you knew Ford, 
Ford, sir, that you might auoid him that you might shun him 
avoid und shun sind in Characterie beide mit flie = -ùf zu umschreiben. 





Fo II.2 (p. 46,1): charmes | Q (Z. 526): inchantements 

Grundsigel für beide ist bless = ~. 

Fo IV.5 (p. 57, 2): I haue suf- Q (Z. 1383): I haue endured 
fer’d more for their sakes; more more for their sakes than 
then the villanous inconstancy of | 
mans disposition is able to beare. man is able to endure. 

suffer und endure wurden von Bright mit beare — ) umschrieben. 


Besonders beachtlich erscheint mir an dieser Stelle noch, daß die Q zwei- 
mal dasselbe Wort bringt: endure — las doch sicher der Drucker zweimal 
das gleiche Sigel ); — die Fo wechselt in den Ausdrücken. 


Viele andere Verhältnisse, außer den von Dewischeit angedeuteten, 
finden ihre Erklärung ebenfalls am besten durch Voraussetzung eines 
Brightstenographen. 


Wie in vorhergehenden Kapiteln dargelegt, war die schwächste Seite 
von Brights System der geringe Umfang des leicht schreibbaren Wort- 
schatzes. Deshalb sei auf den Begriffsreichtum unserer beiden Versionen 
zunächst die Aufmerksamkeit gelenkt. In dieser Hinsicht ist nicht zu 
leugnen, daß die Quarto viel ärmer als die Folio an Begriffen ist und zwar 
nicht nur deshalb, weil sie kürzer ist. Mehrfach ist dies ganz auffällig. 
Komplizierte und seltenere Ausdrücke der Fo, wie: gally-mawfry, illiads, 
Cataian, dawbry, mechanical-salt-buttered rogue, red lattice phrase u. a. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 175 


sucht man in der Q an den entsprechenden Stellen vergeblich. Ein long- 
hand-writer hätte derartige Wörter, die doch sicher wegen ihrer Originalität 
Eindruck machten, sich nicht für seine Niederschrift entgehen lassen, ein 
Brightjünger aber, der immer nur mit „plain language‘‘ rechnete, war hier 
ratlos. Z:B. für Cataian ein deutliches Schriftbild in Characterie zu 
prägen, ist selbst bei reiflicher Überlegung nicht leicht. 

Um den Gegensatz bezüglich des Wortreichtums der beiden Versionen 
an einer leicht zu fassenden Kategorie von Begriffen darzulegen, habe ich 
die verschiedenen Beteuerungen, Eide, Flüche, Schwüre usw. von Q und 
Fo verglichen!). In dieser Hinsicht ist die Mannigfaltigkeit der Fo gegen- 
über der Q ganz offensichtlich. Der Zahl nach ist letztere durchaus nicht 
arm in diesem Punkte, wohl aber an Abwechslung. Die Folio weist z.B. 
auf: per-lady, The Teuill and his Tam, so got-udge me, oh heauen, Odd’s 
plessed-wil, by cocke and pie, body-kins, as I am a Christian soule, with the 
Deuills name, Got’s-will and his passion of my heart, trust me, the dickens, 
for shame, pless my soule, odd’s hartlings, out alas usw.?). 

Solche Vielseitigkeit kennt die Quarto nicht, bei ihr setzt sich der ganze 
Begriffsvorrat zusammen aus den Worten God, Lord, Jesu: O God, by God, 
afore God, in the name of God, for God’s sake, aGod’s name, God’s body, 
so kad vdge me, o Lord, by the Lord, o Jeshu, by Jeshu, Jeshu ples me, 
Gods my life, as God would haue it, God forgive me, by Gods lyd, begar. 
Das ist sehr beachtlich. In der Folio fehlen mit wenigen Ausnahmen 
gerade diese Beteuerungen. Der Grund ist darin zu finden, daß im Mai 
1606 — also nach dem Druck der Quarto, aber vor dem der Folio — ein 
Gesetz erlassen wurde ,,for the preventing and avoiding of the great abuse 
of the Holy Name of God in Stage playes, Interludes, Maygames, Shows and 


1) Gerade die ,,Merry Wives of Windsor‘: sind daran reich. Vgl. Hoffmann 
„Über die Beteuerungen in Shakespeares Dramen. Halle 1894, Diss.“ ,,Am häufig- 
sten sind sie (die Beteuerungen) zu finden, wo der Miles gloriosus Shakespeares, der 
prahlerische Fallstaff eine Rolle spielt.‘ 

2) Daß das Fluchen zur Zeit Shakespeares außerordentlich in Blüte stand, ja 
fast zum „‚guten Ton‘‘ gehörte, erkennt man z. B. daraus, daß in Ben Jonsons ‚Every 
man out of his Humour“‘ folgende Belehrung vorkommt: I.ı ‚Tells the hind, Sogliardo, 
who wants to be, an accomplished gentlemen, that is, a gentleman of the time, and 
ever have two or three pecular oaths to swear by, that no man else swears.‘‘ (Hart, 
p. 16, Anmerk. 156). Ferner führt Hoffmann ‚Über die Beteuerungen in Sh. Dramen“ 
eine sehr bezeichnende Stelle aus Shakespeare an. Winter’s Tale, V.2, ı68ff. Clown: 
„Give me your hand: I will swear to the prince thou art as honest a true fellow as any 
is in Bohemia. Shepherd: You may say it, but not swear it. Clo: Not swear it, now I 
am a gentleman? Let boors and franklins say it, I’ll swear it.“ — Eine vergleichende 
Tabelle der ‚main oathes and asseverations‘‘ der Q und Fo gibt Greg p. 54— 56 seines 
Buches. Diese Tabelle ist für den oben folgenden Abschnitt zugrunde gelegt, teils 
um eine Nachprüfung meiner Angabenleicht zuermöglichen, teils um einer eigenen 
Aufstellung aus dem Wege zu gehen, der vielleicht der Vorwurf einer tendenziösen 
Auswahl gemacht werden könnte. 


176 Paul Friedrich 


such like.“ Wenn irgend jemand bei solchen Veranstaltungen ,,jestingly 
or prophanely speak or use the Holy Name of God or of Christ Jesus, or 
of the Holy Ghost or of the Trinity, which are not to be spoken but with 
fear and reverence“, der soll für jede Übertretung mit 10 Pfund gestraft 
werden!). Die Wirkung dieses Gesetzes ist noch ersichtlich in folgenden 
Vergleichungen (nach Gregs Tabelle): 


Q: Z. 117 be God Fo: I.1 Z. 320 omitted 
» 175 afore God 5 I.3,, 36 4, 
» 333 O God » ILı, 30 „ 
», 386 God saue me ir . ILI 162. p usw. 


Diese Feststellung aber, daß der Foliotext Beteuerungen mit jenen Worten 
nicht aufweist, beseitigt noch nicht einmal die Tatsache, daß er noch ge- 
nügend reich an Abwechslung ist auf diesem Gebiet, erst recht nicht aber 
ist damit erklärt, warum die Quarto eben nur jene Ausdrücke hat. Wäre 
der Nachschreiber ein longhand-writer gewesen, so ist nicht einzusehen, 
warum er sich in dieser Hinsicht solche Beschränkung auferlegt haben 
sollte. Eine einleuchtende Erklärung liegt aber auf der Hand, wenn man 
einen Brightstenographen annimmt. Begreiflicherweise ließ diesen hier 
seine Characterie im Stich, war doch Bright Theologe geworden. So kam 
der Stenograph immer, wenn er eine Beteuerung oder einen Fluch zu 
schreiben hatte, auf die gleichen Ausdrücke zurück. Wörtliche Treue war ja 
in diesem Punkte am allerwenigsten nötig. Besonders God benutzte er 
reichlich (37 mal von 76 in Gregs Tabelle), dieses Wort existierte ja als 


Sigel: d. Jesus, Lord und begar waren leicht zu bilden, letzteres wird 
immer und nur von Dr. Cajus gesagt, ist also schon damit abgegrenzt und 
wäre schon dadurch für den Stenographen eindeutig gewesen, selbst wenn 
er es nur mit by God umschrieben hätte. Ich finde für meine Annahme — 
ein Brightstenograph habe bei Herstellung des Quartotextes mitgewirkt — 
eine außerordentliche Unterstützung durch eine sehr beachtenswerte 
Einzelheit: In Gregs Tabelle sind 76 Beteuerungen der Q aufgeführt; davon 
enthalten nicht weniger als 75 die Namen God (einmal Sblood), Lord, 
Jesus, begar! Ein einziges Mal steht by the masse (Z. 998), und gerade 
dieses eine abweichende Wort ist bei Bright Sigel: }, ! 

Eine andere auffallende Tatsache weist ebenfalls auf Brights Kurzschrift 
hin. In Quartotexten finden wir mehrfach eine ermüdende Wiederkehr 
derselben Phrasen, wo die Folioversion an den entsprechenden Stellen viel 
mehr Abwechslung bietet. Aus der Quarto der „Merry Wives of Windsor“ 
sei zur Veranschaulichung ein Beispiel aus II.2 ausgewählt: 


1) Gildersleeve ,,Government Regulation of the Elizabethan Drama‘‘. New York 
1908, p. 19 f. 


Neue Gesichtspunkte fur stenographische Untersuchungen usw. 177 


iealious-rascally-knaue Q Z. 609: cuckally knaue 


Fo IL2 Cuckoldiy knaue » 613 = n 

iealious wittolly-knaue » 615 m 5 

= 1 Cuckoldly-ragues „ 617 ” H 

p mechanicall-salt-butter » 621 5 "n 
rogue 


Die Zeilenangabe der Q läßt ersehen, wie dicht hintereinander 5 mal 
dasselbe Schimpfwort gebraucht ist. Ganz sicher ist das nicht auf der 
Bühne so gesprochen worden, solche Eintönigkeit hätte jede Wirkung ver- 
fehlt. Gewig hatte jeder, auch ein nichtbegnadeter Schauspieler, auf diesem 
Gebiete größere Auswahl an Begriffen als die Q aufweist. Nur die Annahme 
eines Stenographen erklärt diese Einförmigkeit. Der Brightjünger hatte 
sich, da ihn bei solchen untheologischen Wörtern sein Lehrbuch im Stiche 
ließ, ganz offenbar 2 Sigel selbst gebildet, die er nun flugs bei jedem gehörten 
Schimpfwort einsetzte, da er sich mit Recht sagte, daß es bei diesen Dingen 
auf wörtliche Treue nicht ankam. 

Mehrfach ist zu beobachten, daß gerade an solchen Stellen, wo die Aus- 
drucksweise von der Alltagssprache abweicht, die Quartolesungen gegen- 
über den Folioschreibungen unvollkommen sind. Ein Kurrentschreiber 
hätte vielleicht besonders solche Partien als spezifisch notiert, der Steno- 
graph nach Bright versagte aber begreiflicherweise gerade da. Einige 
Gegenüberstellungen aus unserer Q, die meines Erachtens sehr bezeichnend 
sind, seien zur Veranschaulichung herausgesucht: 


Fo IV.5 (p. 57,2 oben): What Q (2.1389): What 
tell’st thou mee of blacke, and tellest me of blacke and blew, I 
blew? I was beaten my selfe into haue bene beaten all 


all the colours of the Rainebow: and 
I was like to be apprehended for the 
Witch of Braineford, but that my 
admirable dexteritie of wit, my 
counterfeiting the action of an old 
woman deliuer’d me, the knaue 
Constable had set me ith’ Stocks. 


the colours in the Rainbow, and in 
my escape like to a bene apprehend- 
ed for a witch of Brainford, 


and set in the stockes. 


Sehr erklarlich ist es, daB diese schwierigen Worter unaufgeschrieben 
blieben, charakteristisch ist ferner, daB der Fortgang der Ubereinstimmung 
gerade hinter einem Eigennamen unterbrochen wird. Dieser erforderte 
eben etwas Zeit zur Schreibung, so ging das Nächste verloren. 


Fo 1.3 (p. 41,2): Falst.: here 
another to Pages wife, who euen 
now gaue mee good eyes too; exa- 
mind my parts with most iudicious 


Q (Z. 196): Heeres another to 
misteris Page. Who euen 
now gaue me good eies too, exa- 

mined my 


178 Paul Friedrich 


Fo 
illiads: sometimes the beame of her 
view, guilded my foote: sometimes 
my portly belly. 

Pist.: Then did the Sun on 
dung-hill shine. 

Ni.: I thanke thee for that hu- 
mour. 

Fal.: O she did so course o’re my 
exteriors with such a greedy inten- 
tion, that the appetite of her eye 
did seeme to scorch me vp like a 
burning-glasse: here’s another let- 
ter to her: She beares the Purse too: 


exteriors with such a greedy in- 
tentiö, with the beame of her 
beautie, that it seemed as she 
would a scorged me vp like a bur- 
ning glasse. Here is another Letter 


to her, shee beares the purse too. 


Die angefiihrten Beispiele sind um so beachtenswerter, als sie immer von 
Hauptpersonen gesprochen werden. Manche Kiirzung in den Rollen von 
Nebenpersonen, wie Quickly’s II.2, geschah dagegen vielleicht mit Absicht. 


Besonders unangenehm sind einem Kurzschriftler nach Bright die 
Personen mit manierierter Sprechweise gewesen. In den ,,Merry Wives‘ 
kommt nun gerade die Shakespearesche Person vor, die als der Typ der 
verschrobenen Ausdrucksweise gilt: Pistol, das ,, Zerrbild des miles gloriosus‘‘. 
Er wird der ‚Schrecken des Stenographen‘‘ gewesen sein, und dieser war 
sicher froh, daß Pistol mit II.2 von der Bühne abtritt. Folgende offen- 
sichtlich mangelhafte Lesung der Q deute ich dahin, daß der nachschreibende 
Stenograph der merkwürdigen Ausdrucksweise dieses Falstaffbegleiters nicht 
genügen konnte: 


Fo I.1 (p. 40, 1): Pist.: Sir John, 
and Master mine, I combat chal- 
lenge of this Latine Bilboe: word of 
deniall in thy labras here; word of 
denial; froth, and scum thou liest! 


Q (Z. 53): Pist.: Sir John, and 
Maister mine, I combat craue of 
this same laten bilbo. 

I do retort the lie euen in thy 
gorge, thy gorge, thy gorge. 


Die Wiederholung in der Q beruht sichtlich auf Verlegenheitsausfüllung. 
An einer anderen Stelle ist ebenfalls erkennbar, daß gerade die seltsame 
Sprechweise Pistols schuld ist an der Abweichung des Quartotextes von 
der Folioversion. Die Zeilen, die Pistols Rede vorausgehen, stimmen gut 
überein, dessen Worte selbst aber sind mit einer nichtssagenden Äußerung 
wiedergegeben, der man meines Erachtens es ansieht, daß sie nicht in 
Pistols Stil gehalten ist, also wahrscheinlich vom Stenographen willkürlich 
eingesetzt: 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 179 


Fo 1.3 (p. 41,2) Falst.: I am 
glad I am so acquit of this Tinder- 
box: His Thefts were too open: his 
filching was like an vnskilful Sin- 
ger, he kept not time. 

Ni.: The good humour is, to 
steale at a minutes rest. 

Pist.: Conuay: the wise it call: 
Steale? foh: a fico for the phrase. 


Q (Z. 168): Falst.: I am glad I 
am so rid of this tinder Boy. His 
stealth was too open, his filching 
was like An vnskilful singer, he 
kept not time. 

Nym.: The good humour is to 
steale at a minutes rest. 

Pis.: Tis so indeed, Nym, 
thou hast hit it right. 


Eine weitere Gegenüberstellung sei noch angeführt aus 


Fo I.3 (p. 42, 1): Falst.: — my- 
selfe, and skirted Page. 

Pist.: Let Vultures gripe thy guts: 
for gourd, and Fullam holds: & high 
and low beguiles the rich & poore, 
Tester ile haue in pouch, when thou 
shalt lacke, Base Phrygian Turke. 


Q (Z.219): F.: my selfe and scirted 
Page. 


Pist.: And art thou gone? 


Teaster He haue in pouch, When 
thou shalt want, bace Phrygian 


Turke. 


Im allgemeinen sind die Partien von Pistols Reden übereinstimmend mit 
der Folio, die nicht allzusehr von der alltäglichen Sprechweise abweichen. 

Wie viele Dichter, so legt auch Shakespeare manchen Personen zur 
Charakterisierung stereotype Redensarten in den Mund. Jeder Zuhörer 
merkt natürlich bald die komische Wirkung dieser immerwährenden Wieder- 
holung. Ein Bühnenstenograph wird sich nun für solche stereotype Wen- 
dungen von vornherein Sigel zurechtlegen, die er dann gern anwendet. In 
den „Merry Wives of Windsor‘‘ kommt ein klassisches Beispiel einer solchen 
stehenden Redewendung vor: Nyms: ,, There’s the humour of it“). humour 
ist überhaupt der Lieblingsausdruck dieses Helden, dieses Wort bringt er 
‘bei jeder Gelegenheit an, es bedeutet schlechthin alles?). Nyms Rolle ist 
in der Quarto gar nicht allzusehr abweichend von der Foliolesung, aber 
. dieses geflügelte Wort kehrt dermaßen häufig wieder in der Quarto, daß 
man den Gedanken nicht los wird, ein Stenograph sei sichtlich froh gewesen, 
sein dafür geprägtes Sondersigel bei jeder Gelegenheit anwenden zu können. 
Mehrfach sind Fälle vorhanden, wo die Q immer die ganze sterotype Wen- 
dung bringt, während die Folio an dere Fassungen mit dem Wort humour 
oder überhaupt nichts ähnliches aufweist. Beispiel: 


1) Malone ,,The Plays & Poems of W. Sh.“‘, 1821, p. 40: ,,In the time of Sh. such 
an effectation seems to have been sufficient to mask a character.‘ 

2) Hart (p. 15): „It was applied upon all occasions with as little judgment as wit. 
Every coxcomb had it always in his mouth and every particularity he affected was 
denominated by the name of humour.‘ 

Prof, Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 4. 13 


180 Paul Friedrich 


Fol.ı (p. 40, ı): That is the very Q Z. 59: There is the humour of it 
note of it. 


Fo I.3 (p. 41,2) isnot the humour — 162: „ 5 
cõceited? 

Fo 1.3 — — 213: ,, 5 

Fo 1.3 (p. 42. 1) that is my true — 230: ,, i 
humour. 

Foll.ı = — 375: „ ” 


In diesen Fallen horte der Stenograph eben nur das anklingende ,,very‘‘ 
oder ,,jhumour‘: und schrieb flugs sein Sigel. Manchmal scheint ihm so 
auch die Feder durchgegangen zu sein. II.1 hat Nym in der Quarto 5 mal 
hintereinander das Wort humour gebraucht in ziemlicher Übereinstimmung 
mit der Folio. Dann folgt: 

Fo (p. 44,2): Page: heere’s a fel- Q (Z. 377): Heres a fellow frites 
low frights English out of his wits. humour out of his wits. 

Die Folio scheint das Authentische zu haben, der Stenograph aber hatte 
sein Sigel in der Feder. 

Besonders interessant ist es, einen Quartotext in bezug auf Häufung von 
Synonymen oder Umschreibungen zu untersuchen. In Brights System ist 
es schwer, viele Synonyma hintereinander deutlich zu bezeichnen. Es war 
auch gestattet, in solchen Fällen abzukürzen und zusammenzufassen, z. B. 
gibt die Characterie an, daß man statt: master, servant, children, father, 
mother, olde and young schreiben könne: the whole family. (Ch., p. 36.) 

An diese Stelle der Characterie wurde ich sofort erinnert, als ich mir 
folgende Gegenüberstellung bildete: 


Fo I.2 (p. 41, 1 unten) — one Q (Z. 125): — one mistris Quickly 
Mistris Quickly; which is in the 
manner of his Nurse; or his dry- his woman 
Nurse; or his Cooke, or his Laundry; or his try nurse. 


his Washer, and his Ringer. 
Dafür, daß der Stenograph Häufungen von Synonymen für zu schwer 
oder überflüssig hielt, finde ich ebenfalls noch weitere Beispiele: 
Fol.3(p.42, ı): Falst.: — auant! Q (Z. 217): F.: — avant. Vanish 
vanish like haile-stones; goe, Trudge; | like hailstones, goe. 
plod away ith’ hoofe: seeke shelter, 


packe: Falstaffe will learne etc. Falstaffe will learne etc. 
Ferner: 
Fo II.3 Schluß (p. 48, 1): Cajus: Q (Z. 699): Doct.: 


— I shall procure’-a you de good I shall procure you de gesse of all 
Guest: de Earle, de Knight, de Lords 
de Gentlemen, my patients. de gentlem& mon patinces. 


Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen usw. 181 


Oder: 


Fo III.1 (p. 49, 1): Host.: Shall I 
loose my Parson? my Priest? my 
Sir Hugh? 


Ferner: 


Fo IV.2 (p. 55,1): A witch, a 
Queane, an olde couzening queane: 
Haue I not forbid her my house. 


Q (Z. 177): Shall I loose my 
Parson, my 
sir Hugh. 


Q (Z. 1211): A witch, 


haueI not forewarned hermy house? 


Hier ist noch beachtenswert, daB warne als Sigel existiert in der Cha- 


racterie = 


J, nicht aber bid. Also hat hier der das Stenogramm Ent- 


ziffernde direkt die Sigelbedeutung eingesetzt. 

Eine andere Gegenüberstellung zeigt deutlich, wie der Nachschreiber 
entweder mit seiner Feder dem gesprochenen Wort nicht folgen konnte oder 
aus dem, was er hörte, nur das ihm am wichtigsten Erscheinende stenogra- 


phierte. 

Fo III.2 (p. 49,2): Host.: He 
capers, he dances, he has eies of 
youth: he writes verses, hee speakes 
holliday, he smels April and May — 

Page: Not by my consent, I pro- 
mise you. The Gentleman is of 
no hauing; hee kept companie with 
the wilde Prince, and Pointz, he is 
of too high a Region, 

he knows too much: 


Q (Z. 806): Host.: He 
capers, he dances, 
he writes verses, 
he smelles April and May 
— not with my consent. 
the gentleman is 


wilde 


he knowes too much. 


Vom Standpunkte der Brightschen Kurzschrift aus wird uns besonders 
in folgender Stelle die unzureichende Quartoschreibung verständlich: 


Fo IV.5 (p. 56, 2): Host.: There’s 
his (= Falstaffs) Chamber, his 
House, his Castle, his standing-bed. 


Q (Z. 1305): Theres his 


Castle, his standing-bed. 


chamber und castle wurden in Characterie mit demselben Sigel um- 
schrieben, und zwar mit dem für house. Also hatten alle 3 Worte bei 
flüchtiger Schreibung das gleiche Zeichen = l. Da nun chamber und 
castle den gleichen Exponenten c dem Stenographen dringend nahelegten, 
so schrieb dieser nur 1 Zeichen, eben / , aber dieses mit dem Exponenten, 
also 2. Das wurde dann als castle entziffert. Moglicherweise kam ihm 
das Urbild Falstaffs in den Sinn; denn wir haben hier sicher, wie Greg ver- 
mutet, ,,an allusion to the original name of the character we know as 
Falstaff. So in I Henry IV. (I.2.47) the Prince calls Falstaff ‘my old Lad 

13* 


182 Paul Friedrich 


of the Castle’. The name had been changed from Oldcastle to Falstaff‘‘ 
(p. 84). 

Die Kenntnis des Brightschen Systems und seiner Mängel regt ferner den 
Gedanken an, einmal die Wiedergabe und Häufigkeit von Wortspielen in den 
Quartotexten zu untersuchen. Die Characterie enthält in bezug darauf 
den Satz: „A word of the same sound though of diverse sense is written 
with the same‘“‘, d. h. also Homonyme mit demselben Zeichen. Eine solche 
Vereinfachung der Schreibweise — Nichtbeachtung der Orthographie — 
gereicht dem System im allgemeinen zum Vorteil. Manchmal aber geht 
das Verständnis für ein Wortspiel erst auf, wenn man sich der richtigen 
Schreibung und damit der Ethymologie erinnert. Gelegentlich kommen 
auch ‚quibbles‘ vor, in denen nicht das phonetisch ganz gleiche Gebilde 
aufgegriffen wird, sondern nur ein ähnliches. In solchen Fällen wird 
jedoch ein Brightstenograph immer nur dasselbe Zeichen gesetzt haben, 
was psychologisch sehr begreiflich ist. Die Nichtbeachtung der Ortho- 
graphie brachte also hier den Nachteil mit sich, daß für das Verständnis 
des Wortwitzes keine Hilfen gegeben waren. Die Lesart einer Stelle in der 
Q der „Merry Wives‘‘ gegenüber der Folioschreibung ist nun nach meiner 
Ansicht, unter dem eben skizzierten Gedankengange betrachtet, ein sehr 
beachtliches Anzeichen dafür, daß Characterie mit bei der Herstellung des 
Quartotextes im Spiele war: 

Fo I.1 sagt Evans, der wallisische Pfarrer!): ,,Pauca verba, sir John, 
good worts.‘‘ Die beiden lateinischen Wörter zeigen klar, daB ,,worts‘ 
nur schlechte dialektische Aussprache von ‚words‘ ist. Falstaff aber 
greift spöttischerweise diese falsche Aussprache als richtige auf und poin- 
tiert geistreich: ,,Good worts! good Cabidge!‘‘?) In der Quarto lauten 
die entsprechenden Zeilen: Ev.: „Good vrdes, sir John, good vrdes. Falst.: 
Good vrdes, good Cabidge.‘‘ Diese Quartoschreibung, die das Verständnis 
des Wortspiels bedeutend erschwert, erklärt sich meines Erachtens sehr 
leicht, wenn wir uns den Nachschreiber als einen Brightstenographen 
denken: Zunächst konnte er das lateinische ‚‚pauca verba‘‘ nicht wieder- 
geben, ferner setzte er für worts und words dasselbe Zeichen, das es glück- 
licherweise als Sigel gab: | = word. Zwar hätte der Brightstenograph 
wort gemäß der Angabe der Table of English words (unter wourts) mit 
dem Zeichen für herbes — schreiben können; doch ist es psychologisch 
leicht verständlich, daß er das Wortspiel, das ja auf dem Gleichklang beruht, 

1) Eduard Eckhardt: ‚Die Dialekt- und Ausländertypen des älteren englischen 
Dramas‘. ıgıı, Il,p. 25: ‚Evans ist wohl das älteste Beispiel für die Gestalt des das 
Englische radebrechenden Wallisers im englischen Drama.“ 

2) Baudissin (Schlegel-Tieck) übersetzt: Ev.: „Pauca verpa, Sir John; tann ich 


bin einer, tem es vor pittern Worten kraut. Falst.: Kraut? Kraut und Rüben. — ‘“ 
Gundolf findet keine bessere Übersetzung. 


Neue Gesichtspunkte fir stenographische Untersuchungen usw. 183 


auch durch gleiche Zeichen wiedergab. Jede andere Schreibung erforderte 
mehr Uberlegung und damit mehr Zeit. Der Drucker gibt uns durch seine 
Orthographie zu der Vermutung Anlaß, daß er anscheinend das Wortspiel 
gar nicht erfaßt hat!). 


Die Unfähigkeit eines Kurzschriftlers nach Bright, Wortspiele und gar 
noch lateinische wiederzugeben, ist zugleich ein Erklärungsgrund dafür, 
daß gerade der Eingang des Stückes in der Q gegenüber der Fo gekürzt 
erscheint; Fo Akt IV.ı, die Schülerszene enthält ebenfalls viel lateinisch- 
englische Wortspiele; der Quartotext weist diese Szene überhaupt nicht auf, 
vielleicht sah sich der Stenograph unfähig, sie nachzuschreiben und ließ 
diese für den Entwicklungsgang der Handlung nicht in Betracht kommende 
Partie ganz aus. 


Zum Schluß sei noch eine Einzelheit der Quarto der ‚Merry Wives of 
Windsor‘‘ erwähnt, die für sich betrachtet schon allein zwingend die An- 
nahme eines Brightstenographen als beteiligt bei Herstellung des Textes 
erfordert: Q Z. 324 ff. sagt Mrs. Page: ‚Why what a Gods name doth this 
man see in me, that thus he shootes at my honestie? Well but that I knowe 
my owne hearte, I should scarcely perswade my selfe I were hand.‘‘ Das 
Wort hand an dieser Stelle ergibt ganz offensichtlich keinen Sinn?). Jeder 
wird wohl dafür das Wort ,,honest‘‘ einsetzen, das das nächstliegende ist 
und sofort den richtigen Sinn herstellt. Wäre der Nachschreiber ein long- | 
hand-writer gewesen, so ist kein Grund einzusehen, woher diese Verwechs- 
lung von honest und hand kommen könnte, wohl liegt aber eine solche auf 
der Hand bei den stenographischen Entsprechungen dieser Wörter in 


Characterie: hand : honest = \ / 3). Der einzige Unterschied der 
beiden Zeichen besteht in der Lage. Daß ich mit der Einsetzung des Wortes 
honest für hand keine constructio ad hoc vorgenommen habe, beweist am 
besten Gregs Äußerung, die gewiß nicht zu gunsten meiner Erklärung ge- 
schehen ist, p. 64: ‚‘Honest’ seems the obvious word.“ 


1) Daß der Drucker unserer Quarto sich wahrscheinlich überhaupt nicht sehr in 
den Inhalt vertieft hat, geht z. B. auch daraus hervor, daß er auf das Titelblatt setzte: 
„Syr Hugh the Welch Knight.“ Greg schreibt anmerkend über diese Stelle 
(p. 57): „This slip shows that the title-page was composed in the printer’s office by 
some one with a very slight knowledge of the play.‘ 

2) In der Folio fehlt diese ganze Partie, somit wird kein Ersatzwort an die Hand 
gegeben. 

3) Dieser Fall hat in viel höherem Grade Überzeugungskraft als z.B. der von 
Dewischeit, Sh. J. XXXIV, p. 212 angeführte, die Verwechslung von graves und 
graces auf die Vertauschung ihrer Zeichen in Characterie zurückzuführen: — + 15 
-~ denn hier sind auch die longhand-Schreibungen verwechslungsahnlich, nicht aber 
im obigen Falle. 


184 Paul Friedrich 


Die Darbietungen haben wohl gezeigt, daB fiir die Entstehung der Quarto 
der „Merry Wives of Windsor‘ von 1602 als wahrscheinlich anzunehmen 
ist, daß sie zum Teil nach einem während einer Vorstellung aufgenommenen 
Brightstenogramm gedruckt ist!). 


Zusammenfassung. 


England ist das Vaterland der modernen Stenographie.. Durch Lage 
und nationalen Sinn der Bewohner begünstigt, gelangte es zeitig zu hoher 
Blüte auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet, und da die heimische 
Sprache früh zur Einheitlichkeit sich durchrang, bildete es für Entstehung 
und Lebensfähigkeit einer Kurzschrift den besten Boden. Im Jahre 1588 
veröffentlichte in London der Arzt Timothe Bright eine Schrift ,,Charac- 
terie, an Arte of shorte, swift and secrete writing by Character.‘ Darin 
haben wir das Lehrbuch der ersten modernen Stenographie zu erblicken, 
insofern es zum ersten Male seit Ciceros Zeit eine Kurzschrift in der Mutter- 
sprache des Erfinders darbietet. Bereits um das Jahr 1200 hatte ein eng- 
lischer Monch, Johannes von Tilbury, ein Geschwindschriftsystem erfunden, 
aber fiir die lateinische Sprache. Bright, der wohl nichts von Tilbury 
wuBte, hat seine Zeichenkunst nicht so ausschlieBlich nach grammatischen 
Gesichtspunkten aufgebaut wie dieser, sondern ihm steht der Sinn, die 
allgemeine Bedeutung seiner Zeichen im Vordergrund. Die Characterie 
ist eine Wortstenographie: es gibt bestimmte Zeichen für ganze Wörter. 
Diese characters geben nicht jeden Laut wieder, der einem Worte phone- 
tisch gebührt, sondern nur der Anfang des Zeichens entspricht dem ersten 
Buchstaben seines Bedeutungswortes. Ein stenographisches Alphabet 
besteht also, und zwar besitzt es 18 Buchstaben. Durch besondere Merk- 
male am Fuße der Buchstaben und Verwendung von 4 Lagen konnte Bright 
864 Variationen bilden, deren jede ein Wort darstellen konnte; aber nur 
für 538 legte er Bedeutungen fest. Die Schreibung erfolgte in vertikaler 
Richtung. Besonders eigenartig und charakteristisch für das System ist 
die Methode der consenting und dissenting signification; diese besteht 
darin, alle Wörter, denen kein bestimmtes Zeichen zugewiesen ist, durch 
eines der festgelegten Sigelwörter zu umschreiben. 


1) Als direkt falsch ist also das Urteil zu bezeichnen, das im Athenäum ıgıı, 
p. 656 bei Besprechung des Carltonschen Buches ‚Tim. Bright‘ über die Quarto 
der „Merry Wives“ geäußert wird: ,,The Quarto of the ‘Merry Wives of Windsor’ 
1602 — show[s] no sign of shorthand“. 


Neue Gesichtspunkte far stenographische Untersuchungen usw. 185 


Drei wichtige stenographische Dokumente sind uns erhalten: ein steno- 
graphierter Titusbrief von 1586, die bereits genannte Characterie von 1 588, 
und eine Schrift einer Dame, Jane Seager, von 1589, der Königin Elisabeth 
gewidmet. Verschiedene Nachrichten aus jener Zeit geben uns aber Kunde 
von einer weiten Verbreitung der Brightschen Kunst. Der Titusbrief von 
1586 ist in einem anderen System geschrieben als die beiden letztgenannten 
Schriftstücke. Er bietet uns die Characterie in einem früheren Entwick- 
lungsstadium dar. Ich habe mit Hilfe verschiedener Bibelversionen das 
System aus dem Titusbriefe rekonstruiert. Durch vergleichende Betrach- 
tung aller uns erhaltenen Schriftstücke in characterie habe ich ferner eine 
Entwicklung der Brightschen Kurzschrift von den ersten Anfängen bis zur 
Vollendung, nämlich bis zum Erscheinungsjahr 1588 zu geben versucht, 
und soweit möglich, die Änderungen und Vervollkommnungen, die Bright 
vornahm, ursächlich zu erklären mich bemüht. Der elisabethanische Arzt 
hat das Verdienst, die Stenographie neu ersonnen zu haben. Tiros Noten 
hat er wohl nicht gekannt. Die dem System natürlicherweise anhaftenden 
Mängel und Schwächen dürfen uns nicht verleiten, dem Erfinder unsere 
Anerkennung zu versagen. Einem geübten und gebildeten Jünger Brights 
war es nach meiner Ansicht wohl möglich, bei Nachschriften von Predigten, 
ja sogar von Theaterstücken eine hinreichende Treue zu erreichen. 

Von Dewischeit wurde zum ersten Male der Gedanke näher verfolgt 
und im einzelnen begründet, wie sehr viele Differenzen von Quarto- und 
Folioversionen Shakespearescher Dramen durch Annahme der Verwen- 
dung der Brightschen Stenographie bei der Herstellung des Quartotextes 
ihre Erklärung finden. Dewischeits Ausführungen habe ich in meiner 
Arbeit in den meisten Punkten unterstützt, in einigen durch näheres 
Studium erweitern können. Im Anschluß an Dewischeit hat Pape die 
erste Quarto von Shakespeares Richard III. von 1597 als Übertragung 
eines während der Aufführung von mehreren Stenographen mittels des 
Systems Bright aufgenommenen Stenogramms erklärt. In vielem stimme 
ich mit ihm überein. Doch Papes Behauptung, daß wir ein verbessertes 
System Brights nach 1588 anzunehmen hätten, habe ich als falsch er- 
wiesen. Sein Hauptgrund, gewisse Wörter wie by, though, his, she usw. 
seien mit der Characterie von 1588 nicht zu schreiben gewesen, stellt sich 
als unhaltbar heraus. Einer weiteren ähnlichen Arbeit von Seeberger über 
den „First Part of Jeronimo‘‘ pflichte ich ebenfalls im Hauptsächlichen 
bei. In meinen kritischen Betrachtungen hoffe ich, die von mir vertretenen 
Auffassungen aus dem Wesen des Systems und im Sinne des Erfinders 
begründet und gezeigt zu haben, daß es geschlossener und weniger unvoll- 
kommen ist, als nach so vielen bisherigen Ausstellungen vermutet wer- 
den konnte. 


186 Paul Friedrich 


In einem Anhange habe ich zunächst das allgemeine Verhältnis der 
ersten Quarto der „Merry Wives of Windsor‘ vom Jahre 1602 zu dem 
Foliotext von 1623 näher dargelegt. Dann bin ich vom Standpunkt einer 
stenographischen Untersuchung an den Quartotext herangetreten, um ihn 
in seinen Eigenheiten und Abweichungen von der Folioversion einmal 
nach solchen Gesichtspunkten zu betrachten, die mir nach Kenntnis des 
Brightschen Systems besonders geeignet erschienen, eine Beziehung zwi- 
schen Quartotext und characterie herzustellen. Z. B. lenkte ich auf 
Folgendes meine Aufmerksamkeit: Auffällige Einseitigkeit im Sprach- 
schatz der Q gegenüber der Fo; Wiedergabe der Reden von Personen mit 
manierierter Sprechweise; Vorkommen von stereotypen Redensarten; Be- 
schaffenheit des Quartotextes in bezug auf Häufung von Synonymen, wie 
die Fo sie mehrfach bietet; Wiedergabe von Wortspielen usw. 

Die — oft überraschenden — Resultate, die sich in dieser Hinsicht aus 
vielen Einzelfällen ergaben, beweisen nach meiner Ansicht schon — ohne 
eine erschöpfende stenographische Untersuchung darbieten zu wollen — 
daß bei der Entstehung des Quartotextes der „Merry Wives of Windsor‘‘ 
1602 Brights characterie eine Rolle gespielt hat. 

Durch meine Darlegungen habe ich zur Geschichte der Kurzschrift 
einen Beitrag zu geben versucht, indem ich das Wesen der ersten Steno- 
graphie, ihr Werden und ihre Bedeutung zu erkennen und zu erklären 
mich bemühte. Für Shakespearestudien im besonderen hoffe ich, neuen 
Boden für Untersuchungen bezüglich der Überlieferung der Dramen be- 
reitet zu haben, die uns zu immer weiterer Klärung des Textes führen und 
den großen Meister und sein Werk immer reiner erstehen lassen sollen. 


NN A © 


Literatur. 187 


Literatur. 
I. Zu Timothy Bright. 


. Characterie, an Arte of shorte, swifte and secrete writing by Character. In- 


vented by Timothe Bright. London 1588. Reprint (limited to 100 copies) by 
J. Herbert Ford. 1888. 


. Additional MS. 10,037. Brit. Mus. The divine prophesies of the ten Sibills by 


Jane Seager, 1589. Photographischer Abzug im engl. Seminar der Universitat 
Leipzig. 


. William J. Carlton, Timothe Bright Doctor of Phisicke. A Memoir of ,,The 


Father of Modern Shorthand‘‘. London, Elliot Stock, 1911. 


. Matthias Levy, William Shakespeare and Timothy Bright. London rgro. 
. Matthias Levy, Shakespeare and Shorthand. London 1884. 
. Archiv fiir Stenographie. Monatshefte fiir die wissenschaftliche Pflege der 


Kurzschrift aller Zeiten und Lander. Herausgegeben von Dr. Curt Dewischeit. 
1897 — IQII. 


. Phonetic Journal. 1875. 1884. 1886. 

. Pitman’s Journal. 1900. 1907. 1909. IQII. 

. Shorthand, a scientific and literary magazine. 1884. Westby-Gibson. 

. Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft. (Sh. J.) 

. O. Pape, Uber die Entstehung der ersten Quarto von Shakespeares Richard III. 


Erlangen 1906. Diss. 


. Arthur Mentz, Zwei Stenographiesysteme des späteren Mittelalters. Dresden 1912. 
. Dr. Johnen, Geschichte der Stenographie. I. Bd. Berlin 1911. 

. Faulmann, Geschichte und Literatur der Stenographie. 1895. 

. Moser, Geschichte der Stenographie. Leipzig 1889. 

. Dr. Mentz, Geschichte der Stenographie. Leipzig, Göschen, 1910. 

. Deutsche Stenotachygraphenzeitung. 1890. 

. Stolzesche Stenographenzeitung. 1902. 

. The Encyclopedia Britannica. 

. The Harmsworth Encyclopædia. 

. Dictionary of National Biography (DNB.). 

. Oxford Dictionary. 

. Pitman’s English Dictionary for Schools. London. Pitman & Sons. 

. The Athenzum. ıgıı. 

. Wundt, Völkerpsychologie. I. Die Sprache. 1900. 

. The Bible. Imprinted at London by the Deputies of Christopher Barker. 

. The English Hexapla, exhibiting the six important english Translations of the 


new Testament Scripture. 1841. 


. Archiv für Schriftkunde. 1914, Jahrg. I, Nr. ı. 


II. Zu Shakespeare. 


. Halliwell, The first sketch of Sh’s „M. W. of Windsor‘‘. 1842. 


2. Griggs-Daniel, Sh’s M. W. of Windsor. The first Quarto 1602. A Facsimile 


On & Ww 


in Photo-Litography. London 1888. William Griggs. Introduktion by P. A. 
Daniel. 


. Hazlitt, Sh’s-Library. 1875. II.2. 
. Greg, Shakespeare’s Merry Wives of Windsor. 1602. Clarendon Press 1910. 
. Sidney Lee, Sh’s Comedies, Histories & Tragedies ... being a reproduction in 


facsimile of the first Folio-edition 1623 from the Chatsworth copy. Number 
942 & 461 (1000 copies distributed). 1902. 


188 


en) 
OD X NAN 


II. 
12. 
13. 
14. 
15. 
16. 
17. 


18. 


19. 
20. 


2I. 
22. 


23. 


Literatur. 


. Porter and Clarke, First Folio Edition. New-York. 
. The Old-Spelling Shakespeare. Furnivall. The Merry Wives of Windsor. In- 


troduction and Notes by Clarke. London 1913. 


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The Arden Shakespeare. The M. W. of Windsor by Hart. 

Eversley edition. ‚Herford. 

Cassel’s National Library: ,,.M. W. of Windsor‘‘. Introduction by Morley. 
Schlegel-Tieck. 

Friedrich Gundolf, Shakespeare in deutscher Sprache. VII. Zum Teil neu 
übersetzt. 


The Cambridge History of English Literature. V. 1910. 

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William Jaggard, Shakespeare Bibliography. A Dictionary of every known 
issue of the writings of our national Poet and of recorded opinion thereon in the 
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Jusserand, Histoire littéraire du peuple anglais. Bd. II. 1904. Paris. 

Tucker Brook. The Tudor Drama. 1912. 

W. J. Lawrence, The Elizabethan Playhouse and other studies. Stratford 1912. 
(760 copies printed. N. 157.) 


. Eduard Eckhardt, Die Dialekt- und Ausländertypen des älteren englischen Dramas. 


Leipzig-London 1911. 


: A. W. Pollard, Shakespeare Folios and Quartos. A Study in the Bibliography 


of Shakespeare plays 1594—1685. London 1909. 


. Englische Studien. Bd. 42. 46. 34. 

. Georg Brandes, Englische Persönlichkeiten. II. Teil. William Shakespeare. 
- I. Teil. München 1904. 

. Sidney Lee, A Life of Shakespeare. 1899. 

. Max Koch, Shakespeare. 1885. 

. Oliphant Smeaton, Shakespeare, his Life and Work. London, New York. 

. Furnivall and Munro, Shakespeare. Life and Work. (Century Sh.) 1908. 

. Hazlitt, Characters on Shakespeare’s Plays. 1903.. 

. Hoffmann, Uber die Beteuerungen in Sh.s Dramen. Halle 1894. Diss. 

. A. Schroer, Prinzipien der Sh. Kritik. 1902. Wien, Leipzig. 

. Baeske, Old-Castle-Falstaff in der engl. Lit. bis auf Sh.-Palaestra. H. I. Berlin. 


1904. 


. New-Sh.-Society Transactions. 1875—1876. 1878—79. 

. Collier, Notes and emendations to the text of Sh. plays. 1853. 

. Dyce, Remarks on Collier’s and Knight’s edition of Sh. 1844. 

. Delius, Colliers alte handschriftliche Emendationen zum Shakespeare gewiirdigt. 
. Franz, Die Grundzüge der Sprache Shakespeares. Berlin 1902. 

. Al. Schmidt, Shakespeare-Lexicon. Berlin-London 1874. 

. Bericht über die XII. Hauptversammlung des sächsischen Neuphilologenver- 


bandes in Chemnitz. 1914. Marburg. 


. Gildersleeve, „Government Regulation of the Elizabethan Drama.“ New York 


1908. 


. Elze, „William Shakespeare.‘‘ Halle 1876. 


Der „britische Schnörkel‘ 189 


Der „britische Schnörkel“. 


Eine Entgegnung 
von 


Professor Ansgar Schoppmeyer, Berlin. 


alle führenden Geister des deutschen Volkes auf, an einer Befreiung und 
Reinigung der deutschen Handschrift von fremden, besonders britischen 
Einflüssen mitzuwirken. Diese Forderung würde gewiß allseitigen Beifall 
finden, wenn sie nicht auf falschen Voraussetzungen begründet wäre und 
damit den Engländern unverdiente Ehre erwiese. 

Der Einfluß des ,,britischen Schnorkels‘‘ auf die deutsche Schreibschrift 
wird durch zwei kleine englische Proben, wie sie ebenso oder noch weit 
charakteristischer gleichzeitig massenhaft auch in Deutschland vorkommen 
und deutsche Äußerungen aus der lange verachteten, heute aber in manchen 
Kreisen schwärmerisch verehrten und meist skrupellos nachgeäfften Bieder- 
meierzeit zu beweisen gesucht. Diese Äußerungen sind jedoch wertlos, 
weil ihre Urheber die Lobhudeleien der ‚englischen Schrift‘, die damals 
gerade ‚modern‘ waren, einfach nachplapperten, ohne jede kritische 
Untersuchung und ohne zu wissen, daß die Engländer, die sich seit der 
Herrschaft der Plantagenets künstlerisch ganz und gar von Frankreich 
beeinflussen ließen, auch die reichen deutschen und französischen Schnör- 
kelschriften nachahmten und dann ebenso den strengeren Formen des 
Louis XVI. und Empirestils folgten, welche auch in Deutschland so ver- 
breitet waren wie in England. 

Richtig ist nur, daß nach den Befreiungskriegen der kaufmännische 
Verkehr mit England bedeutend stärker wurde und daß nun bei der trau- 
rigen deutschen Verehrung für alles Fremde zwar der Einfluß des fran- 
zösischen Erbfeindes zurückgedrängt, dafür aber alles Englische um so 
begeisterter angehimmelt wurde. So mußte denn wie bis zum jetzigen 
Weitkriege für so viele deutsche Erzeugnisse auch für die Veränderung der 
Schreibschrift die Bezeichnung als „englisch“ ihren Wert und ihre Ein- 
führung ermöglichen. Daß man hierfür ebenso wie in Deutschland und 
Frankreich auch in England Beispiele fand, ist selbstverständlich. 


E 2. und 3. Heft des Archivs für Schriftkunde fordert Herr Prof. Kuhlmann 


190 Professor Ansgar Schoppmeyer 


Hinsichtlich der sog. deutschen ,,derben und markigen‘ Handschrift 
darf doch nicht vergessen werden, daß sie erstens sehr lange in den Kinder- 
schuhen blieb und daß es zu allen Zeiten und in allen Ländern zweierlei 
Handschriften gab, die des geübten und des ungeübten Schreibers. Ebenso- 
wenig, wie man die siebenbürgischen Wachstafeln oder pompejanischen 
Wandkritzeleien mit den Prachthandschriften altrömischer Klassiker in 
Vergleich bringen kann und wie sogar die für weniger wertvolle Hand- 
schriften allgemein übliche, flüchtiger geschriebene Kapitalschrift höhend 
Capitalis rustica-Bauernschrift genannt wird, sollte man die unbeholfene, 
seit ihren Anfängen im 15. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast gar 
nicht vervollkommnete deutsche Schreibschrift mit den kalligraphischen 
Leistungen außerordentlich geübter Schönschreiber vergleichen. Die 
derben und markigen deutschen Krähenfüße auf den Feldpostkarten eines 
frisch vom Pfluge gekommenen Rekruten würden jedenfalls bald ganz 
andere Formen annehmen, wenn dieser gezwungen wäre, in einem Kontor 
monatelang vom frühen Morgen bis späten Abend Briefe zu schreiben. 
Die deutschen Geistesheroen der Renaissance versuchten sich auch zum 
ersten Male beim Schreiben in deutscher Sprache und Schrift und benutzten 
mit sehr viel Zeit und Mühe die in Nordfrankreich entstandene, bald auch 
in Deutschland gebrauchte gotische Schreibschrift, die dadurch auch nur 
wenig flüssiger wurde; die meisten Gelehrten schrieben aber auch ferner- 
hin noch lange Zeit in lateinischer Sprache und verwendeten hierzu die in 
Italien und Frankreich üblich gewordene lateinische Kursivschrift, geübte 
Schreiber aber schrieben deutschen Text stets in sehr schöner, der Druck- 
schrift ähnlicher Fraktur, und wenn sie einmal gelegentlich nebenbei die 
deutsche Schreibschrift verwendeten, geschah dies kalligraphisch und sie 
versahen dieselbe ebenfalls reich mit Schnörkeln. Das 16. Jahrhundert 
mit seinen Religionskriegen und das 17. mit dem 30jährigen Kriege boten 
wenig Gelegenheit zur Weiterbildung der deutschen Schrift, im 18. Jahr- 
hundert aber, als an allen deutschen Höfen und in gebildeten Kreisen fran- 
zösisch gesprochen und geschrieben wurde, mußte auch lateinisch geschrie- 
ben werden. Ist es da zu verwundern, daß diese Schrift im Rokokko so 
ausgebildet und so reich ausgestattet, die deutsche aber als ,,Bauern- 
schrift‘‘ vernachlässigt wurde. Wo diese gebraucht wurde, geschah es mit 
wenigen Ausnahmen von ungeübter Hand und während sie im 16. Jahr- 
hundert auch in Schreibvorlagen möglichst kalligraphisch vorgeführt 
wurde, schenkte man ihr im ı8. Jahrhundert kaum Beachtung. Nach 
den Befreiungskriegen wurde die französische Sprache mehr und mehr 
verdrängt, man empfand aber nach der langen Gewöhnung an die schwung- 
volle und elegante lateinische Schrift die Unbeholfenheit der damaligen 
deutschen recht unangenehm, und bei dem stark vermehrten und daher 
schnelleren Schreiben ergab sich die zusammenhängendere und rundlichere 
Form in Anlehnung an die gewöhnte lateinische Schrift von selbst. Be- 
günstigt wurde die flüssigere Form auch durch das immer glatter werdende 


Der „britische Schnörkel‘ 191 


Papier. Ich will hier nicht die Frage erörtern, ob eine aus so vielen An- 
sätzen und so verschieden gestellten Einzelstrichen beschriebene oder in 
der jetzt üblichen (nicht sehr verschnörkelten) Weise ausgeführte Schrift- 
seite ästhetisch schöner wirke, das ist Geschmackssache, aber die erstere 
zu enträtseln würde sehr zeitraubend sein und gewiß wird mir Herr Prof. 
Kuhlmann zugeben, daß im heutigen kaufmännischen Beruf keine Zeit 
vorhanden ist, alle Briefe mit derselben gemütlichen Ruhe wie vor 200 
oder 300 Jahren zu bemalen. Diese Zeit hat heute kein Kaufmann, kein 
Gelehrter, selbst keine Hausfrau. Möge man versuchen, Kinder mit einer 
derartigen altertümlichen Schrift zu quälen, der Erfolg würde derselbe 
sein, wie beim neuen Zeichen- oder richtiger Malunterricht, d.h. bei der 
großen Mehrzahl der Kinder eine wüste Schmiererei, und sobald sie im Beruf 
eilig tätig sind, werden sich ihre Schriftformen bald wieder den heutigen 
nähern oder sich zu einer noch schlimmeren Kritzelei entwickeln, als sie 
heute unter dem Namen Steilschrift bei unseren Sekundanern und Pri- 
manern beliebt ist. In der Theorie ist solche Vereinfachung sehr schön, in 
der Praxis wäre sie sehr kurzlebig und sie würde schwerlich dauernden 
Erfolg haben als z.B. die Versuche, die Herren Ärzte zu überreden, ihre 
Rezepte in einer halbwegs lesbaren Schrift auszuführen. Man kann daher 
der Kaufmannschaft nur danken, daß sie ihre Angehörigen veranlaßt, 
sauber zu schreiben, und immer noch ist eine selbst verschnörkelte lesbare 
Schrift besser als eine ganz unlesbare Kritzelei. 

Was nun die „britischen Schnörkel‘ betrifft, so sind auch diese nicht 
englischen, sondern im Gegenteil deutschen Ursprungs! Wie heute jeder 
Kunsthistoriker weiß, liebten die Angelsachsen im Gegensatz zu den Iren 
die Ornamente wenig, sondern schmückten im 9. bis ıı. Jahrhundert ihre 
Schriften mit überaus flotten, im übrigen Europa ganz ungewöhnlichen 
figürlichen Federzeichnungen. Erst die näheren Beziehungen zu Frank- 
reich bürgerten auch in England französische Schriftausstattung ein. 
Selbst im Rokokko blieb hier die lateinische Kursive immer noch nüchter- 
ner und einfacher als im übrigen Europa. Den Anstoß zu den reichen 
Schriftschnörkeln gab Frankreich im 15. Jahrhundert, als es seine gotischen 
Initialen mit keulenförmigen Seitenstrichen (Flamboyantstil) umgab, die 
auch bald in Deutschland Beifall fanden und welche Dürer noch in seinem 
Gebetbuch Maximilians verwendete. Die bis dahin und auch später noch 
üblichen, nicht mehr geschriebenen, sondern gemalten Unzial-Initialen 
boten keine Gelegenheit zu geschriebenen Ornamenten, sondern wurden 
mit kleinen Gemälden oder Federzeichnungen ohne Schriftcharakter ge- 
füllt, und als in Frankreich die verschiedenen Ubergangsformen (z. B. 
Geofroy Torys ,Cadeaulx‘“‘) nicht weitergebildet wurden, weil die italieni- 
schen Renaissanceformen die Alleinherrschaft eroberten, hörte dort jedes 
geschriebene Ornament auf. In Deutschland dagegen führte die Weiter- 
bildung der Übergangsformen zu der schönen Frakturschrift und die großen 
Initialen forderten förmlich zur Ausstattung mit Schnörkeln, ursprünglich 


192 Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 


im Charakter des Flamboyanstils, bald aber zu reichem, ineinander und 
durcheinander greifendem Rollwerk heraus. Schreiber wie Buchdrucker 
wetteiferten im Gebrauch solcher Initialen und füllten nicht nur diese, 
sondern ganze Seiten neben und zwischen dem Texte mit Rollwerk in 
üppigster Weise, beobachteten aber stets in gewissenhafter Weise den 
Schreibcharakter. Ich betone letzteres besonders, weil am Ende des vorigen 
Jahrhunderts bei der Neubelebung der Renaissance mit wenigen Ausnahmen 
sämtliche Künstler wie Schriftzeichner durch Nichtbeachtung des Schreib- 
charakters statt schöner Formen häßliche Karikaturen schufen und ebenso 
wie viele Architekten und Maurerpoliere den Namen Renaissance in Ver- 
ruf brachten. 

Bis zum 30jährigen Krieg hatte man sich in Deutschland so an diese 
Ornamentierung gewöhnt, daß man auch die lateinische Kursivschrift damit 
ausstattete, und als diese unter Ludwig XIV. zu besonderer Pflege kam, 
wurde sie auch dort mit geschriebenen Schnörkeln versehen und nun in 
ganz Europa, besonders elegant in Italien, jedes Schriftstück mit ‚‚Schreiber- 
zügen‘‘ ausgestattet. Gerade in Deutschland waren es weniger die Kupfer- 
stecher, als vielmehr sämtliche Schullehrer, auch der kleinsten Orte, die 
zahllose Vorlagebücher und Blätter mit den verwickeltesten Schreiberzügen, 
oft sogar Darstellungen von Porträts, schrieben und je nach ihrem Können 
mehr oder weniger künstlerisch schmückten. Weniger Begeisterung als 
in Deutschland fand diese Verschnörkelung in England und, wie schon 
erwähnt, wurde dort auch die lateinische Kursive einfacher und nüchterner 
geschrieben als in Deutschland und Frankreich, besonders aber in den 
vielen kaufmännischen Kreisen, und vielleicht hat auch dieser Umstand 
dazu beigetragen, die neue nüchterne Schreibweise und die öden, nichts- 
sagenden und langweiligen Schnörkel der Biedermeierzeit im Gegensatz 
zu den üppigen Formen des deutschen Rokokko als ‚„englisch‘‘ zu bezeich- 
nen, das würde aber dann ebenfalls das Gegenteil von dem bedeuten, was 
in dem besprochenen Aufsatz gezeigt werden sollte. 


Mitteilungen aus dem 
Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig. 


D: Befürchtung mancher Freunde des Leipziger Schriftmuseums, der 
Krieg werde das in der Entwickelung stehende Museum gleich in 
seinen Keimen ersticken, ist Gott sei Dank nicht zur Wahrheit geworden. 
Zunächst sah es sogar so aus, als ob sich das Museum dank dem Entgegen- 
kommen der Stadt Leipzig, die ihre prächtige Betonhalle für dasselbe leih- 
weise zur Verfügung gestellt hatte, bereits jetzt voll entfalten könnte. 


Mitt eilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 193 


Leider hat aber die Militärverwaltung diese Halle für sich beansprucht, 
so daß das Museum ausziehen mußte, ohne zunächst zu wissen, wohin. 
Auch hier hat wieder in dankenswerter Weise die Stadt Leipzig helfend 
eingegriffen, so daß wenigstens in beschränktem Maße die Schätze des 
Museums zugänglich sind und andere auf Verlangen vorgelegt werden 
können. 


Für das Museum selbst sind die Räume des zweiten und dritten Ober- 
geschosses des Deutschen Buchgewerbehauses auf der Dolzstraße, am 
Eilenburger Bahnhof, benutzt worden, während für die Bibliothek, den 
Lesesaal und die Blattsammlungen sowie all dasjenige, was wegen Raum- 
mangel nicht ausgestellt werden konnte, die früheren Räume der Deutschen 
Bücherei, die jetzt ihr neues Gebäude bezogen hat, Gerichtsweg 26, zur 
Verfügung stehen. In diesen Räumen befindet sich auch die Leitung 
und Kanzlei des Museums. 


Zugänglich sind zur Zeit rund 20 Räume (gegenüber 88 in der Beton- 
halle), die im folgenden kurz charakterisiert seien. 


Die Vorstufen der Schrift, deren besondere Pflege sich das 
Leipziger Völkermuseum unter der tatkräftigen Leitung von Professor 
Weule angelegen sein läßt (vgl. dessen schnell orientierendes Buch ‚‚Vom 
Kerbstock zum Alphabet‘), sind absichtlich nur andeutungsweise aus- 
gestellt, aber doch so, daß der Besucher die Anfänge der Schrift in ihren 
Vorläufern vor sich sieht und nicht sofort auf ausgebautere und ent- 
wickelte Schriftsysteme stößt. Die ausführliche Darstellung der Vorstufen 
der Schrift soll nach wie vor dem Leipziger Völkermuseum überlassen 
bleiben. 


Die Beschränkung und Eigenart der jetzigen Räume ließ leider die 
frühere Geschlossenheit der Darstellung nicht mehr zu. So stoßen wir 
zunächst nun auf die Islamische Welt. Der Raum ist mit einem 
Arabischen Buchladen, der vollständig eingerichtet ist, geschmückt. Der 
Vorraum zeigt die Schreibgeräte in den verschiedensten Ausführungen 
und in besonderen Tafeln die Entwickelung der arabischen Schrift, während 
ausliegende Original-Manuskripte und Bücher den verschiedenen Duktus 
der Schrift vorführen. Prächtige Koranhandschriften, zum Teil von 
großem Wert, sind hier besonders bemerkenswert. 


In die Indische Schriftwelt führt der nächste Raum, der 
in einer besonderen Zusammenstellung die indischen Schriften über- 
sichtlich zeigt. Auch hier fehlen natürlich Schreibmaterial und Schreib- 
utensilien nicht, da ihr Stoff respektive ihre Beschaffenheit ja von aller- 
größtem Einfluß auf die Schrift selbst sind. Wie im Raum des Islam, 
haben wir auch hier zum Teil wertvolle Originalmanuskripte vor uns. 
Palmblattbücher vom einfachsten mit bloßem Holzdeckel als Bucheinband 
versehenen Stück bis zum prächtigsten, mit Edelsteinen und Silberbe- 
schlägen versehenen Exemplar liegen mit aus. 


194 Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 


Japan, China und Korea schlieBen sich nun an, erstere beide 
durch Dioramen belebt. Ein Japanischer Buchladen und ein Chinesisches 
Gelehrtenhaus, das von einem Prinzen der letzten Dynastie in China er- 
worben wurde, gereichen diesen Räumen zur besonderen Zierde. Dank 
der opferfreudigen Mithilfe des Leipziger Sinologen Universitätsprofessor 
Dr. Conrady ist das Museum in die Lage versetzt, an Hand von Schrift- 
tafeln, die Professor Conrady selbst entworfen hat, die Entwickelung der 
chinesischen Schrift klar vor Augen zu führen. Im übrigen ist für diese 
Abteilungen das Material an Beweisstücken fast zu reichlich, da die Samm- 
lung von Schriftrollen, Schreibgeräten, Pinseln usw. vielleicht die größte 
in Deutschland ist. 

Auch der Ägyptische Raum weist für die Schriftgeschichte 
alles Wichtige auf. Daß der Stein von Rosette in einem gut gelungenen 
Gipsabguß nicht fehlt, ist selbstverständlich. Aber auch die Canopus- 
Stele ist vorhanden. Außerdem zeigen viele Inschriften im Abguß, ein- 
zelne sehr wertvolle auch im Original, besonders deutlich die Entwickelung 
der Hieroglyphen, die uns im übrigen drei von dem Ägyptologen Möller 
in Berlin entworfene Tafeln durch die Jahrhunderte sehr instruktiv vor 
Augen führen, zumal wenn die zahlreichen Photographien und die aus- 
hängenden Papyri mit verglichen werden. 

Fir den Babylonisch-assyrischen Raum hat Univer- 
sitatsprofessor Geheimrat Dr. Zimmern Tafeln entworfen, die die Ent- 
wickelung der Keilschrift zeigen, während Professor Weißbach in einer 
Tafel die Entzifferung der Keilschrift vorfiihrt. Mächtige Stelen und 
wohlgelungene Gipsabgüsse aus den verschiedensten Perioden vervoll- 
ständigen hier das Material. 

Räumlich recht beschränkt sind die Abteilungen, die dm Kanaa- 
näischen, Aramäischen, Phönizischen und Hebrä- 
ischen gewidmet sind, für deren Bearbeitung wir Herrn Oberlehrer 
Dr. Thomsen-Dresden zu größtem Danke verpflichtet sind. Nur de 
wichtigsten Stücke sind ausgestellt, während eine planmäßige Darstel- 
lung erst im Neubau erfolgen kann. Dasselbe gilt auch für den Kreis 
des Ägäischen und Minoischen, wie für die Griechisch- 
Römische Welt, die für die Buchgewerbliche Weltausstellung mit 
soviel Liebe und Sorgfalt von dem Leipziger Universitätsprofessor Dr.Gardt- 
hausen zusammengestellt worden war und heute vollständig dem Schrift- 
museum gehört. Auch hier sind nur markante Stücke und einzelne Ent- 
wickelungstafeln, sowie Beschreibstoffe und Schreibzeuge in beschränkter 
Auswahl dem Publikum gezeigt, während dem, der spezielle Studien 
machen will, im Saal der Blattsammlungen, Gerichtsweg 26, zahlreiche 
Belegstücke zur Verfügung stehen. 

Am schlechtesten weggekommen sind bei der jetzigen Beschränktheit 
der Räume die Abteilungen des Christlichen Orients, das 
Abessinische Sprachgebiet und die Byzantinische Kultur, 


Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 195 





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Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 4. 14 


196 Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig 


die nur andeutungsweise trotz des vorhandenen zahlreichen Materials 
vorgeführt werden konnten. Auch die Runen mußten ihren Platz auf 
dem Treppenhause e‘nnehmen, wo jetzt eine Anzahl Runensteine, dar- 
unter der Stein von Rok, stehen. 

Im dritten ObergeschoB finden wir das gesamte Mittelalter, 
während die Neuzeit gänzlich magaziniert werden mußte, aber doch 
zum großen Teile in den Verwaltungsräumen zugänglich ist. Der Stamm- 
baum der abendländischen Schrift wird manchem sehr willkommen sein. 
Besonders wertvoll ist aber der Ankauf der Schoppmeyerschen Samm- 
lung, die in ihrer Gesamtheit zum Preis von 100.000 Mark an das Museum 
kam. Was aus ihr für die Schriftgeschichte herausgeholt werden kann, 
wird ein späterer Aufsatz in unserem Archiv für Schriftkunde zeigen. 
Nur kurz angedeutet sei die Tatsache, daß rund 50 Handschriftenbände 
und viele Reproduktionen das Material wertvoll bereichern. 

Das dritte Obergeschoß hat, wenn auch nur geringen Raum, schließlich 
noch den Abarten der Schrift, wie Kurzschrift, Blindenschrift, Geheim- 
schrift usw. überlassen. i 

Dieser kurze Überblick zeigt, wie wir hoffen, daß tatsächlich trotz 
des Krieges das Schriftmuseum sich lebensfähig erhalten hat, wenn es 
auch zur Zeit räumlich gegenüber der Betonhalle sehr eingeschränkt 
ist. Ein Neubau steht in Aussicht, dessen Bild wir vorstehend diesen 
kurzen Bemerkungen beigeben und der, wie zu hoffen steht, nicht allzu- 
lange auf sich warten läßt. 

















Verlag von K. F. Roebler in Leipzig. 


Soeben erfdien: 


Die beiten 


dDeutiden Romane 
Zwölf Lijten zur Auswahl 


Mit einer gef[didtliden Cinleitung: 
Welhe Romane muk man als Deutfder lefen? 


Bon Brofeffor Adolf Bartels 


Dritte vermehrte und verbejjerte Auflage (11. bis 15. Taujend) 


8°, Umfang 8 Bogen in Umfdlag; Preis 1 Marl. 


Der Beitand der deutigen Romane ift In den legten Jahrzehnten fo 
ungeheuer angewadjfen, daB 
ein zuverläfliger Führer 
für den Buhhändler und das Publitum 


zu einem direlten Bedürfnis wurde. In diefem Kührer find zwölf Liften guter 
deutfher Romane nad) den Gattungen aufgejtellt, und der befannte Literatur» 
Hiftoriler Prof. Adolf Bartels, der wohl die größte Belefenheit auf 
diefem Gebiete in Deutfhland Hat, [dried eine gefdidtlide Einleitung dazu. 


Jeder der aufgenommenen Romane 
ijt fura und treffend dyaralteriliert. 


Das fo entitandene überfiäjtlihe und neuartige Büchlein, für deffen 
nationale und äfthetifhe Zuverläffigleit der Name Bartels hinreichende 
Gewähr bietet, verdient die weitefte Verbreitung. 


Die zwei erjten Auflagen von je 5000 wurden in 


einem halben “Sahr verfauft. 
Zu beziehen durch jede Buchhandlung. 


Drud von Breitlopf & Härtel in Leipzig. 


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Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 197 


Türkische Nationalschrift 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 
Von Paul v. Janko. 


Einleitung. 


D; türkische Schrift ist ein Meisterwerk in graphischer Beziehung. 
Sie gestattet eine natürliche bequeme Handhaltung, läßt sich also 
ohne Anstrengung ausführen, die Wörter bekommen in ihr eine cha- 
rakteristische, von anderen Wörtern deutlich unterschiedene Gestalt 
und ihre Kürze kommt den stenographischen Systemen anderer Spra- 
chen sehr nahe. 

Sie ist jedoch ein Meisterwerk nur in graphischer Beziehung, d. h. 
in bezug auf die Form der Buchstaben und deren Verbindungen. Lei- 
der läßt sich nicht dasselbe sagen in bezug auf die Anwendung dieser 
Zeichen speziell auf die türkische Sprache. Diese Anwendung muß 
sogar als sehr ungünstig bezeichnet werden, denn, wie bekannt, gibt 
es in der türkischen Schrift Buchstaben, die auf mehrere verschiedene 
Weisen gelesen werden können — bis zu sieben bei | und bis zu fünf 
bei d —, und umgekehrt gibt es Laute, die überflüssigerweise mit 
verschiedenen Buchstaben dargestellt werden können — bis zu vier 
bei > > 5 ;. Infolgedessen könnten die meisten Wörter auf ver- 
schiedene Weise geschrieben werden, von denen aber in der Regel 
nur eine als richtig angesehen wird, die man sich also merken muß. 
Aber selbst dort, wo zwei oder gar mehr verschiedene Schreibweisen 
zulässig sind, ist dies ja auch nur die Quelle von Schwankungen. 

Noch unvorteilhafter ist es mit dem Lesen bestellt, denn viele Wörter 
könnten zwar auf verschiedene Arten gelesen werden, aber wo es 
mehrere Lesarten gibt, die zulässig sind, hat fast immer jede davon 
eine andere Bedeutung und man muß aus dem Satzzusammenhang 
erraten, welche von den möglichen Lesarten im vorliegenden Falle 
gerade gemeint sein muß. 

Diese Umstände bringen es mit sich, daß selbst der gebildete Türke, 
von einem bisher nicht bekannten Wort, dem er in einer Zeitung oder 

Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. 1. 5. 15 


198 Paul v. Janko 


in einem Buch begegnet, nicht wissen kann, wie es ausgesprochen 
wird, er muß dann ein größeres Wörterbuch mit mehr oder weniger 
genauer Aussprachebezeichnung zu Rate ziehen; bei Eigennamen ver- 
sagt selbst dieses Mittel und es ist oft unmöglich zu erraten wie 
Einer heißt, wenn man seinen Namen liest; ebenso kann man einen 
Namen oft nur sehr schwer in einem Adreßbuch herausfinden, da 
man nicht sicher sein kann, wie er von dem Herausgeber in türkischer 
Schrift dargestellt worden ist. 

Alle diese Schwierigkeiten sind schon längst bekannt, aber in letzter 
Zeit, wo das Bestreben eingetreten ist, den Gebrauch der türkischen 
Sprache im Handel und Verkehr mehr zu betonen, sind diese Schwierig- 
keiten noch fühlbarer geworden. Man hat eingesehen, welche Nach- 
teile es dem türkischen Volk bringt, wenn die Beschaffenheit der 
Schrift das Erlernen der Sprache den einheimischen Kindern sowie 
den erwachsenen Fremden unverhältnismäßig erschwert und selbst 
bei Kennern immer noch Unbestimmtheiten bestehen läßt; es hat 
deshalb auch nicht an Vorschlägen gefehlt, Abhilfe zu schaffen. 

Eine Richtung in diesen Bestrebungen will die lateinischen Buch- 
staben einführen, und, wenn das Alphabet in guter Kenntnis der 
türkischen Phonetik aufgestellt würde, könnte auf diese Weise das 
Erlernen der türkischen Sprache sehr erleichtert werden. Leider 
müßte man aber mit der jetzigen türkischen Schrift auch ihre staunens- 
werte Prägnanz und Kürze aufgeben. 

Die Lateinschrift der europäischen Sprachen geht so langsam vor 
sich, daß man für sie Stenographiesysteme aufgestellt hat, nicht allein 
um sie zum Nachschreiben von Reden zu verwenden, sondern überall 
wo man das schwerfällige Schreibgeschäft erleichtern will. Um diese 
Stenographiesysteme zu gebrauchen, muß man eine ganz neue Schrift 
erlernen, mit besonderen, oft komplizierten Vorschriften für die Ver- 
bindung der Buchstaben und mit vielen Abkürzungen, die man sich 
merken muß. All das erfordert längeres Studium, während die Türken 
in ihrer Schrift ein System besitzen, das an Kürze bereits den ersten 
Grad der Stenographien erreicht, und dessen Kürze noch gesteigert 
werden kann durch Weglassung der diakritischen Zeichen, wobei die 
Wortbilder gerade wegen ihrer sehr charakteristischen Gestalt trotz- 
dem noch lesbar bleiben. 

Es hieße deshalb die großen Vorteile der lateinischen Buchstaben 
mit dem Verlust anderer, ebenfalls großer Vorteile der türkischen 
Schrift erkaufen, und der Tausch wäre kaum vorteilhaft. 

Eine andere Reihe von Reformvorschlägen geht von der jetzigen 
türkischen Schrift aus und unterwirft sie mehr oder weniger durch- 
greifenden Veränderungen, um das Erlernen zu erleichtern. 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift | 199 


Es würde zu weit führen, alle diesbeziiglich bekanntgewordenen | 
Vorschläge zu besprechen, und ich werde mich auf einige Bemerkungen 
beschränken, die teils die Nachteile zeigen sollen, die ich in meinem 
System vermeide, teils die beachtenswerten guten Eigenschaften her- 
vorheben, die einzelne dieser Systeme enthalten. 

Die meisten Vorschläge suchen die Erleichterung dadurch zu er- 
langen, daß sie die Buchstaben, nicht wie es jetzt geschieht, mitein- 
ander verbinden. Jeder Buchstabe wird von seinem Nachbar getrennt 
angesetzt, wie das in der Druckschrift der lateinische, griechische 
und slawische Buchstaben schreibenden Völker geschieht. Wenn die 
Formen zweckmäßig gewählt sind, kann man hiergegen, wenigstens 
für die Druckschrift, nichts einwenden. Leider aber verfallen die Er- 
finder der meisten dieser Systeme in den Fehler, alle ihre Buchstaben 
genau oder nahezu gleichgroß zu machen. Das hat zur Folge, daß 
der Leser genötigt wird, immer wieder die Form der einzelnen Buch- 
staben zu betrachten, anstatt die Gestalt des ganzen Wortbildes mit 
einem Blick zu übersehen. Erleichtert wird dabei also nur der aller- 
elementarste Teil des Lesenlernens, wo der Schüler sich noch auf 
der Stufe befindet, die Buchstaben einzeln zu unterscheiden. Für die 
höhere Lesefertigkeit, wo man die Gestalt des Wortbildes auffassen 
soll, bedeutet eine solche Schriftgattung keine Erleichterung, sondern 
eine Erschwerung. Eine solche Druckschrift mit gleichgroßen oder 
nahezu gleichgroßen Buchstaben stünde an Deutlichkeit sogar weit 
hinter der lateinischen oder griechischen Schrift, welche eine Ab- 
wechslung bieten zwischen kleineren Buchstaben und solchen die 
über die Zeile und unter sie reichen und daher den Wortbildern 
charakteristischere Gestalt geben als beispielsweise der russische 
Druck, der durch die vielen fast gleichgroßen Buchstaben beim Lesen 
sehr ermüdend wirkt. 

Ein sehr beachtenswertes unter den vorgeschlagenen Systemen ist 
et Au AO], das tatsächlich in militärischen Drucksachen An- 
wendung gefunden hat. Es verwendet wirkliche türkische Buchstaben, 
hat also den Vorteil, daß die bereits lesekundigen Türken nicht nötig 
haben, diese Buchstaben zu erlernen. Auch sind diese Buchstaben 
tatsächlich von ziemlich verschiedener Größe, die Wortbilder wären 
also nicht so schwer zu überblicken, wie jene vorangegangener Systeme. 
Dieses System vermeidet also zwei große Fehler der vorangegangenen 
Systeme. Leider aber wäre die Schreibschrift mit ihren lauter ge- 
trennten Buchstaben auch hier sehr schwerfällig, namentlich weil man 
hier die sogenannten alleinstehenden Formen der Buchstaben gewählt 
hat, welche unter den vier möglichen Formen der türkischen Buch- 
staben die breitesten und zeitlich längsten sind: deshalb könnten lese- 

15* 


200 Paul v. Jankó 


kundige Türken, trotzdem sie die einzelnen Buchstaben erkennen, die 
Wörter nur herausbuchstabieren, aber nicht flüssig lesen, bevor sie 
sich darin längere Zeit geübt haben. 

Es wäre auch unabwendbar, daß sich in der Praxis, in der geschrie- 
benen Schrift. Verbindungen dieser alleinstehenden Buchstaben her- 
stellen. Das gäbe bis jetzt unbekannte Formen und dazu viel längere 
und unbequemere als die jetzigen Verbindungen; man hätte also schließ- 
lich in graphischer Beziehung eine unvorteilhaftere Schrift als jetzt, 
ohne dem Anfänger die beabsichtigte Erleichterung verschafft zu haben. 

Wenn man dieses System in graphischer Beziehung für ungünstig 
erklären muß, so kann man dagegen anerkennen, daß es in phonetischer 
Beziehung sich auf dem richtigen Weg befindet und hierin nahe ans 
Ziel gelangt ist, indem es bestrebt war, für jeden Laut einen beson- 
deren Buchstaben zu setzen, zu diesem Zweck aber keine neuen 
Grundzeichen erfand, sondern nur die bereits vorhandenen mit diakri- 
tischen Zeichen versah, so daß in der Schrift keine fremdartigen, dem 
Stile widersprechenden und daher dem türkischen Auge widerwärtigen 
neuen Zeichen erscheinen. All das sind nachahmenswerte Grund- 
sätze, die auch ich in meinem System befolge. 

Außer den Systemen, die man aufgestellt hat, um die heutige tür- 
kische Schrift zu ersetzen, möchte ich noch zwei Richtungen erwähnen, 
die man eigentlich nur Methoden nennen kann, weil sie bloß beab- 
sichtigen, das Erlernen der türkischen Schrift zu erleichtern, ohne die 
offizielle Orthographie zu ändern. Sie führen provisorische Zeichen 
ein, die man später wieder wegläßt, die aber während ihrem Gebrauch 
mit einem neuen Schriftsystem Ähnlichkeit haben. 

Eine dieser Methoden: La.) as )s* von ..«.! ist in der Ausgabe des 
Unterrichtsministeriums erschienen und wird in einer Anzahl tiir- 
kischer Schulen verwendet. Es läßt die Grundform der Wörter un- 
verändert, und fügt bei den Buchstaben ‚= „ ö besondere Zeichen | 
bei, um die verschiedenen Aussprachen derselben Buchstaben zu be- 
zeichnen. Dadurch werden von den Zweifeln beim Lesen viele be- 
hoben; allerdings nicht alle, denn an den Stellen, wo man jetzt den 
Vokal gar nicht schreibt, wird er auf keine Weise angezeigt, so daß 
beispielsweise das Wort „s ebenso wie in der heutigen Schrift ver- 
schiedene Lesarten hat, und wie der zweite Vokal in den Wörtern 
Azs «U.> Lu lauten soll, wird durch die Mittel dieser Methode 
nicht angedeutet. 

Auf dem Wege, dem Anfänger Andeutungen fürs Lesen zu bieten, 
ist ein anderes Lehrbuch noch weiter gegangen. Es ist betitelt: 
Lai dem, Sol Aa von Wiis rar und ist erschienen bei „-öl=us 
in Jesu. 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 201 





In diesem Buche finden wir, außer den Unterscheidungszeichen für 
5 >. 9, auch die Andeutung des Vokales in den Fällen, wo er in 
der heutigen Schrift gar nicht geschrieben wird. Für den Vokal, der 
im Wort a; vorkommt, geschieht dies durch das Zeichen ” an der 
Stelle, wo der Vokal stehen sollte. So werden also die Vokale in 
den Wörtern Al K “Ss «ul; genau bezeichnet, ohne daß die 
Grundform des Wortes verändert würde. 

Bei den vier Vokalen, die mit dem Buchstaben „ mit seinem Zusatz- 
zeichen angedeutet werden, ist das nicht mehr der Fall; im Worte 
<~«,> muß man ein solches „ schreiben, um den ersten Vokal anzu- 
deuten. Die Grundform des Wortes wird also verändert und der 
Schüler gewöhnt sich an ein Wortbild, das er sich später wieder ab- 
gewöhnen muß. 

‚Aus dem Beispiel dieser beiden Methoden sehen wir die unüber- 
windlichen Schwierigkeiten, wenn man die offizielle Form der Wort- 
bilder nicht ändern will: entweder bleibt die Aussprachebezeichnung 
unvollständig oder sie erzeugt Wortbilder, die man sich später wieder 
abgewöhnen muß. 

Hier kann nur eine gründliche Reform Abhilfe schaffen, bei der man 
sich nicht scheut, einerseits die Aussprache vollständig zu bezeichnen, 
andererseits dabei die neue Schreibung der Wörter nicht bloß als 
provisorische Form für Anfänger zu betrachten, sondern als endgültige 
offizielle Schreibweise. 

Wenn eine neue türkische Schrift die gegenwärtig bestehenden 
Nachteile beheben soll, ohne andere Nachteile dafür zu setzen, so 
muß sie an der ausgezeichneten graphischen Charakteristik der jetzigen 
Schrift festhalten, aber außerdem noch folgende Bedingungen erfüllen: 

I. Jedes geschriebene Wort soll nur auf eine einzige Art gelesen 
werden können. 

2. Jedes gesprochene Wort soll nur auf eine einzige Art geschrieben 
werden können. 

3. Um richtig lesen und schreiben zu können, soll es genügen, die 
Buchstaben mit ihrer Aussprache, sowie einige feste Regeln zu er- 
lernen. 

4. Die neue Schrift soll sich dabei der bisherigen Schrift so nahe 
als möglich anschließen. 

Bei dieser letzten Regel handelt es sich natürlich nicht allein darum, 
die allgemeinen Prinzipien des türkischen Schreibsystems einzuhalten, 
sondern man muß in der praktischen Durchführung zu erreichen 
suchen, daß die Wortbilder in der neuen Schrift so wenig als nur 
möglich von der bisherigen Schriftweise abweichen. In der Aufstellung 
eines solchen Systems muß das Ideal vorschweben, daß die neue 


202 Paul v. Jankó 





Schrift von einem der türkischen Sprache Kundigen ohne besonderes 
Studium lesbar sein soll. 

Um dies alles zu erreichen, habe ich die Grundzeichen in ihrer 
bisherigen Verwendungsweise beibehalten, davon einige überflüssige 
fortgelassen, aber kein neues Grundzeichen aufgestellt. Zur Unter- 
scheidung habe ich die schon jetzt gebräuchlichen Punkte verwendet 
und ihnen nur zwei solche Zeichen zugefügt, die der heutigen Schrift 
nicht fremd sind, nämlich zwei untereinander stehende Punkte und 
ein Zeichen ~, das wie eine kleine Ziffer 7 aussieht. Beide sind in 
Zierschriften häufig anzutreffen, das erste statt der nebeneinander- 
liegenden Punkte, das zweite dagegen zur bloBen Ausschmiickung. 
Ich verwende beide derart, daß der schriftkundige Türke das Wort 
erkennt, wenn er die zwei Punkte als nebeneinander stehend ansieht 
und wenn er das Zeichen y als nicht vorhanden betrachtet. 

Mit Rücksicht darauf, daß dieses Schriftsystem bestimmt ist, den 
nationalen Bestrebungen der Türken in den hier dargelegten verschie- 
denen Richtungen Vorschub zu leisten, nenne ich sie 


Türkische Nationalschrift. 


Daß ich in ihr neben dem eindeutigen Entsprechen von gesprochenem 
und geschriebenem Wort auch das Ideal erreicht habe, daß schrift- 
kundige Türken diese neue Schrift lesen können, sogar ohne von ihrer 
Existenz gehört zu haben, das hat sich bei öfteren darauf gerichteten 
Versuchen bestätigt. 

Ich unterbreite daher diese neue türkische Schrift den maßgebenden 
Kreisen, in der Hoffnung, damit der türkischen Nation einen Dienst 
zu erweisen. 

Schließlich will ich nicht versäumen, anzuerkennen, daß mein Freund, 
Herr Sophokles Hudaverdoglu, mir bei der Ausarbeitung dieses 
Werkchens wertvolle Hilfe geleistet hat. Er unterzog meine Aufstel- 
lungen einer strengen aber wohlwollenden Kritik, was mehrfach zu Ver- 
besserungen führte, unter anderem zur Verwendung des Zeichens ~. 
Er war auch so freundlich, mir die Veröffentlichungen über die voran- 
gegangenen Systeme zur Verfügung zu stellen und mir Beiträge für 
die Beispielsammlung zu liefern. Ich spreche ihm für all dies meinen 
verbindlichsten Dank aus. 


Konstantinopel, Februar 1916. 


Paul v. Janko. 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 203 


Unverändert beibehaltene Konsonanten. 


Eine ziemlich große Anzahl von türkischen Buchstaben kann ohne 
jede Änderung in die neue Schrift übernommen werden, Buchstaben, 
die schon in der gegenwärtigen Schrift nur auf eine Art gelesen 
werden. 


Es sind dies folgende 16 Buchstaben: 


BP Ey Tree 


Diese Buchstaben sollen genau so verwendet werden, wie dies in 
der heutigen türkischen Schrift geschieht, d. h. sie sollen auch ihre 
Form unverändert beibehalten, wie man sie alleinstehend oder am 
Anfang oder in der Mitte oder am Ende schreibt. 

Man könnte einwenden, daß es eine unnötige Komplikation sei, 
mehrere Formen für einen Laut zu haben; daß dies sogar gegen das 
Prinzip verstoße, daß jedes gesprochene Wort nur auf eine Art zu 
schreiben möglich sein soll. 

Hierauf ist zu erwidern, daß dieses Prinzip nur dann nicht gewahrt 
wäre, wenn man nach Belieben die eine oder die andere Form an- 
wenden könnte, oder bei den einzelnen Wörtern erlernen müßte, ob 
die eine oder die andere Form anzuwenden sei. Allein das soll durch- 
aus nicht der Fall sein, und ist schon in der heutigen türkischen 
Schrift nicht der Fall, wo bekanntlich feste Regeln vorschreiben, wann 
die einzelnen Formen desselben Buchstaben anzuwenden sind, Regeln 
die so allgemein bekannt sind, daß es unnötig erscheint, hier darauf 
näher einzugehen. 

Der Grund, weshalb es zweckmäßig ist, diese Formen beizubehalten, 
ist der, daß sie im wesentlichen dazu beitragen, den Wortbildern 
ein so charakteristisches Gepräge zu geben, daß die Wörter selbst 
dann noch gelesen werden können, wenn die hinzugefügten Punkte 
undeutlich geraten sind oder sogar ganz fehlen. Das heißt so viel, 
als daß diese Mannigfaltigkeit der Formen die Deutlichkeit der Schrift 
erhöht. Die verschiedenen Formen eines Buchstabens lassen sich 
auch leicht merken, da sie einander ähnlich und die Abweichungen 
graphisch gerechtfertigt sind durch die Verbindung mit vorhergehenden 
und nachfolgenden Zeichen, wenigstens bei den in Rede stehenden 
Buchstaben. Nur die später zu behandelnden Buchstaben 5 » J 
haben so stark voneinander abweichende Formen, daß deren Zu- 
sammenhang nicht mit dem Verständnis sondern mit dem Gedächtnis 
behalten werden muß. 


204 Paul v. Janko 


Fortgelassene Konsonanten. 


Um das Prinzip zu befriedigen, daß jedes gesprochene Wort nur 
auf eine Weise zu schreiben möglich sein soll, setzen wir fest, daß 
die aufgezählten 16 Konsonanten auf keine andere Weise geschrieben 
werden sollen, als eben mit diesen Buchstaben. Deshalb werden die 
Buchstaben: -z f 

gO: ee RS. a O z oO 
nicht verwendet, weil sie nur Laute darstellen, die bereits mit den 
oben aufgezählten Buchstaben geschrieben werden können. 

Es wird von sprachgebildeten Türken anerkannt, daß 5 im Tür- 
kischen nicht anders ausgesprochen werden als ,, + nicht anders 
als o, © nicht anders als _», „> nicht anders als entweder wie ; 
oder wie >, wenn auch diese Buchstaben im Arabischen spezielle 
Aussprachen haben. Daß auch „ dieselbe Aussprache hat, wie das 
später zu behandelnde >, hierüber wird noch gesprochen werden. 

In der heutigen Schrift hat allerdings die Unterscheidung von (> w, 
ebenso von > w den Vorteil, daß dadurch ein nicht geschriebener 
Vokal einigermaßen angedeutet wird, z. B. in den Wörtern 


5 Ne au so Sao 
m AR „am ; Raw AA 
I I I “ 


jedoch in der neuen Schrift, wo jeder Vokal deutlich ausgeschrieben 
wird, ist eine solche Unterscheidung überflüssig. 


Vokale. 


- 


j 


bezeichnen wir den Vokal, der mit diesem Zeichen im Worte ;' ge- 
schrieben wird*). Wir verwenden dieses Zeichen falls der betreffende 
Vokal ganz alleinstehend, von anderen Wörtern getrennt, vorkommt, 
und wenn er als erster Buchstabe eines Wortes steht. 

Sonst verwenden wir für diesen Vokal das Elif ohne Medd in den 
beiden Formen: 


I. Mit 


„N 
in der Weise, wie dies in der heutigen Schrift ohnehin geschieht, 
nämlich je nachdem es nach unverbundenen oder verbundenen Buch- 
staben kommt. 
Nachdem in der heutigen Schrift ' am Anfang des Wortes und ' 
‚in der Mitte und am Ende von Wörtern in den meisten Fällen mit 


*) Deutsch: a. 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 205 


diesem Vokal ausgesprochen wird, erfüllt diese Festsetzung die For-. 
derung, sich der heutigen türkischen Schrift möglichst zu nähern. In 
der Tat behalten dadurch viele Wörter ihre jetzige Gestalt ganz un- 
verändert. Beispiele: 


ee re ibe to ee 
OF ttre y AD pec 


Wörter, die bisher mit den abgeschafften Buchstaben geschrieben 
wurden, erhalten nun natürlich eine abweichende Schreibweise, ent- 
sprechend ihrer Aussprache: 


Wir schreiben: wi N ne 
Se L \ 
statt: Raley OD EN yew 


Ebenso erhalten Wörter, in denen bisher der Vokal ji mit einem 
anderen Buchstaben geschrieben wurde, eine andere Schreibweise. 
Beispiele: 

Wir schreiben: 1. Nu ms izy how 

statt: Ri ty Nw Newb Amy Aw 


In Wörtern, wo dieser Laut vorkommt, aber bisher nicht geschrie- 
ben wurde, wird er angesetzt. Zum Beispiel: 


Wir schreiben: we GSS ule 
statt: us ue wi. as MASS lo 
. J 3 J s UV“ 


Nachdem wir das Elif für keinen anderen Laut als diesen Vokal 
verwenden, könnte es überflüssig erscheinen, es im Anfang der Wörter 
in der Gestalt !, mit dem Medd versehen zu schreiben; in der Tat 
wäre dieses Zeichen entbehrlich; wir behalten es nur um das unvor- 
bereitete Lesen zu erleichtern, da | am Anfang des Wortes immer 


mit diesem Laut ausgesprochen wird, dagegen | nur sehr selten. 


2. Über den Vokal, der im Worte si vorkommt*), ist zunächst zu 
bemerken, daß er in verschiedenen Wörtern nicht immer in der glei- 
chen Nuance ausgesprochen wird. In dem bekannten ausgezeichneten 
Wörterbuch von olh sw ._& sind zwei verschiedene Aussprache- 
bezeichnungen für diesen Vokal festgesetzt. Wenn man ganz genau 
sein will, genügen zwei Zeichen nicht einmal, denn je nach der Wurzel 
des Wortes und je nachdem was jenem Vokal vorausgeht und ihm 
folgt, werden mehrere verschiedene Abstufungen zwischen den beiden 
Extremen wie sie in den Wörtern ss und ~ vorkommen. Hat man 
also bloß zwei Zeichen für die extremen Fälle, so kann man bei den 
mittleren Nuancen zweifelhaft sein, ob man das eine oder das andere 


*) Deutsch: e. 


206 Paul v. Jankó 


Zeichen gebrauchen soll, wie z. B. bei dem Worte ~,., wo der Vokal 
sicher nicht so geschlossen ist, wie im Worte x3, aber auch nicht 
so offen, wie in A. Überdies werden diese Vokale nicht von allen 
Türken ganz gleich ausgesprochen, selbst nicht von denen der Haupt- 
stadt, und endlich kommt diesen Nuancen keine wesentliche Bedeutung 
zu, denn es gibt keine Wörter, die verschiedene Bedeutung haben, 
je nachdem man den fraglichen Vokal in der einen oder anderen 
Nuance ausspricht. Aus all dem Gesagten folgt, daB es zweckmäßig 
ist, für diesen Vokal in der neuen türkischen Schrift bloß ein einziges 
Zeichen aufzustellen. 

Wir stellen diesen Vokal am Ende eines Wortes mit einem der 


beiden Zeichen 
& à 


dar, je nachdem er auf einen verbundenen oder getrennten Buchstaben 
folgt. Dies entspricht dem schon vorhandenen Gebrauch, so daß die 
Wörter 


u . Is. wt 
BO ew AJ S.J sou AS\EL 


ihre jetzige Gestalt behalten. 

Am Anfang eines Wortes schreiben wir diesen Vokal immer mit 
dem Buchstaben , obgleich er in der heutigen Schrift nicht mit 
diesem Buchstaben, sondern gewöhnlich mit | allein dargestellt wird. 

Ich habe mich zu dieser Abweichung entschlossen, weil man aus 
dem Ende der Wörter heute schon gewohnt ist, im Zeichen s diesen 
Laut zu sehen, wogegen das |! am Anfang des Wortes zwar sehr oft 
diesen Laut bedeutet, z.B. im Wort ji, aber ebensooft, ja, wie ich 
mich durch Zählung überzeugt habe, sogar noch etwas öfter, den 
Laut hat, den man gewöhnlich mit „s darstellt, z. B. im Worte „It. 

Außerdem wäre es auch nicht konsequent, mit Elif bald diesen 
Laut s, bald den Laut ï zu schreiben. ; 

Wir werden also, abweichend von dem heutigen Gebrauch, aber 
doch wohl jedem Türken sofort verständlich 


schreiben: Sow’ Aw 198 Las J» 


Innerhalb des Wortes wird dieser Vokal in der Regel ausgelassen. 
Es würde daher die Wortbilder ungemein verlängern, und schwer- 
fällig gestalten, wollte man im Druck jedesmal einen besonderen 
Buchstaben dafür einsetzen. 

Nach den Buchstaben , ; , , 2 müssen wir allerdings das Zeichen 
setzen, denn hier läßt sich die Abkürzung nicht anwenden, die ich 
für die übrigen Fälle vorschlagen werde. Beispiele: 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 207 


Wir schreiben: Ads, Asus) 5D 
statt: ai, ASA II 


Bei allen übrigen Buchstaben, welche bekanntlich mit dem folgenden 
Zeichen verbunden werden können, haben wir in der Schreibschrift 
das abgekürzte Zeichen für a, das in einem bloßen Herunterbiegen 
des Striches besteht. Bei der Druckschrift können wir die Sache noch 
kürzer machen, indem wir das Zeichen a einfach auslassen. Aber 
wohlgemerkt, vor und nach dem Vokal setzen wir die Buchstaben 
genau in der Form, wie wenn das x anzusetzen wäre. 

So beispielsweise in dem Worte p setzen wir die beiden Buch- 
staben ~ und , in denjenigen Formen, die sie annehmen wiirden in 
dem Wortbilde ,.. Wir drucken also , und nicht etwa ~ und ebenso 


und nicht etwa j» 50 daB dieses Wort in der Druckschrift die Form 


> 
erhält: 
» 
Obwohl nun hier das >» gar nicht geschrieben wird, erhält der Vokal 
doch eine ganz deutliche Bezeichnung dadurch, daß für den vorher- 
gehenden Buchstaben diejenige Form gebraucht wird, die man sonst 


mit dem darauffolgenden Buchstaben verbindet. Beispiele: 
Wir schreiben: 3? Uma J> ye 


statt: 52 wae k> sang 
J . s . e 


us 


Man sieht, daß bei diesem Verfahren das gewohnte Bild der Wörter 
in der Druckschrift ziemlich gut gewahrt bleibt. 

Wir werden dieses Verfahren auch dort anwenden, wo man in der 
heutigen Druckschrift das Zeichen a innerhalb des Wortes ansetzt, 
zum Beispiel: | 

Wir schreiben: jede 3483 Ade 

statt: ara al AAN 


In den Wörtern, wo dieser Laut nach der heutigen Schrift mit 
einem oder sogar zwei anderen Buchstaben geschrieben wird, werden 
wir unsere regelmäßige Schreibweise anwenden, zum Beispiel: 


Wir schreiben: w> Ge zen 


statt: mr ow da) zen.) 


In Wörtern, wo heute einer der abgeschafften Konsonanten steht, 
werden wir ihn durch seinen Ersatz vertreten lassen, zum Beispiel: 


Wir schreiben: Pd) 3 33 vow Am | 5 „? 


statt: eo 5 Wo gus 3,03 se Ji 


208 Paul v. Jankó 


3. Die beiden Vokale, die in der heutigen Schrift mit _s geschrieben 
werden, schreiben auch wir beide mit diesem Zeichen, unterscheiden 
sie jedoch durch einen Zusatz beim schweren Vokal. Bei der leichten 
Abart, wie er im Worte i vorkommt*), schreiben wir ihn ohne Zu- 
satz. Die Formen für den Anfang und die Mitte schreiben wir die 
zwei Punkte bei beiden Vokalen untereinander, so daß also der leichte 
Vokal die vier Formen erhält: 

S wo t i 

Das Elif | vor dem ; am Anfang des Wortes lassen wir aus, weil 
wir den Konsonanten auf andere Weise bezeichnen, wovon später 
die Rede sein wird, eine Verwechslung also nicht vorkommen kann. 

Die vertikale Stellung der zwei Punkte ist für den türkischen Leser 
nicht befremdend, da er sie oft genug in Aufschriften und Zierschriften 
zu sehen Gelegenheit hat. Er wird deshalb keine Schwierigkeit fin- 
den, folgende Wörter zu lesen, wenn 


wir schreiben: Ws 02.49 dels lag Se 
ee? ae . ` * e . 
statt < mA SAd Aeka 1.2 > . rd 


Wörter, in denen dieser Vokal gegenwärtig gar nicht geschrieben 
wird, werden sogar leichter lesbar werden. Zum Beispiel: Wenn 


e . : S AA .' = . x sé . Š AJ ~ 
wir schreiben Vene Mn Nn un N ale a 
e aa ce >| 3 me . eu j. Be 
statt: Laney Ten 2 ras es mia 


Das gleiche gilt für Fälle, wo man diesen Vokal mit anderen, un- 
gewöhnlichen Zeichen darstellt, wo wir also 


. . x ree N s A ` 
schreiben: ue (mr ln “22 N? 
statt: N um Sue Li xX 


Den ähnlichen aber schweren Vokal, wie er im Worte -ï vor- 
kommt, den man gewöhnlich auch mit ‚> schreibt, werden wir vom 
vorhergehenden durch ein darübergesetztes kleines Zeichen ~ unter- 
scheiden. 

Die vier Formen dieses Buchstabens werden also sein: 

Fit: 

Der Grund zur Einführung eines Unterscheidungszeichens über- 

haupt ist, daß es durchaus nicht gleichgültig ist, ob man „5 oder „5 


spricht, nachdem es Wörter gibt, die mit dem schweren `% ausge- 
sprochen eine ganz andere Bedeutung haben, als mit .<. Beispiele: 


*) Deutsch: i. 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 209 


y v wv 
Wir schreiben: ce cer tt wht 
è ’ . ve . k r 5 l 
statt . > Ls’ be> FAT a K > 


Man muß also die beiden Laute in der Schrift jedenfalls unter- 
scheiden. Daß ich aber gerade dieses Zeichen ~ gewählt habe und 
dabei noch die beiden Punkte hinsetze, hat seinen Grund erstens 
darin, daß dieses Zeichen dem System der türkischen Schrift nicht 
fremd ist, da es, abgesehen von der Zahl 7 auch oft als bloße Zierde 
zur Ausschmückung einer Inschrift verwendet wird, und wenn es bier 
nicht gerade als bloße Zierde gilt, so dient es doch nur zur Unter- 
scheidung von Lauten, die in der heutigen Schrift nicht unterschieden 
werden. Der lesekundige Türke braucht es also nur als bloße Zierde 
zu betrachten und wird den Text nach seiner Gewohnheit lesen 
können. Der zukünftige Lernende oder Fremde wird dagegen durch 
das bloße Zeichen Y zum richtigen Laut geleitet. Hier wären also 
die beiden Punkte eigentlich entbehrlich. Sie dienen nur zur Erleich- 
terung für den Übergang vom alten System zum neuen, ähnlich wie 
wir das beim Elif mit dem Medd, dem | besprochen haben. 

Beispiele von Wörtern, die mit = zu schreiben sind, sonst aber 
ihre gewöhnliche Gestalt beibehalten: 


+ vy. v vr {v v {v 
Wir schreiben: Ej plii Dni ma eNe 
. L wy os he ee ara. 
statt . CE) J pos ie As ' an war ae AR. be 


Wörter, in denen wir diesen Laut schreiben, wo er in der gewöhn- 
lichen Schrift ausgelassen wird: 


~~ y v v v w 
e . ot | 
Wir schreiben: UILA w „An sam > Ses ALLS 
I A: I: ` 4:9: ° 2: > 
.' - | 
e . . = I. Cio 
statt . en oon sont 2 I e on 


Endlich schreiben wir diesen Laut auf dieselbe Weise, wenn er in 
der gewöhnlichen Schrift mit anderen Buchstaben geschrieben wird. 


v ¥ v 
i i : u t cle 
Wir schreiben: ere sy Let yb 
statt: pene ) tal Be 


4. Der Buchstabe 
ohne Zusatz soll nur fiir den Konsonanten verwendet werden, worauf 
wir noch zurückkommen werden. Außer dem Konsonanten werden 
mit diesem Buchstaben auch vier verschiedene Vokale dargestellt, 
entsprechend den Wörtern: 


>,» Je se! eye 


210 Paul v. Jankó 





Um diese vier Vokale zu kennzeichnen, werden wir diesem Buch- 
staben vier verschiedene Zusätze von Punkten beifügen, und zwar den 
obigen Wörtern entsprechend: 


: ae os ° *) 
® $ ® > 
so daß die vier obigen Wörter auf folgende Weise geschrieben werden: 
Jii Js) $3 jŠ? m 
Das einfache Zeichen, ohne Zusatz, ist deshalb gerade für den Kon- 
sonanten gewählt worden, weil man in dieser Weise am besten an 
Bekanntes anknüpft. In der Tat können bei dieser Festsetzung Wör- 


ter, die mit dem Konsonanten ihre gegenwärtige Gestalt behalten, 


zum Beispiel: 
>| 


U 


Qe, 


» s Sig yrs 


während Wörter mit vokalischem Anfang fortan ohne Elif geschrieben 
durch die hinzugefügten Punkte darauf aufmerksam machen werden, 
daß hier etwas Besonderes vorliegt, also nicht wie sonst, wenn kein 
Elif dabei ist, der Konsonant zu lesen wäre. Beispiele: 


Wir schreiben: ws zes Us bay BE 
statt: we) leel Css el IE A 


Beispiele der Verwendung von . als Vokal, d. h. mit Zusatzpunkten 
in der Mitte des Wortes: 


Wir schreiben: 


>l 


statt: 


oy 
\ 
ee 


Veranderte Konsonanten. 


In diesem Kapitel betrachten wir Buchstaben, die Konsonanten be- 
deuten, die zu irgendwelcher Veränderung Anlaß geben, sei es in der 
Schrift, sei es im Lesen. 

1. Das „ als Konsonant wird mit dem unveränderten Zeichen ge- 
schrieben; nur die zugleich für Vokale übliche Verwendung hat Ver- 
änderungen erfahren, die bei den Vokalen besprochen worden sind. 
Beispiele für die Verwendung dieses Buchstabens „ als Konsonant: 


Wir schreiben: we adb, io 


statt: ef solo SY 339 OERD ybs 


* Deutsch: ti, 6, u, 0. 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 211 


Selbstverständlich werden wir diesen Buchstaben ganz auslassen, 
wo er gar nicht ausgesprochen wird, zum Beispiel: 


Wir schreiben: masl „> > 
statt: oh ke hS 


2. Den Konsonanten 
2 


verwenden wir in diesen beiden Formen ohne Veränderung. Nur 
seine beiden anderen Formen erhalten das Zeichen ~ oben: 


v v 
y A 


zur Unterscheidung von dem Vokal, den wir schon besprochen haben 
und den wir ohne Punkte schreiben. 

Wir schreiben auch diese Zeichen für den Hauchlaut, wo in der 
heutigen Schrift „~ geschrieben wird. 

Man könnte zweifeln, ob dieses als schwerer Konsonant nicht eine 
andere Aussprache habe als das >. Allein, dieses letztere Zeichen 
wird auch in Verbindung mit schweren Vokalen geschrieben, zum 
Beispiel in den Wörtern (3:3..9 „c.2. Andererseits kommt auch das 
Zeichen — in Verbindung mit leichten Vokalen vor, z. B. j> ANS 
=>. In der Aussprache eines Türken ist zwischen - und $ in den 
Wörtern „.i2 „.> kein Unterschied zu hören und, wie mich Nach- 
fragen überzeugt haben, besteht ein solcher Unterschied auch in sei- 
nem Empfinden nicht. Ein Beweis dafür ist auch, daß manche Wörter 
bald mit _ bald mit # geschrieben werden, zum Beispiel: 


ieee ( Zr (5°): LS 
Le> l> (#5 tral (5: l> 


Beispiele von Wörtern, in denen der Konsonant 5 in den vier Formen 


v v 
5 A 2 S 
vorkommt: 


Wir schreiben: wena oPh kan Syne ILS 
statt: thew wem u WS Bele 


3. Der Konsonant, der heute mit .s bezeichnet wird, behält in der 
neuen Schrift die Zeichen „ „, bei den Formen „s5 us fügen wir die 
beiden Punkte ebenfalls hinzu, um sie vom Vokal zu unterscheiden, 
den wir schon behandelt haben. Die vier Formen dieses Konsonanten 
werden also sein: 


(FS (& A 32 


212 Paul v. Jankó 


Der Grund, weshalb wir die Einteilung gemacht haben, daß diese 
Zeichen den Konsonanten bedeuten sollen, dagegen s ç 2 den 
Vokal, ist folgender: Wenn ein Zeichen ohne Elif am Anfang steht, 
so bedeutet dies in der heutigen Schrift einen Konsonanten; daher 
wird man das Zeichen „ am Anfang ohne Schwanken als Konsonanten 
lesen und die Wörter 


g is 
w 4s 


ey i wd 
behalten ihre gewohnte Gestalt. Fängt dagegen ein Wort mit dem 
Vokal an, wobei wir das Elif fortlassen, so macht die veränderte 
Lage der zwei Punkte den Leser darauf aufmerksam, daß hier nicht 
die unveränderte gewöhnliche Schreibart vorliegt. Überdies ist es 
auch vorteilhaft, daß unter den Zeichen (s „e die nebeneinander- 
liegenden Punkte mehr Platz haben, und daß die bequemeren Zeichen 
ohne Punkte häufiger vorkommen werden, weil der Konsonant am 
Ende selten ist. 


Beispiele von Wörtern mit dem Konsonanten 4: 


Wir schreiben: uw we wir y 
statt: Ad en mass vd 


4. Der Buchstabe | 
hat, wie bekannt, fünf verschiedene Aussprachen. Für die in den 


Wörtern 


vorkommende Aussprache behalten wir das Zeichen bei und schreiben 
diese Wörter nach den bereits bekannten Regeln: 


\ 
J 


Neben diesem Laut gibt es einen ähnlichen, den die Fremden davon 
nur schwer unterscheiden können. Er wird mit 


en 
geschrieben und verbindet sich bekanntlich nur mit den schweren 
Vokalen 


tos G 

Auch diesen Konsonanten behalten wir unverdndert bei. Fremde 
mögen nach s, besonders wenn ein schwerer Vokal folgt, einen leich- 
ten Konsonanten „ nachklingen lassen, wodurch sich die Aussprache 
der richtigen nähern wird. Für die Türken besteht keine Schwierigkeit, 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 213 


(4 J) 
zu unterscheiden, und es wdre gegen ihr Sprachgefiihl, wenn man 
diese beiden Laute mit demselben Buchstaben bezeichnen wollte. Wir 
schreiben 
deshalb: 5 S s gg o 
statt: 3 ry j ) S ) 3 5s jË 
Der Buchstabe J wird oft mit einem Laut ausgesprochen, der im 
Wort |5 vorkommt. Man trifft bereits in Lehrbüchern an, daß dafür 
dem Buchstaben oben ein langer Strich beigefügt wird. Um möglichst 
zu benutzen, was in Druckereien bereits vorhanden ist, nehmen wir 
dieses Verfahren an und schreiben 
K fí 
für diesen Buchstaben. Da die Formen x J diesen Strich nicht zu- 
lassen, werden wir dem Buchstaben am Ende des Wortes die Form 
geben: 


aS 
Demnach werden wir 
. ee a“ Za .z 
schreiben: Sa ust 538 oi 


statt: Jas oe 3 wy 


Die weiteren drei vorkommenden Aussprachen des Buchstabens J 
geben Laute, die wir bereits auf andere Weise darstellen können, und 
auch darstellen werden. Es sind dies die Laute 


30% 


Was das ‚; betrifft, ist dieser Laut oft eine Umwandlung des J 
infolge der grammatischen Abwandlung. Man schreibt in sy, ein 
y statt „., weil im ursprünglichen Wort s\,,5 der Buchstabe J vor- 
kommt. Es ist aber durchaus kein Grund vorhanden, es hier an- 
ders zu machen, als bei dem Buchstaben (5: den man auch nicht im 
Schreiben beibehält, wenn er sich in ¿ verwandelt, wie zum Beispiel 


in eel (at! aka, (Hp: 
Wir schreiben: easy TE us! as 


statt: So)! $US KeS | Kss 
Ebenso in Wörtern, die schon ursprünglich ein J mit der Aus- 
sprache des Konsonanten _; enthalten, 
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 5. 16 


214 Paul v. Jankó 





schreiben wir: a5 Jaso 9 =: 


statt: yp! Wo gN sh 


Die Wörter, in denen s als saghyr nun bezeichnet wird, enthalten 
keine wesentlich andere Aussprache, als wenn an derselben Stelle ein 
D stünde. Es gibt zwar einzelne Fälle, wo dieser Konsonant schwä- 
cher ist, als das ., für gewöhnlich, wie z. B. „Sa, WO er einen 
Nasallaut annimmt, allein zwischen zwei Vokalen, z. B. in ls: ist es 
ganz derselbe Laut wie in „u. Deshalb schreiben wir diesen Laut 


mit 
O 
Diese Schreibart gibt in den Fällen, wo durch Suffixe die zweite 
‘Person der Mehrzahl angedeutet wird, etwas zu viele gleichförmige 
Grundformen, zum Beispiel in 
een sy ga statt ma gm 


Da dies immer nur dann geschieht, wenn ein oder mehrere „5 zwischen 
anderen Buchstaben gleicher Größe vorkommen, wird es empfehlens- 
wert sein, die Anfangs- und Mittelform dieses Buchstabens etwas 
größer zu gestalten als dieselben Formen von 


2 2 3 3 3 
Dann wird das obige Wort so aussehen: 
oe 
Beispiele von Wörtern, wo wir der Aussprache entsprechend .., 
statt 4 = 
schreiben: ;83 AU, iso Us bs baw 
statt: jK MS; a WS gan 


Endlich soll in den wenigen Fällen, wo . wie . ausgesprochen 
wird, natürlich auch dieser ‚letztere Buchstabe geschrieben werden. 


Beispiele: 
: : dees lange 4 
Wir schreiben: D532 SP 


m >> 


7 


statt : 23,05 


5. Der Buchstabe 
J 


hat im Türkischen zwei verschiedene Aussprachen, die von Tiirken 
genau eingehalten werden und beispielsweise in den beiden Wörtern 


Sos ST 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 215 


—— 


vorkommen. Es gibt sogar Wörter, die verschiedene Bedeutung haben, 


je nachdem man sie mit dem einen oder anderen | ausspricht, wie 
ed. i | 

Nach den dargelegten Prinzipien müßten wir also für diese zwei 
verschiedenen Laute zwei verschiedene Bezeichnungen einführen, und 
es würde sich dafür die Einrichtung am besten eignen, für das leichte 
j dieses Zeichen ohne Zusatz zu verwenden, für den schweren Laut 
dagegen das Zeichen Y unterhalb dieses Buchstabens anzusetzen. 
Wenn ich dies hier trotzdem unterlasse, und für beide Laute den einen 
Buchstaben | verwende, wie das in der heutigen türkischen Schrift 
geschieht, so bestimmen mich dazu folgende Gründe: 


I. Wörter, die mit beiden Lauten gelesen werden können und dabei 
verschiedene Bedeutung haben, scheint es nur die oben angeführten 
zu geben. Es ist mir wenigstens nicht gelungen, in dem vorzüglichen 


Türkisch-Deutschen Wörterbuch von (3.35 > |; (SiS weitere 
zu finden. 

2. Fremden macht die Unterscheidung dieser beiden Laute große 
Schwierigkeiten. In der Regel können sie entweder nur das eine oder 
nur das andere gut aussprechen, z. B. die Engländer das schwere |, 
die Deutschen das leichte. Für sie bietet also die verschiedene 
Schreibung dieselben Schwierigkeiten, wie wenn sie einen und 
denselben Laut bald mit einem bald mit anderem Buchstaben zu 
schreiben hätten, wie das zum Beispiel für den Laut der Buchstaben 
; 5 der Fall ist. | | 


3. Die schriftkundigen Türken sind an die gemeinsame Bezeichnung 
der beiden Laute schon gewohnt, werden also keine Schwierigkeit im 
Lesen finden. 


4. Für jene, die die beiden Laute aussprechen können, lassen sich 
Regeln aufstellen, mit denen man in den weitaus meisten Fällen die 
richtige Aussprache treffen kann. Ausnahmen sind nur in verhältnis- 
mäßig geringer Anzahl vorhanden, so daß man sie auswendig lernen 
kann. In dem eben genannten vorzüglichen Wörterbuche, das unge- 
fähr 15000 Wörter enthält, kommen etwa 4500 vor, die den Buch- 
staben j enthalten. Davon müßten nur ungefähr 60 als Ausnahmen 
von wenigen einfachen Regeln aufgezählt werden; gewiß eine relativ 
geringe Zahl von Wörtern, die man sich merken kann. Ich werde 
diese, meines Wissens zum erstenmal von mir zusammengestellten 
Regeln an anderer Stelle veröffentlichen. 

Aus diesen Gründen verwenden wir die Buchstaben 


Xy ee 
16* 


216 Paul v. Janko 


genau so wie in der heutigen Schrift. Deshalb gehGren diese Buch- 
staben, streng genommen, ins erste Kapitel; nur weil tiber sie doch 
Bemerkungen zu machen waren, haben wir sie hierher versetzt. 


Beispiele: 
Y 


Wir schreiben: wes (ab In S55 


Lange Vokale und doppelte Konsonanten. 


Im Arabischen wird der Buchstabe ç hörbar ausgesprochen als ein 
Laut in der Kehle, während die Türken in den Wörtern, wo dieser 
Buchstabe nach einem Vokal vorkommt, diesen Vokal bloß verlängern. 
Beispiele: 

„Net pplz. re 

Wir benutzen diese Aussprache, um die Verwendung des Buch- 
stabens ¢ auf alle Fälle auszudehnen, um mit ihm einen langen Vo- 
kal zu bezeichnen. Wir schreiben deshalb die obigen Wörter: 


und in ähnlicher Weise 
schreiben wir: Ami weni ui ee 
statt: Ars Walt gu C bU ut 


2. Doppelte Konsonanten könnte man mit gleichem Recht auch 
lange Konsonanten nennen. Im Arabischen besteht für sie schon ein 
besonderes Zeichen, das in den türkischen Druckereien zur Verfügung 
steht. Wir werden ihn deshalb verwenden, natürlich auch dort, wo 
er nach der heutigen Orthographie nicht verwendet wird, wenn seine 
Anwendung gerechtfertigt erscheint. Beispiele: 


o 


Wir schreiben: ya zu Ines we’ Ar LsL ve‘ 


oes 
oe 
1 


statt: ed zu) Je) cot wes > Ust 


Naturgemäß sollte man einen Konsonanten wirklich zweimal schrei- 
ben, wenn ein Doppelkonsonant durch Hinzutritt eines zweiten ent- 
steht. Zum Beispiel: 


Nachdem es aber doch nicht jedermanns Sache ist, die Ableitung 
eines Wortes sofort zu erkennen, möchte ich vorschlagen, daß man 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 217 


in diesen Fällen fakultativ auch den Gebrauch des Zeichens ~“ zuläßt, 
daß man also für obige Wörter schreiben darf 


-~ -~ ww 


Arabische und persische Worter. 


Man kann nach meinem System auch arabische Wörter nach ihrer 
türkischen Aussprache schreiben. Daß derjenige, der für die arabische 
Schreibweise eine Vorliebe hat, diese Wörter auch als Fremdwörter 
in der bisherigen Weise schreiben kann, ist selbstverständlich. Ob 
dies aber zweckmäßig ist, bleibt eine andere Frage. 

Wenn einerseits die Moslims in ihrem heiligen Buch, dem Koran, 
die arabische Sprache für unantastbar erklären, so haben sie recht, 
abgesehen von Gründen der Pietät auch deshalb, weil die Erfahrung 
lehrt, daß eine Übersetzung niemals die Sicherheit bietet, den Sinn 
des Originals ganz genau wiederzugeben. Und wenn man andererseits 
für originale arabische Wörter, die in ihrer nationalen Weise flektiert 
sind und in ihrer nationalen Aussprache verlautet werden sollen, aus 
ähnlichen Gründen die originale arabische Schreibweise, gleichsam als 
unantastbar verwenden will, so mag das auch seine Berechtigung 
haben, die gleiche oder sogar noch größere als wenn man griechische 
oder französische Originalwörter in ihrer nationalen Schreibweise mit 
griechischen und lateinischen Buchstaben darstellte. Aber arabische 
Wörter in türkischer Weise aussprechen, da man die betreffenden 
Laute, wie z.B. das arabische g u> usw. nicht hervorbringen kann 
oder diese und andere arabische Wörter in türkischer Weise ab- 
wandeln, und dann einen Teil von ihnen doch in arabischer Weise 
und den anderen in türkischer Weise zu schreiben, z. B. Al- das 
ist eine Inkonsequenz, mit der man aus logischen, wissenschaftlichen, 
praktischen und nationalen Gründen brechen sollte. 

Das gleiche gilt von persischen Wörtern, z.B. „ı>1,>. 

Aber selbst derjenige, der an dieser Schreibweise festhalten will, 
sollte daneben als gleichberechtigt eine Schreibweise zulassen, die 
dem türkischen Volk möglich macht, diese Wörter ohne besondere 
Studien zu lesen, und die der türkischen Sprache die Möglichkeit 
bietet, solche in der Abwandlung bereits in türkischer Weise behan- 
delte Wörter ihrem Sprachschatz endgültig einzuverleiben. 

Für die Schreibung der arabischen und persischen Wörter in tür- 
kischer Art gelten in der neuen Schrift folgende Grundsätze: 


218 Paul v. Jankó 





1. Uber die Verwendung des Medd ~ und Teschdid - ist schon ge- 
sprochen worden. Die Zeichen Ustün °, Esre ., Otürü ’ und Sükjün ‘ 
sind ganz entbehrlich, nachdem wir ohnehin jeden Vokal ganz genau 
schreiben. 


2. Wir können auch anstatt die Zeichen | und x zu verwenden, 
die sie enthaltenden arabischen Wörter vollkommen deutlich nach 
den hier dargelegten Regeln schreiben: 


Wir schreiben: D5 os VIE ps) Cpe 


statt: 5. Ass be lyes Lox, 


I 


3. Es folgt auch aus den Prinzipien unserer neuen Schrift, daß wir 
bei der persischen Yzafet-Konstruktion das (¢ nicht verschweigen 
werden. Beispiele: 


Wir schreiben:  TÄei cs he5> mig Ws ELN ohel>s, 
statt: plac! Jeo ris SKS Ww d>, 


4. Das arabische Zeichen Hemze * verwenden wir nur, um die 
Unterbrechung der Stimme anzudeuten. Wir werden es deshalb nicht 
über andere Zeichen setzen, sondern allein, an der Stelle, wo die 
Unterbrechung erfolgen soll. Beispiele: 


E = 


Wir schreiben: han 3 Ow bas 23 e's weds aS 


statt: mm ee mol wold 
und dort, wo man nach der üblichen Schreibweise ein - schreibt, 
aber die Stimme nicht unterbricht, lassen wir das Zeichen weg, 
zum Beispiel: 
Wir schreiben: > > 
statt: > > 
5. In arabischen Ausdrücken, wo eine Assimilation des j des Ar- 
tikels j! an das nächste Wort stattfindet, werden wir nicht ð schrei- 
ben, sondern den Laut, der ausgesprochen wird, zum Beispiel: 
Wir schreiben: eiS 5 3 ur ma nid 


oder: pba è os. my, S Ue wd 


statt: elan! 5.3 oi, e aaie! 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 219 


Gleich geschriebene aber verschieden lautende Wörter. 


Um zu zeigen, wie vorteilhaft man mit der neuen Schrift genau 
das beabsichtigte Wort darstellen kann, führe ich hier eine Anzahl 
Wörter an, die in der gewöhnlichen Schrift mehrere verschiedene 
Aussprachen haben und lasse dann diese Aussprachen in der neuen 
Schrift folgen: 


ee MS oes ee 
P ye ss ST 


Wi sela 5 N an Ken a! 


Zusammenhängender Text. 


In folgendem gebe ich einen zusammenhängenden Text, auf der 
einen Spalte in gewöhnlicher Schrift, auf der anderen in der neuen 
türkischen Nationalschrift. Der des Türkischen kundige Leser kann 
sich daran überzeugen, daß er die neue Schrift wirklich lesen kann, 
nachdem er das vorliegende Werkchen bisher eben nur durchgelesen, 
also keine besonderen vorbereitenden Studien gemacht hat. Mehrere 
Türken haben auf den ersten Blick Texte in dieser Schrift gelesen, 
sogar ohne von deren Existenz überhaupt gehört zu haben. Ja, um 
die neue Schrift lesen zu können, sind türkische Sprachkenntnisse 
nicht einmal erforderlich; es genügt dazu die Kenntnis des Alphabets, 
d. i. aller Formen der S. 203 aufgeführten, beibehaltenen Buchstaben 
und der vorstehend beschriebenen neuen Zeichen. 


220 


Gewöhnliche Schrift. 
wv ons >) GORA AL) gow Gen . 4. 
BJ eno Cys N (ewe (95, : Pe) 


uses Urs pe : 


“(982 spasli ie kali 
Ane thank t A deia gA Lwm 
pee hae ai 
f esd bw LS AU Ausb Jez 
pra Ske a „N DAD ANAS m elisi 
Ma Ab a A AS 


hsa 
lo ee Als tha u In 


pore 


Cased ganesh aly 


Ned Ges Ts iyo Ka, 
sel ty El ne ae 
Ka Ami hot rn Au 
Pf "hl 8,8 
(Mad als 525 » 


Am Spruce 
alas > „ 
lso 


2 Da Ai edu ad 


„padl o> Di 


SA us a> Juan cp ye 
cya shally cy we Du acute 

„el >). Sp yy mas i 
ANANSI &> ji beo er > 
ro Sn sna Led © nnd m LSS 
oy ar 


A 


3 Am) 5 Azi 


or. as 


oe 


(Aus der Zeitung „Tanin‘.) 


Paul v. Jankó 


Neue Nationalschrift. 
u Me U he Aegi 
ig ©) soles One Be Er 
> eis ar“ on 
Se Ces st Male gr re 
mg 5) 55 % 
St pls alta Jim 
; 23. wee Z t te 
a lim ST ed i 
re Wy pole ige ‚je 
Am Ale Ub a URE Ly HHS 
Be Be x 
‚m Fr yo Be soy „ ums past: 
P v Yy 
Im Blo Ge Wasika be o> 


Late Alb e 


® b 
.... \ v5 
or 


o> 


> ve oe 
= en 3 oe 2 


Ska, 


Ges, 2 “58 pele vy s, prs! uam 
Lw ia Aelis. Be 1,4215 ser gl 


ooo T ER 
ar. Mia Fr 


„ul,..> yan ose only > pees 


Ja. ASS, 3 3 ‚gehahess 


Se 
J. jy) Gk 


wld sé ‚Sal gs iss alow aiid 
Be Jess ts rile des seh: 
5 Leb Ht de os s lyla AA) 
Us (yo Mtr en gen se oe 


DE ee Ged: 
ed Ne ir ¿i> jhezs> 
isto Lild sp bwjles oy Se 


i md m 
Se TO 


S)? A! u 0h OPRAH 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 221 


Die Nebeneinanderstellung der beiden Schriftarten hat auch den 
Zweck, ihre Längen vergleichen zu können. Daß die neue Schrift 
länger ausfallen muß als die bisherige ist begreiflich, nachdem wir in 
ihr jeden Laut ausschreiben oder durch einen Zwischenraum kenntlich 
machen, während die gewöhnliche Schrift den Konsonanten sehr oft 
ganz ausläßt. Allerdings stehen dem gegenüber die Fälle, wo in der 
neuen Schrift das Elif am Anfang des Wortes erspart wird. Hier haben 
wir also eine Abkürzung; allerdings kommt dieser Fall seltener vor. 

Im ganzen sehen wir, daß die neue Schrift nicht viel länger wird, 
als die bisherige. Die beiden Texte sind in derselben Schriftgattung 
gedruckt und die 24'!/;, Zeilen der gewöhnlichen Schrift erfordern 26 Zeilen 
der neuen; das bedeutet eine Vermehrung um 7 Prozent, gewiß ein 
geringer Betrag gegenüber dem Gewinn einer eindeutigen, leichten und 
vollkommen klaren Schrift, die an Regelmäßigkeit, Einfachheit und 
Kürze die Schriftsysteme der großen Kulturvölker übertrifft. 


Bemerkung über die Grenzen der Phonetik. 


Dieses Schriftsystem ist phonetisch, d.h. ein Zeichen wird nur dann 
geschrieben, wenn der entsprechende Laut gesprochen wird. Man 
könnte hiergegen die Etymologie geltend machen, und sagen, daß die 
Buchstaben einer Wurzel immer gleich geschrieben werden sollten, 
auch wenn sich deren Aussprache ändert. Hierauf wäre zu erwidern, 
daß eine solche strenge Berücksichtigung der Etymologie nicht einmal 
in der heutigen türkischen Schrift besteht. Man schreibt in den Wör- 
tern Sens oS oas bald w, bald o, je nach der Aussprache, obwohl 
es sich immer um denselben Bestandteil der Wurzel handelt. Das- 
selbe gilt von den Wörtern „2, ur von denen S. 213 die Rede ge- 
wesen ist. Es wäre also unberechtigt, gegen die Einführung der neuen 
Schrift einen Einwand zu erheben, den man auch gegen die heutige 
türkische Schrift geltend machen kann. 

Andrerseits würde die Einführung der neuen Schrift nicht hindern, 
daß man in gewissen, genau bezeichneten Fällen Abweichungen von 
der streng phonetischen Schreibweise festsetzt, wenn das zweckmäßig 
erscheinen sollte. Beispielsweise könnte man in den Wörtern „A, 
SE das > und das ~ beibehalten, trotzdem sie wie > und _ ausge- 
sprochen werden, weil es eben kaum möglich ist, sie am Ende des 
Wortes anders auszusprechen, daher die Abweichung von der streng 
phonetischen Schrift keine Folgen hätte. Das gleiche gilt vom ~ des 
Wortes ;m;l3S sowie vom v im Suffix des Wortes .s»x.!,_ Derartige 
Fälle könnten den Gegenstand einer wissenschaftlichen Erörterung 
bilden, aber sie sind kein giltiger Einwand dagegen, die neue Schrift 


222 Paul v. Jankó 


einzuführen und ihre Vorteile dem türkischen Volk und allen Fremden, 
die dessen Sprache erlernen wollen, zuzuwenden. 


Schreibschrift. 


Um die zu Anfang dieser Abhandlung aufgezählten Vorteile der 
heutigen türkischen Schreibschrift zu genießen, werden wir alle ihre 
Besonderheiten beibehalten, also alle abgekürzten Formen und Zu- 
sammenziehungen, die in der heutigen Schreibschrift bestehen, unver- 
ändert herübernehmen, ebenso die vereinfachte Darstellung der zwei 
und drei Punkte. Auch das neu eingeführte Zeichen wird in der 
Schreibschrift seine Form beibehalten. 

Nur ein Zeichen und ein Buchstabe geben Anlaß zu Bemerkungen: 


1. Die zwei Punkte untereinander, die wir für die Buchstaben 


J A ® 
: : 4 


aufgestellt haben, sollen in der Schreibschrift als ein kurzer gerader 
vertikaler Strich dargestellt werden, zum Beispiel in den Wörtern: 


u» 59 

2. Es sind Regeln angegeben worden für die Fälle, wo wir den Kon- 
sonanten » mit diesem Zeichen oder mit dem Zeichen a drucken; in 
diesen Fällen werden wir auch in der Schreibschrift die ähnlichen 
Zeichen verwenden, zum Beispiel in 


A) sl 


3. Wo dagegen dieser Konsonant im Druck durch die bloße Unter- 
brechung anzudeuten ist, werden wir in der Schreibschrift die ab- 
gekürzte, nach unten gezogene Form des Buchstabens » anwenden, 
zum Beispiel in 

53 u? 

Nach den vorstehenden Bemerkungen wird jeder der türkischen 

Schreibschrift Kundige die neue Nationalschrift schreiben können. 


Fremde Eigennamen. 


Von geographischen Eigennamen haben einige eine spezifisch tür- 
kische Form erhalten, z. B.: 


aigb Duds Sup BL 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 223 





Diese schreiben wir natürlich nach den Grundsätzen der neuen 
Schrift, also für obige Wörter 


lea ‘ . '. | 
es -$ | i 


Andere geographische Eigennamen sowie fremde Personennamen 
sind bisher immer nach der Aussprache geschrieben worden. Das war 
freilich nur sehr unvollkommen möglich, und von den Namen 


dave! pe 
kann niemand erraten, der es nicht gehört hat, daß die Träger der- 
selben so heißen, wie wir sie nach den Regeln der neuen Schrift 
darstellen: 

Las 

Man kann mit unserer neuen Schrift fremde Eigennamen mit ziem- 
licher Annäherung an die richtige Aussprache bezeichnen. Durch 
Aufstellung neuer Zeichen oder Verwendung der fortgelassenen Buch- 
staben oder durch Einführung neuer Punkte könnte man darin noch 
viel weitergehen, ja man könnte auf diese Art zu jeder beliebigen 
Genauigkeit gelangen. Man darf sich aber nicht vorstellen, daß damit 
bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge ein praktischer Zweck er- 
reicht werden könnte, denn durch die meisten dieser Zeichen würde 
man doch nur Laute vorschreiben, die im Türkischen nicht vorkommen, 
und deshalb von den meisten Türken nicht ausgesprochen werden 
könnten, falls sie die betreffende Sprache nicht schon kennen oder 
sie nicht spezielle darauf gerichtete Studien machen. 

Deshalb scheint es mir einerseits zweckmäßig, die Einführung neuer 
Bezeichnungen möglichst zu beschränken, andererseits dafür zu sorgen, 
daß Laute, die im Türkischen nicht vorkommen, nicht nur durch mög- 
lichst ähnlich lautende türkische Buchstaben ersetzt werden, sondern 
auch immer durch die gleichen, also beispielsweise das griechische © 
nicht das eine Mal durch ~, wie es in westeuropdischen Sprachen ge- 
schieht, das andere Mal durch _: wie es im Russischen geschieht. 

Von neu einzuführenden Zeichen schlage ich nur die folgenden vor, 
die wahrscheinlich keinem Türken ernstliche Schwierigkeiten bereiten 
werden: 

-1. Für das sehr offene », dessen Aussprache zwischen s und | liegt, 
und das unter anderem im Französischen, Deutschen, Englischen und 
Ungarischen vorkommt, schlage ich das Zeichen 


NOK 


s> ) 


~ ~*~ 


y N 


vor. Diesen Laut kann man oft von Türken selbst aussprechen hören, 
namentlich in gewissen arabischen Wörtern, z. B.: 


Au oe 


224 Paul v. Janko 


Wir werden deshalb, wenn es auf genaue Bezeichnung ankommt, 
diese Wörter schreiben: 


~ 


MN gz) 


Beispiele für europäische Eigennamen, in denen dieser Laut vor- 
kommt: 
EAs ir zei: EnA w 
Voltaire Mackey Baer Szent 


2. Den Vokal, der zwischen ! und . lautet, den man also als sehr 
geschlossenes ' oder als sehr offenes „ bezeichnen könnte, bezeichnen 
wir mit 


> 


Dieser Laut kommt unter anderen im Englischen, Ungarischen und 
Schwedischen vor. Beispiele: 


ek ie A Ale 55 


Tisza Abo Falstaff 


3. Für die unter anderen im Französischen vorkommenden Nasal- 
laute verwenden wir das Zeichen 


nn 


es 


das wir nach dem Vokal anbringen. Beispiele: 


Verdun Rouen Lyon 


Auch dieser Laut kann von Tiirken ausgesprochen werden; man 
hört beispielsweise das = im Wort »+,).~ oft in dieser Weise aus- 
sprechen; wie bekannt, nennt man in diesem Falle den Buchstaben 
~ saghyr nun und setzt fiir ihn manchmal bereits das oben angefiihrte 
Zeichen. 

Für andere fremde Laute setzen wir möglichst ähnlich lautende 
türkische Buchstaben. Hier folgen Bemerkungen über einige solche. 


r. Die Laute der beiden griechischen Buchstaben 4, ©. Die meisten 
europäischen Völker können diese Laute nicht aussprechen und Deut- 
sche, Franzosen, Italiener und andere Völker schreiben für das eine 
th oder t und sprechen es ~ aus, fiir das andere schreiben sie d 
und sprechen es 5 aus. Auch wir werden dies tun und schreiben: 


mA dam gAI0 und 24 
Aayunälär: Arunsdevn: Asotdxy,: 


Thukydides Demosthenes Theotokis 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 225 


Diese Laute kommen auch im Englischen vor und werden dort beide 
mit th bezeichnet. 

2. Der kurze tonlose Laut, der im Französischen mit e bezeichnet 
und stummes e genannt wird, hat am meisten Ähnlichkeit mit 


$ 
Wir setzen deshalb für ihn diesen Buchstaben. Beispiel: 
KW y 
Le Blanc 


3. Auch in deutschen und englischen Namen treffen wir ein kurzes 
an; es lautet aber in diesen Sprachen nicht wie „; deshalb schreiben 
wir es nach den Regeln, die wir für » aufgestellt haben. Beispiele: 
ya aa BR 58 
Kitchener Moltke Brenner Werder 


4. Für den kurzen tonlosen Laut, der dem Vokal ; verwandt ist, 
und der im Englischen mit w, im Deutschen, Italienischen, Fran- 
zösischen nach q mit u geschrieben wird, setzen wir den Konsonanten 


> 
der ihm einigermaßen ähnlich ist, z. B.: 
aly 95! ss ug AN warily? 
Aquileja Worth Lindquist Quandt 
5. Im Deutschen, Französischen, Italienischen, Ungarischen und in 
anderen Sprachen kommen Laute vor, die man französisch 
mouille 
nennt. Sie bestehen in sehr engem Anschluß eines 
S$ 
an den vorhergehenden Laut, der sein kann 
2 oy dJ 
Nachdem man schon jetzt ,.i. schreibt fiir ein Wort, das aus dem 


Italienischen stammt und diese Verbindung des = mit ., enthält, 
werden wir auch die anderen Kombinationen analog schreiben, z. B.: 


REN gms IF Seh 
Agliardi Gauthier Bourgogne Bouillon 


6. Die tiirkische Sprache kennt keine Diphtonge. In ihr werden 
alle Vokale deutlich gesondert ausgesprochen. Deshalb wird man 


226 Paul v. Jankó 





genötigt sein, auch mit den Eigennamen so zu verfahren. Man wird 
also schreiben: 


gi pr ur se 23.) 


Boileau Bauer Deutsch Louis Greiff 


In folgendem gebe ich auch einige Beispiele aus dem Telephon- 
Adreßbuch von Konstantinopel, und ich führe dabei an, in welcher 
Weise die Namen in dessen türkischem Teile widergegeben sind. 


Wir schreiben: hi oF Le JS „Ss SER Wen 
fiir : Hiigel Gergely Bessoudo Léon 
Wir schreiben: AASA ORS is F „ex 
. « tee? ° $ > s: 
statt: Asean! cy „ber Air 
für: Steiner Huguenin Müller Loeffler 
Wir schreiben: ye era's lm SF 
statt: ye grsls CD yo daw! NF 
fiir: Vendeuvre Stewart Hegyei 


Man könnte außer den Eigennamen der fremden Völker sogar ganze 
Sätze ihrer Sprachen in ziemlich angenäherter Aussprache darstellen, 
was gelegentlich von Nutzen sein kann, beispielsweise wenn man ein 
fremdes Sprichwort oder dergleichen zitiert, wie wir das an einem 
Beispiel zeigen wollen: 


wo 


we) { Ss we) sd35 
A - - 


Deutsch: Ende gut, alles gut. 


- 


se wos TS) Sse umke} 
Englisch: All’s well that ends well. 


id Dim m 


Französisch: Tout est bien qui finit bien. 


An 


Griechisch: Thos avatley Th ROVT availa. 
4 i 


Auf Türkisch bedeutet dies: 


) e?! Lem oyin us! 


und wird in unserer neuen tiirkischen Nationalschrift geschrieben: 


FPS Uc OF yu” 


Ə 


Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 





Zusammenfassende Tabelle. 


1. Unverändert beibehaltene Konsonantenzeichen: 


a! a S E sg i is 


2. Vokale: 

















Gegenwärtige Schrift Deutscher 
chstabe _ Im Worte Allein Anfang | Mitte Ende Laut 
$ Se i — | — L a 
: Unter- 
i > : _ | brechung i | S 
US wes 3 4 oe j i 
2 ¥ v v v i 
cs se" ! Le 2 A LS > e e oo 
: Je fs = == > o 
: 200008 — | — 3 u 
ne le Ss ö 
| ©» > = = > ü 
*) Am Anfang des Wortes: à 
3. Veränderte Konsonantenzeichen: 
Gegenwärtige Schrift | Neue Nationalschrift 1 Deutscher 
Buchstabe Im Worte , Allein Anfang | Mitte Ende Laut 
2 | 2 aS wy $ x X g€ 
$ Jr ce 2 a = 
z | v v 
> | ;? y > = N h 
4. Zeichen fiir Anderung (Modifikation) der Laute: 
j Neue Nationalschrift 
Art der Modifikation en 
Allein | Anfang Mitte Ende 
Verlängerung des Vokals a = = < 
Verdoppelung des Konsonanten 3 == | = = 
Unterbrechung der Stimme. . s — — —- 








Neue Nationalschrift 











228 Paul v. Jankó Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift 





5. Fremde Laute: 





Neue Nationalschrift 





Sprache Buchstabe — ——-- — —— Dam, va ee an a E 
Allein | Anfang | Mitte | Ende 
si gS a aan ee in wr eo Ee i 
Englisch . . . aw i! 8 — | — + 
è | 3 | as | oe x 
Französisch . . z | ur 
| Nasallaute | u — — eN 


6. Fortgelassene Buchstaben: 


., o : i 
=- ë b > cw Yd T I 


7. Vorschlag zur alphabetischen Reihenfolge der Zeichen für die 
türkischen Laute in der neuen Schrift (von rechts nach links zu lesen): 


Se der lm 3’ zo cz Py 


Pos SS FF SEE Et HO NV A 

Vorhandene Namen werden beibehalten, die neuen Vokalzeichen 
mit ihrem Laut benannt, und für das Zeichen «f der Name af, „ge“, 
eingeführt. 


pe a + 3 | — piak 





VERLAG VON K. F. KOEHLER - LEIPZIG 


Frankfurter historische Forschungen. Neue Folge. Heft 1. 
Herausgegeben von Georg Küntzel und Fritz Kern. Frankfurter Hoch- 
schulpläne 1384—1868. Von Professor Dr. Rudolf Jung, Direktor des 
Stadtarchivs in Frankfurt a. M. Preis: brosch. 5 Mk. 







Quellenkunde zur Weltgeschichte, unter Mitwirkung von Privat- 
dozent Dr. A. Hofmeister und Oberlehrer Dr. R. Stübe herausgegeben 
und bearbeitet von Professor Dr. Paul Herre. XII und 400S. gr. 8°. 
Preis: brosch. 4.80 Mk., gebunden 5.50 Mk. 


























Mittelalterliche Studien, I. Band, 1. Heft: Humana Civilitas (Staat, 
Kirche und Kultur). Eine Dante-Untersuchung, herausgegeben von Privat- 
dozent Dr. Fritz Kern. Preis: brosch. 7.50 Mk., in Hibfrz. geb. 9.50 Mk. 


Die Arbeit bildet das erste Heft eines größeren Unternehmens, das sich die Erforschung 
des nun in allgemeingeschichtlicher Beziehung (Staat, Kirche, Kultur) zur Aufgabe 
macht 






Die lateinischen Demokratien Amerikas von F. Garcia-Cal- 
deron. Ins Deutsche übertragen von Max Pfau. Preis: brosch. 6 Mk., in 
Hibfrz. geb. 8 M. 

In geistvoller Form, auf Grand eingehender Studien schildert der Verfasser, ein junger 
peruanischer Diplomat, den Werdegang der einzelnen Republiken auf geschichtlicher Basis, 


vor allen Dingen in kultureller Beziehung. Als vollkommen neu ist der deutschen Ausgabe 
des Buches eine südamerikanische Bibliographie angegliedert. 


Die Parteiherrschaftin den Vereinigten Staaten von Ame- 


rika, ihre Entwicklung und ihr Stand. Von William Milligan 
Sloane, Ph. D., L. H. D., L. L. D., Professor der neueren Geschichte an 
an der Columbia-Universităt, New York. Roosevelt-Professor an der 
Universität Berlin im W.-S. 1912/13. Amerikanischer Gastprofessor an 
der Universität München im S.-S. 1913. Preis: brosch. 5 Mk., in Hibfrz. 
geb. 7 Mk. 

In diesem Buch hat der Austausch-Professor Dr. Sloane seine Vorlesungen an den Un! 
versitäten Berlin und München niedergelegt. Der Inhalt soll als Leitfaden der amerikani- 
schen Politik dienen, die von der Entwicklung der Parteiherrschaft an bis in die Neuzeit 
in 82 Kapiteln unter Verwertung erfolgreicher Studien anderer Forscher ausführlich be- 


handelt wird. Die dem Werk angefügte Beilage enthält die Bündnis- und Verfassungs- 
bestimmungen, Liste der Präsidenten usw. 












Quellensammlung zur Geschichte des Mittelalters und 
- der Neuzeit. Von Alfred von Weißembach. Erster Band: Quellen 
zur Geschichte des Mittelalters bis zur Mitte des dreizehnte® 
Jahrhunderts. Preis: geb. in Leinen 5.75 Mk. 


Diese Quellensammlung bietet die wichtigsten Urkunden und Auszüge aus Quelle, 
schriftstellern in handlicher Form, sie soll in erster Linie dem Studierenden die Übersic® 
über den großen Stoff erleichtern und das zeitraubende Aufsuchen in anderen, zum Teil 
schwer zu beschaffenden Werken ersparen. Besonders die für die Neuzeit geplanten Bände 
werden für weitere Kreise, z. B. Politiker und Journalisten, Interesse haben. 


Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 


Druck von Breitkopf & Hartel in Leipzig 





„nm ade Ar 








i ii UL ll Ds Fe ne A 





229 





Uber die mutmaBliche stenographische 
Entstehung der ersten Quarto von 
Shakespeares „Romeo und Julia“. 


Von 
Dr. phil. Adolf Schöttner. 


ERSTER TEIL. 


Bisherige Theorien úber die Entstehung der ersten 
Quarto. 


hakespeares „Romeo und Julia‘ ist uns in fünf Quartausgaben über- 
Sia und ist auch in sämtlichen vier Folioausgaben enthalten. Die 
erste Ausgabe, die wir besitzen, war eine Quartausgabe. Sie erschien 
im Jahre 1597 mit dem Titelblatt: 


„An excellent conceited Tragedie of Romeo and Juliet. As it 
hath been often (with great applause) plaid publiquely, by the right 
Honourable the L. of Hunsdon his Seruants. London. Printed by 
John Danter 1597.‘ 


Ein Exemplar dieser Ausgabe befindet sich im Britischen Museum in 
London unter der Signatur C 34 k 55. 

Bereits zwei Jahre spater folgte dieser Ausgabe eine neue Quartausgabe, 
deren Titelblatt lautete: 


„Ihe most excellent and lamentable Tragedie, of Romeo and Juliet. 
Newly corrected, augmented, and amended. As it hath bene sundry 
times publiquely acted, by the right Honourable the Lord Chamber- 
laine his Seruants. London. Printed by Thomas Creede for Cuthbert 
Burby, and are to be sold at his shop neare the Exchange. 1599.“ 


Auch von dieser Ausgabe befindet sich ein Exemplar im Britischen 
Museum unter der Signatur C 12, g 18. 

Der Absatz dieser Ausgaben muß ein sehr guter gewesen sein, denn 
1609 erschien eine dritte Quartausgabe, die folgendes Titelblatt hatte: 

Prof. De. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6. 17 


230 Adolf Schéttner 





„Ihe Most excellent and lamentable Tragedie of Romeo and Juliet. 
As it hath bene sundrie times publiquely acted by the Kings Maiesties 
Seruants at the Globe. Newly corrected, augmented and amended. 
London: Printed for John Smethwick, and are to be sold at his Shop 
in Saint Dunstanes Church-yard, in Fleete streete under the Dyall. 
1609.“ 


Von dieser Ausgabe sind im Britischen Museum zwei Exemplare vor- 
handen unter der Signatur C 34 k 56 und C 34 k 57. 

In der ersten Folioausgabe von 1623 ist das Stück auch enthalten, und 
zwar in einem verschlechterten Abdruck der Quarto von 1609. Bei dem 
Verleger der dritten Quarto erschien bald nach der Herausgabe der ersten 
Folio, vielleicht aber auch vorher — genau läßt sich das nicht feststellen — 
eine neue Quartausgabe ohne Jahreszahl mit gleichem Titel wie die dritte 
Quarto, aber zum ersten Male mit dem Zusatze: written by W. Shakespeare. 

Die zweite Folioausgabe von 1632 brachte das Stück auch wieder. 1637 
erschien die letzte Quartausgabe bei demselben Verleger, der die vorher- 
gehenden beiden Quartausgaben verlegt hatte. Die Folioausgaben von 
1664 und 1685 enthielten das Stück natürlich gleichfalls. 

Das Schema, das sich in bezug auf die Abhängigkeit der einzelnen 
Ausgaben voneinander ergibt, ist sehr einfach. Es ist folgendes: 


Qı 
Q3 
ER 
ne n 
Qs i 
F3 
| 


F4 


Alle Ausgaben mit Ausnahme der ersten beiden Quartos gehen immer 
auf die vorhergehende zurück. Die beiden ersten Quartos weichen aber 
so stark voneinander ab, daß die sonderbarsten Vermutungen über deren 
‚ Ursprung laut geworden sind. 

Leider war es mir nicht möglich, die ältesten Ausgaben in einem Ori- 
ginaldruck zu meiner Untersuchung heranzuziehen, da ein solcher nach 
Angabe des Auskunftsbureaus der deutschen Bibliotheken auf den zu- 
nächst befragten größeren Bibliotheken Deutschlands nicht vorhanden ist. 

Das gilt auch für die englischen Shakespeareausgaben des 17. und 
18. Jahrhunderts. Eine sehr dankenswerte Untersuchung über den Wert 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 231 





der bedeutendsten, im 18. Jahrhundert erschienenen Shakespeareausgaben 
bietet aber Thomas R. Lounsbury in seinem Buche ‚The first Editors 
of Shakespeare (Pope and Theobald)!, das insbesondere eine Ehrenrettung 
des lange verkannten und viel zu gering geschätzten ersten wissenschaft- 
lichen Shakespeareforschers Theobald darstellt, der von seinem Zeit- 
genossen Pope scharf bekämpft wurde und deshalb lange Zeit nicht ge- 
nügend gewürdigt worden ist. 

Die Vorreden, die. Pope sowohl wie Theobald ihren Ausgaben voran- 
schicken, bieten auch für unsere Zwecke Wertvolles, weshalb die betreffen- 
den Stellen hier folgen mögen. Zitiert sind sie nach der von James Boswell 
im Jahre 1821. besorgten Shakespeareausgabe von Edmund Malone?), 
die ebenso wie alle um 1800 erschienenen Shakespeareausgaben die Vor- 
reden der vorhergehenden Ausgaben mit abdruckt. Die Ausgabe von 
Malone enthält außer den beiden genannten Vorreden noch die von Han- 
mers (1744—46), Dr. Warburtons (1747), Dr. Johnsons (1765), Stee- 
vens’ (1766, 1773, 1793 und 1803), Capells (1767/68) und Reeds Aus- 
gaben (1785 und 1803). Steevens zitiert in seiner Ausgabe von 1766 das 
Urteil Popes und macht verschiedene bemerkenswerte Zusätze. Ich lasse 
daher die Ausführungen von Steevens wörtlich folgen: 

„Ihe general character of the quarto editions [gemeint sind die 
Quartausgaben sämtlicher Stücke. D. Verf.] may more advantageously 
be taken from the words of Mr. Pope, than from any recommandation 
ot my own. 

„Ihe folio edition (says he) in which all the plays we now receive 
as his were first collected, was published by two players, Heminges 
and Condell, in 1623, seven years after his decease. They declare 
that all the other editions were stolen and surreptitious®), and affirm 
theirs to be purged from the errors of the former. This is true as to 
the literal errors, and no other; for in all respects else it is far worse 
than the quartos. 

„First, because the additions of trifling and bombast passages are 
in this edition far more numerous. For whatever had been added 
since those quartos by the actors, or had stolen from 
their mouths into the written parts, were from thence con- 
veyed into the printed text, and all stand charged upon the author. 


1) London 1906. 

2) The Plays and Poems of William Shakespeare etc. by the late Edmund Malone. 
London 1821. 21 Bde. Bd.1, S. 110 ff. l 

8) Dazu bemerkt Steevens: It may be proper on this occasion to observe that 
the actors printed several of the plays in their folio edition from the very quarto 
copies which they are here striving to depreciate; and additional corruption is the 
utmost that these copies gained by passing through their hands. 

17° 


232 


Adolf Schöttner, 





He himself complained of this usage in Hamlet, where he wishes, ‘those 
who play the clowns would speak no more than is set down for them‘. 
(Act III. Sc. IV.) But as a proof that he could not escape it, in the 
old editions of Romeo and Juliet, there is no hint of the mean con- 
ceits and ribaldries now to be found there. In others the scenes of 
the mobs, plebeians, and clowns, are vastly shorter than at present; 
and I have seen one in particular (which seems to have belonged to 
the play-house, by having the parts divided by lines, and the actors’ 
names in the margin,) where several of those very passages were 
added in a written hand, which since are to be found in the folio. 
„In the next place, a number of beautiful passages were omitted, 
which were extant in the first single editions; as it seems without 
any other reason than their willingness to shorten some scenes.‘ 
To this I must add, that I cannot help looking on the folio as having 
suffered other injuries from the licentious alteration of the players; 
as we frequently find it an unusual word changed into one more 
popular; sometimes to the weakening of the sense, which rather seems 
to have been their work, who knew that plainness was necessary for 
the audience of an illiterate age, than that it was done by the consent 
of the author: for he would hardly have unnerved a line in his written 
copy, which they pretend to have transcribed, however he might 
have permitted many to have been familiarized in the representation. 
Were I to indulge my own private conjecture, I should suppose that his 
blotted manuscripts were read over by one to another among those who 
were appointed to transcribe them; and hence it would easily happen, 
that words of similar sound, though of senses directly opposite, might 
be confounded with each other. They themselves declare that Shake- 
speare’s time of blotting was past, and yet half the errors we find in 
their edition could not be merely typographical. Many of the quartos 
(as our own printers assure me) were far from being unskilfully 
executed, and some of them were much more correctly printed than 
the folio, which was published at the charge of the same proprietors, 
whose names we find prefixed to the older copies, and I cannot join 
with Mr. Pope in acquitting that edition of more literal errors than 
those which went before it. The particles in it seem to be as fortuit- 
ously disposed, and proper names as frequently undistinguished by 
Italick or capital letters from the rest of the text. The punctuation 
is equally accidental; nor do I see on the whole any greater marks 
of a skilful revisal, or the advantage of being printed from unblotted 
originals, in the one, than in the other. One reformation indeed 
there seems to have been made and that very laudable; I mean the 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 233 


substitution of more general terms for a name too often unnecessarily | 
invoked on the stage; but no jot of obscenity is omitted; and their 
caution against profaneness is, in my opinion, the only thing for 
which we are indebted to the judgment of the editors of the folio.‘ 
Nicht mit abgedruckt hat Steevens den an sein Zitat anschlieBenden 
Absatz der Vorrede Popes!): 


„This (first folio) edition is said to be printed from the original 
copies; I believe they meant those which had lain ever since the author’s 
days in the playhouse, and had from time to time been cut, or added 
to, arbitrarily. Itappearsthat this edition, as well asthe 
quartos, was printed (at least partly) from no 
better copies than the prompter’s book, or piece- 
mealpartswrittenoutforthe use of the actors.‘ 


Steevens hat diesen Absatz sicherlich absichtlich nicht zitiert, da er sich 
dem Urteil Popes in dieser Beziehung doch nicht anzuschlieBen vermochte. 
Ebensowenig trat er aber auch fiir die unten folgende Meinung Theobalds 
ein, die er zweifellos gleichfalls kannte. Theobald war eben durch Popes 
fortgesetzte Angriffe so diskreditiert (das Nähere darüber siehe bei Louns- 
bury a. a. O.), daß er, dem das Verdienst gebührt, zum ersten Male darauf 
hingewiesen zu haben, daß viele Stücke Shakespeares stenographisch auf- 
genommen sein müssen, vollständig ungehört blieb. Erst im 19. Jahr- 
hundert kam man, wie wir später sehen werden, auf sein Urteil, freilich 
auch ohne ihn zu nennen, zurück. 

Die angezogenen Ausführungen Theobalds (in der Vorrede zur zweiten 
Auflage seiner Ausgabe von 1740)2) lauten: 


„We are to consider him (Shakespeare) as a writer, of whom no 
authentick manuscript was left extant; as a writer, whose pieces 
were dispersedly performed on the several stages then in being. And 
it was the custom of those days for the poets to take a price of the 
players for the pieces they from time to time furnished; and there- 
upon it was supposed they had no farther right to print them with- 
out the consent of the players. As it was the interest of the companies 
to keep their plays unpublished, when any one succeeded, there was 
a contest betwixt the curiosity of the town, who demanded to see it 
in print, and the policy of the stagers, who wished to secrete it within 
their own walls. Hence many pieces were taken down in short- 
hand, and imperfectly copied by ear from a representation; others 
were printed from piece-meal parts surreptitiously obtained from the 


1) S. Malone, Ausgabe von 1821, Bd.1, S. 12 f. 
2) S. Malone (a. a.0O.), Bd. 1, S. 32 f. 


234 Adolf Schöttner, 





theatres, uncorrect, and without the poet’s knowledge. To some of 
these causes we owe the train of blemishes, that deform those pieces 
which stole singly into the world in our author’s life-time. 

There are still other reasons, which may be supposed to have affected 
the whole set. When the players took upon them to publish his works 
entire, every theatre was ransacked to supply the copy; and parts 
collected, which had gone through as many changes as performers, 
either from mutilations or additions made to them. Hence we derive 
many chasms and incoherences in the sense and matter. Scenes 
were frequently transposed, and shuffled out of their true place, to 
humour the caprice, or supposed convenience, of some particular 
actor. Hence much confusion and impropriety has attended and 
embarrassed the business and fable.‘ 

Die anderen Vorreden interessieren uns an dieser Stelle nicht, da sie 
für unseren Zweck nichts Neues bieten. Malone weist aber in einer An- 
merkung auf Seite 207 des ersten Bandes der genannten Ausgabe darauf 
hin, daß die erste Quarto von „Romeo und Julia‘, obwohl sie ein ,,im- 
perfect sketch‘‘ zu sein scheine, doch viele schätzbare Verbesserungen 
der vollständigeren zweiten Quarto enthalte. 

Das 19. Jahrhundert brachte mit der Entwicklung der gesamten philo- 
logischen Wissenschaft auch in der Shakespeareforschung riesige Fort- 
schritte. Mit unserem Stücke beschäftigte man sich gleichfalls sehr ein- 
gehend. J. P. Collier sagt in seinem 1847 in den ,,Papers‘‘ der Shakespeare 
Society!) veröffentlichten Aufsatze ,,On the earliest Quarto editions of the 
plays of Shakespeare‘ S. 61 über die erste Quarto von ,,Romeo und Julia: 


„Ihis is the earliest, and, no doubt, spurious edition of ,,Romeo 
and Juliet‘‘, made up from notes, takenatthetheatre 
during performance, with assistance derived 
from portions of the tragedy as delivered out 
to some of the actors.‘ 

Leider äußert er sich nicht darüber, was er unter den ‚‚notes‘‘ versteht, 
ob er dabei bereits an eine stenographische Nachschrift denkt oder nur 
an kurrentschriftliche Notizen. Die zweite Quarto von I599 stammt 
nach seiner Meinung von einem guten Manuskript. 

1859 gab Tycho Mommsen eine „kritische Ausgabe des überlieferten 
Doppeltextes‘‘ von „Romeo und Julia‘ heraus, d. h. einen Paralleldruck 
der ersten und zweiten Quarto, zugleich mit vollständiger varia lectio 
bis auf Rowe. Diese Ausgabe und besonders deren Zählweise haben wir 
unter Berücksichtigung der auf S. 337 der vorliegenden Arbeit zusammen- 


1) The Shakespeare Society’s Papers Vol. III, Art. X, S$. 58 ff. London 1847. 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto f 235 





gestellten Druckfehler unserer Untersuchung zugrunde gelegt. Mommsen 
kommt darin zu dem bereits im Athenäum 1857 Nr. 1528 veröffentlichten. 
Schlusse, daß Q, von einem Stenographen im Theater nachgeschrieben 
sein müsse, — er spricht immer nur von einem Stenographen — und 
daß dadurch die Abweichungen zu erklären seien, die wir zwischen der 
ersten und zweiten Quarto finden. Er verkennt dabei den Nutzen nicht, 
den eine solche Theaternachschrift auch für die Kritik habe. Q, hält er 
dagegen für eine nach dem Originalmanuskripte Shakespeares gedruckte 
Ausgabe. Mommsen verteidigt alle Lesarten, die Q, abweichend von Q, 
hat, als Eigenheiten Shakespeares oder absichtlich von ihm gewählte 
Wortformen, soweit nicht Druckfehler in Betracht kommen. Für die 
besonders auffallenden Lesarten wie 113 drive, 464 dum, 2061 fettle usw. 
bringt er Analogien aus anderen Schriftstellern. Ebenso bringt er auch 
Analogien aus anderen Schriftstellern bei für grammatische Eigenheiten 
wie 2371 this many hundred years, 1032 I pray thee chide me not, her 
I loue now. Doth grace for grace, and loue for loue allow: usw. Die ortho- 
graphischen Eigenheiten, Homographen des Reims wie 252 und 971 hart : 
part, 638 praire : dispaire usw., das Zusammenziehen der Komposita 127 
alcheering, 261 Earthtreading, 431 hudwinkt usw., das Großschreiben nur 
der Eigennamen und ‚‚alles, was sich denselben an persönlichen und 
lokalen Bezeichnungen annähert‘‘, wie God, Church, Lord, Joyner, Fairie 
usw., die Verdoppelung der Vokale in betontem to, he, she, me usw., der 
Gebrauch einfacher Endkonsonanten nach kurzem Vokal wie 490 big, 
326 und 747 sun usw., die Schreibung von ie am Ende fir y in bewtie, 
sawcie, twentie usw., Eigenheiten, die sich bei den besten älteren Zeit- 
genossen Shakespeares auch finden, geben Mommsen Bürgschaft dafür, 
„daß nicht der Setzer von ß [d.i. Q,], sondern der Dichter selbst so zu 
schreiben pflegte‘. Als stärksten Beweis für seine Theorie, daß Shake- 
speares eigenes, handschriftliches Manuskript dem Setzer von Q, vor- 
gelegen habe, führt Mommsen aber die Stellen an, wo Q, zwei Fassungen 
oder sogar fast das Gleiche an zwei Stellen kurz nacheinander hat. Mommsen 
glaubt, daß die Stellen in dem Manuskript, das dem Setzer vorlag, ver- 
bessert waren, und daß der Setzer sowohl den ursprünglichen Text wie 
die Verbesserung gedruckt habe, so daß wir beide Versionen in Q, finden. 
Q, als Theaterversion gab aber an diesen Stellen ganz richtig nur das 
Verbesserte. Es handelt sich um die Stellen 940—943 bzw. 946—949, 
1728 ff., 2777 und 2783—86. Mit der Möglichkeit von Dittotypien, wie 
er dies nennt, rechnet Mommsen auch in den Versen 2268, 2871 und 2877. 

Mommsens Auffassung, daß man es in Q, mit einem nach dem Original- 
-manuskripte Shakespeares gesetzten Texte zu tun habe, schloß sich Robert 
Gericke im Shakespeare-Jahrbuch Bd. 14 S. 207 ff. in einem längeren 


236 Adolf Schéttner 





Aufsatze „Romeo and Juliet nach Shakespeares Manuskript“ an. Er 
brachte eine Reihe weiterer Beispiele für die Mommsensche Theorie und 
zog auch die Bühnenanweisungen und Personalbezeichnungen zum Be- 
weise heran. So meint er z. B., wie auch schon Mommsen in bezug auf 
die Bühnenanweisung hinter 2518 ‚Enter Will Kemp“, wo der Name 
eines damals tatsächlich existierenden Schauspielers 1) an Stelle des Namens 
„Peter“ steht, daß „Shakespeare beim Niederschreiben der für ihn [Will 
Kemp] bestimmten Rolle ihn, diese Rolle spielend, im Geiste vor sich sah 
Und. den Namen des Darstellers statt des Namens der darzustel- 
lenden Person setzte‘. Genau so urteilt Gericke auch über den hinter 1765 
zu findenden, aber sonst nicht belegten Schauspielernamen Slud. Den stärk- 
sten Beweis aber für die Auffassung, daß in diesem Falle nach dem Original- 
manuskripte Shakespeares gesetzt sei, findet er mit Mommsen in den 
obenerwähnten Dittotypien. Auf diese geht er nochmals ausführlich ein. 

1865 erschien die Cambridge Edition. Die Herausgeber Glover, Clark 
und William Aldis Wright nehmen bei der ersten Quarto auch die Nach- 
schrift eines Stenographen an. Sie äußern sich darüber in der Vorrede 
zu Bd. 6 S. XIII folgendermaßen: 


»Ihat manuscript was, in all probability, obtained from notes 
taken in shorthand during the representation: 
a practice which we know to have been common in those days. It 
is true that the text of (Q,) is more accurate on the whole than might 
have been expected from such an origin; but the short-hand writer 
may have been a man of unusual intelligence and skill, and may 
have been present at many representations in order to correct his 
work; or possibly some of the players may have helped him either 
from memory, or by lending their parts in manuscript.“ 


Die zweite Quarto ist nach ihrer Meinung eine von Shakespeare autori- 
sierte Ausgabe, aber keineswegs nach dem Originalmanuskripte Shake- 
speares gedruckt. Sie sagen darüber wörtlich: 


„ihe second Quarto was in all likelihood an edition 
authorized by Shakespeare and his ‘fellows’.“ 
und weiter?): 


„— it is certain that Q, was not printed from the author’s MS., 
but from a transcript, the writer of which was not only careless, 
but thought fit to take unwarrantable liberties with the text. — We 
think that M. Tycho Mommsen rates the authority of the second 
Quarto too highly.“ 


1) Kemp war der Komiker von Shakespeares Truppe. Vgl. J. Th. Murray, English 
Dramatic Companies 1558—1642. London 1910. 2 Bde. 2) S. XV. (a. a. O.) 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 237 





Die Auffassung Mommsens, es handle sich bei Q, um einen nach dem 
Originalmanuskripte Shakespeares gesetzten Text, weisen sie also zurück. 
Q, sei — so sagen sie ferner — an einigen Stellen augenscheinlich vom 
Autor überarbeitet, und hier und da sei ein Teil in Q, neugeschrieben. 
Sie verweisen besonders auf Akt II Sz. 6. 

Es wird seitdem kaum noch bestritten, daß bei der Entstehung von Q, 
Stenographen eine Rolle gespielt haben. Man konnte sich aber noch 
nicht entschließen, alle Abweichungen, die Q, von Q, unterscheiden, 
auf die stenographische Nachschrift zurückzuführen. 

So ist Grant White in seiner gleichfalls im Jahre 1865 erschienenen 
Shakespeareausgabe der Meinung, die erste Quarto ,,represents imperfectly 
a composition not entirely Shakespeare ’s, and the differ- 
ence between the two (der ersten und der zweiten Quarto) is owing partly 
to the rejection by him of the work of a co-labourer; partly to 
the surreptitious and inadequate means by which the copy of the earlier 
edition was obtained; and partly perhaps, though to a very much less 
degree, to Shakespeare’s elaboration of what he himself had written“. 

Grant White nimmt also, um die starken Abweichungen zwischen den 
beiden Quartos zu erklären, an, daB Q, nicht das alleinige Werk Shake- 
speares sei, sondern daß ein Mitarbeiter dabei tätig gewesen sei. 

F.G. Fleay!) geht noch weiter, er nennt sogar den Namen des Mit- 
arbeiters. Er meint, „that the first draft of this Play was made 
about 1593, probably by George Peele; that after his death 
it was partially revised by Shakespeare, and produced at the Curtain Theatre 
in 1596 in the shape that we find it as printed in the first Quarto; and that 
he subsequently revised it completely as we read it inthe second Quarto“. 

Diese Frage der Mitarbeiterschaft eines oder mehrerer anderer Autoren, 
die damit aufgeworfen wurde, gab T. Alfred Spalding AnlaB zu einem 
Referat, das er in der New Shakspere Society hielt und das gedruckt vorliegt 
in den Transactions der New Shakspere Society 1877—79 S. 58 ff. unter dem 
Titel: “On the First Quarto of Romeo and Juliet. Is there Any Evidence 
of a Second Hand in It?” Er kommt zu dem Resultate, die Frage zu ver- 
neinen. Q, ist nach seiner Meinung unzweifelhaft ein Raubdruck. Aus 
dem Versbau aber nun schließen zu wollen, wie das Fleay getan hat, daß 
es sich um ein Werk Peeles handle, sei nicht angängig. Ebenso sei es 
auch nicht möglich, wie das Grant White tat, aus dem Stil und aus der 
Umarbeitung einzelner Teile schließen zu wollen, daß Q, nicht allein von 
Shakespeare stamme, sondern daß Mitarbeiter tätig gewesen wären. Er 
sagt unter anderm in seinen bemerkenswerten Ausführungen (S. 60): 


1) Macmillan’s Magazine July 1877. 


238 Adolf Schöttner 





„Ihe chief characteristic of a pirated edition of a Play is the ex- 
treme irregularity of the metre. When plays follow one another in 
such rapid succession as they did during the great days of the Eliza- 
bethan Drama, it must be impossible for the actor to commit his part 
to memory with anything like complete verbal accuracy, even if he 
had any wish to do so. He could but obtain a rough knowledge of 
his röle, and trust to the prompter and his own readiness to carry 
him through. The comic characters we know took more deliberate 
licence, and many a time must the blank verse of Shakspere have 
“halted for it’’ under the determined attempts of the clown to make 
the people laugh.“ 


Durch das mangelhafte Auswendiglernen und die Abänderungen, die 
sich die Vertreter der komischen Rollen erlaubten, um die Zuhörer- 
schaft zum Lachen zu bringen, sind in der Tat manche Wortverstel- 
lungen, Zusätze und sonstige Unebenheiten der ersten Quarto erklärt. 
Spalding macht auch zuerst darauf aufmerksam, daß man unterscheiden 
muß 

I. The Actor’s faults. 
2. The Reporter’s faults. 
3. The Editor’s emendations. 


Inzwischen hatte 1874 und 1875 Daniel fiir die New Shakspere Society 
die ersten beiden Quartos in Faksimiledruck nach den im Britischen Museum 
befindlichen Originalen neu herausgegeben, sowohl jede Quarto einzeln 
als auch eine Gegeniiberstellung beider Quartos, und 1875 auch eine revi- 
dierte Ausgabe der zweiten Quarto. 

Die Stellung Daniels zu Q, wird charakterisiert durch die Worte der 
Einführung zu seinem Paralleltext der beiden ersten Quartos!): 


„It (Q,) is an edition made up partly from copies of portions of 
the original play, partly from recollection and from notes taken 
during the performance.“ 


Diese Auffassung macht auch Edward Dowden neuerdings in seiner 
Ausgabe von ,,Romeo und Julia‘' im Arden-Shakespeare zu der seinigen, 
indem er diese Stelle ebenfalls wörtlich zitiert?). 

In Q, haben wir es nach Daniels Meinung mit einem nach gutem Manu- 
skripte gesetzten Texte zu tun. Akt II Sz. 6, Akt IV Sz. 5 und in Akt V 
Sz. 3 die Rede Paris’ vor dem Grabe Julias sowie die Rede des Mönches 
in derselben Szene sind nach seiner Meinung von Shakespeare in Q, neu 
geschrieben. 


1) S. V. der Vorrede. 
2) S. XII. der Vorrede. 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 239 


1886 und 1887 gaben Praetorius und Evans die ersten beiden und die 
undatierte Quarto von „Romeo und Julia“ in photographischer Repro- 
duktion ebenfalis nach den im Britischen Museum befindlichen Originalen 
neu heraus. Bezüglich Q, kommt Evans in § 4 (S. VIII) der Einleitung 
zum Neudruck dieser Quarto zu dem Schlusse: 

»,Q, is then a piratical edition obtained from the notes of ashort- 
hand reporter, and has all the marks of such an origin. A care- 
ful study of it will show that while in its more perfect portions | 
it corresponds closely with Qo, the theory here suggested will be 
sufficient to explain most, if not all, of its variations from that 
edition.“ 

Evans nimmt also auch stenographische Nachschrift fiir Q, an, und 
zwar auch wieder nur einen Stenographen. Die letzten Worte ,,most, 
if not all, of its variations‘‘ stimmen zwar nicht, und auch er korrigiert 
sich später, indem er sich der Meinung der Cambridge Herausgeber und 
Spaldings anschließt, daß II. 6, IV. 5 und einzelne Teile von V. 3 in Q, 
von Shakespeare neu geschrieben seien und nicht von der Hand des 
Stenographen stammten. Die Fehler teilt er in derselben Weise ein wie 
Spalding. 

Es war also, wie wir gesehen haben, schon öfters die Vermutung auf- 
gestellt, daß die erste Quarto von Shakespeares „Romeo and Juliet‘ auf 
stenographischer Nachschrift beruhe. Auch bei anderen Stücken hatte 
man das vermutet, so z. B. bei Richard III. und Hamlet; aber noch nie- 
mand hatte die Frage gelöst, welches Stenographiesystem dazu benutzt 
worden war. Matthias Levy hatte die Frage zwar in einer kleinen Bro- 
schüre „Shakespeare and Shorthand‘‘ (London 1884) zu lösen versucht, 
war aber zu positiven Ergebnissen nicht gelangt. 

1897 veröffentlichte nun Dewischeit eine Abhandlung über die Fragel). 
In erweitertem Umfange erschien diese Abhandlung 1898 im Shakespeare- 
Jahrbuche Bd. 34 S. 170 ff. Dewischeit ist der Meinung, daß sämtliche 
Quartausgaben der Shakespeareschen Stücke auf stenographischem Wege 
entstanden sind, obwohl er selbst nur für einige Stücke einzelne Beleg- 
stellen bringt. Mit dieser Meinung geht er, wie wir später sehen werden, 
nach den neueren Forschungen doch zu weit; aber der Nachweis ist De- 
wischeit gelungen, daß sich zum mindesten in einigen Stücken, und dar- 
unter auch in unserem Stücke, Abweichungen zwischen der ersten und 
zweiten Quarto finden, die durch das 1588 veröffentlichte Stenographie- 
system von Timothy Bright zu erklären sind. 


1) Archiv f. Sten. 1897: „Shakespeare und die Anfänge der englischen Steno- 
graphie“. 


240 Adolf Schöttner 





Es war nun unbedingt nötig, die einzelnen Stücke einer eingehenden 
Untersuchung zu unterziehen, ob und in welchem Umfange sich solche 
Abweichungen zwischen den einzelnen Lesarten der Quartos finden, die 
durch Verwendung des Systems von Timothy Bright bei der Nachschrift 
im Theater oder durch andere Mängel, die einer stenographischen Auf- 
nahme anhaften, erklärt werden können. Dies tat zuerst Otto Pape in 
seiner 1906 in Erlangen erschienenen Dissertation, worin er die erste 
Quarto von Shakespeares Richard III. einer solchen eingehenden Unter- 
suchung unterzog und wobei er zu dem Schlusse kam, daß diese Ausgabe 
tatsächlich auf eine stenographische Nachschrift im Theater zurückzu- 
führen ist und daß sechs Stenographen dabei tätig gewesen sind. Wir 
werden später noch Gelegenheit haben, auf diese Dissertation zurück- 
zukommen. 

Die Frage nach dem Ursprung der beiden ersten Quartos von ‚Romeo 
und Julia“ ruhte aber noch nicht. Theodor Eichhoff veröffentlichte in 
den Jahren 1903 und 1904 in Halle ein Werk: „Unser Shakespeare. Bei- 
träge zu einer wissenschaftlichen Shakespeare-Kritik‘“ in 4 Bänden. 
Die letzten beiden Bände beschäftigen sich speziell mit unserem Stück, 
Bd. 3 unter dem Titel: „Ein neues Drama von Shakespeare. Der älteste 
bisher nicht gewürdigte Text von Romeo and Juliet“ und Band 4: „Die 
beiden ältesten Ausgaben von Romeo and Juliet. Eine vergleichende 
Prüfung ihres Inhalts.“ Band 3 brachte zunächst einen ‚modernen, 
d. h. durchgesehenen und leicht lesbaren Text‘‘ von Q, in der Weise, 
daß Q, in modernem Englisch fortlaufend in Prosa gedruckt und in 22 Szenen 
eingeteilt ist. Im 4. Bande versucht dann Eichhoff das Gegenteil von dem 
zu beweisen, was bisher allgemein als richtig anerkannt war. Er schreibt 
darüber im Vorwort S. III: 


„Es ist meine feste Überzeugung, daß wir in dieser ersten Ausgabe 
von Romeo and Juliet den authentischen Text Shakespeares be- 
sitzen, und daß die zweite Ausgabe, die wir bis jetzt für die ‚rich- 
tige‘ gehalten haben, nur eine Bearbeitung (und natürlich eine Ent- 
stellung und Zerstörung) des Originals darstelit.‘‘ 


Er vergleicht darauf die beiden ersten Quartos nach dem Grundsatze: 
„Erforschen wir die Richtigkeit der Texte, so können wir nur beschränkt 
wissenschaftlich sein, erforschen wir ihre Schönheit, so können wir ganz 
wissenschaftlich sein; denn Wissenschaft ist Begründung!).‘“ Er kommt 
zu dem schon im Vorwort angedeuteten Resultat, daß Q, ein von einem 
verstandesmäßigen, nüchternen Korrektor entstelltes Machwerk sei, wäh- 
rend Q, die Originalfassung Shakespeares darstelle. 





1) S. Seite VI des Vorwortes. 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 241 





Die Kritik lehnte die Auffassung Eichhoffs allgemein ab. So schreibt 
R. Ackermann in seiner Kritik im Beiblatt zur Anglia Bd. 19 S. 103 ff., 
eine Kritik, die bei weitem die mildeste ist, die das Werk Eichhoffs er- 
fahren hat: 

„Wir müssen gestehen, daß wir die Beweisführung des Verfassers 
nicht anerkennen können: er geht überall von der Absicht aus, alles 
in Q, besser zu finden, und stellt überall seine Subjektivität in den 
Vordergrund, z. B. immer wieder: ‚Im Drama soll gehandelt, aber 
nicht geschildert werden!‘ Da nun bei all diesen Fragen den ver- 
schiedensten Faktoren, wie dem Geschmacke der Zeit, besonders 
bezüglich des Modestiles Euphuismus, Rechnung getragen werden 
muß, wenn man an des Dichters Worten im einzelnen mäkelt, so 
ergibt sich fast bei der Mehrzahl der Stellen Veranlassung, eine 
entgegengesetzte Meinung aufzustellen und zu begründen; aus vielen 
seien nur zwei Stellen II, 5, 1—17 und III, 2, 5—33 angeführt, die 
wir mit Unrecht bemängelt sehen. Besonders kühne Behauptungen 
werden ad vocem ‚Sprachgefühl‘ aufgestellt; nach seinem, Eich- 
hoffs, Sprachgefühl ist Q, ‚nicht nur oft altertümlich, sondern auch 
durchweg gesucht und gekiinstelt‘. Welche Eigenschaften und Vor- 
studien setzen dagegen wir bei einem geborenen Englander vor- 
aus, daß er souverän über die Sprache der Elisabethaner aburtei- 
len darf! In nicht weniger als 196 Stellen wird die Korrektheit 
der Änderung des Korrektors gegenüber Q, angegriffen, in 116 Stel- 
len der regelmäßige Blankvers von Q, verdammt. Von vielen Stellen 
nur wenige, wo E. unserer Auffassung nach unnötig angreift: in 
III, 46 hat Eichhoff die Tatigkeit von ‘squirrel’ und ‘old grub’ offen- 
bar miBverstanden; in IV, 19 und IV, 59 werden die ‚Verschönerungs- 
versuche‘ des Korrektors zu Unrecht gerügt: sollte er ‘what lady 
is that that doth enrich’ stehen lassen? Oder klingt es ‚außerordent- 
lich affektiert‘, wenn die Form murther fiir murder mit Vorliebe 
verwendet wird? In VI, 7 ist die Umstellung der Substantive in Q, 
ganz berechtigt, in X, 4 wird die Stelle ‘claps me his sword upon 
the table’ mit den Worten gerügt: ‚Man meint, die jungen Leute von 
Verona hätten breite Ritterschwerter getragen‘ (!!). Bei 
genauerem Studium der historischen und der neuenglischen Gramma- 
tik wäre die Mehrzahl der Ausstellungen wohl unterblieben. 

„Was die Trauungsszene anbelangt, so sollte Eichhoff nicht mit 
seinen modernen und subjektiven Ansichten über Liebe und Ver- 
kehr der Geschlechter absolut aburteilen; man vgl. demgegenüber 
die schönen Worte, die Wolff in seiner Shakespearebiographie I. 265 
über diese Stelle sagt. Für uns hat die Szene in Q, wohl große und 


242 Adolf Schéttner 


einfache Schönheiten, die in Q, mehr nach euphuistischer Manier 
ausgearbeitet sind. Für Eichhoff sind (p. 243) ‚alle diese Kritiker im 
höchsten Grade befangen‘ und Romeos Gedanken ‚gelinde ausge- 
drückt — lächerlich‘. Satis est. 

„Am Schluß gibt der Verfasser selbst zu, daß seine Auffassung 
‚Phantasie‘ ist. ,Mommsen wollte, daß die andern glauben sollten, 
Shakespeare habe so geschrieben, wie es in Q, steht, ich will da- 
gegen nur, daß die andern glauben, daß Q, geschmacklos, Q, aber 
schön ist. Und darum diesen ganzen Apparat?“ 

Auch Prölß hat sich in seinem 1905 in Leipzig erschienenen Buche 
‚Von den ältesten Drucken der Dramen Shakespeares‘‘ mit der Frage 
der Entstehung der ersten Quarto von „Romeo und Julia‘ beschäftigt. 
Er verwirft die Theorie einer stenographischen Nachschrift im Theater 
vollständig und versucht, den Nachweis zu führen, daß sämtliche Quartos 
rechtmäßige Ausgaben wären, ‚daher sie auch alle, gleichwie die Dramen 
der ersten Gesamtausgabe von 1623, auf Theaterbüchern und nicht, wie 
man geglaubt, zum Teil auf Nachschriften in den Theatern beruhen“. 
Er fährt noch fort: „Hatte man doch bei rechtmäßigen Ausgaben nicht 
nötig, zu diesem unsicheren und neue Kosten verursachenden Mittel zu 
greifen.‘ 

Da nun durch die schon erwähnte Papesche Dissertation und vor allem 
durch das 1909 erschienene Werk Alfred W. Pollards ‚Shakespeare Folios 
and Quartos, a study in the bibliography of Shakespeare’s plays 1594— 1685‘, 
auf das wir noch des näheren einzugehen haben werden, die Meinung 
von Prölß in der Frage der Rechtmäßigkeit aller Quartos überholt ist, 
so brauchen wir an dieser Stelle nicht darauf einzugehen und können 
uns damit begnügen, das anzuführen, was er speziell über die erste Quarto 
von „Romeo und Julia‘ sagt: 

„so verkürzt, verstümmelt und fehlerhaft die ersten Ausgaben 
von Romeo und Julia, Heinrich V. und Hamlet auch sind, so ent- 
halten sie doch viele längere Stellen, die sich fast wortgetreu mit 
denen späterer Ausgaben decken. Dieser Gegensatz läßt sich aber 
nicht aus der Nachschrift beim Hören und Sehen der Darstellung im 
Theater erklären. Ein Nachschreiber, der sich an vielen längeren 
Stellen so geübt erwiesen hatte, konnte unmöglich an anderen hierin 
so überaus hilflos gewesen sein‘‘. (S. 120.) 

Das ist richtig. Bei einem Stenographen allein war das unmöglich. 
Wie aber, wenn mehrere Stenographen tätig waren? Konnte darunter 
nicht auch ein ganz vorzüglicher Stenograph gewesen sein, der ‚fast 
wortgetreu‘‘ nachschrieb, während der oder die Kollegen schlechter ar- 
beiteten? Schon die früheren Shakespeareforscher, die sich der Theorie 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 243 








einer stenographischen Aufnahme der ersten Quarto von ,,Romeo und 
Julia‘‘ anschlossen, hatten angenommen, daß nur ein Stenograph tätig 
gewesen sei. Dabei kommt man natürlich in Schwierigkeiten; denn es 
ist ausgeschlossen, daß ein Stenograph abwechselnd gut und schlecht 
arbeitet. 

Eine besondere Theorie, wie die Unvollkommenheit mancher Texte 
entstanden sei, stellt Miss Phoebe Sheavyn in ihrem 1909 in Manchester 
erschienenen Buche ,,The Literary Profession in the Elizabethan Age‘ 
auf. Sie schreibt S. 84, nachdem sie von der Mangelhaftigkeit der ersten 
Quarto von ,,Hamlet‘‘ gesprochen hat: 

„Ihe common practice of dictating to compositors was doubtless 
responsible for many errors.“ . 

Es dürfte wohl kaum zu beweisen sein!), daß zu jener Zeit, wo die 
Buchdruckerkunst sich noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung be- 
fand, den Setzern diktiert wurde. Ist es doch noch nicht einmal heute, 
wo wir Setzmaschinen haben, üblich, den Setzern ihre Schriftsätze zu 
diktieren. Dieselbe Vermutung wie Miss Sheavyn äußert übrigens auch 
Eichhoff, der Bd. 4, S. 257, Anm. ı ebenfalls behauptet, daß wir ,,manch- 
mal in den alten Ausgaben Ursache haben, mit Bestimmtheit anzunehmen, 
daß nach Diktat gesetzt wurde“. 

Ebenfalls im Jahre 1909 erschien das bereits erwähnte Werk Alfred 
W. Pollards „Shakespeare Folios and Quartos. A study in the bibliography 
of Shakespeare’s plays 1594—1685“. Es brachte neue und von der bis- 
herigen Auffassung abweichende Gesichtspunkte für die Beurteilung der 
Quartos. Er geht von dem Standpunkte aus, daß man die Drucker und 
Verleger der Elisabethanischen Zeit durchgängig als ehrliche Leute be- 
trachten müsse, wenn sich auch Ausnahmen darunter befänden. Man 
habe bisher alle Quartausgaben für Raubausgaben gehalten, aber man 
müsse beachten, daß Heminge und Condell in ihrer Vorrede zur ersten 
Folio auch nur sagen: „You were abus’d with diuerse stolne, and 
surreptitious copies.‘“ Es könnten also nur einige Quartos als ,,stolne 
and surreptitious‘‘ angesehen werden und nicht alle. Pollard unterscheidet 
demgemäß gute“ und „schlechte“ Quartos. Er geht dann auf die Ge- 
schichte des Buchhandels, der Buchdruckerkunst und der Schauspieler 
ein. 1557 erhielt die „Stationers’ Company“ ein königliches Privilegium, 
wonach außer den beiden Universitäten nur die Mitglieder der Stationers’ 
Company Druckerpressen besitzen durften. Die Krone wollte damit Bücher, 


1) Vgl. Prof. Dr. Förster im Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 52, S. 2r1: Dafür, daß, 
wie oft behauptet wird, das Manuskript dem Setzer vorgelesen wurde, läßt sich nicht 
der geringste Anhaltspunkt gewinnen. Es ist dies aber schon aus dem Grunde mehr 
wie unwahrscheinlich, weil es eine zweite Arbeitskraft für jeden Setzer erforderte, 


244 | Adolf Schöttner 





die ihr gefährlich werden konnten, unterdrücken. Im Jahre 1559 wurden 
außerdem verschiedene Würdenträger, darunter auch der Erzbischof von 
Canterbury und der Bischof von London, zu Zensoren ernannt. Diesen 
mußten die Bücher vor der Drucklegung zur Zensur vorgelegt werden. 
Offensichtlich harmlose Bücher bedurften aber nur der Druckerlaubnis 
durch die Obmänner der Stationers’ Company. Für den Eintrag in das 
Register der Stationers’ Company, in das sämtliche Bücher eingetragen 
werden mußten, wurde eine Gebühr in Höhe eines „sixpence‘‘ erhoben. 
Jedes Mitglied der company mußte diesen Eintrag respektieren und durfte 
eingetragene Bücher nicht nachdrucken. Die Autorenrechte waren damals 
noch nicht besonders geschützt. Es war aber bereits üblich, den Autoren 
für ihre Werke Honorar zu zahlen. Nashe und Greene lebten z. B. schon 
vom Bücherschreiben. Vornehme Herren hielten es allerdings noch für 
unter ihrer Würde, sich ihre literarischen Arbeiten bezahlen zu lassen. 
Die Stationers’ Company war eine Handelsgesellschaft, die nur Macht 
über ihre eigenen Mitglieder hatte. Der Entschluß der Krone, die Kon- 
trolle über die Presse in ihren Händen zu behalten, entzog alle Fragen, 
die mit dem Drucken zusammenhingen, der bürgerlichen Rechtsprechung. 
Die Klagen mußten beim Privy Council, beim geheimen Staatsrate, an- 
hängig gemacht werden. Es war zweifellos für die Autoren nicht leicht, 
sich dort Gehör zu verschaffen. Die Schauspieler hatten das leichter. 
Sie mußten sich, um nicht als Vagabunden behandelt zu werden, unter 
den Schutz eines vornehmen Herrn stellen. Dieser konnte den Schauspielern 
vor dem Privy Council Gehör verschaffen, aber die Schauspieler hüteten 
sich natürlich, die Vermittlung des Patrons anzurufen, wenn es sich um 
für sie verhältnismäßig so unwichtige Dinge handelte, wie den dann und 
wann vorkommenden Raubdruck eines Stückes. Hätte es sich um den 
Raubdruck vieler Stücke gehandelt, so würden sie sich das wohl nicht 
haben gefallen lassen. Zuweilen aber gaben die Schauspieler die Stücke 
selbst in Druck, und zwar nicht immer erst, wenn das Interesse an der 
Aufführung geschwunden war, sondern auch oft, um das Interesse an 
dem Stücke im Publikum wieder zu beleben. Bisweilen waren auch andere 
Umstände für die Drucklegung eines Stückes maßgebend. So herrschte 
in den Jahren 1592—-94 mehrfach die Pest in London. Während dieser 
Zeit waren die Theater wiederholt geschlossen. Die Folge davon war, 
daß in dieser Zeit mehr Stücke als sonst durchschnittlich im Druck er- 
schienen. Ebenso wirkte auch die am 22. Juni 1600 auf Betreiben der 
Puritaner erfolgte Schließung der Londoner Theater mit Ausnahme zweier 
auf die Drucklegung der Stücke sehr günstig. 

Pollard veröffentlicht dann im nächsten Kapitel die Titelblätter sämt- 
licher Quartausgaben, die vor der ersten Folio erschienen sind, zum 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 245 





Teil in Faksimiledruck, und macht genaue Angaben über einige Einzel- 
heiten, die Einteilung in Akte und Szenen, die Bühnenanweisungen, Ein- 
tragungen in das Stationers’ Register usw. 

Im folgenden Kapitel geht darauf Pollard auf die „guten“ und ,,schlech- 
ten“ Quartos genauer ein. Er konstatiert zunächst, daß mit Ausnahme 
von Burby’s Ausgabe von „Romeo and Juliet‘ (der zweiten Quarto), die 
aber eine vorangegangene schlechte Quarto ersetzen sollte, alle guten 
Quartos in das Stationers’ Register eingetragen sind. Die schlechten 
Quartos aber, nämlich die Erstausgaben von ‚Romeo and Juliet“, 
„Henry V.“, „Hamlet‘, „Pericles“ und der ‚Merry Wives of Windsor“ 
sind entweder gar nicht eingetragen oder in einer so eigentümlichen Weise, 
daß der Gedanke naheliegt, daB dabei etwas nicht in Ordnung ist. Die 
ersteQuarto von,Romeo and Juliet“ ist überhaupt 
nicht eingetragen. 

Darauf unterzieht Pollard die einzelnen Ausgaben einer eingehenden 
Besprechung. Da das, was er über „Romeo and Juliet‘ sagt, von grund- 
legender Bedeutung ist, lassen wir es wörtlich folgen: 

„The first of these (surreptitiously published plays) is the edition 
of Romeo and Juliet printed and published by John Danter in 1597. 
That this was a piracy, and that the copy was obtained, in whole 
or part, by sending reporterstoperformances of 
the play, can hardiy be doubted. Although it probably follows 
the same version as the authentic text, over seven hundred lines are 
omitted, and in place of the usual meagre stage-directions we find 
a number of descriptive notes such as a reporter might naturally 
jot down in order to supplement his version of the text: — “Enter 
Nurse wringing her hands, with the ladder of cordes in her lap. — 
He offers to stab himselfe and Nurse snatches the dagger away. — 
They all but the Nurse goe forth, casting Rosemary on her and shutting 
the Curtens. — Fryer stoops and looks on the blood and the weapons.”’ 
Stage-directions of this kind are rarely found in any play by Shake- 
speare of which we have a trustworthy text. In the second place, 
we have evidence that the play was printed in a hurry, two presses 
being employed, no doubt simultaneously. Thus the first sixteen leaves 
(sheets A—D) are printed in a larger type than the remaining 24 
(sheets E—K). Besides this change of type there is another difference 
which, despite the assertion of those who argue from their own sense 
of the fitness of things as to what a text derived from the players 
ought or ought not to contain, is pretty certainly an indication of 
a text due to reporters describing what they saw. Up to Act III, sc. 4, 
there is, as usual in the quartos, no division into acts and scenes, 

Prof, Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6, 18 


246 


Adolf Schöttner 





but from this point onwards the scenes are marked, not by words 
and numbers, but by the insertion of a printer’s ornament where 
each new scene begins. Taken together, these features of Danter’s 
quarto offer fairly conclusive evidence of piracy, and no editor, as 
far as I am aware, has ever regarded the edition as anything else. 
That Danter should be the first of the Shakespeare pirates was only 
in accordance with the beginning and end of his career. Before he 
was out of his apprenticeship he was in most serious trouble with 


_ the Company for helping to print at a secret press two school-books, 


a Grammar and Accidence, which formed one of its most profitable 
monopolies. After printing ‘Romeo and Juliet’ he had the hardihood 
to meddle again with the same sacred volumes, and, as Mr. H.R. 
Plomer puts it, “disappears in a whirlwind of official indignation 
and Star-Chamber shrieks’’ and shortly afterwards died!). 

„Danter had never had a shadow of a claim to any legal or customary 
right in ‘Romeo and Juliet’, and his disappearance made it easy to 
ignore him. The fact, however, remained that the book had been 
printed, and to get a licence for it would have necessitated explanations. 
But, as he we have already noted (S. Pollard, S. 66 Zeile 13 von unten) 
in substituting an authorized edition for a piracy ordinary precautions 
could be disregarded. That the second edition of ‘Romeo and Juliet’, 
printed in 1599 by Thomas Creed for Cuthbert Burby, was an author- 
ized edition, printed with the goodwill of the players, there is good 
evidence. We have already met with Burby as one of the two men 
to whom Jonson's ‘Every Man in his Humor’ was entered in August, 
1600, a few days after the notice that it was to be ‘‘stayed’’ (S. 68 
bei Pollard). In 1595 he had already entered and published the play 
of ‘Edward III.’, which, whether Shakespeare had a hand in it or not, 
belonged to the Chamberlain’s men [d. h. Sh.s Truppe]. — — The 
editions with which he is connected all have good texts, and this second 
edition of ‘Romeo and Juliet’ is no exception to the statement. Ac- 
cording to Mr. Daniel, the editor of the Facsimile, it contains 3,007 lines 
as against 2,232 in Danter’s edition. It has been proved by Mr. Daniel 
that it must have been printed from a written copy, the first four 
lines of Act II, sc. 3, and ll. 37—43 of Act III, sc. 3 having obviously 
taken their present form from a misunderstanding of manuscript 
corrections. In Act IV. sc. 5, we have a tell-tale substitution of the 
name of an actor, Will Kemp, for the character he was playing, and 


1) Article on the Printers of Shakespeare’s Plays and Poems, The Library, N. S. 


vol. VII, 149—166, Anm. Pollards. 


Bisherige Theorien über die Entstehung der ersten Quarto 247 





the form of the stage-direction ‘Whistle boy’ in V, 3, is also sug- 
gestive of a playhouse copy. Lastly, we have the facts that the play 
was regularly transferred from Burby to Nicholas Ling in January 
1606/7, and from Ling to John Smethwick in November, 1607, that 
Smethwick’s edition of 1609 is a reprint of Burby’s, and that this 
1609 edition in its turn was reprinted in the Folio of 16231).‘ 


Pollard ist also auch der Meinung, daB die erste Quarto von ,,Romeo 
and Juliet“ durch Nachschrift von Stenographen — er spricht von Steno- 
graphen, nicht von einem Stenographen — entstanden ist. Ob die von 
ihm angegebenen Erstausgaben Heinrichs V., Hamlets, Pericles’ und der 
„Lustigen Weiber von Windsor‘‘ und vielleicht auch noch weitere Quartos 
auf stenographischem Wege entstanden sind, kann erst eine genaue Unter- 
suchung aller Quartausgaben in bezug auf Stenographie ergeben. 

Für die erste Quarto der ,,Lustigen Weiber von Windsor‘ ist neuer- 
dings dieser Nachweis erbracht durch die ebenfalls in Leipzig unter Leitung 
meines hochverehrten Lehrers, Herrn Geh. Hofrat Professor Dr. Förster 
bearbeitete Dissertation?) von Paul Friedrich, der leider im Herbste 1916 
in dem großen Völkerringen gefallen ist. Diese Arbeit ist für die Unter- 
suchung der Quartausgaben grundlegend, da sie in ihrem Hauptteil eine 
gründliche kritische und entwicklungsgeschichtliche Untersuchung des 
Systems Bright enthält und auch das stenographische Quellenmaterial 
dieser Zeit eingehend behandelt. Wir werden noch mehrfach Gelegen- 
heit haben, auf diese Arbeit zurückzukommen. 

Im vergangenen Jahre ist in der ‚„Anglia‘‘3) eine Untersuchung von 
Paul Seyferth veröffentlicht worden: ‚In welchem Verhältnis steht H 6 B 
(Heinrich VI. zweiter Teil) zu The Contention betwixt the two famous 
houses of Yorke and Lancaster und H 6 C (Heinrich VI. dritter Teil) zu 
The True Tragedie of Richard Duke of Yorke, and the Death of the Good 
King Henrie the Sixt?“ 

Seyferth kommt darin zu dem Ergebnis, daß H6B und H 6C die ur- 
sprünglichen Stücke sind und the Contention und the True Tragedie un- 
rechtmäßige Nachschriften. Er nimmt an, daß zwei Stenographen tätig 
gewesen sind, die „hinter Säulen versteckt‘‘*) das Stück nachgeschrieben 
haben. Den Nachweis führt er auf Grund von Hörfehlern. Von einem 


1) S. Pollard, S. 69 f. 

2) Paul Friedrich, Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shake- 
speares. Timothe Brights Characterie entwicklungsgeschichtlich und kritisch be- 
trachtet. Mit einem Anhang: Neue Gesichtspunkte fiir stenographische Unter- 
suchungen von Shakespeare-Quartos, dargelegt an der ersten Quarto der ,,Merry 
Wives of Windsor“: 1602. Leipzig 1914. 

3) Anglia, Bd. XL, S. 323 ff. 

4) Anglia (a.a.0.), S. 326. 

18° 


248 Adolf Schöttner 





bestimmten Stenographiesystem ist nicht die Rede. Es wäre wünschens- 
wert, daB das Stück auch daraufhin einmal untersucht würde. 

Das „Archiv für Stenographie‘‘ Jahrgang 1908!) enthält einen Aufsatz 
von A. Seeberger: „Zur Entstehung der Quartausgabe des First Part of 
leronimo‘“‘. Der Verfasser weist darin nach, daß dieses Stück ebenfalls 
mit Hilfe des Systems von Bright nachgeschrieben sein muß. Die Kritik 
dazu siche bei Friedrich, S. 65 ff. : 

Dafür, daß die erste Quarto von „Romeo und Julia‘ durch Nachschrift 
im Theater mit Hilfe des Systems Bright entstanden ist, hatte bereits 
Dewischeit in seiner S. 239 der vorliegenden Arbeit genannten Veröffent- 
lichung einige Belege gebracht. Wir wollen nun im folgenden das Stück 
einer eingehenden Untersuchung unterziehen, in welchem Umfange wir 
die Spuren der Stenographie darin feststellen können. 

Zusammenfassend wollen wir noch einmal konstatieren, daß es, von 
den erwähnten Ausnahmen abgesehen, nunmehr wohl endgültig allgemein 
anerkannt wird, daß wir es in Q, mit einem auf stenographischem Wege 
entstandenen Raubdruck zutunhaben. Die Vermutung, daßesein Raubdruck 
sei, finden wir bereits bei Pope. Die erste Folioausgabe von 1623 spricht 
nur von ,,diuerse stolne and surreptitious copies‘‘, nennt aber keine bestimm- 
ten Ausgaben. Theobald spricht zum ersten Male davon, daß Stenographen 
bei der Aufnahme der Raubdrucke tätig gewesen seien. Aber auch er nennt 
die erste Quarto von „Romeo und Julia‘‘ nicht ausdrücklich, obwohl er sie 
zweifellos dabei im Auge hat. Erst 160 Jahre später führt Dewischeit den 
Nachweis, daß neben andern Quartos auch die erste Quarto von „Romeo 
und Julia“ mit Hilfe des Bright’schen Systems zustande gekommen ist. 

Bezüglich Q, schwanken die Meinungen außerordentlich. Die Her- 
ausgeber der ersten Folio, Heminge und Condell, die ja Q, für den Druck 
von „Romeo und Julia‘ zugrunde legten, äußern sich über Q, überhaupt 
nicht. Die späteren Herausgeber von Q, stimmen alle darin überein, daß 
Q, eine rechtmäßige und gute Ausgabe ist. Tycho Mommsen stellt sogar 
die Behauptung auf, daß Q, auf Shakespeares eigenhändigem Manuskript 
beruhe, und findet starke Unterstützung durch Gericke (Shakespeare- 
Jahrbuch Bd. 14). Diese Theorie hält sich aber nicht. Heute ist man 
wohl allgemein der Auffassung, die Pollard in seinem obenerwähnten Werke 
„Shakespeare Folios and Quartos‘‘ niedergelegt hat, daß Q, eine auto- 
risierte Ausgabe darstellt, die auf einem guten Bühnenmanuskript beruht. 

Von den neueren Shakespeareausgaben haben wir den Arden-Shakespeare 
bereits erwähnt (S. 238). Furness’ ‚New Variorum Shakespeare‘‘2) stellt 


1) S. 236 ff. 


2) Horace Howard Furness, A New Variorum Edition of Shakespeare. Phila- 
delphia (ohne Jahreszahl). 18 Bde. 


Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 249 





keine eigene Theorie über die Entstehung von „Romeo und Julia“ auf. 
Er gibt nur im Anhang des betreffenden Bandes die Meinungen der ver- 
schiedenen Herausgeber wörtlich wieder (S. 415 ff.). 

Die anderen Ausgaben interessieren uns an dieser Stelle nicht. 


ZWEITER TEIL. 
Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit. 


J. Kapitel. 


Die stenographischen Quellen der Zeit. 


ie Kenntnis der Stenographie war in der Elisabethanischen Zeit 
In schon weit verbreitet. Es sind uns zwar nicht allzu viele 
Mitteilungen darüber erhalten, aber die Nachrichten, die uns überliefert 
sind, werfen ein helles Licht auf die weitgehende praktische Verwendung 
der Stenographie in der damaligen Zeit. Aus dem uns vorliegenden Ma- 
teriall) geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß die Stenographie besonders 
zur Nachschrift von Theaterstücken und Predigten verwendet wurde. Ver- 
schiedene Autoren beklagen sich bitter über den Raubdruck ihrer Stücke 
mit Hilfe der Stenographie. Von Shakespeare hören wir allerdings darüber 
nichts. Das ist wohl darauf zurückzuführen, daß Shakespeare sich um 
die Drucklegung seiner Stücke überhaupt nicht gekümmert hat. Für ihn 
war mit dem Verkauf des Stückes an eine Schauspielergesellschaft an- 
scheinend das Interesse daran geschwunden. 

Die Stenographie spielt in der Elisabethanischen Zeit erst eine Rolle 
seit dem Jahre 1588. Dieses Jahr bildet einen Markstein in der Geschichte 
der Stenographie, denn in diesem Jahre veröffentlichte der Arzt Dr.Timothe 
Bright ein Lehrbuch der Stenographie unter dem Titel: 

Characterie. An Arte of shorte, swifte and secrete writing by 
Character. Inuented by Timothe Bright, Doctor of Phisike. Im- 
printed at London by J. Windet, the Assigne of Tim. Bright. 1588. Cum 
priuilegio Regiae Maiestatis. Forbidding all other to print the same. 

Diese Veröffentlichung war ein epochemachendes Ereignis, denn seit 
dem Ende des ı2. Jahrhunderts, wo der Mönch John of Tilbury den Ver- 


1) Vgl. dazu Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 34, S. 170 ff. und Archiv fiir Steno- 
graphie (A. f. St.) 1897 (Dewischeits Arbeit). Moser, Geschichte der Stenogra- 
phie, Bd. I, S. 118 ff. Leipzig 1889. William J. Carlton, Timothe Bright, Doctor 
of Phisicke. A Memoir of „The Father of Modern Shorthand“. London, Elliot 
Stock III. 


250 Adolf Schöttner 





such machte, ein Stenographiesystem nach dem Vorbilde der tiranischen 
Noten zu schaffen, war dies das erste Büchlein über Stenographie, das 
wir in England besitzen. Zwei Jahre vorher hatte Bright schon die Epistel 
an Titus in Stenographie übertragen und einem Briefe beigelegt, den 
sein Gönner Vincent Skinner an Michael Hicks schrieb, den Privatsekretär 
des Lordschatzmeisters Lord Burghley, dessen Sohn das Bright’sche System 
empfohlen werden sollte. Dieser Brief und die Übertragung der Epistel 
an Titus ist uns auch erhalten und befindet sich im Britischen Museum 
unter der Signatur Lansdowne MS. 5ı fol. 27. Reproduziert ist diese 
Handschrift bei Levy!), Carlton und Friedrich. Eine vergrößerte Photo- 
graphie befindet sich im Englischen Seminar der Universität Leipzig. 

Dieses Stenogramm wie überhaupt das ganze System Brights ist in der 
bereits erwähnten Dissertation von Paul Friedrich kritisch und entwick- 
lungsgeschichtlich untersucht. Er hat nachgewiesen, daß wir in dem 
Titusbriefe die erste Entwicklungsstufe des Systems vor uns haben. Die 
Grundgedanken des im Lehrbuche von 1588 dargestellten Systems sind 
bereits darin enthalten, das Alphabet ist aber ein anderes. (Das Nähere 
darüber s. bei Friedrich, S. 22 ff.) 

1588 erschien das Lehrbuch selbst. Da wir auf das darin gelehrte System 
in einem besonderen Abschnitte einzugehen gedenken, so seien hier nur 
einige bibliographische Angaben gemacht. Von dem Original waren bisher 
nur zwei Exemplare bekannt, das eine in der Bodleian Library zu Oxford 
unter der Signatur Douce W 3, das andere unter den von Samuel Pepys 
dem Magdalene College zu Cambridge geschenkten Büchern. 1910 ist 
nun, wie in Pitman’s Journal vol. LXX p. 4 (7. Januar 1911) mitgeteilt 
wird, noch ein drittes gut erhaltenes Exemplar in der Bibliothek des Earl 
of Crawford and Balcarres in Haigh Hall (nicht Haigh Wall, wie Carlton 
S. XIV schreibt) Lancashire aufgefunden worden, das insofern von be- 
sonderer Bedeutung ist, weil es eine bisher unbekannte Übersicht über 
das System?), eine ‚‚synoptical table‘, enthält. 

1888 veranstaltete Herbert Ford einen Neudruck. Schon Pape wies in 
seiner Dissertation darauf hin, daß sich in dem Neudruck eine Reihe von 
Fehlern befindet. Carlton führt eine noch größere Menge von Fehlern 
auf (S. 92). In Deutschland befinden sich von dem Ford’schen Neudruck, 
der übrigens auf roo Exemplare beschränkt war, soweit bekannt, nur 
zwei®) Exemplare, das eine in der Bibliothek des Königlich Sächsischen 

1) Matthias Levy, William Shakespeare and Timothy Bright. London 1910. 


2) Abgedruckt in Pitman’s Journal (a. a. O.), bei Carlton (a. a. O.), S. 88, und 
bei Friedrich (a. a. O.), S. 17. 


3) Nach dem A. f. St. 1901, S. 225, Anm. sollten außerdem der Stenographen- 
verein zu Berlin und Dr. Johnen in Düsseldorf je ein Exemplar dieses Neudrucks 
besitzen. Diese Angabe stimmt nach Friedrich, S. ro, Anm. 2 nicht. 


Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 251 





Stenographischen Landesamts zu Dresden unter der Signatur Caı., das 
andere in der Universitätsbibliothek zu Freiburg im Breisgau unter der 
Signatur C 1422. Abschriften des Bodleian Exemplars (MS. transcripts) 
befinden sich nach Carlton in der Manchester Free Reference Library 
und in der Reference Library des Royal Albert Memorial Museums. 

Anscheinend ist dieses System, das ja mit königlichem Privileg aus- 
gestattet war, rasch verbreitet worden und hat viele Anhänger gefunden. 
Das geht schon daraus hervor, daß wir aus dem Jahre 1589 ein Manuskript 
besitzen, das die sibyllinischen Weissagungen, in stenographische Schrift 
nach dem System Bright übertragen, enthält und von einer gewissen 
Jane Seager, einem Hoffräulein der Königin Elisabeth, dieser als Neu- 
jahrsgeschenk überreicht war. Das Manuskript befindet sich im Briti- 
schen Museum unter der Signatur Additional MS. 10037. Eine Photo- 
graphie des ganzen Textes besitzt das englische Seminar der Universität 
Leipzig. 

Einen seiner Brüder hatte Bright, wie wir aus dem Briefe Vincent Skinners 
erfahren, bereits 1586 in sein System eingeweiht. Im Jahre 1589 hören 
wir aber auch zum ersten Male, daß die Stenographie praktisch verwendet 
wurde. Aus diesem Jahre sind uns zwei Predigten des puritanischen 
Predigers Stephen Egerton (1555?—1621?)1!) erhalten, die mit Hilfe der 
Stenographie nachgeschrieben worden sind. Daß dazu das Bright’sche 
System verwendet worden ist, geht schon aus der Vorrede hervor, die 
der Stenograph zu der einen Predigt?) geschrieben hat. Darin findet 
sich mehrfach das Wort Characterie. Das war aber bekanntlich der Name, 
den Bright seiner Kurzschrift beigelegt hatte. Die Stenogramme selbst 
sind nicht erhalten. 

In den Jahren 1590 und 1591 wurde die Stenographie ebenfalls ver- 
schiedentlich zur Nachschrift von Predigten des Rektors Henry Smith 
verwendet ?), 

Daß man mit Hilfe der Stenographie auch Theaterstiicke nachschrieb, 
und zwar zum Zwecke des Raubdrucks, das beweist uns der Prolog zur 
zweiten Ausgabe von Thomas Heywood’s ,,If you know not me, you know 
nobody“ aus dem Jahre 1631, worin sich Heywood über den durch 
stenographische Nachschrift im Theater veranlaßten Raubdruck dieses 
Stückes von 1605 beklagt. Die Überschrift des Prologs und dieser selbst 
lauten®): 


1) Vgl. den Artikel iiber Stephen Egerton von A. Vian im Dict. of Nat. Biogr. 

2) Der Wortlaut der Vorrede ist abgedruckt bei Carlton (a. a. O.), S. 103. Vgl. 
dazu auch Friedrich, S. 20 ff. sowie Carlton, S. 99 ff. 

3) S. Carlton, S. 122 ff. 

*) Zitiert nach Pollard (a. a. O.), S. 1.. 


252 


Adolf Schöttner 





„A Prologue to the Play of Queene Elizabeth as it was last revived 
at the Cock-pit, in which the Author taxeth the most corrupted copy 
now imprinted, which was published without his consent. l 


ay 8 Prologue. 
Playes have a fate in their conception lent, 
Some so short liv’d, no sooner shew’d than spent; 
But borne to-day, to morrow buried, and 
Though taught to speake, neither to goe nor stand. 
This: (by what fate I know not) sure no merit, 
That it disclaimes, may for the age inherit. 
Writing ’bove one and twenty; but ill nurst, 
And yet receiv’d as well perform’d at first, 
Grac’t and frequented, for the cradle age, 
Did throng the Seates, the Boxes, and the Stage 
So much; that some by Stenography drew 
The plot: putit in print: (scarce one word trew:) 
And in that lamenesse it hath limp’t so long, 
The Author now to vindicate that wrong 
Hath tooke the paines, upright upon its feete 
To teache it walke, so please you sit, and see’t.‘“ 


1609 hatte man Heywood’s „Rape of Lucrece‘‘ ebenfalls mit Hilfe der 
Stenographie im Theater nachgeschrieben und ohne seine Zustimmung 
veröffentlicht. Darüber beklagt er sich im Vorwort zur zweiten Ausgabe 
1630. Er schreibt hier!): 


„To the Reader. —. IT hath beene no custome in mee of all other 
men (courteous Reader) to commit my plaies to the presse: the reason 
though some may attribute to my owne insufficiencie, I had rather 
subscribe in that to their seueare censure then by seeking to auoide 
the imputation of weaknes to incurre greater suspition of honestie: 
for though some haue used a double sale of their labours, first to 
the Stage, and after to the presse, For my owne part I heere proclaime 
my selfe euer faithfull in the first, and neuer guiltie of the last: yet 
since some of my plaies haue (vnknowne to me, and without any 
of my direction) accidentally come into the Printers hands, and 
therefore so corrupt and mangled, (coppied only by the eare) 
that I haue bin as vnable to know them, as ashamed to chalenge 
them, This therefore, I was the willinger to furnish out in his natiue 
habit: first being by consent, next because the rest haue beene so 


1) Ebenfalls zitiert nach Pollard, S. 10 f. 


Lie Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 253 





wronged in being publisht in such sauadge and ragged ornaments: 
accept it courteous Gentlemen, and prooue as fauorable Readers 
as we haue found you gratious Auditors. Yours T. H.“ 


Andeutungen, daß die Stenographie zur Herstellung von Raubdrucken 
Verwendung fand, haben wir ferner in den Vorworten zu Marston’s ,,Mal- 
content‘‘ 1604 und Marston’s ‚„Parasitaster‘‘ 1606, in Webster’s ‚The Devil’s 
Law Case‘‘ 1623 und ‚A Bartholomew Fairing‘‘'!). Es würde zu weit 
führen, alle diese Belege zu zitieren. Wir haben uns daher mit den wich- 
tigsten begnügt. Jedenfalls ersehen wir aber daraus, daß die Stenographie 
auch zur Nachschrift von Theaterstücken verwendet wurde. 

Was das Leben Bright’s anbelangt, so sind wir neuerdings darüber sehr 
gut orientiert, soweit das überhaupt möglich ist, durch die schon mehrfach 
erwähnte Biographie, die William J. Carlton im Jahre ıgıı herausgegeben 
hat. Danach ist Bright 1550 oder 1551 geboren. Wir wissen das nur aus 
dem Eintrag in das Universitätsregister zu Cambridge vom Jahre 1561, 
wo neben dem Namen Bright’s die Bemerkung steht: impubes II. Sein 
Vater war wahrscheinlich der Bürgermeister von Cambridge, denn ein 
William Bright war, wie das Begräbnisregister von Methley zeigt, wo der 
Vater starb, zu der in Frage kommenden Zeit Bürgermeister von Cam- 
bridge. Timothy Bright war nur als subsizar immatrikuliert. Er gehörte 
also nicht zu den bemittelten Studierenden und war einem älteren 
vermögenden Studenten (seinem tutor) zu verschiedenen Dienstleistungen 
verpflichtet. Bright’s tutor war der ebenfalls schon erwähnte Vincent 
Skinner, mit dem ihn auch im späteren Leben innige Freundschaft ver- 
band. Ihm hat er viel zu verdanken gehabt, so auch die Stellung als Arzt 
am Bartholomäushospital, die er später einnahm. 

1567 oder 1568 erwarb er den Grad eines B. A., verließ aber dann Cam- 
bridge und ging mit dem englischen Gesandten Sir Francis Walsingham 
nach Paris. Dort erlebte er die Bartholomäusnacht mit. Ihre Schrecken 
hat er nie vergessen. Sie wurden später der Anlaß für ihn, ein Werk über 
Melancholie zu schreiben. Der Aufenthalt in Frankreich scheint ihm 
durch diese Erlebnisse verleidet gewesen zu sein. Er kehrte nach Cambridge 
zurück und wandte sich dem Studium der Medizin zu. 1574 wurde er 
MB. und 1579 MD. Bald darauf heiratete er. Seine praktische Tätigkeit 
als Arzt begann er in seiner Vaterstadt und praktizierte darauf vorüber- 
gehend in Ipswich. 1586 wurde er zweiter Arzt an dem berühmten, großen 
Bartholomäushospital in London. Seine Neigungen drängten ihn aber 
mehr und mehr zum geistlichen Stande. 1591 verzichtete er auf seine 
Stellung als Arzt und wurde Pfarrer in Methley. 1594 übernahm er noch 


1) Vgl. dazu Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 34, S. 173 f. 


254 Adolf Schöttner 
die Pfarrstelle von Barwick-in-Elmet und siedelte nach diesem Orte über. 
Wie lange er dort blieb, ist unbekannt. Seine letzten Tage verlebte er in 
Shrewsbury bei seinem Bruder William, der dort gleichfalls Pfarrer war. 
Am 6. September 1615 ist er begraben. Er hinterließ eine Witwe mit zwei 
Söhnen. 

Die Erfolge Brights in der Stenographie reizten zur Nachahmung. Der 
berühmte Schreibmeister Peter Bales veröffentlichte 15s9ı zum Neujahrs- 
tage ein Werk: 


„Ihe writing Schoolmaster, containing three Books in one; the 
first, teaching swift Writing, the second true Writing, the third faire 
Writing. London by Thomas Orwin 1590, ı. Jan.“ 


Nach dem Dictionary of National Biography befindet sich ein Exem- 
plar des Buches in der Bodleian Library und ein zweites in der bischöf- 
lichen Bibliothek des Lambeth Palace. Leider fehlt bisher immer noch 
eine Untersuchung dieses Buches, die doch höchst wünschenswert wäre, 
da chronologisch ja die Möglichkeit besteht, daß mit diesem System Shake- 
speare’sche Dramen nachgeschrieben worden sind. Eine Andeutung über 
die Art dieses Systems finden wir in der Encyclopaedia Britannica vom 
Jahre 1911. Dort steht: 


„Bales’ Method was to group the words in dozens, each dozen 
headed by a Roman letter, with certain commas, periods, and other 
marks to be placed about each letter in their appropriate situations 
so as to distinguish the words from each other.‘ 


Nach diesen Worten ist es ausgeschlossen, daB speziell unser Stiick 
mit diesem System nachgeschrieben worden ist, denn danach schreibt 
man doch die Anfangsbuchstaben jedes Wortes in gewöhnlicher Schrift 
und unterscheidet die nachfolgenden Buchstaben und Silben durch irgend- 
welche Zeichen. Es müßten also öfters Worte mit gleichen Anfangsbuch- 
staben verwechselt sein. Das ist aber in „Romeo und Julia‘ nicht der 
Fall. Hier finden wir vielmehr, wie wir sehen werden, die Eigenheiten 
und Schwächen des Bright’schen Systems. 

Das Lehrbuch Bales’ erschien nach dem Dict. of Nat. Biogr. 1597, in 
zweiter Auflage. 1586 schon hatte Bales der Königin Elisabeth eine Minia- 
turbibel überreicht, die in der Schale einer Walnuß Platz finden konnte. 
Sie enthielt genau so viel Seiten und genau so viel Text auf jeder Seite 
wie die Bibel in den sonst gebräuchlichen Ausgaben. Sie soll stenographisch 
abgefaßt gewesen sein!). 

Am ı. Januar 1600 erschien sein Hauptwerk: 


1) S. Moser (a. a. O.), S. 124. . : 


Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 255 





„A New-yeares gift for England. The Art of new Brachygraphy. 
Verie necessarie to be learned and written with great speede: by the 
abbreviation of all English words into three or foure letters with 
a tittle, for the logest words. Verie conuenient usw. London, printed 
by Richard Field. 16001). 


Auf das in diesem Buche enthaltene System, das auch lediglich eine 
abgekürzte Kurrentschrift darstellt, aber auf anderer Grundlage als im 
„Writing Schoolmaster‘‘, erübrigt sich ein Eingehen an dieser Stelle, da 
es für die Nachschrift der bereits 1597 erschienenen ersten Quarto von 
„Romeo und Julia‘ nicht in Betracht kommen kann. 

Bales lebte von 1547?—1610. Allzuviel wissen wir nicht über sein 
Leben. Es steht fest, daß er sich mehrere Jahre in Oxford aufgehalten 
hat, ob aber als Student oder als Lehrer der Schreibkunst, ist nicht bekannt. 
Sein Ruhm beruht hauptsächlich auf seiner Schreibkunst, weniger auf 
seiner Tätigkeit als Systemerfinder. Es ist unbekannt, wo und wann er 
starb. 

Das nächste Stenographiesystem, das erfunden wurde, ist das von John 
Willis?) aus dem Jahre 1602. Da aber die erste Quarto von ,,Romeo 
und Julia“ 1597 erschien und die zweite Quarto 1599, so brauchen wir 
schon aus chronologischen Gründen auf dieses System hier nicht ein- 
zugehen. 


2. Kapitel. 
Das System Bright und seine Mängel. 


Wir geben nun im Folgenden eine kurze Darstellung des Systems, soweit 
sie für unsere Zwecke nötig ist. Eine eingehende Untersuchung über die 
Entwicklung des Systems bietet die bereits erwähnte Arbeit von Paul 
Friedrich, auf die wir ausdrücklich verweisen. 

Im Bright’schen System lassen sich zwei Entwicklungsstufen deutlich 
erkennen. Im Titusbriefe haben wir das System noch in seinen Anfängen, 
während das Lehrbuch von 1588 eine höhere Entwicklungsstufe aufweist. 
Die Frage, ob eine weitere noch mehr vervollkommnete Gestalt des Systems 
existiert hat, wie Pape in seiner bereits erwähnten Dissertation?) und 


1) Ein einziges Exemplar davon ist erhalten in der Pariser Nationalbibliothek 
(V.25. 102). Vgl. dazu A.f.St. ıgıı, S. 105, A. f. St. 1913/14, S.7, Anm. und 
Deutscher Stenograph 1912, S. 273 ff. 

2) Die beste Arbeit fiber das System von John Willis ist die umfassende Arbeit 
von Chr. Johnen, ,,John Willis’ Lehrbuch und System vom Jahre 1602", A. f. St. 
1908, S. 9 ff. 

3) O. Pape, Über die Entstehung der ersten Quarto von Shakespeares Richard III. 
Erlangen 1906. 


256 Adolf Schdttner 





Seeberger!) annehmen, Dewischeit?) allerdings auch schon ablehnt, ist 
durch die grundlegenden Untersuchungen Friedrichs auf S. 59—68 seiner 
Arbeit endgültig in verneinendem Sinne entschieden worden. Er weist 
dort nach, daß die nach dem Lehrbuche von 1588 vermeintlich nicht wieder- 
zugebenden Wörter, auf die Pape und Seeberger ihre Ansicht im wesent- 
lichen stützen, doch geschrieben werden können, und erbringt den aus- 
führlichen Beweis dafür aus der Handschrift der Jane Seager. Schon 
Dewischeit hat darauf in einer Anmerkung zur Papeschen Arbeit?) kurz 
hingewiesen. 

Das System des Titusbriefes zeigt in seinen Grundgedanken wie in vielen 
Einzelheiten bereits völlig die Gestalt des im Lehrbuche von 1588 ent- 
haltenen Systems, weist aber ein vollkommen anderes Alphabet auf. 

Nach dem Lehrbuche stellt sich das System folgendermaßen dar: Wir 
haben ein sogenanntes geometrisches System vor uns. Man versteht dar- 
unter ein Stenographiesystem, das zur Darstellung der Buchstaben die 
gerade Linie und den Kreis oder Teile derselben verwendet, während die 
Buchstaben der graphischen Systeme, die in Deutschland bevorzugt werden, 
sich aus Teilzügen der Kurrentschrift zusammensetzen. Eine Eigenheit 
des Bright’schen Systems ist, daß man mit demselben nicht, wie gewöhn- 
lich von links nach rechts sondern von oben nach unten schreibt. Es 
hängt das damit zusammen, daß im Bright’schen System die senkrechte 
Linie eine große Rolle spielt. Die vielen vertikalen Schriftzüge stemmen 
sich aber der schreibenden Hand entgegen und würden eine größere Schreib- 
geschwindigkeit verhindert haben. Die vertikale Schreibweise war deshalb 
ein äußerst glücklicher Gedanke Bright’s. 

Der senkrechte Strich ist nun der Grundzug seines Systems und be- 
deutet bei ihm ein a. Durch Ansetzung verschiedener geometrischer 
Charakteristika an den oberen Teil des senkrechten Strichs schuf er sein 
Alphabet. So bildete er das b, indem er links oben an den senkrechten 
Strich einen schrägen Strich ansetzte. Das c hatte diesen Strich rechts 
oben. Das Alphabet des Lehrbuchs hatte folgende Gestalt: 


ı\larır ar PS ır Ir ft 9 = 18 Zeichen. 
abcede fg hi Imnopr stu 
In diesem Alphabet fehlen die Buchstaben q, k, j, y, v, w, x und z. q und k 
wurden durch c ersetzt, j und y durch i, v und w durch u. Für x und z 
hatte er keine Zeichen. 
Das Bright’sche System war aber keine eigentliche Buchstabenschrift 
sondern eine Wortschrift. Das Wort war das Konstruktionselement. Nur 


1) Archiv f. Sten. 1908, S. 260 f. 
2) Archiv f. Sten. 1906, S. 244. 


Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 257 





die Eigennamen schrieb er aus. Seine Wortbilder schuf er, indem er zu- 
nachst den Anfangsbuchstaben des betreffenden Wortes schrieb und die 
folgenden Buchstaben und Silben symbolisch durch ein einziges Charakte- 
ristikum bezeichnete, das er an dem unteren Teile der Buchstaben an- 
brachte. Solcher Charakteristika verwendete er 12, die bis auf zwei, a 
und >», mit den am oberen Teile der Buchstaben befindlichen überein- 
stimmten. 

Die Wortbilder, die beispielsweise aus a entstehen konnten, sahen also 
folgendermaßen aus: 


JLibJtibdludh 


Die so entstehenden Schriftzeichen nannte er characters. Seine Kunst 
trug ebenfalls danach den Namen „Characterie‘‘. Diese Schriftzeichen 
verwendete er in vier verschiedenen Lagen: aufrecht, schräg von links 
oben nach rechts unten, schräg von links unten nach rechts oben und 
liegend. Auf diese Weise hatte er 18.12.4 = 864 Schriftzeichen zur 
Verfiigung. Er benutzte aber nicht alle, sondern wahlte 538!) aus und 
verwendete sie zur Bezeichnung der nach seiner Meinung am häufigsten 
vorkommenden Wörter. Diese 538 characters sind, wie schon in der 
Anmerkung erwähnt, in.der Characterie Table S. 37—-47 des Lehrbuches 
enthalten. Anschließend daran finden sich dort noch 32 „Particles‘. Die 
Zeichen dafür sind besonders gebildet. Sie entsprechen wohl am ehesten 
den in den modernen Stenographiesystemen gebräuchlichen Sigeln, die 
zur Bezeichnung der am häufigsten vorkommenden kurzen Wörter (Artikel, 
Pronomina, Präpositionen, Konjunktionen, Ausrufe usw.) dienen. Es 
waren also insgesamt 570 Schriftzeichen, die den Grundstock seines Systems 
bildeten. Diese Schriftzeichen und ihre Bedeutung mußte der Schüler 
seinem Gedächtnis fest einprägen. Es wurden also an das Gedächtnis 
bedeutende Anforderungen gestellt. 

Wie wurden nun die übrigen Wörter des englischen Sprachschatzes 
ausgedrückt? Bright hat dazu eine neue eigenartige Methode erfunden, 
die vor und nach ihm nicht wieder angewendet worden ist. Diese Methode 
wird auf S. 30—35 des Lehrbuches erklärt. Er bezeichnet sie als die so- 
genannte accompanied signification. Sie zerfällt in zwei Teile, die con- 
senting method und die dissenting method. Die erstere bestand darin, 
daß er diejenigen Worte, die seinen characters bedeutungsverwandt waren 
oder derselben Gattung angehörten, für die er aber kein besonderes Schrift- 
zeichen hatte, dadurch wiedergab, daß er zunächst das bei ihm vorhandene 


1) Dies ist die richtige Zahl, wie auch eine Nachzählung der in der Characterie- 
table S. 37—47 des Lehrbuches enthaltenen Zeichen ergibt. Dewischeit und Pape 
geben die Zahl 556 an. Das Nähere darüber s. bei Friedrich, S. 12. 


258 Adolf Schöttner 





bedeutungsverwandte Schriftzeichen schrieb und davor den Anfangsbuch- 
staben des darzustellenden Wortes setzte. Hatte er z. B. das Wort „sure“ 
zu schreiben, für das er kein besonderes Schriftzeichen besaß, so schrieb er 
zunächst das Zeichen für das bedeutungsverwandte „certaine‘‘ und setzte 
davor das Zeichen für s als Anfangsbuchstaben des darzustellenden 
„sure“. Das Wortbild sah also folgendermaßen aus: *(. 

Die Wörter, die die entgegengesetzte Bedeutung der bei ihm vorhan- 
denen characters hatten, drückte er dadurch aus, daß er ebenfalls zunächst 
das Zeichen für das bei ihm vorhandene Wort schrieb und dahinter 
den Anfangsbuchstaben des den entgegengesetzten Sinn enthaltenden 
Wortes setzte. So schrieb er für „come“ das Zeichen für ‚go‘ mit dahinter- 
stehendem c = fr. Dieses Verfahren bezeichnete er als dissenting 
method. Zur Erleichterung für den Schüler enthalten die Seiten 49—228 
des Lehrbuchs ein Wörterbuch ,,the Table of English Wordes‘‘ genannt, 
in welchem auf der linken Hälfte der Seite diejenigen Wörter enthalten 
sind, für die er keine Schriftzeichen hatte, während auf der rechten Hälfte 
diejenigen Sigelworte angegeben sind, mit deren Hilfe die Worte aus- 
gedrückt werden sollen. Zum besseren Verständnis bringt er auf den S. 229 
bis 256 dann noch ein Wörterverzeichnis, das er ,,Appelatiue Words‘ 
nennt. Hier gibt er die wichtigsten Sigelworte und stellt unter jedem 
einzelnen Sigelworte diejenigen Wörter zusammen, welche vermittels der 
consenting und dissenting method dadurch ausgedrückt werden können. 

Zur Unterscheidung von Numerus und Tempus sowie zur Bezeichnung 
von Wiederholungen verwendete er als wichtiges Hilfsmittel den Punkt. 
So bezeichnete er den Plural dadurch, daß er rechts neben das Zeichen 
für das Substantiv einen Punkt setzte. Zur Andeutung des Präteritums 
sowohl bei schwachen wie bei starken Verben setzte er einen Punkt links 
neben das Verbum, während ein rechts vom Verbum stehender Punkt 
das Futurum bezeichnete. Hierbei ist zu erwähnen, daß „would“ durch 
„will‘‘!) mit einem Punkt links daneben bezeichnet wurde, „should“ da- 
gegen durch „will“ mit einem Punkt rechts daneben. Wir haben in „Romeo 
and Juliet“ II. 2. 829 einen interessanten Fall der Verwechslung von 
„should“ und ‚would‘, den wir auf S. 277 besprechen. 

Ableitungssilben wurden ebenfalls durch Punkte gekennzeichnet, soweit 
er ihre Bezeichnung überhaupt für nötig hielt. Die allgemeine Regel dar- 
über auf S. 26 des Lehrbuchs lautet: 


1) Die entsprechende Regel auf S. 28 des Lehrbuches lautet: When would is 
to be expressed, write the character of well for it, and read it would: and for should, 
make a prick on the right side of well. Hier liegt zweifellos ein Druckfehler vor. 
Es muß heißen „will“. Friedrich, S. 14. 5, S. 35. 13, S. 55 unten schreibt regelmäßig 
„will“, nimmt also auch stillschweigend an, daß es „will“ heißen muß. 


Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 259 





„Primitiues and deriuatiues are known by the language: as, he 
is a virtuous man, not a virtue man: fear God, honor the king: not 
fearful, so not honourable.‘ 

Dagegen heiBt es weiter: 

„Deriuatiue words that end in er, require two prickes at the right 
side of the character: as, labourer is deriued of labour. } ii 

Das Participium praesentis wurde durch zwei Punkte unter dem Verbum 
bezeichnet. In ‚Romeo and Juliet“ I. 1.189 haben wir ein hiibsches 
Beispiel der Verwechslung dieser Unterscheidungsmerkmale: Dort steht in 
Q, „louing‘“. Q, hat aber dafür „louers‘“. Das Beispiel ist von uns S. 277 
besprochen. 

Den Komparativ bezeichnete er überhaupt nicht. Er gibt dafür S. 28 
als Grund an: ,,The comparatiue degree is known from the other, by than, 
following: as, Gold is better than silver, not good than silver, nor best.‘ 
Ebensowenig hat er für den Superlativ irgendwelches Unterscheidungs- 
zeichen. Er schreibt dariiber: ,,The superlatiue degree is declared by of, 
following: as, Gold is best of mettalls.“ 

Wurde ein Wort mehrmals hintereinander wiederholt, so sollte man 
so viele Punkte links neben das Wort setzen, als es wiederholt wurde. 
Wurden Redensarten oder kleine Sätze mehrmals wiederholt, so sollte 
man entsprechend viel kleine Kreise setzen. 

Eine wortgetreue Wiedergabe der Rede strebte er mit seinem System 
nicht an. Ihm war das Wichtigste, daß der Sinn wiedergegeben wurde. 
Daher findet sich auf S. 35 seines Lehrbuchs die Regel: ‚‚the sense only 
is to be taken with the character.‘‘ Diese Regel ist von auBerordentlicher 
Wichtigkeit. Wir werden darauf an der Kritik noch besonders zurück- 
kommen. fog 

Das Bright’sche System beschränkte sich überhaupt auf die Wieder- 
gabe der wichtigsten sprachlichen Formen. Feinheiten der Sprache konnten 
damit nicht wiedergegeben werden. So war es nicht möglich, irgendwelche 
Reduktionsformen wiederzugeben wie is’t für is it oder can’t für cannot. 
Doppelformen von Wörtern wie ore und over, nere und never, ye und 
you, thine und thy, older und elder konnten nicht unterschieden werden. 
Die Bezeichnung des Genitiv-s, des Adverbs mußte unterbleiben. Ebenso- 
wenig konnte auch der Superlativ oder Komparativ eines Adjektivs als 
Attribut eines Substantivs wiedergegeben werden. Das Nähere ersieht 
man aus den später zu bringenden Beispielen. 

Wir gehen nun zur Kritik dieses Systems über. Aus dem bisher 
Gesagten geht schon hervor, daß ein auf solchen Prinzipien aufgebautes 
System an die Auffassungsgabe und Assoziationsfähigkeit des Steno- 
graphen kolossale Anforderungen stellt, mußte er doch die 538 characters 


260 Adolf Schöttner 





fest im Kopfe haben und zugleich sofort wissen, welchen der characters 
er im gegebenen Augenblick unter Zuhilfenahme der consenting oder 
dissenting method zu verwenden hatte. Außerdem mußte er jederzeit 
längere Redensarten möglichst kurz fassen können. 

Es liegt auf der Hand, daß die genaue Beobachtung der von Bright 
aufgestellten Regeln vom Stenographen aus den verschiedensten Gründen 
nicht immer durchgeführt werden wird, und bei den doch niemals geringen 
Geschwindigkeiten, mit denen gesprochen zu werden pflegt, auch gar 
nicht möglich ist. Das System birgt eben Mängel in sich, die sich bei der 
praktischen Verwendung in dem Stenogramm spiegeln müssen. 

In der Hauptsache sind es folgende fü nf Gruppen von Mängeln, die 
festzustellen sind: 

1. Die consenting und dissenting method gibt schon Anlaß zu Ungenauig- 
keiten im Stenogramm. Nur allzuleicht wird der Stenograph bei schnellem 
Sprechtempo der Redner vergessen, das Buchstabenzeichen, das das be- 
deutungsverwandte oder derselben Gattung angehörige Wort andeutet, 
neben den character zu setzen, sodaß nur der character im Stenogramm 
allein dasteht und der Stenograph infolgedessen beim Übertragen nur die 
allgemeine Bedeutung des characters in die Übertragung schreibt. Hierbei 
sei gleich bemerkt, daß abgesehen von ganz besonderen Ausnahmefällen 
heutzutage jeder Stenograph sein Stenogramm selbst überträgt, und dies 
wird jedenfalls auch zu Shakespeares Zeiten so gewesen sein, da die 
Stenogramme gewöhnlich für andere nur sehr schwer oder gar nicht les- 
bar sind. Hat doch jeder Stenograph seine besonderen Kürzungen und 
werden doch die Schriftzüge bei hohen Geschwindigkeiten meist so verzerrt, 
daß nur der, der sie selbst geschrieben hat, sie wiederzulesen vermag. Und 
selbst das ist zuweilen, namentlich den Anfängern, unmöglich. Vielleicht 
erinnert sich aber auch der Stenograph beim Wiederlesen nicht des Wortes 
aus dem Anfangsbuchstaben, der neben dem character steht. Man kann 
allerdings nach Bright bei Verwechslungsmöglichkeiten auch noch den 
zweiten Buchstaben am unteren Teile des Anfangsbuchstabens andeuten, 
aber das gibt wieder zu neuen Verwechslungen Anlaß, denn man kann 
dann auf den Gedanken kommen, es handle sich hier um einen selbstän- 
digen character, ganz abgesehen davon, daß hierzu schnelle Überlegung 
gehört. Außerdem gibt es Fälle, wo selbst die beiden ersten Buchstaben 
noch nicht ausreichen, um jede Verwechslungsmöglichkeit auszuschließen. 
So wird bei Bright sowohl pea‘ (die Erbse) wie „peach“ (der Pfirsich) 
durch das Zeichen für „fruit“ wiedergegeben. Bei beiden Wörtern sind 
aber die ersten drei Buchstaben völlig gleich. 

Schließlich ist es auch noch sehr wohl möglich, daß der Stenograph 
den Buchstaben, der vor dem character steht, nicht wiederlesen kann 


Die Stenographie in der Elisabethanischen Zeit 261 





oder falsch wiederliest und infolgedessen ein falsches Wort überträgt. 
In diesem Falle liegt allerdings die Schuld nicht an dem System Bright 
sondern an dem Stenographen. Wir kommen darauf noch $. 287f. zurück 
und werden dort das Nähere auseinandersetzen. 

Besondere Schwierigkeiten bot auch die dissenting method. 
Sie stellt an die Auffassungsgabe des Stenographen große Anforderungen. 
Synonyme oder derselben Gattung angehörende Wörter waren leicht zu 
finden. Der Stenograph muß ja überhaupt einen großen Wortschatz mit 
den entsprechenden Möglichkeiten der schnellen schriftlichen Darstellung 
im Gedächtnis haben. Die Anwendung der consenting method, wo es 
nur galt, naheliegende synonyme Wörter zu finden, fiel ihm also leicht. 
Bei Anwendung der dissenting method mußte er aber sein Denken in ganz 
andere Bahnen lenken und statt des naheliegenden synonymen Wortes dasdie 
entgegengesetzte Bedeutung habende Wort und den dazu gehörigen character 
finden. Es ist also kein Wunder, wenn der Stenograph danach strebte, die 
dissenting method möglichst wenig anzuwenden, oder manchmal versagte, 
wenn er sie anwendete. Ebenso konnte aber auch der Stenograph bei der 
Übertragung an manchen Stellen auf den Gedanken kommen, die Anwendung 
der dissenting method vergessen zu haben, sodaß er nachträglich das ent- 
gegengesetzte Wort einbesserte, obwohl es gar nicht an die Stelle gehörte. 

2. Der Punkt, den Bright zur Unterscheidung verwendete, konnte natur- 
gemäß beim Wiederlesen leicht übersehen werden und infolgedessen bei 
der Übertragung unberücksichtigt bleiben. Es besteht auch die Möglich- 
keit, daß der Stenograph bei raschem Sprechtempo des Redenden den 
Punkt entweder ganz zu setzen vergaß oder ihn nur so flüchtig andeutete, 
daß er ihn beim Übertragen nicht für einen Punkt hielt. Es kam schließ- 
auch wohl vor, daB der Stenograph erwartete, hier kommt der Plural oder 
das Präteritum oder Futurum und schon im voraus den entsprechenden 
Punkt setzte. Der Schauspieler aber brauchte vielleicht dann den erwarteten 
Numerus oder das erwartete Tempus nicht, und der Stenograph hatte 
entweder keine Zeit, den Punkt zu tilgen, oder er fürchtete, bei der Über- 
tragung Schwierigkeiten zu haben, falls er ihn striche, weil ein ausge- 
strichener Punkt leicht die Gestalt eines verzerrten Wortbildes annimmt. 
So blieb der Punkt stehen und wurde bei der Übertragung die Ursache 
davon, daß ein falsches Tempus oder ein falscher Numerus an der be- 
treffenden Stelle erschien. 

Bei Wiederholungen liegt selbstverständlich auch die Möglichkeit 
vor, daß der Stenograph einen Wiederholungspunkt oder -kreis zu viel oder 
zu wenig setzte und dadurch eine Wiederholung mehr oder weniger an- 
deutete. Hier muß man aber auch berücksichtigen, daß ebensogut auch der 
Schauspieler eine Wiederholung zu viel oder zu wenig gesprochen haben 

Prof. Dr. Schramm, Archiv £. Schriftikunde. L 6. 19 


262 Adolf Schöttner 





kann. Ich bin freilich in diesem Falle eher geneigt, dem Stenographen die 
Schuld in die Schuhe zu schieben, da ein Punkt gar zu leicht gesetzt ist. 
3. Sehr bedenklich für die wörtliche Aufnahme eines Stenogramms ist 
auch die Bright’sche Regel: ‚the sense only is to be taken.“ Damit ist 
der Ungenauigkeit Tür und Tor geöffnet, denn beim Schreiben wird der 
Stenograph wohl oft von dieser Erleichterung Gebrauch gemacht haben, 
aber beim Übertragen, namentlich längerer Stenogramme, wird er sich 
nicht immer haben erinnern können, an welcher Stelle nun das einfache 
Verbum oder eine sonst einfache Bezeichnung eine längere Umschreibung 
vertreten sollte, und vor allem wird er sich nicht immer erinnert haben, 
‚welche Umschreibung der Redende gebraucht hatte. Auf diese Weise 
müssen unbedingt Ungenauigkeiten entstehen. 

4. Ein wörtliches Stenogramm ist natürlich auch dadurch unmöglich, 
daß sprachliche Doppelformen und grammatische Bezeichnungen nicht 
oder nur mangelhaft wiedergegeben werden können. 

5. Schließlich haftet dem Bright’schen System auch der Mangel an, 
der jedem Stenographiesystem anhaftet: es enthält Schriftzeichen, die 
einander so ähnlich sehen, daß der Stenograph, wenn er nur etwas un- 
deutlich schreibt, die Zeichen beim Wiederlesen verwechselt und so eine 
Stelle falsch überträgt. Diese Möglichkeit muß man beim Bright’schen 
‚System auch in Betracht ziehen. 


DRITTER TEIL. 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der 
ersten und zweiten Quarto. 


Allgemeines. 


ie Kritik des Bright’schen Systems hat uns bereits gezeigt, wie sich die 

Mängel dieses Systems bei der praktischen Verwendung äußern werden. 
Wenn also die Theorie einer stenographischen Nachschrift der ersten 
Quarto von Shakespeares „Romeo und Julia‘ Berechtigung hat, müssen 
wir bei einer Vergleichung der Abweichungen zwischen der ersten und 
zweiten Quarto für sämtliche fünf Gruppen von Mängeln, die wir in dem 
vorhergehenden Kapitel festgestellt haben, Beispiele bringen können. 
Dewischeit!) hat ja bereits einige Belege dafür beigebracht. Wir wollen 
aber nunmehr sämtliche Abweichungen zwischen der ersten und zweiten 
Quarto einer eingehenden Untersuchung unterziehen. 


1) Shakespeare-Jahrbuch, Bd. 34, S. 170 ff. A.f. St. 1897. 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 263 





Die Untersuchung der Abweichungen eines Dramas darf sich natiirlich 
nicht auf die Priifung der Abweichungen beschranken, die auf den Steno- 
graphen zurückgeführt werden können. Sie muß alle Möglichkeiten in 
Betracht ziehen, die für die Entstehung dieser Abweichungen in Frage 
kommen können. Sie wird sich daher folgendermaßen gliedern: 

In einem ersten Abschnitt A werden wir versuchen festzustellen, welche 
Abweichungen den Stenographen zur Last zu legen sind. 

Kapitel ı wird dabei diejenigen Abweichungen umfassen, die durch 
das Bright’sche System erklärt werden können. Die Untersuchung dieser 
Abweichungen wird sich in die genannten fünf Gruppen gliedern. 

Dieses Kapitel ist das wichtigste der ganzen Arbeit, da dadurch positiv 
festgestellt wird, daß die erste Quarto mit Hilfe der Stenographie auf- 
genommen sein muß, da nur durch das System Bright die Entstehung 
dieser Abweichungen erklärt werden kann. 

In einem zweiten Kapitel werden wir uns sodann mit denjenigen Abwei- 
chungen beschäftigen, die zwar nicht durch das System Bright erklärt werden 
können, die aber bei jeder stenographischen Nachschrift entstehen können. 

So kommen bei jeder Nachschrift von Reden Hörfehler vor. Wir 
müssen also die Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 
auch daraufhin untersuchen. 

Es kommt außerdem vor, daß der Stenograph bei der Übertragung 
einzelne Stellen seines Stenogramms nicht wieder zu entziffern vermag. 
Um den Zusammenhang wieder herzustellen, pflegt er dann sinngemäß 
andere Sätze und Wörter einzufügen. Auch diese Möglichkeit müssen 
wir bei der Untersuchung der Abweichungen berücksichtigen. Glaubte 
er andererseits, daß die von ihm nicht wieder zu entziffernden Stellen 
seines Stenogramms nicht von wesentlicher Bedeutung für den Zusammen- 
hang waren, so konnte es auch wohl möglich sein, daß er die betreffenden 
Stellen in der Übertragung einfach fortließ. Wir müssen deshalb zu er- 
kennen versuchen, ob es darauf nicht zurückzuführen ist, wenn in Q, 
einzelne Verse fehlen, die in Q, enthalten sind. 

Bei der Übertragung machte der Stenograph auch wohl dadurch noch 
Fehler, daß er Verse, die er ganz richtig wiedergegeben hatte, falsch abteilte. 

In einem zweiten Abschnitt B werden wir uns dann denjenigen Ab- 
weichungen zuwenden, die den Stenographen nicht zur Last gelegt’werden 
können, sondern auf andere Weise zu erklären sind. | 

Dieser Abschnitt wird in drei Kapiteln die Abweichungen enthalten, 
die allem Anschein nach zur Last zu legen sind 
I. dem Dramaturgen, 

2. den Schauspielern, 
3. den Druckern. 


19* 


264 Adolf Schöttaer 





ad ı. Der Dramaturg pflegt vor der Aufführung jedes Stückes einzelne 
Stellen zu streichen, teils um die Spieldauer des Stückes abzukürzen, teils 
um unnötige Längen zu vermeiden. $o pflegt er fast regelmäßig Stellen, 
die für den Fortgang der Handlung ohne Bedeutung sind, oder solche, 
die auf der Bühne nicht wirken würden, zu streichen. Auch das haben 
wir bei unserer Untersuchung zu berücksichtigen. 

ad 2. Auch die Schauspieler tragen dazu bei, daß ein Stück nicht wort- 
getreu wiedergegeben wird, Vielfach lernen sie ihre Rollen nicht genau 
und sprechen andere Worte, als in ihrer Rolie stehen, oder verstellen Worte 
innerhalb der Verse. Sie sprechen mitunter wohl auch mehr Worte, als 
in ihrer Rolle enthalten sind. Dabei kann es vorkommen, daß diese Zusätze, 
die sich die Schauspieler erlaubten, als ganz neue Verse auftreten. 

Ebenso ist es auch möglich, daß sie einzelne oder mehrere Verse an an- 
derer Stelle sprachen, als diese in ihrer Rolle standen. 

Schließlich ist auch die Möglichkeit vorhanden, daB sie einzelne Verse 
zu sprechen vergaßen. 

In allen diesen Fällen müssen wir aber immer berücksichtigen, ob die 
Abweichungen, die wir auf die Schauspieler zurückführen können, nicht 
doch vielleicht den Stenographen zur Last zu legen sind. Wir haben dieser 
Möglichkeit in der nachfolgenden Untersuchung immer Rechnung ge- 
tragen und brauchen an dieser Stelle darauf nicht weiter einzugehen. 

ad 3. Auch die Drucker der beiden Quartos können daran schuld sein, 
daß sich Fehler in den Text der beiden Quartos eingeschlichen haben. Wir 
dürfen auch diese Möglichkeit nicht außer acht lassen. 

Wir haben nun alle Abweichungen zwischen der ersten und zweiten 
Quarto eingehend untersucht und alle diese Möglichkeiten dabei berück- 
sichtigt. 


A. Abweichungen, die den Stenographen zur Last 
zu legen sind. 


1. Kapitel. 


Abweichungen, die durch das Bright’sche System erklärt 
werden können. 


I. Zunächst beschäftigen wir uns mit den Abweichungen, die durch 
die accompanied signification zu erklären sind, und zwar 

ı. mit denen, die augenscheinlich durch die Anwendung der con- 
senting method entstanden sind. 

Wir miissen dabei beachten, daB Bright alle Worter, die ihrer Bedeutung 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 265 
Seen 


nach mit einem seiner Sigelworte, seinen characters, irgendwie verwandt 
waren, durch diesen character und den oder die Anfangsbuchstaben des 
bedeutungsverwandten Wortes wiedergab. Es ist selbstverständlich, daß 
in der schon erwähnten!) „Table of English Wordes‘‘ und unter den Ap- 
pelatiue Words‘, die er seinem Lehrbuche beigibt, nicht alle Wörter der 
englischen Sprache untergebracht werden konnten. Sie sollten nur dazu 
dienen, dem Schüler das Prinzip möglichst klarzumachen, nach dem er 
vorgehen sollte. Wir ersehen aus diesen Tabellen des Lehrbuchs, daß 
Bright nicht nur rein synonyme Wörter füreinander setzte, sondern auch 
Wörter, die die Bedeutung verstärkten oder abschwächten, und Worte 
derselben Gattung. 

Wir haben nun im folgenden unter a) znächst diejenigen Fälle zu- 
sammengestellt, wo die Lesarten in Q, und Q, derart voneinander ab- 
weichen, daß das in Q, enthaltene Wort derselben Gattung angehört wie 
das in Q, dafür stehende. 

Unter b) folgt eine Zusammenstellung derjenigen Fälle, wo die in Q, 
und Q, stehenden Worte entweder vollkommen synonym oder doch an- 
nähernd synonym sind. 

Wir haben dabei unterschieden, ob die betreffenden Worte in der „Table 
of English Wordes‘‘ enthalten sind oder nicht und daher anscheinend 
Analogiebildungen des Stenographen sind. 


a) Abweichungen zwischen der ersten und zweiten 
Quarto, dieunter denselbenGattungsbegriff fallen. 
Nach Bright werden die Worte durch einen und denselben character mit 
dem Anfangsbuchstaben des betreffenden Wortes wiedergegeben. 


I. 3. 372 steht in der zweiten Quarto thousand, in der ersten hundred 
[Beide Worte werden bei Bright durch den character für count 
mit entsprechendem Anfangsbuchstaben wiedergegeben.] 

I. 4. 484 hat Q, Alderman, Q, burgomaster [Beides ist durch 
das Zeichen für worship auszudrücken. ] 

I. 4. 489 hat Q, Gnat, Q, flie [Bright drückt G nat durch das Zeichen 
fiir flie aus mit vorangehendem g. Der Stenograph hat ver- 
mutlich das g nicht geschrieben und so nur ‘flie tibertragen.] 

491aman> maid [Für man hat Bright einen eigenen character. 
Ich erkläre diese Stelle so: Der Stenograph hat wahrscheinlich 
den character für man ganz richtig geschrieben. Da aber in 
diesem ganzen Abschnitt von Queen Mab die Rede ist, hat er 
sich augenscheinlich nicht denken können, daß nun mit einem 
Male von einem Manne die Rede sein soll, und infolgedessen ge- 
glaubt, daß er das derselben Gattung angehörige maid nicht 
angedeutet habe. Er hat deshalb maid übertragen.] 

I. 4. 592 neck > nose [neck soll durch das Zeichen für back wieder“ 

gegeben werden. Der Stenograph hat wahrscheinlich aueh ganz 





1) S. S. 258 dieser Arbeit. 


266 Adolf Schéttner 





richtig diesen character geschrieben und ebenso das Zeichen für n 
davor gesetzt, hat aber bei der Übertragung aus dem n fälschlicher- 
weise auf das Wort nose geschlossen und entsprechend über- 
tragen.] 

I. 5. 531 Doue > Swan [Beides ist durch bird wiederzugeben. Hier 
führte das Adjektiv snowie auf einen weißen Vogel, sodaß 
b2im Wiederlesen des Stenogramms leicht der Unterbegriff 
„schwan‘ gesetzt werden konnte.] 

593 kinsman > Cosen [Nach den ‚„Appelatine Words‘ ist beides 
durch das Zeichen fiir parent auszudrücken, natürlich mit 
vorangehendem Anfangsbuchstaben des derselben Gattung an- 
gehörenden Wortes. k ist aber bei Bright gleich c = f. Der 


Stenograph hatte also sicher hier ganz systemgemäß das Wort 
kinsman durch das Zeichen für parent mit vorangehen- 
dem c wiedergegeben. Beim Wiederlesen dachte er aber nicht 
daran, daß c ja auch zugleich ein k bedeutet, und kam so auf 
das auch eine Verwandtschaftsbezeichnung ausdriickende cosen. 
Vel. IIT. 1.1453 Cozin > kinsman.] 

Il.4.1105 wildgoose > goose [Beides war durch das Zeichen für bird 
wied2rzugeban. | 

1167 minute > houre [minute ist im Lehrbuch nicht angegeben, 

für houre ist abar das Zeichen für day zu setzen. minute 
als Zaitbestimmung ist wahrscheinlich auch durch day aus- 
gedrückt und falsch übertragen.] 

Ill. 1. 13590 sword > rapier [sword soll durch weapon wiedergegeben 
werd2n; rapier ist im Lehrbuche nicht enthalten, mußte aber 
natürlich auch durch das allgemeine Zeichen für weapon 
wizdergeg2ban werden. ] 

Ill. 2.1635 brow > face [brow ist durch das Zeichen fiir face auszu- 
drücken. Der Stenograph hat anscheinend den Anfangsbuch. 
staben von brow = b nicht mitgeschrieben und deshalb nur 
face tibartrag2n.] 

III. 5.2016 child > Girle [Beides ist durch das Zeichen für young wie- 
derzugeben. Der Stenograph hatte das Zeichen für c = ( wahr- 


scheinlich undeutlich geschrieben, so daß er ein g = F wiederlas 
und deshalb girl übertrug.] 

V. 3.2825 swords > weapons [Vgl. III. 1. 1350. sword sollte durch 
weapon wiedergegeben werden. Das s hatte der Stenograph 
wahrscheinlich nicht davorgesetzt und übertrug deshalb nur 
weapon.] 

2988 morning > day [Für morning existiert ein eigener charac- 
ter, den der Stenograph anscheinend nicht kannte. Er schrieb 
deshalb den character für day mit davorstehendem m. Dieses 
war aber vermutlich so undeutlich geschrieben, daß er es nicht 
wiederlesen konnte, und so übertrug er nur day. Vielleicht 
unterließ er es aber auch, das m zu schreiben.] 


b) Abweichungen, die bedeutungsverwandt sina. 
Die Worte werden nach Bright ebenfalls durch einen und denselben char 
acter mit vorangehendem Anfangsbuchstaben des bedeutungsverwandten 
Wortes wiedergegeben. Es handelt sich hier um Synonyma oder an- 
nähernde Synonyma. 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 267 





Wir unterscheiden hierbei fünf Gruppen. 

In den beiden ersten Gruppen haben wir Fälle, die uns den sichersten 
Beweis erbringen, daß bei der Nachschrift das System Bright angewendet 
worden ist, da auf andere Weise diese im übrigen ganz willkürlichen 
Abweichungen, namentlich an Stellen, die sonst, wie beispielsweise I. 5., 
sehr gut wiedergegeben sind, gar nicht erklärt werden können. 

Es sind im einzelnen folgende fünf Gruppen: 

a) Fälle, wo der Stenograph, wahrscheinlich aus Bequemlichkeit, ein- 
fach nur die Bedeutung des characters übertrug und den davorstehenden 
Buchstaben, der ein synonymes Wort andeutete, unberücksichtigt ließ. 
Vielleicht konnte er ihn nicht wiederlesen, vielleicht vermochte er sich 
auch des synonymen Wortes nicht mehr zu erinnern, vielleicht hatte er 
es aber auch unterlassen, ihn zu schreiben. 

Das in Q, stehende kursivgedruckte Wort hat also regelmäßig im Lehr- 
buche Brights einen eigenen character, das in Q, stehende soll, wo nichts 
anderes angegeben ist, nach der „Table of English Wordes‘‘ oder nach 
den ,,Appelatiue Words‘‘ mit Hilfe dieses characters wiedergegeben werden. 


I. 5. 567 steht in Q, nuptiall, in Q, mariage [nuptial ist im Lehr- 
buche nicht angegeben, vom Stenographen aber, wie die Über- 
tragung zeigt, durch d:n character für marrie wiedergegeben 
word:n.] 

I. 5. 596 scorne > mocke 

601 say > speake 

632 tender > gentle [tender soll nach dem Lehrbuche vermittels 
der dissenting method durch hard wiedergegeben werden, ist 
aber von Stenographen, wie Q, zeigt, durch das Zeichen für 
gentle ausgedrückt worden.) 

673 aske > learne [aske soll nach dem Lehrbuche durch den 
character für question bezeichnet werden, Der Stenograph 
hat aber den character für learn e gewahlt.] 

Il. 1. 725 letting > making ... to [Für let existiert ebenfalls ein 
eigener character. Dar Stenograph wählte aber den für make.) 

791 doffe > part [Das seltene doffe ist im Lehrbuche nicht ent- 
halten. Dar Stenograph gab es durch das Zeichen fiir das syno- 
nyme part wieder.] 

II. 2. 814 stop > let 

904 toward > to 

Il. 4.1107 whole > all [whole soll nach dem Lehrbuche durch den character 
fir sound oder corner wiedergegeben werden. Der Steno- 
graph bezeichnete es mit dem character für das hier synonyme 
all.) 

III. 1.1350 upon > on [upon ist im Lehrbuche nicht enthalten. Friedrich 
a.a. O., S. 61 weist nach, daß es durch die character für up 
und on dargestellt werden "konnte. Jane Seager hatte nach ihm 
einen eigenen character dafür. Der Stenograph gab es hier durch 
on wieder.] 

1401 terme > words [terme ist nach dem Lehrbuch durch time 
oder speake auszudrücken. Der Stenograph wählte hier den 


268 Adolf Schöttner 





character für das synonyme word, Wegen des Piusals s. S. 274 
dieser Arbeit. } 
1404 greeting > word [greeting ist im Lehrbuche nicht enthalten. 
Es wurde vom Stenographen durch word wiedergegeben. | 
1469 Either > Or 
III. 3.1743 keepe > beare [keepe soll mittels der dissenting method 
durch den character für loose dargestellt werden. Der Steno- 
graph benutzte den character für beare.} 
1799 lodge > lye [lodge ist durch house wiederzugeben. Der 
Stenograph wählte das Verbum Il ye.] 
IIl.5. ı9ıı looke > see | 
1952 behold > ses 
2114 Bridall > mariage 
IV. 2.2314 afore > before 
2316 into > fo 
V. 3.2678 lay > le 
2852 Yea> I 
2888 bosome > breast 
2951 Unto > To 
2982 raie [Druckfehler für raise] > erect 


ß) Fälle, wo der im Stenogramm stehende völlig richtige character den 
Stenographen auf die Vermutung brachte, an der betreffenden Stelle habe 
ein synonymes Wort zu stehen, und er habe es bei der Schnelligkeit der 
Rede nur unterlassen, den Anfangsbuchstaben des synonymen Wortes zu 
setzen, wo infolgedessen der Stenograph ein völlig überflüssiges synonymes 
Wort in die Übertragung brachte an Stelle des im Stenogramm ganz 
richtig dastehenden Wortes. 

Hier hat also das in Q, stehende kursivgedruckte Wort im Lehrbuche 
Brights einen eigenen character. Der Stenograph brauchte nur diesen 
character zu schreiben. Wenn er trotzdem bei der Übertragung ein syno- 
nymes Wort dafür schrieb, so beweist das, daß er in der Anwendung der 
consenting method noch nicht genügend sicher war und auch sonst bei 
der Nachschrift oft den Anfangsbuchstaben des synonymen Wortes vor 
dem character wegließ, indem er sich darauf verließ, daß er bei der Über- 
tragung aus dem Gedächtnis das richtige synonyme Wort wiederfinden 
würde. In den folgenden Fällen hat er aber Schwierigkeiten gesucht, 
wo gar keine vorhanden waren. Wo nichts anderes angegeben ist, soll 
das in Q, stehende Wort nach der ‚Table of English Wordes‘* oder 


den ,,Appelatiue Words‘‘ mit Hilfe dieses characters wiedergegeben 
werden. 


I. xı. 3 and > if [if ist im Lehrbuche nicht angegeben. Der Stenograph 
wählte aber bei der Übertragung das deutlichere synonyme if, 
im Glauben, er habe vergessen, es zu bezeichnen. Vgl. ferner 
I. 3. 372, Il. 4. 1169, III. 5. 2101, 2105, 2106, IV. 5. 2535.] 
39 beare ~ suffer 
ga als each 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 269 


I. 2. 210 


I. 4. 441 
484 
I. 5. 584 
638 


H. 2. 719 
725 


II. 2. 757 
788 


838 
907 


II. 3. 949 


II. 4. 1083 


1179 
1183 

1195 

ll. 5. 1233 


Il. 5. 1298 


III. 1. 1405 
1446 
1450 
III. 2. 1596 
1613 
II. 3. 1125 


stay > abide [abide soll nach der „Table of English Wordes‘ 
vermittels der dissenting method durch den character fiir con - 
tinue dargestellt werden.] 

mole > stirre 

oser > Athwart [athwart ist im Lehrbuche nicht angegeben.] 

blessed > happie 

I> Yes [Nach Friedrich, S. 62 ist unter den Partikeln im Lehr- 
buche das dort angegebene „eyee‘ als, ,yes‘ zu lesen. Das 
dürfte richtig sein. Für die Bejahungspartikel ye a ist aber aus- 
drücklich nach der „Table of English Wordes’' I zu setzen. Man 
konnte also auch yes daraus wiederlesen.] 

fine > prettie 

mature > fashion [fashion soll nach dem Lehrbuche, durch 
manner oder figure dargestellt werden. Der Stenograph 
las aber aus dem character für nature das bedeutungsverwandte 
fashion wieder.] 

heauen > skies [Wegen des Plural-s in skies s. S. 274 dieser 
Arbeit. ] 

word > name [Nach dem Lehrbuche ist name durch das Zeichen 
für call wiederzugeben. An dieser Stelle ist aber name sy- 
nonym für word.] 

laughes > smiles 

speake > crie [crie hat im Lehrbuche auch einen eigenen char- 
acter. Es ist aber keine Ähnlichkeit mit dem für speake vor- 
handen. Dem Stenographen war speake wahrscheinlich an 
dieser Stelle zu schwach. Deshalb wählte er das stärkere crie.] 

burning > fierie [Für burn sowohl wie fire existieren eigene 
characters. Ähnlichkeit ist jedoch nicht vorhanden. Dem Steno- 
graphen war anscheinend ‚‚Titan’s burning wheeles‘ nicht poetisch 
genug. Deshalb übertrug er ,,Titans fierie wheeles‘'.] 

salutation > curtesie [curtesie (im Lehrbuche courtesie ge- 
schrieben) soll durch manner wiedergegeben werden. Den 
Stenographen führte wohl das Adjektiv French auf curte- 
sie.) 

part > member 

in > into vgl. V. 1. 2643 

ofer > proffer 

meete > finde [Für beide sind eigene characters im Lehrbuche 
vorhanden. Es besteht aber keine Ähnlichkeit. Die Stelle heißt 
in Q.: Perchance she cannot meete him. Der Stenograph, 
dem finde das einzig Richtige an dieser Stelle zu sein schien, 
glaubte wahrscheinlich den falschen character gewählt zu haben. 
Vielleicht hat aber auch der Schauspieler „find ‘‘ gesprochen.] 

husband > bridegroome [bridegroome soll nach dem 
Lehrbuche durch marrie dargestellt werden. Es ist aber auch 
synonym für husband.] 

see > perceiue 

plague > poxe 

hart > wound 

marke > sample 

kild ~> murdred 

blessing > kisses [kiss ist nach der „Table of E. w.“ durch 
das Zeichen für salute wiederzugeben. Wegen des Plural-s 
s. S. 275.] l 





270 Adolf Schöttaer 
1735 kil> torture [torture ist nicht im Lehrbuche enthalten. 
Es ist hier eine Abschwächung des kill.) 
1742 speake > talke 
1866 calls > cryes [Für beide existieren eigene characters. Ähnlich- 


III. 4. 1898 


III. 5. 2039 


2093 


2III 
zIıl 


2113 
2132 


2144 
IV. 1. 2232 
2262 


IV. 2, 2315 
V. 3. 2679 


2799 
2984 


keit ist nicht vorhanden. Das call war dem Stenographen augen- 
scheinlich nicht stark genug. Deshalb zog er cry vor.) 

would > wishe [wishe ist synonym für will. Nach dem Lehr- 
buch kann es auch durch desire wiedergegeben werden.) 

winde > storme [Auch hier wählte der Stenograph das stärkere 
synonyme s t o r m e , das nach dem Lehrbuch durch den character 
für tempest wiedergegeben werden soll.] 

noble > Princely [Für beide sind eigene characters vorhanden. 
Sie ähneln einander aber nicht. Auch hier ist das stärkere Syno- 
nymon gewählt.] 

sees > lookes 

greefe > woes [woe ist im Lehrbuch nicht enthalten, aber syno- 
nym. Wegen des Plural-s s. S. 275.] 

Defer > Delay [delay ist nach der ,,T. of E. w.'‘ 
dissenting method durch haste auszudriicken.] 

louely > gallant [gallant soll nach der „T. of E. w.“ durch 
fine wiedergegeben werden.] 

maruellous > wondrous 

scape > flye. 

continue > remaine [remaine soll nach dem Lehrbuche 
durch stay oder rest ausgedrückt werden. continue 
hat hier auch die Bedeutung von ,,bleiben‘‘.] 

to> unto [unto ist im Lehrbuche nicht enthalten, aber synonym 
fiir to.] 

Holding > Keeping [Bei keep soll nach dem Lehrbuch die 
dissenting method angeweadet werden, indem man es durch loose 
darstellen soll.] 

quicke > swift [swift kann nach dem Lehrbuch auch durch 
fast ausgedrückt werden.] 

figure > statue [statue ist nicht im Lehrbuch angegeben, aber 
synonym.) 


« 


mittels der 


y) Fälle, wo der Stenograph, wie das in Q, stehende Wort zeigt, eine 
andere Bezeichnungsart wählte, als im Lehrbuche vorgeschrieben ist, oder 
das Wort nicht genau genug bezeichnete, sodaß ein falsches Wort in der 
Übertragung enthalten ist. 


I. Ii. 90 


I. 5. 619 


635 


forfeit > ransome [forfeit soll nach Bright durchloose, 
ransome (s. raunsome) durch free oder tribute 
wiedergegeben werden. Bei der Ahnlichkeit der Bedeutungen griff 
der Stenograph wohl zum Zeichen fir free.] 

boy > knaue [boy ist durch young zu bezeichnen. knaue 
ist nicht im Lehrbuch angegeben. Das Adj. sawcie führte 
den Stenographen wohl auf den Unterbegriff k n a u e.] 

Pilgrims > Palmers [Pilgrim soll durch neighbour 
ausgedrückt werden. Palmer ist nicht im Lehrbuche vor- 
handen. Der Stenograph hat wohl ganz systemgemäß den character 
für neighbour mit vorangehenden p geschrieben, aber 
daraus dann das synonyme palmer wiedergelesen. Er hatte 
also das Wort nicht genau genug bezeichnet und hätte nicht 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 27] 


657 


ITI. 1. 1350 


III. 2. 1545 


III. 5. 2128 


2149 


III. 3. 1791 


IV. 1, 2179 


2243 


IV. 5. 2517 


V. 1. 2605 


2627 


V. 3. 2744 


nur das p vor den character von neighbour setzen diirfen, 
sondern pi davor schreiben müssen.] 

debt > thrall [debtistdurchought auszudrücken. thrall 
ist nicht im Lehrbuche angegeben. Die Stelle heißt in Q,: My 
life is my foes debt. In Q, steht: my life is my foes thrall. 
Möglich ist nun, daß der Stenograph den Buchstaben d auch zur 
Bezeichnung des th verwendete und deshalb thrall wiederlas. 
Auch hier liegt wohl eine ungenaue Wiedergabe des synonymen 
Wortes vor.] 

table > boord [table soll durch stuffe, boord (s. board) 
durch wood wiedergegeben werden. Der Stenograph wählte 
anscheinend den character für wood und kam so beim Wieder- 
lesen auf boord.] 

bring > send (bring ist durch beare, send durch mes- 
sage auszudrücken. Die Stelle heißt: „And bring in clowdie 
night immediately.“ Der Stenograph hatte wahrscheinlich den 
character für beare geschrieben, vermochte aber das Synonym 
nicht wiederzulesen und wählte sinngemäß das Verbum send.) 

comeback > returne [come ist durch goe auszudrücken, 
back hat einen eigenen character, returne soll durchturne 
wiedergegeben werden. Der Stenograph wählte wahrscheinlich 
diesen character und übertrug daher returne.] 

wicked > cursed [wicked soll durch rod, cursed durch 
blessed wiedergegeben werden, Der Stenograph wählte wahr- 
scheinlich rod, las es aber falsch wieder.) 

weeps > pules [weep soll vermittels der dissenting method 
durch laug h ausgedrückt werden. Das ist wohl auch geschehen, 
aber dann fälschlich mit dem synonymen, aber selteneren pules 
übertragen worden.] 

Father > Fryer [father ist durch den character fürparent 
darzustellen. Fryer ist im Lehrbuche nicht enthalten. Der 
Stenograph schrieb wahrscheinlich auch den character für 
parent, übertrug aber fälschlicherweise das auch mit f be- 
ginnende Wort Fryer.] 

told > namde [tellsolldurchdeclareodercount,name 
durch call ausgedrückt werden. Der Stenograph wählte viel- 
leicht den character für call und übertrug dann namde.] 

pitifull> wofull [pity ist durch mercie darzustellen. 
woe existiert nicht im Lehrbuch. Der Stenograph schrieb wohl 
auch mercie und übertrug dann wofull.] 

Remnants > endes {remnant soll durch rest, ende 
durch be gin mittels der dissenting method wiedergegeben wer- 
den. Der Stenograph schrieb auch wohl den character fiir rest. 
Die Stelle heißt nun: „Remnants of packthred.‘‘ Er erinnerte 
sich abar wohl des synonymen Wortes remnant nicht mehr 
und übertrug unter Vorwegnahme des später folgenden old: 
Olde endes of packthred.] 

wretchednesse > pouertie [wretched soll durch 
blesse wiedergegeben werden, pouertie durch rich. Der 
Stenograph mag auch den character für blesse geschrieben 

haben, hat aber dann doch falsch übertragen.) 

apprehend> attach [apprehend ist im Lehrbuche nicht 
angegeben, wohl aber wie attach, das durch rest wiedergegeben 
werden soll, dargestellt. Die Stelle heißt in Q.: I do defie thy 


272 Adolf Schöttaer 





commiration And apprehend thee for a Fellon here. In Q, steht: 
I doe defie thy coniurations And doe attach tliee as a fellon heere. 
apprehend und attach sind alse hier nahezu synonym.] 

2824 Sepulchre > Monument [Sepulchre ist durch grave 
darzustellen. Das Wort monument fehlt in der „Table of 
English Wordes‘‘ sowie in den „Appelatiue Words‘. Der Steno- 
graph vermochte sich wohl des seltenen Wortes Sepulchre 
nicht mehr zu entsinnen und setzte das synonyme Monu- 
ment, das ja auch die Bedeutung von ,,Grabmonument“ haben 
kann, an die Stelle.] 

2984 rate > price [rate soll nach dem Lehrbuche durch reuile 
dargestellt werden. Es ist also damit das Verbum to rate in 
der Bedeutung ‚schmähen‘‘ gemeint. Hier hat aber rate die 
Bedeutung von „Preis“. price (s. prise) soll aber durch count 
wiedergegeben werden. Der Stenograph vermochte wahrschein- 
lich nicht das seltenere rate daraus wiederzulesen und über- 
trug das synonyme price.) 


ô) Fälle, wo das in Q, und das in Q, stehende Wort durch einen gemein- 
samen dritten character wiederzugeben sind, wo also der Stenograph ver- 
mutlich den Anfangsbuchstaben, der das synonyme Wort andeutete, ent- 
weder nicht im Stenogramm stehen hatte oder nicht wiederzulesen ver- 
mochte und daher eigenmächtig ein passendes synonymes Wort wählte. 

Das in Klammern stehende Wort ist das Wort, vermittels dessen character 
die beiden synonymen Worte nach der „Table of English Wordes‘‘ dar- 
gestellt werden sollen. 


Ir. 158 sadnesse > sorrow [reioyce] 
I.5. 640 grant > yeeld (giue] 
II. 1. 705 ran > came [goe] 
714 mayd > wench [young] 
II.2. 852 vow > sweare [oath] 
930 plucks > puls [drawe] 
II. 3.1017 throwne > cast [fling] 
II. 5. 1233 Perchance > Perhaps [fortune] 
1298 wife > bride [marrie] Vgl. IV. §. 2455a 
HI. 2.1543 lodging > mansion [house] 
1608 slaughtred > murdered (kill) 
IV. 1.2238 hide > shut [open] 
IV. 2.2254 natiue > natural! [nature] 
2296 chance > hap [fortune] 
V. 1.2606 scattered > strewed [gather] 
V. 3.2888 misheathd (Druckfehler fiir missheathd) > sheathed [case]. 


8) Fälle, wo das in Q, stehende Wort nicht im Lehrbuche in der „Table 
of English Wordes‘‘ oder in den ,,Appelatiue Words‘ angegeben ist, wo 
also der Stenograph selbständig einen character wählen mußte, mit dessen 
Hilfe er das Wort wiedergeben wollte. Die Bezeichnung ist oft nicht genau 
genug gewesen, sodaß in Q, sich eine falsche Lesart findet. Synonym 
oder annähernd synonym sind die Worte aber immer. 


Lu. 112 Peerde > Peept [Beides im Lehrbuche nicht angegeben, wohl 
aber, weil synonym, durch das Zeichen für see wiedergegeben.) 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 273 





1,5. 599 fleere > ieere [Ebenfalls beides nicht im Lehrbuche enthalten, 
aber wohl durch das Zeichen für mock dargestellt.] 

IL, ı. 739 truccle > trundle [Hier gilt dasselbe. Es ist wahrscheinlich 
dureh round wiedergegeben.) 

II.2. 816 Alack > Alas [wahrscheinlich durch Ab ausgedrückt]. Vgl. 
III. 2. 1615 alas > alacke. 

II.2. 806 dislike > displease [dislike ist nicht im Lehrbuche an- 
gegeben, ist aber wohl durch delight ausgedrückt, durch das 
displease wiedergegeben werden soll.) 

II. 3. 948 fleckeld > flecked [Beides im Lehrbuche nicht angegeben, 
wohl aber durch den character für colour dargestellt und falsch 
wiedergelesen.] 

II. 4.1084 last night > yesternight [last und yester sind im 
Lehrbuche nicht enthalten, last wohl durch late dargestellt 
und falsch wiedergelesen. ] 

1206 conuoy > conduct [conuoy gibt das Lehrbuch nicht an, 
conductaber solldurch guide wiedergegeben werden. Dieser 
character wurde wohl vom Stenographen verwendet und falsch 
wiedergelesen, da die Vorsilben dieser synonymen Worte gleich sind.] 

III. 2, 1626 vile> foule [vile führt das Lehrbuch auch nicht auf, foule soll 
durch filth dargestellt werden. Der Stenograph benutzte filth 
wahrscheinlich zur Wiedergabe von vile und übertrug falsch.] 

Ill. 5.2039 counterfaits > resemblest [counterfait fehlt im 
Lehrbuch auch. Es ist wohl durch like dargestellt, durch das 
resem ble ausgedriickt werden soll.) 

IV. 1.2200 adue > farewell [Beides ist im Lehrbuch nicht enthalten. Der 
Stenograph schrieb wohl die characters für fare + well 
(good) dafür.] 

IV. 2.2297 peeuish> headstrong [Das Lehrbuch gibt beide Worte nicht 
an. Sie sind wohl durch hard dargestellt worden.] 

V.3.2764 merie > blith [Ebenfalls sind beide Worte nicht im Lehrbuche 
aufgeführt, aber wohl durch g a y , das auch die Bedeutung ‚‚lustig‘‘ 
hat, wiedergegeben.) 

2979 ioynture > dowry [ioynture ist nicht im Lehrbuch an- 
gegeben, wahrscheinlich aber durch part dargestellt, mit dessen 
character do wry wiedergegeben werden soll.) 


Wir kommen nun zu den Abweichungen, die 
2. vermutlich durch die Anwendung der dissenting method ent- 
standen sind. Man vergleiche dazu das $. 261 über ihre Anwendung Gesagte. 
Wir haben in unserem Stücke nur solche Beispiele, wo der Stenograph 
den richtigen character zweifellos im Stenogramm stehen hatte, aber bei 
der Übertragung glaubte, die Anwendung der dissenting method unter- 
lassen zu haben, und demzufolge nachträglich in die Übertragung das 
entgegengesetzte Wort schrieb. 
So steht 
I.2. 271 inQ, find, in Q, seeke [find hat einen eigenen character. Die 
Stelle heißt in Q.: „find those persons out‘‘. Der Stenograph hatte 
wohl das Gefühl, daß hier „seeke‘' stehen müßte und er die 


‚Anwendung der dissenting method unterlassen habe. Er über- 
trug deshalb auch „seeke‘.] Vgl. V. 2. 2650. 


274 Adolf Schöttaer 





II.3. 964 ought < nought [nought ist vermittels der dissenting method 
durch ought wiederzugeben. Der Stenograph hatte ganz richtig 
den character fiir ought geschrieben, hielt aber nought, 
das schon 962 steht, fiir richtiger, glaubte einen Fehler im Steno- 
gramm zu haben und übertrug nought.] 

III. 1.1400 loue> hate [hate ist durch lo ue darzustellen; ein ähnlicher 
Fall wie der vorhergehende.) 

III. 2.1626 euer > neuer [neuer soll durch euer wiedergegeben werden.] 


II. Die Verwendung des Punktes zur Unterscheidung von Numerus 
und Tempus sowie zur Andeutung von Wiederholungen. 


Dadurch wurde, wie wir S. 261 f. gesehen haben, leicht Anlaß zu Un- 
genauigkeiten im Stenogramm gegeben. 
Wir geben nun 


ı. Die Abweichungen im Numerus. Der Plural wurde 
bekanntlich bei Bright dadurch bezeichnet, daß rechts neben das Zeichen 
für das Substantiv ein Punkt gesetzt wurde. Welcher der S.261 angeführten 
Gründe im einzelnen Falle die Ursache des falschen Numerus war, läßt 
sich natürlich heute, noch dazu ohne Unterlage der Originalstenogramme, 
nicht mehr feststellen. 


Es folgen nun unter a)die Fälle, woin Q, der Pluralfür 
den richtigen Singular stand. 


Ir. 7 stehtin Q Mountague, in Q, Mountagues 
17 wall> walls 
99 aduersarie > aduersaries 
I. 2. 264 delight > delights 
I. 4. 488 bone > bones 
489 Philome [wohl Druckfehler] > filmes 
497 breath > breathes 
I. 5. 558 light > lights 
626 greeting > greetings 
II. 2. 757 heauen > skies [vgl. dazu $. 269] 
761 cheek > cheekes 
762 eye > eyes [vgl. 816 den gleichen Fall] 
765 cheeke > cheekes [vgl. 831 dasselbe] 
824 direction > directions 
834 complement > complements 
853 tree > trees 
919 yeare> yeares 
II. 3. 983 braine > braines 
1008 vow > vowes 
II. 4.1070 accent > accents 
HI. 1.1371 riband>ribands 
1401 this > these 
1401 terme > words [vgl. dazu S. 268] 
III.2.1582 heauen > heauens [vgl. 1584 dasselbe] 
1616 serpent > serpents 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 


275 





III. 3. 1692 
1701 
1725 
1750 
1804 
1914 
2111 
2563 
2575 
V. 2. 2658 
. 2695 

2698 

2743 

2874 


2899 
2968 


III. 5. 
V. 3. 


hand > hands 

looke > lookes 

blessing > kisses [vgl. dazu S. 269] 
madman> madmen 

furie > furyes 

tipto> tiptoes 

greefe > woes [vgl. dazu S. 270] 

dreame > dreames 

part> parts 

Letter > letters [vgl. 2663 dasselbe] 

right > rites 

this Letter > these letters 
commiration (Druckfehler) > coniurations 
street > streetes 

mouth > mouthes 

This Letter doth > these letters doo | 


b) Fälle, wo der Singular für den richtigeren Plural steht. 
Im Prolog steht Vers ı in Q, housholds, in Q,h, houshold 


Lr. 2 
36 
I. 3. 365 
I. 4. 456 
507 
II. 4. 1062 
II. 5. 1272b 
HI. ı. 1375 
III. 4. 1876 
III. 5. 1957 
IV. 5. 2540 
V. 3. 2678 


Collyers> a Collier bo 
sides > side 

yeares > yeare [vgl. 372 dasselbe] 
deformities < deformitie 
haires > haire 

rests > rest 

wayes> way 

Capulets > Capulet 

times > time [vgl. III. 5. 1958 dasselbe; 
these woes > this woe 
griefes > griefe 

trees > tree 


2,Abweichungen,dieanscheinend durch die Ver- 
wendung des Punktes zur Bezeichnung des Prä- 


teritums veranlaßt wurden. 


Verbum. 


Der Punkt stand links vom 


Wir geben zunächst unter a) die Fälle, wodasPräteritum 
stattdesPräsenssteht. 


Vers 6 des Prologs steht in Q, take, in Q, tooke 


Ir. 113 
184 
Il. 2. 855 
II. 3. 989 
II. 4. 1117 
III. 1. 1363 
III. 3. 1856 
III. 5. 2000 


driue> drew [Wegen der Verschiedenheit der Verben s. S.283.] 
wilt> wouldst 

circle > circled 

is > was |[vgl. II. 4. 1114 dasselbe] 

stretch > stretcht 

hast > hadst [III. 3. 1737 dasselbe] 

bid> bad 

shall> should 


b) Fälle, wo das Präsens statt des Präteritums steht. 


I. 2. 241 
H. 4. 1175 


liu’d > liue 
saw > see 


276 Adolf Schöttaer 





III. 1. 1454 hath made > makes 
‚ 1455 softned > softens 
III. 5.2131 married > marry 
IV. 5.2456 was > is 
V. 1.2606 Were> Are | 
3. Eine einzige Abweichung läßt sich dadurch erklären, daß vermutlich 
ein irrtümlich rechts vom Verbum gesetzter Punkt vom Stenographen 
beim Wiederlesen als Kennzeichnung des Futurums ange 


sehen wurde. 


II. 4. 1090 steht nämlich in Q, constrains, während Q, auffälligerweise 
wil constraine hat. 

Andere Abweichungen, die auf gleiche oder ähnliche Weise gedeutet 
werden könnten, finden sich in unserem Stücke nicht. 

4. Abweichungen, die sich dadurch erklären lassen, daß wahrscheinlich 
der Stenograph zur Andeutung von Wiederholungen 
einen Punkt oder kleinen Kreis zu viel oder zu wenig setzte. 
Wie schon S. 261f. gesagt wurde, kann auch der Schauspieler Worte oder 
kleine Sätze häufiger, als in seiner Rolle stand, wiederholt oder auch 
weniger oft als vorgeschrieben, gesprochen haben. Heute läßt sich das 
nicht mehr feststellen. Nach dem System Bright liegt jedenfalls die Mög- 
lichkeit vor, daß auch der Stenograph schuld an der mangelhaften Wieder- 
gabe der betreffenden Stellen ist. 

In zwei Fällen hat der Stenograph augenscheinlich die Wiederholungs- 
zeichen vergessen. 

II. 4. 1076 steht in Q.: HereComesRomeo,hereComesRomeo, 


in Q, aber nur Heere comes Romeo 


und 
II. 4. 1124 steht in Q, Stopthere,stopthere, in Q, aber nur Stop 
there. 


Beide Stellen stehen inmitten längerer Prosapartien, sodaß wir auch 
mit Hilfe des Metrums nicht feststellen können, was richtig ist. 

In den folgenden Stellen ist anscheinend das Wiederholungszeichen zu 
viel gesetzt. 


I. 5. 547 Welcome gentlemen> WelcomeGentlemen,wel- 
come Gentlemen [Das Metrum verlangt hier die Unter- 
lassung der Wiederholung.) 

II. 4. 1131 A sayle, asayle> Asaile,a saile,a saile [Hier scheint 
mir der Darsteller der geschwätzigen Amme einmal zu viel ‚a 
sail‘‘ gesprochen zu haben. Die Stelle ist in Prosa gehalten.) 

III. 4.1903 very > very very [Die neueren Ausgaben wie der Cambridge 
Shakespeare und der Arden-Shakespeare halten hier die Auslassung 
des zweiten very in Q, des Versmaßes wegen für einen Druck- 
fehler. Der Stenograph scheint die Stelle richtig wiedergegeben 
zu haben.] 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 277 





5. Eine Abweichung haben wir, die sich durch irrtiimliche Nicht - 
beachtung oder Fehlen eines Punktes und daraus ent- 
stehende falsche Deutung erklären läßt, in 
II. 2. 829 wo Q, should hat, während in Q, would steht. 


Nach Bright soll nämlich ‚would‘ ausgedrückt werden durch den character 
für „will‘‘1) ohne irgendwelche besondere Andeutung, daß es an der be- 
treffenden Stelle „would“ heißen soll; „should“ soll ebenfalls durch ‚‚will“ 
wiedergegeben werden, aber mit einem Punkt an der rechten Seite. Es ist 
nun möglich, daß der Punkt entweder ganz fehlte oder bei der Übertragung 
nicht beachtet wurde, sodaß ein Fehler in die Übertragung geriet. 


6. Eine Abweichung findet sich ferner, die sich durch Verwechs- 

lung der Punkte erklären läßt. 
I. 1. 189 steht in Q, with louing tears, in Q, with alouers tears, 

Ich erkläre die Stelle dadurch, daß der Stenograph die beiden Punkte, 
die das Participium praesentis andeuten, nicht, wie vorgeschrieben, unter 
das Zeichen für das Verbum setzte, sondern versehentlich rechts daneben. 
In dieser Stellung deuten sie aber das Derivativum auf -er an. So entstand 
dann durch Hinzufügung des Artikels die Übertragung ‚with a louers 
tears“. Vgl. dazu auch S. 259 dieser Arbeit. 


7. Ausgelassen zu haben scheint der Stenograph die Punkte, 
die das Participium praesentis andeuten, in 
II. 3. 1020, wo Q, ringing, Q, dagegen nur ring hat; 
ebenso auch in 
III. 5. 2060, wo in Q, thankings, in Q, aber thankes steht. 
Eine Auslassung oder falsche Übertragung der Punkte — genau läßt 
sich das nicht entscheiden — liegt meines Erachtens vor in 


II. 2. 804, wo in Q, steht: Of thy tongus uttering, während Q, hat: 
Of that tongues utterance. 

Vielleicht hat der Stenograph bei der Aufnahme des Stenogramms ganz 
richtig ,,uttering‘‘ als substantiviertes Participium praesentis aufgefaßt und 
dementsprechend zwei Punkte unter das Zeichen für „utter‘‘ gesetzt, bei 
der Übertragung aber wählte er das ebenso richtige Substantiv ‚„utterance‘ 
in der Meinung, er habe die Endung -ance, die sich sonst nach Bright 
nicht darstellen läßt, durch die Punkte wiedergeben wollen. 


III. Abweichungen, die anscheinend durch Befolgung der Regel: „the 
sense only isto be taken“ entstanden sind. Vgl. dazu S. 262 
der vorliegenden Arbeit. 


eee 
1) Vgl. dazu Anm. auf S. 258. 
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6. 20 


278 Adolf Schöttner 





Wir geben zunächst ı. die Fälle, wo de Umschreibung aus- 
gelassen ist, und zwar 


a) die Umschreibung mit to do. 


I.5. 631 did readie stand > readie stand 
635 do tuch > touch 

II. 1. 839 dost loue > loue 
863 do not sweare > sweare not 

III. 1. 1458 did scorne > scorn’d 

III. 2.1586 dost torment > torments 

V. 2.2655 did raigne > remaind 

3.2753 did I dreame > I dreamd 


b) wo das Simplex für Phrasen steht. 


II.2. 886 I am afeard > I feare 
II.4. 1142 Out upon you > Fie 
III. 1.1368 hath wakened > wakd 
III. 5.2047 giuethankes > thankes [vgl. 2050 dasselbe] 
2089 makes me mad > mads me 
2147 make confession> confesse me 
IV. 5.2424 is she asleepe > she sleeps 
V. 3.2812 to the Vault > thether [Man kann hier zweifelhaft sein, 
ob der Stenograph für die Worte: „Go with me to the Vault‘‘ 
das sinngemäße: ‚Go with me thether‘‘ schrieb, oder ob der Schau- 
spieler sich diese Vereinfachung erlaubte.) 


2. Fälle, wo vermutlich vom Stenographen die Umschreibung 
eingeführt wurde: | 
II.2. 863 I ioy > I doo ioy 


V. 3.2744 apprehend > doe attach [vgl. S. 271] 
2988 brings > doth bring 


Ferner steht I. 5.613 in Q, here, in Q, dagegen of the house. [Der 
| Stenograph hatte hier vielleicht in seinem Stenozramm das voll- 
kommen richtige Zeichen fiir ,,here’‘, aber eingedenk der Rege!: . 
„the sense only is to be taken“, glaubte er, daß er in An- 
wendung dieser Regel ‚here‘ für ein auf der Bühne gesproche- 
nes ,,of the house‘ geschrieben hätte, und übertrug dement- 
sprechend. Man kann aber auch ebensogut das ,,of the house“ 
fiir eine Abweichung halten, die dem Schauspieler zur Last zu 
legen ist.] 


IV. Abweichungen, die vermutlich dadurch entstanden sind, daB nach 
dem System Bright sprachliche Doppelformen sowie 
grammatische Bezeichnungen nicht unterschie- 
den werden können. Wir verstehen unter sprachlichen Doppelformen 
verschiedene Formen eines und desselben Wortes, die im Laufe der histori- 
schen Entwicklung der englischen Sprache meist durch den Einfluß der ver- 
schiedenen Dialekte entstanden sind und nebeneinander im Gebrauch waren. 
Bright konnte auf solche Doppelformen nach dem Aufbau seines Systems 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 279 





keine Rücksicht nehmen, da er ja seine Wortbilder nicht auf Grund der 
einzelnen Buchstabenzeichen aufbaute sondern für jedes Wort als Ganzes 
nur ein Zeichen hatte. Solche Doppelformen finden wir in unserm Stück 


. bei Substantiven, 
bei Verben, 

bei Adjektiven, 
bei Adverbien, 

bei Fürwörtern, 
bei Präpositionen, 
bei Konjunktionen. 


TONEY 


Hierher gehören auch die Abweichungen, die wahrscheinlich dadurch ent- 
standen sind, daß der Stenograph die Reduktion zweier Wörter 
auf ein einziges nicht wiederzugeben vermochte. Wir haben dabei 
zu unterscheiden die Fälle, wo der Stenograph 


a) die Reduktion nicht wiedergegeben hat, 
b) die Reduktion fälschlicherweise vorgenommen hat. 


Als grammatische Bezeichnung kommt zunächst der 
angelsächsische Genitiv in Betracht, der nach dem Bright- 
schen System allenfalls durch den Pluralpunkt dargestellt werden konnte. 
Die Stenographen unseres Stückes haben das anscheinend nicht getan 
und so verschiedene Abweichungen verursacht. 

Auch die Bezeichnung des Komparativs und Superlativs 
war mangelhaft. Bright gibt zwar dafür Regeln, die wir auf $. 259 unserer 
Arbeit wiedergegeben haben, aber er hatte die Fälle nicht berücksichtigt, 
wo Superlative und Komparative allein als Attribute eines Substantivs 
vorkommen ohne folgenden Genitiv oder folgendes ‚als‘. Die Steno- 
graphen haben sich in diesen Fällen in unserem Stücke anscheinend nicht 
immer zu helfen gewußt, und so finden wir an diesen Stellen einen falschen 
Steigerungsgrad. 

Wir bringen nun alle diese Abweichungen in der genannten Reihen- 
folge. 


I. Dopelformen bei Substantiven. 


I.3. 370 Jule> Juliet 

II. 2. 844 behauior > hauiour 

HI. 5. 2021 morne > morning 

V. 3.2797 barke > barge 

III. 3. 1700 banishment > banished [Mit Vorbehalt gebe ich hier noch 
diese Abweichung, die sonst nicht unterzubringen ist. Sie scheint 
mir ein Beispiel dafiir zu sein, wie der Stenograph die Substan- 
tive wiederzugeben pflegte, nämlich wie das Partizip eines Ver- 
bums, durch einen Punkt links vom Verbum.] 


20° 


280 Adolf Schöttner 





2. Dopelformen bei Verben. 


a) für die 3. Person Sing. Pras. 


II.2. 755 discourses > discourseth 
855 changes > changeth 

II. 3. 982 lodges > lodgeth 

II.4.1115 stretches > stretcheth 

III. 3.1791 sayes > saith 

V. 3.2806 burnes > burneth 


b) beim Hilfsverbum „to be“, dessen einzelne Formen 
damals noch promiscue gebraucht wurden (vgl. Shakespearegrammatik 
von Franz, S. 17 ff.). 


Ir 9 art> be ([vgl. III. 3.1745 dasselbe] 
I.3. 383 wast > wert ([vgl. II. 3. 990, 1023, II. 4. 1109 (zweimal), III. 3. 
1829] 
I.4. 466 art > beest 
I.5. 670 be > is 
II.2. 860 is > art 
III. 1. 1484 are > be 
III. 2.1671 is > are 
III. 5.1990 be > are [vgl. V. 3.2973] 


c) für Indikativ und Konjunktiv. 


a) Indikativ statt Konjunktiv. 


l.4. 532 Direct > Directs 
IV. 1.2166 do > doth 


B) Konjunktiv statt Indikativ. 


II.2. 840 thinkest > thinke 
II. 4.1159 hores > hore 


d) Sonstige Doppelformen. 


I.3. 367. broke > brake Parallelformen für das 
Il. 4.1045 spoke > spake [vgl. III. ı. 1496] Prateritum 
II. 3. 1013 forsaken > forsooke (Parallelformen fiir Part. Prat.) 
I.5. 574 enrich > inrich (Parallelformen für Inf.) 
III. 1.1345 pray > pree (Parallelformen fiir Pras. [pree sonst nirgends belegt.]) 
1385 consorts > consortst (Parallelformen fiir 2. Sing. Pras.) 


3. Doppelformen bei Adjektiven. 


1254 a wearie> wearie 

2914 needie > needfull 

1146 older > elder 

828 farthest > furthest 

927 farther > further [vgl. V. 3. 2709] 


HI. 
II. 
II. 


pean 


4, Doppelformen bei Adverbien. 


IIl.4.1185 double > doubly 
III. 4.1893 late > lately 
I. 3. 383 ere > euer ([vgl. II. 3. 1023] 


281 





Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 


I. 5. 586 
I. 4. 498 
V. 3. 2992 
V. 1. 2580 


nere > never ([vgl. III. 5.2107 und 2128] 

Sometime > Sometimes [vgl. II. 3. 967] 

neuer > nere 

in > euen [Die Stelle heißt: Is it in so > Is it euen so.] 


5 Doppelformen bei Fürwörtern. 


I. I. 119 
V. 3. 2679 
I. 3. 389 
I. 3. 368 


I. 5. 551 
II. 4. 1083 


I. 5. 667 


my > mine [vgl. II. 2. 782, II. 5. 1292, III. 5. 1962] 

thy > thine 

thine > thy 

a> hee [Die Stelle heißt: a was a merrie man > hee was a merrie 
man] vgl. II. 4. 1169 

ye > you ([vgl. II. 4. 1140, IV. 1. 2183 und V. 3. 2715] 

you > yee ([vgl. II. 4. 1151, III. 4. 1893, III. 5. 2047, 2054 (zwei- 
mal), 2088, IV. 1. 2171 und 2179] 

yond > yonder 


6. Doppelformen bei Präpositionen. 


I. 2. 265 
III. 4. 1889 


I. 5. 582 
I. 5. 683 


Among > Amongst [vgl. I. 5.615 und II. 1. 730] 
A > On [Die Stelle heißt: A thursday let it be, 
On Thursday let it be;] 
ore > ouer ([vgl. II. 2.771 und III. 5. 2086] 
withall > with [Die Stelle lautet in Q,: A rime I learnt euen 
now Of one I danct withall. In Q, steht: a rime I learnt euen 
now of one I dancst with. Vgl. dazu Franz, Sh. Gr., S. 264.] 


7. Doppelformen für Konjunktionen. 


II. 2. 863 
V. 1. 2608 
V. 2. 2655 
V. 3. 2983 


although > though 
An if> And if 
Where > Whereas 
whiles > while 


8. Abweichungen, die vermutlich darauf zurückzuführen sind, daß 
nach Bright die Reduktion zweier Wörter auf ein ein- 
z i g e s nicht wiedergegeben werden konnte. 


a) Die 


366 
647 
398 
563 
574 
565 
598 
854 
1082 
IIIS 
1438 
1773 
1894 
1924 
2103 
2307 
. 2397 


FETT 
we Wy 


II. 
II. 
II. 
II. 
III. 
III. 
III. 


Ae OS ae 


IV. 2. 
IV. 4 


Reduktionistin Q, nicht wiedergegeben. 


byth > by the 
bith > by the 
hees > he is 
ist > is it 
Ladies > ladie is 

Berlady > By Ladie 

Tis he > It is 

th’inconstant> the unconstant 
theres > there is [vgl. III. 2. 1629] 
heeres> heere is 
twill> it will 
Wheres> Where 
weele > we will 
Tıs > It is 
too’t >to it 
Tle >I will 
youle > you will 


[vgl. I. 3.400, II. 4. 1061 und III. 5. 2132] 


is 


282 Adolf Schöttner 





b) Die Reduktionist falschlicherweisein Q, vor- 
genommen. Das Metrum verlangt die vollen Formen. 


Ir. «r1a I will > Ile [vgl. I. 1.16, 193, Il. 4. 1111, III. 4. 1880, V. 3. 2710 
und 2715] 
Ir. 210 Shee will > Shee’le 
I.5. 66 You will> You’le 
II.4. 1159 that is > Thats 
II. 5 12835 where is > wher s [vgl. 1289] 
III. 5. 1929 it is > tis 
2057b what is > whats 
V. 3.2749 In faith > Yfaith 


Die Stelle II.2.905 Hist Romeo hist ist in Q, einfach durch 
Romeo, Romeo wiedergegeben. Der Stenograph wuBte augenscheinlich 
nicht, wie er das Hist, hist wiedergeben sollte, und lieB es einfach fort, 
ergänzte den Vers aber nachher durch ein zweites Romeo. 

Nach dem Lehrbuche soll übrigens hist durch sound wiedergegeben 
werden. Der Stenograph erinnerte sich dessen aber anscheinend nicht. 

Es folgen nun die Abweichungen, die sich auf die mangelhafte Wieder- 
gabe dr grammatischen Bezeichnungen zurückführen 
lassen. 


Iı. MangelhafteWiedergabedesangelsächsischen 
Genitivs. 

a)A)DerGenitivistüberhaupt nicht wiedergegeben. 
I.4. 488 moonshines watry beams > Moone-shine watrie beames 
V.1.2559 My bosomes L. > My bosome Lord 

V. 3.2986 Asrich shall Romeos by hisLadies lie > As rich shall R o m e o 

by his lady lie 
b) Genitiv eingeführt. 
II. 2. 849 My truloue passion > My true loues Passion 


2. Mangelhafte Wiedergabe des Steigerungsgrades 
beiAdjektiven. 

a) Komparative. 
III. 2. 1609 my dearer Lord > my dearest Lord 


b) Superlative. 


a) Superlativ ausgelassen. 


I.5. 628 bittrest gall > bitter gall 
629 unworthiest hand > unworthie hand 
III. 5.2131 I thinke it best > I thinke good 


B) Superlativ eingeführt. 
III. 1.1486 The unluckie mannage > The most unlucky mannage 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 283 





V. Abweichungen, die anscheinend darauf zuriickzufiihren sind, daB 
die nach dem Bright’schen System zu gebrauchenden characters 
einandersehrähnlich sehen und deshalb leicht bei undeut- 
licher Schrift, wie sie bei höheren Redegeschwindigkeiten einzutreten 
pflegt, beim Wiederlesen verwechselt werden. 


Diese Abweichungen sind ein weiteres wichtiges Kennzeichen dafür, 
daß das System Bright verwendet worden ist. 


I. 1. 16 steht in Q, push, in Q, thrust [push soll durch hill aus- 
gedrückt werden, t h r u st durch h it. Die beiden Zeichen (hill = 
me hit = ) ähneln einander. Beim Schreiben kann der 
letzte Zug von hit leicht in das Zeichen von hill übergehen.] 

113 driue > drew [Die beiden characters driue = S und draw 
= J unterscheiden sich nur wenig. Sobald der letzte Schriftzug 
von driue nicht genügend gerundet ist, entsteht das Zeichen 
für draw.] 

I. 4. 520 bosome > bowel [bosome soll durch breast, bowel 
durch b e 11 i e wiedergegeben werden. Der character für breast 
ist = „2? , der für bellie = }. Sobald der mittlere Schrift- 
zug von breast nicht schräg genug gelegt wird, entsteht das 
Zeichen für bellie.] 

l.5. 550 denie > refuse [denie soll durch confesse, refuse 

= durch giue ausgedrückt werden. confesse = vw, giue 
= J- Hier besteht ebenfalls wie beim vorhergehenden Beispiel 
der einzige Unterschied in der Lage der Schriftzeichen.] 

II.2. 859 gracious > glorious [gracious >» glorious = 

; wie leicht konnte der Stenograph diese beiden ganz will- 
kürlich gewählten Unterscheidungsmerkmale am Ende des Zeichens 
verwechseln.] 

II. 4. 1056 runne > shot [runne soll durch go ausgedrückt werden; 
für shot existiert der character h; go = = Bei undeutlicher 
Schreibweise konnte die Schleife im character fiir shot leicht 
verwischt werden, ebenso wie beim letzten Schriftzuge von go 
leicht eine Schleife mit unterlaufen konnte, oder zum mindesten 
ein Ansatz dazu.] 

1079 wench > drudg [wench ist durch den character fiir young, 
drudg durch den für master darzustellen. young= [$ 
master= 4. Auch hier können die ersten Züge leicht in- 
einander übergehen.] 

IIl.1.1450 got> tane [get = di take soll durch give wiedergegeben 
werden, für das der character „| existiert. Hier ist wahrschein- 
lich der untere Teil von get auf irgendeine Weise nur unvoll- 
kommen geschrieben worden.] hir 

II. 3.1703 Here > Hence [here = ~~; hence soll durch hitherto 
dargestellt werden = _5. Der letzte Schriftzug | von A ere 
rundet sich bei schnellem Schreiben leicht.] 


284 Adolf Schöttner 





Ill. 5.1930 hie > flye [hie= „+; Íly = pè; auch hier ist ein Inein- 

anderübergehen der Schriftzüge möglich.) 

V. 3.2737 Put> Heape [put ist durch place wiederzugeben = 7; 
heap durch masse = h . Der Unterschied in den ersten 
Schriftzügen der characters verwischt sich leicht.] 

2871 misaduenture > mischiefe [misaduenture ist 
durch fortune auszudrücken = _?, mischiefe durch 
hurt = Lon Die ersten beiden Schriftziige von fortune 
verschmelzen bei flüchtiger Schrift meist zu einer einzigen Run- 
dung.) 

2961 Page> Boy [page soll durch master wiedergegeben wer- 
den = J,; boy durch young = f,. Auch hier wird bei schnel- 


lem Schreiben der erste Schriftzug von master leicht in den 
für young übergehen.] 


I.4. 1048 to> of [to = se ONS | Die Verwendung der geraden Linie in 
II. 5. 1275 of>to [of = „~ to = — ] | verschiedenen Lagen zur Bezeichnung 


vgl. V. 3. 2987 von Präpositionen ist sehr bedenk- 
V. 3.2905 in>of [in =\; of = „~ ] f lich, da man beim Schnellschreiben 
vgl. 2982 nicht immer genau die vorgeschrie- 
2953 to > in [to = _; in=\] bene Lage wird herstellen können. 
2. Kapitel. 


Abweichungen, die nicht durch das System Bright erklart 
werden können, die aber jeder stenographischen Nachschrift 
anhaften. 


Konnten wir die bisher besprochenen Abweichungen durch die Mängel 
des Systems Bright erklären, die der Stenograph wohl oder übel mit in 
Kauf nehmen mußte, so haben wir es in diesem Kapitel mit Abweichungen | 
zu tun, die jedes Stenogramm in Abweichung von dem gesprochenen 
Worte aufweisen kann, die aber nur durch die Schuld des Stenographen 
entstehen, sei es nun, daß seine stenographische Fertigkeit stellenweise 
nicht ausreichte, um auch bei höheren Geschwindigkeiten den Redner 
nachschreiben zu können, sei es, daß vorübergehend eine Ermüdung 
des Stenographen eintrat oder sei es, daß er etwas verhörte. Bei der 
Übertragung konnte es dem Stenographen schließlich auch noch pas- 
sieren, daß er Verse, die er ganz richtig wiedergegeben hatte, falsch 
abteilte. 

Wir haben die Abweichungen, die sich zwischen der ersten und zweiten 
Quarto unseres Stückes finden, auch nach diesen Richtungen hin unter- 
sucht und stellen Abweichungen fest: 

I. die sich als Hörfehler erklären lassen, 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 285 





2. die durch falsche Übertragung oder willkürliche Ersetzung aus- 
gelassener Stellen im Stenogramm — welche Ursache vorliegt, 
läßt sich heute nicht mehr feststellen — entstanden sein können, 

3. die in der Auslassung von Versen bestehen, die wahrscheinlich 
vom Stenographen weggelassen sind, 

4. die bei der Übertragung des Stenogrammes entstanden sein können. 


I. Abweichungen, die sich als Hörfehler erklären lassen. 


Wir finden in unserem Stücke auch eine Reihe von Abweichungen, die 
auf Hörfehler zurückgeführt werden können. Die Schuld daran liegt nicht 
immer an den Stenographen. In den meisten Fällen wird man der undeut- 
lichen Sprache des Redners oder der mangelhaften Akustik des Raumes, 
in dem die stenographische Aufnahme stattfindet, die Schuld zuschieben 
müssen, nicht aber der mangelhaften Aufmerksamkeit des Stenographen, 
da ja das Ohr dasjenige Organ des Stenographen ist neben der Hand, das 
bei seiner Tätigkeit in erster Linie beteiligt ist. 

Vers 7 des Prologs lautet in Q;: 

whose misaduentur’d pittious ouerthrowes, 
in Q, Whose misaduentures, piteous ouerthrowes, 

Ich bin geneigt, hier einen Hörfehler des Stenographen anzunehmen, 
der an Stelle les seltener vorkommenden Partizipiums das gebräuchlichere 
Substantiv hörte und schrieb. 

I. 1. 115 steht in Qe this Citie side, in Q, the Cities side. 

Da das Wort side mit einem s beginnt, ist es fast unmöglich zu unter- 
scheiden, ob in diesem Falle das Kompositum Citie-side gemeint war oder 
das Substantiv side mit davorstehendem abhängigen City’s. Der Steno- 


graph glaubte, City’s side sei gesprochen worden, und übertrug dement- 
sprechend. | 


I.ı. 83 By thee old Capulet > By the old Capulet 
I, 2.263 Of limping winter treads > Of lumping winter treads 
I. 4.464 and I am dum > and I am done 
465 the Constables owne word > the Cunstables old word 
509 This is the hag > This is that Mab. [In diesem Abschnitt ist von 
Queen Mab die Rede, sodaB dieses Wort dem Stenographen 
geläufig war und leicht verhört werden konnte.] 
II. 1. 707 passion louer > passion, liuer 
775 the lazie puffing Cloudes > the lasie pacing cloudes 
II. 3. 970 with that part, cheares each part > with that part cheares ech 
hart 
984 there golden sleepe doth raigne > there golden sleepe remaines 
994 Ile tell thee > I tell thee 
II. 4. 1069 such antique lisping affecting phantacies 
such limping antique affecting fantasticoes 


286 Adolf Schöttner 





II.4. 1103 my wits faints > my wits faile 
1151 I desire some confidence with you > I desire some confer- 
ence with ye 
III. ı. 1532 I haue an interest in your hearts proceeding > I haue an interest 
| in your hates proceeding 
1541 Mercie but murders > Mercie to allbut murdrers 
III. 2. 1616 Oserpentheart > O serpents hate 
1629 Theres no trust, no faith > There is no truth, no faith 
III. 3.1708 And worlds exile is death > And world exilde is death 
1713 but the kind Prince > but the milde Prince 
III. 5.2050 How will she none? doth she > What will she not, doth she 
2057b chopt lodgick > chop logicke 
2061 But fettle your fine Joynts > But settle your fine ioynts 
2076 And that we haue a curse in hauing her > And that we haue a 
crosse in hauing her 
IV. 1. 2201 O shut the doore >» Goe shut the doore 
2233 And if thou darest > And if thou doost 
2251 And this distilling liquor drinke thou off > 
And this distilled Liquor drinke thou off. [Die Endsilbe -ed ist 
hier betont und gab Anlaß zu dem Hörfehler.] 
V.3.2988 A glooming peace > A gloomie peace. 
Ferner lauten die Verse 2950/51 in Qo: 
Let my old life be sacrific’d some houre before his time 
Unto the rigour of seuerest law. 
In Q, steht an gleicher Stelle: 


let my olde life be sacrificd some houre before his time 
To the most strickest rigor of the Law. 


Die Abweichungen, die sich hier finden, deute ich so: Der Stenograph 
konnte zunachst das unto nicht wiedergeben. Er muBte dafiir to schreiben. 
Dann schrieb er ganz richtig: ,,the rigor of‘‘. Jetzt unterlief ihm ein Hör- 
fehler. Er hielt die erste Silbe von seuerest für den Artikel und verstand 
infolgedessen das vermeintliche nachfolgende Adjektiv nicht, sondern 
schrieb nur noch law. Beim Übertragen merkte er natürlich, daß an 
dieser Stelle eine Lücke war. Er hatte vergessen, daß ‚to‘‘ heißen sollte 
„unto“, und so gab er eigenmächtig diesem Verse mit Hilfe einiger ein- 
geschobener Worte die Gestalt: 

To the most strickest rigor of the Law. 

Kein direkter Hörfehler, aber ein Fehler, der auch auf mangelhaftes 
Auffassungsvermögen zurückgeht und psychologisch zu erklären ist durch 
Vorausnahme des psychisch stark Betonten, scheint mir in Vers 282 vor- 
zuliegen. 


Der Vers lautet in Q,: 
Turne giddie, and be holpe by backward turning. 


Der Schauspieler scheint diese Worte ziemlich schnell gesprochen zu 
haben. Auf den Stenographen, der regelmäßig einige Worte hinter dem 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 287 





Sprecher zuriickzubleiben pflegt und nur bei ganz langsamen Rednern 
unmittelbar folgt, machte das Wort ,,backward‘‘ den nachhaltigsten Ein- 
druck, sodaß er es unbewußt auch an Stelle von „‚giddie‘‘ schrieb und dem 
Verse folgende Gestalt gab: 


Turne backward, and be holp with backward turning. 


Ich vermute, daß auch das with in „with backward turning‘ auf 
ähnliche Weise entstanden ist, da es in dem folgenden Verse heißt: 
One desperate greefe, cures with an others languish. 


II. Abweichungen, die anscheinend durch falsche Übertragung oder 
willkörliche Ersetzung ausgelassener Stellen im Stenogramm 
entstanden sind, 


Konnte man die bisherigen Abweichungen noch entschuldigen mit der 
Mangelhaftigkeit des Systems Bright oder, wie die Hörfehler, durch un- 
günstige äußere Umstände, so sind die in diesem Abschnitte zu besprechen- 
den Abweichungen wohl nur durch die Schuld des Stenographen ent- 
standen. Es mag ja hin und wieder vorgekommen sein, daß die undeut- 
liche Sprechweise des Redners schuld war — objektiv läßt sich das aber 
nur feststellen, wenn man selbst bei der Aufnahme zugegen gewesen ist, 
was in unserem Falle natürlich unmöglich ist —, aber in den weitaus 
meisten Fällen hat sicherlich der Stenograph versagt. 

Es sind nun hierbei verschiedene Fälle möglich. Entweder hat der 
Stenograph wegen der Schnelligkeit der Rede nicht alles nachschreiben 
können und hat so schon im Stenogramm Lücken gelassen, oder er hat so 
undeutlich geschrieben, daß er bei der Übertragung sein Stenogramm nicht 
entziffern konnte und erst bei der Übertragung eine Lücke gelassen hat. 
Vielleicht hat er aber auch, wenn die Worte für den Zusammenhang un- 
entbehrlich waren, einfach Worte, die ihm an die betreffende Stelle zu 
passen schienen, eingesetzt. Es ist natürlich ohne Unterlage der Original- 
stenogramme unmöglich festzustellen, ob die Lücken schon im Steno- 
gramm vorhanden waren oder ob sie erst bei der Übertragung in das Stück 
hineingelangten. Es ist ebenso auch sehr schwer festzustellen, ob nicht 
etwa der Schauspieler ungenau gelernt hat und infolgedessen der Steno- 
graph das Richtige gar nicht schreiben konnte. Es ist ja auch schließlich 
möglich, daß der Stenograph so schlecht geschrieben hatte, daß er nach- 
her ganz andere Worte aus dem Stenogramm herauslas, ein Fall, der 
namentlich Anfängern in der stenographischen Praxis leicht zu passieren 
pflegt. 

Wir besitzen allerdings ein Hilfsmittel, um mit annähernder Sicherheit 
feststellen zu können, ob der Stenograph oder der Schauspieler schuld 


288 Adolf Schöttner 





an der ungenauen Wiedergabe einer Stelle ist. Schon bei einem ober- 
flachlichen Vergleich der ersten beiden Quartos fallt es auf, daB manche 
Stellen sehr viele Fehler enthalten, während andere Partien relativ gut 
wiedergegeben sind. Daraus kann man schließen, daß mehrere Steno- 
graphen tätig gewesen sind. Wenn nun innerhalb guter Partien sich 
Verse finden, wo ganz andere Worte gesetzt sind, so spricht die Wahr- 
scheinlichkeit dafür, daß der Schauspieler hier andere Worte gebraucht 
hat, als in seiner Rolle standen. Es kommt dabei noch der Gesichtspunkt 
in Betracht, daß sich die meisten Ungenauigkeiten da finden, wo der 
Schauspieler nur wenige Verse oder gar nur einen zu sprechen hatte. Der 
Schauspieler legte auf den genauen Wortlaut solcher kleinen Verse, die 
nichts Wesentliches enthielten, auch kein Gewicht und sprach sie nur 
sinngemäß. Ein Beispiel möge das illustrieren. 
Vers 438 heißt es in Q;: 


Nay gétle Romeo, we must haue you dance. 


Der Schauspieler hatte den Vers vermutlich nicht genau gelernt und 
sprach: 


Beleeue me Romeo I must haue you daunce. 


Der Sinn ist derselbe, aber wörtlich ist es nicht wiedergegeben. 

Genau so verhält es sich vermutlich an folgenden Stellen: 

I. 2. 274—79, I. 3. 385—87, 422—25, I. 5. 662—66, 684/85, II. 1. 703, 
Il. 3. 976, II. 4. 1043/44, 1125, 1136, 1144/45, 1152, 1169—74, 1175—77» 
1196—98, 1201, III. 1. 1381, 1386—88, 1406/07, 1417—-21, 1437—43, 
III. 2. 1600-—03, III. 3. 1741, 1764/65, 1768, 1771, 1852—54, III. 5. 
1986/87, 2020, IV. 1. 2174, IV. 2. 2287, 2293/94, 2316—18, IV. 4. 2404 bis 
2408, V. I. 2625/26. V. 2. 2668, 2716/17, V. 3. 2814—16, 2851—53, 
2896. 

Wir geben nun im folgenden ein Verzeichnis derjenigen Abweichungen, 
wo der Stenograph aus den angefiihrten Griinden falsche Worte gesetzt 
zu haben scheint. Welcher der Griinde die Ursache der Abweichung 
war, läßt sich, wie schon gesagt, nicht mehr feststellen. Wir teilen die 
Abweichungen ein in solche, wo 

I. Substantiva falsch wiedergegeben sind, 2. Verben, 3. sonstige Wort- 
klassen, 4. mehrere Worte an einer Stelle, 5.wo in Q, Lücken vor- 
handen sind. 


I. Abweichungen, wo Substantiva falsch wieder- 
gegeben sind. 
I, 1. 13 weake slaue > weakling 156 houres > hopes 


16 Mountagues men > the men 174 formes < thinges 
122 humor > honor [vgl. Vers134) 185 loue < griefe 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 289 





I. 2. 253 
I. 3. 370 
388 
I. 4. 488 
498 
503 


522 
532 
I. 5. 570 
656 
II. 2. 806 
Il. .3 973 


will > word 

wretch > foole 

houre > honor [vgl. 389] 

her whip > the collers 

Courtiers nose > Lawers lap 

spanish blades > counter- 
mines 

side > face 

sute > saile 

sir > far 

Capulet > Mountague 

maide > saint 

Kings > foes 


II. 4. 1081 


II. 


HI. 


III, 
III. 
V. 


5. 


I120 


1143 
1186 


harlots > harletries 

Romeo > thy selfe 
Gentleman > Gentlewoman 
thing > not 


1247a God > now 


1354 


. 1437 


1467 
1477 
1489 


. 1653 
. 1952 
. 2557 


2,.Abweichungen, beidenenVerb 
gegeben sind. 


I. I. 116 
117 
119 
135 
187 
189 
420 
. 501 
507 
508 
. 548 
562 
607 
680 
733 


|. as 
by 


767 
815 
819 


did > might 

made > drew 

measuring > noting 

may > doo 

made > raisde 

nourisht > raging 

endart > engage 

driueth > gallops 

bakes > plats 

bodes > breedes 

walk > haue 

dauncing > standing 

Shew > Beare 

must > should 

cannot > will not [vgl. III. 
5. 2101 will not > can- 
not] 

touch > kisse 

see > finde 

saw > shuld find 


II. 
Il. 
II. 
II. 
III. 


II. 
III. 


IV. 
IV. 
IV. 

V. 


V. 


rip yw NS 


POENT 


859 
982 
1140 
1305 
1364 


fellow > one 

Church > barne 

our heads > the clouds 
foole > slaue 

my Cozin > Tybalt 
Tybalts > his 

my Romeo > thee 
truth > Eye 


enfalschwieder- 


wilt > sweare 
will > can 

tell > assure 
shall > must 

spie > haue pickt 


1474a are up > approach 


1524 


. 1894 


2099 
2110 


2165 
2289 
2452 
2575 
2580 
2608 


. 2695 


2698 


2778 
2961 


must > may 
may > will 
answere > say 
sitting > hanging 
counts > thinkes 
trie > know 
Come > What 
liues > dwell 
denie > defie 
did > should 
crosse > stay 
Hold > And 
Shall > Oh 

raisd > calld 


3. Abweichungen, beidenensonstigeW ortklassen 


falsch wiedergegeben sind. 


Prolog 1 both > Frends 


IL ır. I 
2 


6 


7 
15 
17 
22 
39 
97 

112 


115 


on > of [vgl. IV. 2. 2296] 

we > yon [Druckfehler für 
you] 

thou art > you were 

of > of the 

Tis > Thats 

his > the 

their > with their 

to them > enough 

new > first 

forth > through 

this > the 


I. 1. 174 


177 


184 


193 
206 


. 240 


258 


259 
272 


273 
281 


wel > best 

that > which [vgl. III. ı. 
1466, III. 3. 1693] © 

it > them 

Soft > Nay 

Well > But 

you > they [vgl. 241] 

and > yet 

my > the 

there > here [vgl. III. 1. 
1487] 

on > at 

by > with [vgl. 282] 


290 Adolf Schöttner 





I. 2. 312 you > thee I. 2. 916 What > At what 
I. 4. 474 And... in> So... by 918 By> At a 
479 Well > Why 927 And > But [vgl.,V. 1..2635] 
485 as > when 928 That...his> Who... her 
487 the > her 931 So> Too 
488 of > are 938 in > on 
494 On...that> O’re... who II. 3. 952 I > We [vgl. III.i3. 1693, 
500 as a> that IV. 1. 2208] 
506 that > the [vgl. I. 5. 632, 968 weake > small 
II. 3. 989, Il. 4. 1117] 978 sweete > soone 
518 of >a 980 thy > my 
519 who > which 988 in>a 
521 from thence > in haste 996 a> the 
526 yet > is 1001 good > my 
529 my > this 1005 it set > likewise 
I. 5. 558 the > these 1009 we > I 
570 sir > far 1012 that > whome 
573 2 > three 1021 Lo here > And loe 
574 which > that [vgl. II. 2. 1023 thy selfe > thus 
866, IV. 1. 2190, V. 3. 1036 that > and 
2823] II, 4. 1046 Why > Ah 
579 As > Like [vgl. II. 2. 903, 1050 A> Some 
III. 5. 1961] 1072 thus > still 
582 yonder > this faire 1079 marrie > yet 
600 A> He 1095 Nay > Why 
642 while > till YI05 our... am> thy... haue 
643 thine > yours 1110 there > with me 
671 here > there 1126 else ... large> haue ... 
681 this > that too long 
II, 1. 713 true > trim I142 are you > is this 
722 And if > If he 1143 One > A 
730 these > those [vgl. III. ı. 1159 when > if 
1349] | 1202 good > thou 
738 or > Et caetera 1204 thee > along thee 
II. 2. 745 through > forth II, 5. 1231 the > my 
748 Who> That [vgl. II 4. 1234 lame > lazie 
1073] III. ı. 1352 him > it 
751 sicke > pale 1375 the> a 
755 yet > but [vgl. 836] 1380 something > somewhat 
. 765 how > now 1399 in> so in 
781 at> to 1400 thee > to thee 
792 thy > that [vgl. 804] 1405 farewell I> I well 
793 my selfe > I haue 1432 and hath > hath hee 
8ıı With > By [vgl. II. 3. 986, 1446 of> a both 
IV. ı. 2189) 1487 There > Heere 
822 My > For 1496 that > who 
825 that > who 1534 strong > large 
840 quickly > easely 1537 out for 
862 deare > true III. 2. 1597 piteous > bloodie 
864 no... of > small... in 1598a Pale > All 
888 sweete > true 1609 dearest > deare loude 
889 deare > good [vgl. 945] 1626 such > so 
893 the > that 1653 it> which 


912 by> in III. 3. 1689 of > on 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 29] 


III. 3. 


III. 4. 
III. 5. 


1692 my > our III. 5. 2131 the > this 

1695 deare > yong 2141 too> or 

1712 deadly > monstrous IV. 1.2174 Happily met > Welcome 
1716 deare > meere 2200 Till then > Juliet 

1734 sudden > present 2206 this > the 

1741 Thou > Then 2207 this > it 

1741 a little > but a word 2218 or > else 

1743 that > this 2218 present > sudden 

1750 then > now 2229 of > or 

1753 that > what 2235 any > yonder 

1787 our > her 2249 the > thy 

1801 thy desperate > stay thy IV. 2. 2290 Marrie ... that> Ah 
1806 And > Or 2301 disobedient > froward wil- 
1829 deare > sweet full 

1835 her > his 2302 To > Gainst 

1852 O Lord ... the > this IV. 4. 2393 three > foure 

1870 our > my 2394 the > your 

1877 goodnight > farwell 2397 to morrow > anone 

1922 so >. if IV. 5. 2426 I> Well 

1934 she > this i 2498 and > Come 

1937 that > her 2499 On ... faire > in... dead 
1939 O> So 2545 Prates > Pretie [vgl. 2547] 
1958 our > the V. 1. 2559 lightly > chearfull 

1960 so lowe > below : 2572 For > then 

1970 Ho ... up> Where 2573 and > for 

2004 so > Thus 2580 you > my 

2012 thou > you V. 3.2697 that ... the > this... this 
2016 well> then 2699 it > them 

2022 Noble > youthfull 2744 for > as 

2032 these > here 2754 not > eyther 

2033 your selfe > you may 2765 Oh> But 

2050 How > What 2796 Thou > Come 

2055 what > that 2887 on the> the ... yong 
2057b this > here 2888 my> is... our 

2061 gainst > on 2892 now > more 

2063 thee > you 2978 O> Come 

2071 after > henceforth 2979 This > There 

2094 liand > trainde 2984 at> of 

2117 as > what 


4 Abweichungen, wo mehrere Worte an einer 
Stelle falsch wiedergegeben sind. 


Prolog 4 where ... bloud > Whose ... warre 


kI: 


3 

4 

9 
28 
29 
30 
36 
4I 
52 
90 


I meane ... we ... Weele > I ... Ile 

I ... of choller > Euer ... of the collar 

thou runst > thou’t runne 

and tis knowne ... pretie > thou shalt see ... tall 

if hadst ... hadst bin > for if ... wert ... wouldst be 
of the house > two 

take ... of > haue ... on 

I do bite ... sir > I bite 

better ... one of ... kinsmen > I... kinsman 

the peace > your fault 


a 





292 Adolf Schöttner 
I. 1. gr all the rest ... away > euery man... in peace 
92 You... shall go> Come ... come you 
ı13 minde ... to walke abroad > thought ... from companie 
118 stole ... couert> drew... thicket 
136 My Noble Uncle > Why tell me Vncle 
149 comes, so please you step > is, but stand you both 
167 eyes, see ... his > lawes giue ... our 
183 in... breast > at... hart 
194 leaue me so > hinder me 
197 who is that you > whome she is you 
200 A sicke man ... makes > Bid a sickman ... make 
203 neare, when I supposde > right, when as you said 
209 From loues weak > Gainst Cupids 
I. 2. 244 child is yet > daughter is 
245 seene the chaunge of > yet attainde to 
249 And... those ... made> But... these ... maried 
260 looke to > you shall 
268 Which one more view > Such amongst view 
270 Come goe with me > Where are you 
271 those persons > and ... them 
I, 3. 366 haue run and wadled all about > wadled up and downe 
369 upon thy face > forward 
382 Peace I haue done > Well goe thy waies 
386 came ... daughter Juliet > meant ... Juliet 
387 stands your dispositions > stand you affected 
418 Speake briefly, can you like > Well Juliet, how like you 
I, 4. 467 Or saue you reuerence > of this surreuerence 
483 she comes > doth come 
486 made of log spinners legs > are made of spinners webs 
490 as a round little worme, prickt > as is a little worme, Pickt 
511 Making them women > And proues them women 
527 Shall bitterly begin > Which bitterly begins 
I, 5. 563 now since last your selfe and I > since you and I 
581 showes a snowie > shines a snow-white 
592 not a sin > for no sin 
620 may chance to > will 
635 that ... hands > which holy 
639 O... deare > Why ... faire 
641 thogh grant for praiers sake > though: grant nor praier forsake 
648 craues a word with you > calles 
670 Marrie that I> That as I 
679 it is > is this 
II. 1. 7oo Can... when> Shall ... and 
710 prouaunt ... day > Pronounce ... Doue 
741 shall we go> lets away 
742 Beh. Go then, for tis in vaine > for tis but vaine 
II, 2. 766 Othat Il were...upon that hand > I would I were... to that same hand 
785 6 be some other name > nor any other part 
790 that deare ... which > the diuine 
798 So stumblest > Doest stumble 
820 me... eyes> thee ... sight 
846 those ... coying > they ... more cunning 
857 What shall I sweare by > Now by 
883 noyse within > comming 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 293 





II. 2. 887 
909 
915 
921 
922 
939 
944 
II. 3. 951 
962 
1032 
II. 4. 1055 
1063 
1071 
1099 
1144 
1150 
1156 
1169 
1175 
1185 
1188 
1200 
1203 
II. 5. 1254 


1275 
1283 


1288 
1297 
1302 
III. 1. 1349 
1362 
1371 
1383 
1398 
1415 
1421 
1442b 
1447 
1460 
1462 
1468 
1469 
1474b 
1482 
1541 
III. 2. 1544 
1584 
1610 
1614 
1627b 
1630 
1651 
1668 
1684 


Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 6. 


Being in night > being night 

tongue more ... then > voice as ... as 

My Neece > Madame 

stand ... thou > stay ... vou 

stand there > staie here 

Would I... so> I would that I... of 

Hence ... Friers close > Now ... fathers 

day ... dancke > world ... darke 

on the earth > vile on earth 

chide me not, her > chide not, she whom 

Alas poore Romeo, he > Who, Romeo? why he 
he rests, his minum > rests me his minum 
lametable thing > miserable case 

Sure wit ... this > Well said ... that 

it is well said .... a> well said ... he 

very wel took, ifaith > mas well noted 

something ... spent > somewhat ... eaten 
speake > stand to 

no man ... my weapon > nobodie ... I would 
truly it were an ill > it were a 

and Mistresse > tell her 

Go too > not chuse 

Within this houre ... be with > come to 

giue me leaue > let mee rest 

what of that > what of all this 

your loue > Marry he 

Your loue ... honest > He ... kinde 

Then ... hence > Goe ... straight 

To fetch > I must prouide 

these fellowes ... enters > those ... comes into 
thou wilt quarell > Didst not thou fall out ... of 
tuter me from > forbid me of 

some occasion without giuing > occasion 

to field, heele be > into the field, and he may be 
Tibalt ... will you walke > come backe, come backe 
it be out > you be aware 

why the deule came you > What meant you to come 
They haue > he hath 

the wo others > what other dayes 

He gan > A liue 

Staying ... keepe > And staies ... beare 

must goe with > shall follow 

and Tybalt > thou seest that Tibalt’s 

sir ... me > sirra ... Us 

but ... those > to all but ... none 

whip you to the west > quickly bring you thether 
Though ... O Romeo, Romeo > if 

dreadfull ... the > let the... a 

O God > Ah heauens 

ô that deceit should dwell > Ah, what ment Romeo 
all naught ... dissemblers > false ... faithles 
wherefore weepe I then > But there yer remaines 
Romeo is > All killd, all 

Harke ye ... at> Ladie ... to 


21 


294 


Adolf Schöttner 





III. 2. 1686 
III. 3. 1693 
1702 
1724 
1767 


1792 
1797 
1810 
1852 
1853 
1854 
1856 
Ili. 4. 1892 
1895 
III. 5. 1911 
1921 
1929 
1936 
1948 
1950 
1957 
2000 
2018 
2024 
2047 
2051 
2089 
2090 
2092 
2096 
2108 
2113 
2114 
2156 
IV. 1. 2180 
2190 
2202 
2225 
2230 
2232 
2250 
2253 


2255 
IV. 2. 2286 


2306 
2319 
2330 
IV. 3. 2352 
2364 
2382 
2335 
2386 
2388 


O find him, giue > Doo so, and beare 

That I> Which we 

Much more then death > Than death it selfe 

deare ... hand > faire ... skinne 

What simplenes is this, I come, I come > Gods will what wilfulnes it 
[Druckfehler] this 

and then starts up > now on the ground ; 

Oh tell me Frier, tell me > Ah tell me holy Fryer 

Lady, that in thy life lies > Lady too, that liues in thee 

O Lord ... the > this 

oh what > Good Lord what a thing 

My Lord, ... you > Well Sir ... that 

she ... sir> is a... that she 

Well, keepe > Wee’le make 

Being our kinsman ... we > we should 

No > And not the 

be put to death > stay here .... and 

How ist my soule ... not > What sayes my Loue ... not yet 

O now I> I... that now 

loue, Lord, ay husband > my Lord, my Loue, my 

a minute ... dayes > an hower ... minutes 

I doubt it not > No doubt, no doubt 

That he shall soone keepe > As he should soone beare 

sorted ... sudden > found thee ... happie 

Shall happily ... thee > To ... you glad and 

I sir > I haue 

Is > doth ... wexe 

Gods bread > Gods blessed mother 

houre, tide, time, worke, play > early, late, at home, abroad 

haue ... prouided > see ... found out 

thought would > heart coulde 

is mine > I haue 

month, a weeke > day or two 

do not ... the > cannot ... my 

my selfe ... haue > I ... haue the 

To answere ... I should confesse > To tell you ... were to confesse 

That is no slaunder sir, which > That is no wrong sir, that 

past hope ... care > that am ... cure 

Hold daughter > Stay Juliet 

Then is it likely > Tis not unlike that 

himselfe ... it > itselfe ... blame 

being then in bed > And when thou art alone 

cold and drowzie humour > dull and heauie slumber 

warmth, no > signe of 

Sirrah, go hire > Goe, prouide 

Send for ... him > presently 

No not till ... there is > Me thinks on ... would be. 

Against to morrow ... wondrous > Now before God ... passing 

Come Violl ... mixture do > Potion should 

Shall I not then ... Vault >» What if should ... Toomb 

madly play ... ioynts > playing ... bones 

As with a club ... desprate > franticke 

O looke ... Cozins Ghost > Cosin Tybalt 

Upon a Rapiers poynt > Seeking for Romco 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 295 





IV. 5. 2535 
2542 
2544 

V. 1. 2571 
2595 
2603 
2619 
2623 
2631 

V. 2. 2646 
2653 
2663 

V. 3. 2706 
2707 
2725 
2745 
2752 
2753 
2763 
2764 
2766 
2814 
2823 
2831 
2851 
2852 
2870 
2871 
2893 
2899 
2954 
2955 
2981 
2985 


you note us > we will note you 

why musique, with her siluer > Why siluer 
Mary sir ... siluer > I thinke ... musicke 

doth ... Juliet > fares 

I... an Appothacarie > As I 

A beggerly account > With beggerly accounts 
poyson ... soone > some 

violently ... hastie > suddenly ... being 

world ... worlds law > Law ... Lawes frend 
Holy Franciscan > What ... Laurence 

finding him > being by 

full of charge > great weight 

a Ring that > which 

therefore hence be gone > but if thou wilt stay 
with which greefe > I will apprehend him 

Wilt ... prouoke > What doest ... tempt 

attend ... rode? I thinke > regard ... past along 
He told me > Did he not say 

when man are ... point > haue many ... houre 
Haue they > and pleasant 

O nty Loue, my wife > Ah deare Juliet 

My Master ... but ... gone hence > he ... heere 
Alack alack ... which > that 

O... where is my Lord > Ah 

Leade boy, which > This way, this 

ile ... briefe> must I... resolute 

stay the Frier too, too > keep him safe 


is> calls us ... soone 
Alas my liege > Dread Souereigne 
up the > Come ... your 


newes of Juliets death > word that shee was dead 
in poste he came > he poasted straight 

can ... thee > will... them 

true and faithfull> Romeos loued 


5. Lückenin Qı. 


Wir geben im folgenden alle die Stellen aus Q, wieder, denen in Q, 
nichts entspricht, wo der Stenograph scheinbar entweder im Stenogramm 
bereits Lücken hatte oder in der Übertragung Lücken lassen mußte, 
weil er die betreffende Stelle seines Stenogramms nicht entziffern konnte. 
Es fehlt uns an jeder Handhabe, festzustellen, welcher der beiden Gründe 
zu der Lücke geführt hat. Über ausgelassene ganze Verse vergleiche 
den folgenden Teil. 


I. 2. 4o steht in Q, sir; dem ent- l „Die Zahl der Stenogra- 
spricht in Q, nichts. phen, die tätig gewesen 
[Man könnte ja hier an- sind‘‘, doch zudem Schluß 
nehmen, daß der Schau- gekommen, daß wir in 
spieler das Wort nicht allen den hier zu bespre- 
gesprochen hat; wir sind chenden Stellen den Steno- 
aber nach Bearbeitung graphen verantwortlich 
des letzten Abschnittes machen müssen.] 


21* 





296 Adolf Schéttner 
I. 1. 46 fehlt in Q, ebenfalls sir III. x. 1416 thou haue 
114 fehlt in Q, of 1438 tis enough 
192 my 1439b I warrant 
199 Grone 1453 sweete 
I. 2. 240 Par. 1486 fatall 
287 I pray thee 1497 and urgd withall 
I, 3. 363 the III. 2. 1667 Romeo 
371 now III. 3. 1791 sir 
I. 4. 505 being thus frighted III. 4. 1871 Tybalt 
513 Mercutio peace 1881 loue 
I. 5. 566 What man 1902b ho 
586 For III. 5. 1924 but 
599 Content thee gentle Coze 1989 same 
612 What goodman boy 2003 With Romeo 
613 go too 2030 I sweare 
617 Why 2031 you know 
618 go too 2064 carrion, out you 
619 ist so indeed 2131 it 
622 you are a princox, go 2136 are 
663 good night IV. 1. 2173 Looke sir 
667 Come hither 2179 make ° 
II. 1. 702 Romeo 2227 which 
708 the IV. 2. 2300 me 
718 By her ... her 2307 morning 
719 By 2315 him 
723 twould anger him IV. 3. 2337 ho 
740 to sleepe 2354 No, no 
II. 2. 799 who I am IV. 4. 2396 go 
847 more IV. 5.2516 Honest goodfellowes, ah 
852 Lady 2523 to comfort me 
863 Well 2546 say siluer sound 
867 sweete goodnight 2547 James sound post 
884 Anon good nurse V. 3. 2705 thence 
II. 4. 1087 sir 2734 gentle 
1098 Why 2739 By heauen 
1155 sir 2802 Heeres one 
1192 Nurse 2806 the 
1194 I will tell her sir 2844 true 
1199 sir 2874 O 
III. 1. 1356 any in Italie 2967 And then ... among 
1369 Didst thou not fall out 2973 Capulet, Mountague 
1378 Good den 2982 For 
1396 sir 1397 Sir 2990 Go hence 
1403 much 


fehlen. 


III. Verse, die in Q, enthalten sind, die aber in Q, fehlen. 

Wir finden in unserem Stücke nicht nur, daß einzelne Worte falsch 
wiedergegeben oder ausgelassen sind, sondern wir haben auch Stellen, 
wo ganze Verse, ja sogar eine größere Zahl von Versen in der ersten Quarto 


Das kann drei Gründe haben. 


Einmal besteht die Möglichkeit, 


daß der Stenograph die Verse ausgelassen hat, weil er nicht imstande 
war, sie nachzuschreiben. Dies kann dadurch veranlaßt sein, daß er in 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 297 


dem Augenblicke, als diese Verse gesprochen wurden, etwas ermiidet und 
seine Auffassungsfähigkeit etwas erschöpft war, sodaß er gezwungen 
war, eine Lücke zu lassen. Namentlich bei längeren Reden kann es vor- 
kommen, daß die Auffassungsfähigkeit eines Stenographen auf kurze Zeit 
nachläßt und er in dieser Zeit einfach nicht imstande ist, die Reden wort- 
getreu nachzuschreiben. Die Lücken können aber auch dadurch ent- 
standen sein, daß der Stenograph überhaupt nicht über die genügende 
Fertigkeit verfügte, um schneller gesprochene Reden nachzuschreiben und 
infolgedessen versagte, sobald ein Redner schneller sprach, als er schreiben 
konnte. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, daß der Schauspieler seine 
Rolle nicht ordentlich gelernt hatte und bei der Aufführung einige Verse 
fortließ. Schließlich ist auch bei unserem Stücke zu berücksichtigen, 
daß der Regisseur einzelne Verse und ganze Verspartien gestrichen haben 
kann, damit die Aufführung nicht allzulange dauerte. 

Alle diese Möglichkeiten haben wir bei unserer Untersuchung in Be- 
tracht gezogen. Wir bringen zunächst das Verzeichnis der Verse, die 
wahrscheinlich vom Stenographen ausgelassen sind, da wir uns ja zu- 
nächst mit den Abweichungen beschäftigen, die vermutlich auf die Steno- 
graphen zurückzuführen sind. Mit den Versen, die die Schauspieler zu 
sprechen vergaßen und den vom Regisseur gestrichenen Versen werden 
wir uns später beschäftigen. Wir bemerken aber zugleich, daß wir diese 
drei Verzeichnisse wegen der Schwierigkeit der Feststellung, von wem 
die Verse fortgelassen sind, nur mit Vorbehalt wiedergeben. Selbstver- 
ständlich ist es auch ganz unmöglich, heute noch zu entscheiden, ob der 
Stenograph infolge vorübergehender Ermüdung nicht imstande war, die 
Verse zu schreiben oder ob er mangels zureichender Fertigkeit im Steno- 
graphieren die Verse auslassen mußte. 

Während im allgemeinen der Stenograph nur einzelne Verse ausgelassen 
zu haben scheint, haben wir im ersten Akte in der ersten Szene eine längere 
Stelle, die nach unserer Meinung vom Stenographen ausgelassen ist. Wir 
besprechen sie zuerst. Es handelt sich um die Verse 46—73, die in Q, 
fehlen, an deren Stelle wir aber in Q, eine ungewöhnlich lange Bühnen- 
anweisung finden. Wir deuten das Fehlen dieser Verse so: 

Bald nach Beginn des Stückes entsteht bekanntlich ein Streit zwischen 
den Dienern der Capulets und der Mountagues. Im Anfang vermochte 
der Stenograph noch mühsam nachzuschreiben. Als aber der Streit immer 
heftiger wird und Benuolio dazukommt, als man die Waffen zieht und 
Tybalt erscheint und schließlich der alte Capulet und Mountague die Streiten- 
den zu trennen suchen, war bei der sicherlich recht realistischen Darstellung 
dieser Szene ein solcher Lärm auf der Bühne, daß der Stenograph, an- 
scheinend noch ein Anfänger in der stenographischen Praxis, nichts mehr 


298 Adolf Schéttner 


verstehen konnte und sich damit begnügte, die Vorgänge auf der Bühne 
zu registrieren. Daher auch die ungewöhnliche Länge der Bühnenan- 
weisung in Q,. 

Vom Stenographen ausgelassen sind aber wahrscheinlich außerdem 
folgende Verse: 


Vers 8 und 11 des Prologs, I. 1. r1b, 15b, 16a, 27, 32, 33, 75—78, 81, 
85—88, 121, 211, I. 2. 237—239, I. 4. 487, 491, 492, 495b, I. 5. 571, 606, 
621, II. 1. 716, II. 2. 753, 786, II. 4. 1085a, II. 5. 1257, 1274, 1286, 1300, 
1301, 1303b, III. 1. 1347, 1348, 1475, 1480, 1498—1500, 1503, 1504, 
1506, 1507, 1538, 1539, III. 2. 1628, III. 3. 1794, 1832, 1833, III. 4. 1899, 
III. 5. 2072b, 2084, 2085, IV. 1. 2199, 2204, 2242, 2247, 2248, IV. 2. 2305, 
2322—2324, IV. 3. 2357, 2359, 2361, 2363, 2383, 2384, 2387b, IV. 5. 2427, 
V. 1. 2602, 2604, 2622, 2629, 2633, 2642, V. 2. 2654, 2657, V. 3. 2708, 
2719, 2723, 2760, 2761, 2805, 2845, 2900, 2958, 2959, 2962, 2989. 


IV. Abweichungen, die anscheinend erst bei der Ubertragung des 
Stenogrammes entstanden sind. 


Wir haben in unserm Stiicke an vielen Stellen den Fall, daB die be- 
treffenden Verse an sich ganz richtig oder doch nur mit geringen Ab- 
weichungen wiedergegeben, daB aber die Verse falsch abgeteilt sind. Das 
ist unserer Ansicht nach darauf zurückzuführen, daß der Stenograph, 
wie man es auch heute noch zu tun pflegt, im Stenogramm fortlaufend 
schrieb und bei der Übertragung dann die Verse falsch abteilte. 

Diesen Fall haben wir in 


I. 3. Vers 385—387, I. 4. 519, I. 5. 547—552, 563, 577, 599, 612, 619, 
650—657, 683, II. 1. 708—721, 723—729, 741—743, II. 2. 770, 771, 886, 
II. 3. 977, II. 4. 1048, 1203, 1204, II. 5. 1283, 1287—1289, II. 6. 1323, 
III. 1. 1356, 1357, 1367—1370, 1397, 1398, 1400, 140I, 1403—1405, 
1409, 1410, 1415, 1417, 1425, III. 2. 1584, III. 3. 1733—1735, 1757, 
1774, 1802, 1803, 1854, III. 4. 1881, 1882a, 1896, 1897, 1902, 1903, 1954, 
III. 5. 2003, 2004, 2030, 2038, 2039, 2050, 2051, 2064, 2092, 2093, 2099, 
2106, 2127, 2132, 2138, 2146, 2147, IV. 1. 2254, IV. 3. 2385, 2386, IV. 4. 
2397, 2399, 2403, IV. 5. 2455, 2456, 2498, 2499, 2516, 2540, 2551, V. 1. 
2581, 2582, 2611, 2619, V. 3. 2753, 2779, 2789, 2801, 2814, 2823, 2852, 
2950, 2981, 2990. ° 

An einer Stelle I. 4. 483—508 hat aber Q, im Gegensatz zu Q, ganz 
richtig Verse gesetzt, während die Stelle in Q, fälschlicherweise als Prosa 
aufgefaßt und geschrieben ist. 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 299 


V. Ungenaue Rollenbezeichnungen. 


Es sind nun noch einige Ungenauigkeiten zu besprechen, die ebenfalls 
durch die Stenographen entstanden sind. An einigen Stellen finden sich 
in Q, statt der genauen Rollenbezeichnungen ganz allgemein gehaltene 
Rollenbenennungen. Um Druckfehler kann es sich dabei nicht handeln, 
da in den betreffenden Szenen die Personen durchgängig so bezeichnet 
werden. Man kann diese Ungenauigkeiten nur dadurch erklären, daß die 
Stenographen die Namen der auftretenden Personen nicht kannten und 
sie deshalb auf andere Weise kenntlich machen mußten. Sie haben dabei 
aber immer dem Sinne nach das Richtige getroffen, sodaß man von Fehlern 
nicht sprechen kann. 

Solche abweichenden Rollenbenennungen haben wir in 

I. 1., woGregor und Sampson, die beiden Diener, in Q, mit2undı 
bezeichnet werden, 
ferner in I. 3., wo in Q, an Stelle von ‚Old Lady‘‘ „Wife‘‘ steht, 
in I. 5., wo der zweite „Capulet‘‘ mit ‚Cosen‘‘, 
III. 5., wo teilweise die ‚„Lady‘‘ mit ‚Mother“‘, wie das auch in 
IV. 5. geschieht, und ‚Capulet‘‘ mit ‚„Father‘‘ bezeichnet ist, 
und IV. 5., wo der Diener Peter in Q, einfach ‚Servant‘‘ genannt wird. 

Einige direkt falsche Rollenbezeichnungen in Q; werden. wir bei Be- 

sprechung der Druckfehler behandeln. | 


B. Abweichungen, die nicht den Stenographen zur Last 
gelegt werden können, sondern auf andere Weise zu 
erklären sind. 


Die Abweichungen, die vermutlich durch die Schuld der Stenographen 
entstanden sind, sind erschöpft. Wir haben aber in unserm Stücke, wie 
schon erwähnt!), noch Abweichungen, die allem Anscheine nach zur 
Last zu legen sind 

1. dem Dramaturgen 

2. den Schauspielern 

3. den Setzern der beiden Quartos. 

Wir werden außerdem in diesem Abschnitte anhangsweise weiter besprechen 

I. die Verse, die in der zweiten Quarto eine völlig andere Gestalt 
zeigen als in der ersten, 

2. die Verse, die Q, mehr enthält als Q,, soweit sie nicht den Schau- 
spielern oder den Setzern der beiden Quartos zur Last fallen. 


1) S. 263. 


300 Adolf Schéttner 





J. Kapitel. 
Regieänderungen. 


Die Bühnenleitung pflegt vor der Aufführung der Stücke Stellen, die 
fehlen können, ohne den Sinn zu stören, zu streichen, hauptsächlich 
aus dem Gesichtspunkte heraus, die Zuhörer nicht zu ermüden. In unserem 
Stücke sind von der Bühnenleitung wahrscheinlich die folgenden Verse 
gestrichen: 

I. 1. 101— 108, 123—133, 138—148, 215—236, I. 3. 374—380, 391 bis 
395, 401—417, 426, 427, I. 4. 442—453, 457—459, I. 5. 534—546, 552b 
bis 557, 686—699 (Prolog zum zweiten Akte), II. 2. 868—882, 896—902, 
II. 3. 954—959, 1041, 1042, II. 4. 1208—1229, II. 5. 1237—1246, 1249 
bis 1253, 1261—1266, 1276—1282, III. 1. 1390—1395, 1422—1424, 1426 
bis 1428, 1470—1472, 1525—1529, III. 2. 1546—1574, 1578, 1579, 1588 
bis 1594, 1617—1622, 1624, 1625, 1637—1643, 1646—1650, 1659—1665, 
1669, 1670, 1676—1683, III. 3. 1761—1763, 1811—1827, 1843—1847, 
1859—1861, III. 4. 1874, 1875, 1882b, 1883—1885, 1889b, 1890, 1891, 
III. 5. 1942—1946, 1965—1967, 1978—1984, 199I—1995, 2005—2O0II, 
2027, 2028, 2035, 2036, 2043, 2049, 2051b, 2052, 2053, 2057a, 2059, 2066, 
2068, 2069, 2118—2125, 2129, 2130, 2134, 2135, 2137, IV. 1. 2209—2217, 
2256— 2260, 2263—-2268, 2270—2280, IV. 2. 2308—2313, 2326—2329, 
IV. 8. 2339, 2341—2343, 2348—2351, 2365—2380, IV. 4. 2412—2415, 
IV. 5. 2427, 2433, 2434, 2438, 2439, 2441, 2445—2451, 2458, 2459, 2485 
bis 2491, 2494—2497, 2502, 2505—2515, 2519—2521, 2529—2532, 2536, 
2537, 2552—2554, 2556, V. 1. 2561, 2566, 2567, 2576, 2577, 2579, 2581a, 
2586, 2588—2590, 2597—2599, 2613, 2617, V. 2. 2660, 2661, 2664, 2665, 
2673—2675, V. 8. 2677, 2683—2685, 2726--2728, 2735, 2736, 2741, 2742, 
2755—2757, 2768—2777, 2780—2787, 2790—2795, 2818—2822, 2847 bis 
2850, 2854, 2860—2864, 2865b, 2869, 2872, 2877, 2882—2885, 2889, 
2890, 2902, 2903, 2938, 2939, 2944, 2946, 2948, 2964, 2966, 2969—2971, 
2975—2977. 

Wir verweisen nochmals auf das, was wir bei den wahrscheinlich vom 
Stenographen ausgelassenen Versen gesagt haben, daß es ganz unmöglich 
ist, mit absoluter Genauigkeit heute noch festzustellen, ob die Verse vom 
Stenographen ausgelassen, ob sie vom Regisseur gestrichen, oder ob sie 
von den Schauspielern zu sprechen vergessen worden sind. Diese Ver- 
zeichnisse sind aufgestellt unter Berücksichtigung der in dem Teile unserer 
Untersuchung gewonnenen Resultate, der von der Zahl der Stenographen 
handelt, die bei der Nachschrift tätig waren, d. h. da, wo offensichtlich 
der gute Stenograph geschrieben hat, haben wir besonders sorgsam ge- 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 301 

5 
prüft, ob nicht doch der Stenograph die Verse ausgelassen hat, während 
wir umgekehrt da, wo der schlechte oder der mittelmäßige Stenograph 
geschrieben zu haben scheint und man annehmen sollte, daß sie die Verse 
ausgelassen haben, ebenfalls sorgfältig geprüft haben, ob nicht doch der 
Regisseur gestrichen hat oder ob der Schauspieler die Verse zu sprechen 
vergaß. 


2, Kapitel. 


Abweichungen, die wahrscheinlich den Schauspielern zur 
Last fallen. 


Die Schauspieler lernten anscheinend ihre Rollen auch nicht immer 
genau und setzten andere Worte an die Stelle der in ihrer Rolle stehenden, 
oder sie sprachen zuweilen auch mehr Worte, als in ihrer Rolle standen. 
Auf die Schausp..ler ist es namentlich zurückzuführen; wenn sich eine 
andere Reihenfolge der Worte innerhalb der sonst mit der zweiten Quarto 
ganz oder nahezu übereinstimmenden Verse in der ersten Quarto findet. 
An ihnen lag es ferner auch wohl, wenn einzelne Verse oder auch mehrere 
an anderer Stelle stehen, als dies in der zweiten Quarto der Fall ist. Es 
handelt sich dabei meist um unwichtige Sätze, die die Schauspieler an- 
scheinend aus Versehen an anderer Stelle sprachen. Es kam auch wohl 
vor, daß sich die Schauspieler, vorzüglich an Stellen, wo sie ungenau 
gelernt zu haben scheinen, ganze Sätze als Zusätze erlaubten, die in Q, 
als neue Verse auftauchen, welche man in Q, vergebens sucht. Umgekehrt 
kam es auch vor, daß sie einzelne oder gar mehrere Verse zu sprechen 
vergaßen. 

Alle diese Fälle wollen wir der Reihe nach untersuchen und bringen 


I. die Abweichungen, die anscheinend darauf zu- 
rückgehen, daß die Schauspielerandere Wortean 
die Stellederinihrer Rollestehenden setzten. 


Wir bemerken dazu, daß wir die folgenden Abweichungen hauptsäch- 
lich aus dem Grunde den Schauspielern zur Last legen, weil es den Steno- 
graphen keine Mühe gemacht haben würde, an diesen Stellen mit Hilfe 
der Bright’schen Zeichen das Richtige zu schreiben, da an diesen Stellen 
in Q, meist ganz einfache Redewendungen stehen, die in Q, in abweichender 
Wortfolge und mit teilweise anderen Wörtern wiedergegeben sind. Die 
Entscheidung darüber, ob die Schauspieler oder die Stenographen die 
Abweichungen verschuldet haben, war immerhin an vielen Stellen nicht 
leicht. Wir haben dann immer sorgfältig geprüft, ob in der Nähe solcher 
Stellen sich noch mehr Abweichungen befanden. War das der Fall, so 


302 


Adolf Schöttner 





war besonders sorgfältig zu erwägen, ob nicht alle diese Stellen dem Steno- 
graphen zur Last zu legen waren. Das Ergebnis unserer diesbezüglichen 
Untersuchung ist, daß wir folgende Abweichungen auf die Schauspieler 
zurückführen: 


In Q steht I. 1.1. weele not carry Coles > in Q, dagegen Ile carrie n o 


ferner I. 


I. I. 26 
97 


168 
I. 2. 242 
I. 3. 365 
383 
I. 4. 436 
438 
460 
473 
493 
509 


I. 5. 549 
602 


826 
863 
932 


1018 
Il. 4. 1053 
1055 
1033 
1113 


1125 
1127 


1149 


1154 
1163 


1164 
1179 
1198b 
Il. 6. 1323 


1343 
1344 
III. 1. 1352 
1444 
1481 
1581 


coales 
1. 2. then, > if you doo; 


They must take it sense > Nay let them take it in sence. 

stent in Q, vor der Rolle ganz richtig Mounta, in Q, dagegen M. wife. 
Es liegt hier vielleicht in Q, ein Druckfehler vor. 

ô me > Gods me 

now my Lord > leauing that 

she could > could Juliet 

and I might > might I but 

Giue me a torch > A torch for me 

Nay getle Romeo, we must > Beleeue me Romeo I must 

A toroh for me > Giue me a torch 

in that ... our fine wits> a day ... her right wits 

state ... night by night > sort... up and downe 

This is the hag, when maides lie > This is that Mab that makes maids 
lie [hag > Mab vermutlich Horfehler des Stenographen. S. S. 285 
dieser Arbeit. ] 

Ah my > Ah ha 

To be > As of 

See > Oh 

He lent > I he gaue 

Well > at al 

I would > Would 

from true birth, stumbling > to vice and stumbles 

it > loue 

how he dares, being dared > if hee bee challenged 

did I giue you > I pray you 

Pardon good Mercutio > I cry you mercy 

Thy wit is a very bitter sweting, it is a> Why thy wit is a bitter sweet- 
ing, a 

Thou desirest me to stop in my > Why thou would haue me stopp my 

O thou ... I would haue made > Tut man thou ... 1 meant 
to make 

You say well > Well said 

What hast thou found > Why what hast found man 

Lady, Lady, Lady > sweete Ladie 

I pray you sir > Marry farewell. Pray 

I am so vext > he hath so vext me 

here is > Hold, take that 

Here comes the Lady, Oh so light a foote > See where she comes. 
So light of foote 

For by your leaues ... stay > Part for a while ... be 

incorporate two > haue ioynd ye both 

second cup, draws > next cup of wine, he drawes 

thought > did 

lies > is 

hees gone, hees kild, hees dead > hees dead, hees dead, hees deai 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 303 





III. 2. 1634 Blisterd be thy > A blister on that 
III. 3. 1770 I come > one 
1864 to you, that chaunces > that doth befall thee 
III. 4. 1873 Tis very late, sheele not > I thinke she meanes not to 
1888 Monday, ha ha, well > Oh then 
1893 harke > looke 
1897 there an end > make no more adoe 
III. 5. 1977 What wilt thou > I thinke thoult 
1985 but euer weepe the friend > hauing so great a losse 
2020 Madam in happie time > I pray you 
2048 I would the foole > Would God that she 
2070 get thee to Church a Thursday > eyther resolue on Thursday next 
2099 ile not wed > nichts [wohl vom Schauspieler zu sprechen vergessen, 
da drei kurze Sätze hier aufeinander folgen, nämlich ile not wed, 
I cannot loue, I am too young] 
2112 O sweet my Mother > I doe beseech you Madame 
2138 Your first is > As for your husband he is 
2139 As liuing here, and you no use of him > for you haue no use of him 
2151 my Lord... that> him... the selfe 
2152 Which she hath > That thou hast 
IV. 1. 2157 sir > say ye 
IV. 4. 2399 No not a whit, what > I warrant thee Nurse 
2403 a... now fellow, what is there > How now sirra? What haue you 
there? 
2410 good father tis day > Well goe thy way 
IV. 5. 2421 for the... I warrant > but the 
2423 God forgiue me > nichts [auch wohl vom Schauspieler zu sprechen 
vergessen] 
2424 Marrie and Amen > Gods me 
2428 What drest, and in ... againe > drest in 
2429 needs ... Lady, Lady, Lady > indeed 
2432 my Lord my Lady > nichts [vgl. das bei 2423 Gesagte] 
2442 Alack the day ... shees dead > Ah 
2455b there > see, where 
2484 confusions care liues not > if not for charity 
V.1.2611 O...same> of mine 
2616 so lowd > what would you sir 
2624 Doth hurry from the fatall Canons wombe > From forth a Cannons 
mouth 
2639 There is thy > Hold, take this 
2643 Farewell, buy foode, ... thy selfe > Goe buy the cloathes ... thee 
V. 3.2716 shew me friendshid [Druckfehler] ... that > win my fauour ... this 
2717. Liue and be prosperous, and > Commend me to my Father 


II. Abweichungen, die anscheinend darauf zu- 
rückzuführen sind, daß die Schauspieler mehr 
Wortesprachen, alsinihrer Rolle standen. 


Die folgenden Abweichungen gehen sicher auf die Schauspieler zurück, 
da es sich hier um Zusätze von Wörtern handelt, wie man sie gesprächs- 
weise anzuwenden pflegt, oder die zur näheren Erläuterung von etwas 
schon Gesagtem dienen. Auf die Stenographen gehen derartige Zusätze, 


304 


Adolf Schöttner 





wie sie die erste Quarto an vielen Stellen bietet, sicher nicht zurück, da 
sie keine Ursache haben, mehr Worte in die Übertragung zu schreiben, 
als in ihrem Stenogramm stehen: 


I. r. 8 


9 
Ila 


34 

36 

I. 2. 271 
304 

I. 3. 371 
I. 4. 476 
489 

Sor 

I. 5. 552 
565 

572 

597 

620 

652 

682 

II, 1. 706 
714 

723 

724 

728 

II. 2. 835 
858 

885 

887 

934 

II. 3. 970 
976 

1013 
II. 4. 1052 
1061 

1061 

1062 

1078 

1079 

1090 

1103 

IIIQ 


1135 
1139 
II4I 
1143 
1155 
1157 
1173 
II, 5. 1254 


1275 
1287 


steht in Q, stand, in Q, stand to it 

Therefore > therefore (of my word) 

I will > but Ile 

Feare > Nay feare ... I warrant thee 

Let > Nay let 

Verona > Verona streets 

Rosaline, Liuia > Rosaline and Liuia 

I warrant > I warrant you 

Why > Why Romeo 

a small > is a small 

then he dreams > and then dreames he 
Welcome gentlemen > welcome Gentlemen, welcome 
thirtie yeares > sir tis thirtie yeares at least 
that > that it cannot be so 

is it > is it not 

you > you one day 

vertuous > a vertuous 

A rime > Nothing nurse but a rime 

Nay > Call, nay 

king > young king 

This > Tut this 

to raise > marrie if one shuld raise 

in > and in 

I > Nay I 

Do > Nay doo 

I will > and Ile 

all this is but a dreame > All this is but a dreame I heare and see 
cherishing > cherrishing thee 

smelt > smelt too 

Goodmorrow father > Good morrow to my Ghostly Confessor 
yonng (Druckfehler) > lo yong 

Any > I, anie 

Prince > the prince 

nichts > I can tell you 

he fights > Catso, he fights 

now > Sirra now 

a> but a 

Thats > Oh thats 

my > for my 

now > why now 

My fan Peter > Peter, pree thee, giue me my fan 
Is it good den > Is it godye gooden I pray you 
now > euen now 

himselfe > for himselfe 

unlesse > unlesse it be 

An > And an 

thou > thou like a knaue 

I> Oh I 

What > tell me what 

How > Lord, Lord, how 


Untersuchung der Abweichungen gwischen der ersten und zweiten Quarto 305 





III. 1.1346 abroad > are abroad 
1370 with > and with 
1379 couple > You had best couple 
1380 make > and make 
1417 but > but borrow 
1454 effeminate > thus effeminate 
1458 did scorne > scornd .... lowly 
1494 Benuolio > Speake Benuolio 
III. 3. 1735 kill me > torture me withall 
1784 deaths > Wel deaths 
1840 chamber > Chamber Window 
III. 4. 1892 a friend or two > a frend or two, or so 
1893 you> ye Sir 
III. 5. 1976 Euermore > What euermore 
2032 Paris > Countie Paris 
2032 these > Marrie here 
2082 I speake > Why my Lord I speake 
2088 You are > My lord ye are 
2104 Thursday is neare > I tell yee what, Thursday is neere 
2107 nere > neuer more 
2131 I thinke > Now I thinke 
2140 Speakst thou > Speakst thou this 
2141 And> I and 
2143 What > What say you Madame 
2146 Laurence > Fryer Laurence 
IV. 1. 2179 Come > What come 
2184 If> And if 
2254 surcease > surcease to beate 
IV. 2. 2307 Ile > For I will 
IV. 3. 2354 lie > Knife, lye 
2382 my forefathers > my dead forefathers 
IV. 4. 2397 faith > I faith 
V. 5. 2435 What is> How now whats 
2523 O play > come Fidlers play 
2526 No> No marry will wee 
2527 soundly > and soundly to 
V. 1.2581 get > Goe get 
2615 Appothecarie > Apothecarie, come forth I say 
V. 3.2715 I will> Well, Ile 
2734 youth > youth be gone 
2739 then > then I loue 
2789 O here Will I > Therefore will I, O heere, O euer heere 
2811 houre > houre and more 
2824 The stony entrance of this Sepulchre > the entrance Of this marble 
stony monument 
2979 for no more > for now no more 
2992 neuer was> nere was heard 


306 Adolf Schöttner 





IHI. Abweichungen, die anscheinend darauf zu- 
rückzuführen sind, daß die Schauspieler die Reihen- 
folge der Worteinnerhalb der sonst ganz oder mit 
geringen Abweichungen mit der zweiten Quarto 
übereinstimmenden Verse änderten. 


Auch diese Abweichungen dürften den Schauspielern zur Last fallen. 
Wollte man sie den Stenographen zur Last legen, so wäre nur die Mög- 
lichkeit vorhanden, daß der Stenograph bereits beim Stenographieren die 
Worte in falscher Reihenfolge aufgeschrieben hätte und dementsprechend 
sie in falscher Reihenfolge übertrug. Dieser Fall kommt aber nach meiner 
Beobachtung in der Praxis nur ganz selten vor. Viel näher liegt es dem 
Schauspieler, der ja in der Hauptsache auf den Sinn der Worte achten 
muß, einmal eine andere Reihenfolge der Worte zu wählen, zumal wenn 
es ihm darauf ankommt, das betreffende Wort, vielleicht im Gegensatz 
zum Dichter, besonders hervorzuheben. Grobe sinnstörende Fehler ent- 
stehen übrigens in unserem Stücke dadurch nirgends. 

I. 1. 24 finden wir den ersten dieser Fälle: Dort steht in Q,: I the heads 
of t h e maids, or t h e i r maiden heads. In Q, steht dagegen: I the heades 
of their Maides, or th e Maidenheades. 


I.1. 34 hat Q, Feare me not, Q, feare not me 
117 Towards him I made > I drew towards him. 


Es würde zu weit führen, alle Stellen in extenso zu zitieren. Wir be- 
gnügen uns daher damit, auf die betreffenden Verse zu verweisen. 

Es sind dies die Verse: I. 2. 270, I. 3. 365, I. 4. 436, 460, 494/95, 496, 
501, 530, I. 5. 590, 612, II. 1. 707, II. 2. 803, 841, 862, 863, 865, 924, 
II. 8. 961, 1007, 1020, 1021, II. 4. 1069, 1071/72, 1081, 1090, 1099, 1106/07, 
112I, I135, 1153, 1186, 1199, III. 1. 1399, 1417, 1438a, III. 2. 1597, 1605. 
1608, 1630, 1653b, III. 3. 1693, 1772, 1779, 1786, 1793, 1856, III. 5. 
1918, I92I, 1922, 1930, 1936, 1952, 1970, 2020, 2026, 2031/32, 2039, 
2060, 2071, 2078/79, 2097/98, 2106, 2156, IV. 1. 2159, 2183, 2250, IV. 2. 
2306, 2314, IV. 4. 2396/97, 2399, 2410, IV. 5. 2484, 2527, V. 1. 2572, 
2573, 2609, V. 3. 2678, 2687, 2709, 2754, 2788, 2824, 2871, 2887, 2955. 


IV. Abweichungen, die anscheinend darauf zu- 
rückzuführen sind, daß die Schauspieler einzelne 
oder mehrere Verse an anderer Stelle sprachen, 
als dies in ihrer Rolle stand. 

Wir haben schon in den einleitenden Bemerkungen zu diesem Abschnitte 
darauf hingewiesen, daß es sich hierbei meist um unwichtige Sachen 
handelt, die von den Schauspielern aus Versehen an unrechter Stelle 
gesprochen wurden. 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 307 





So stehen die beiden Verse 28 und 29 der 1. Szene des ersten Aktes 
»,oamp: tis knowne I am a pretie peece of flesh‘‘ und die Antwort ,,Grego. 
Tis well thou art not fish, if thou hadst, thou hadst bin poore John.“ in 
etwas veränderter Fassung in Q, etwa zehn Verse früher. Am Steno- 
graphen kann das unmöglich liegen. Wie sollte er dazu kommen, die 
Verse an eine andere Stelle zu setzen? Der Grund kann nur der sein, 
daß der erste der Verse dem Schauspieler zu früh einfiel. Sein Partner 
ging darauf ein, und so gelangten die Verse, da das Stück von Steno- 
graphen nachgeschrieben wurde, an die Stelle, an der sie jetzt in Q, stehen. 
Man könnte ja auch auf den Gedanken kommen, daß der Regisseur die 
Verse umgestellt hätte, aber für diesen lag nicht der geringste Grund 
dazu vor. 

Ähnlich liegt die Sache in den folgenden Versen: I. 4. 509, 511, II. 4. 
1198b, 1199— 1201, III. 1. 1438b, 1443, 1444, 1447, 1473b, 1474b, ITI. 2. 
1586, 1587, III. 3. 1853b, III. 5. 2012, 2021, 2032b, 2057b, IV. 2. 2314, 
2315, IV. 5. 2426, 2429, 2455b, V. 1. 2603, V. 2. 2653, V. 3. 2788, 2789, 
2865, 2866, 2874. 


V. Abweichungen, die anscheinend darauf zu- 
rückzuführen sind, daß die Schauspieler sich zu- 
weilen ganze Sätze als Zusätze erlaubten, diein 
Q, als neue Verse auftreten. 


Dies ist besonders da der Fall, wo die Schauspieler allem Anscheine 
nach ungenau gelernt hatten, oder wo sie sich dazu hinreißen ließen, 
eine Zwischenbemerkung zu machen, die mehr oder weniger am Platze 
war, die aber jedenfalls nicht in ihrer Rolle stand. Möglich ist es auch, 
daß vielleicht eine Verlegenheitspause auf der Bühne entstanden war, die 
der eine der Darsteller auszufüllen versuchte. Genau läßt sich das heute 
nicht mehr feststellen. Jedenfalls gehen die folgenden in Q, nicht ent- 
haltenen Verse vermutlich auf die Schauspieler zurück. 

In der Nähe von Vers 1445, einer Stelle, an der die Schauspieler sehr 
ungenau gelernt zu haben scheinen, frägt Mercutio am Schlusse seiner 
Rede, ohne daß dies in seiner Rolle stand: ‚„Wher’s the Surgeon?‘‘ worauf 
sein Partner schlagfertig antwortet: ,,Hee’s come sir.‘ 

III. 2. 1577 hat die Amme nach Q, zu sprechen: 

„I, I, the cords.“ Sie spricht das auch, fügt aber eigenmächtig hinzu: 
„alacke we are undone". 

Hinter III. 3. 1765 erlaubt sich die Amme den Ruf: ,,Hoe Fryer.“ 

Als der Mönch auf nochmaliges Klopfen noch nicht öffnet, ruft sie: 
„Hoe Fryer open the doore.“ 

Beides ist in Q, nicht enthalten. 


308 Adolf Schéttner 


Ahnliches haben wir hinter den Versen: 

III. 3. 1800, 1855, III. 4. 1872, 1902a, III. 5. 1970, 2091a, 2104, vor 
2285 zwei Verse, im Anfang von IV. 2, hinter 2305 und hinter IV. 5. 2539 
je einen Vers. 


VI. Verse, die die Schauspieler augenscheinlich 
zu sprechen vergaßen. 


Ebenso wie die Schauspieler sich Zusätze erlaubten, vergaßen sie auch 
zuweilen einen oder zwei Verse zu sprechen. Dies ist nach unserer Meinung 
der Fall in den Versen: 

I. 1. 18, 19, 30a, I. 2. 250, 251, 254, 255, I. 8. 368b, I. 4. 510, 512, 533, 
I. 5. 576, 658, 659, II. 2. 783, 913, II. & 1092, 1093, II. 5. 1269, 1270b, 
1271a, 1272a, 1290, 1295, 1296, III. 1. 1360, 1361, 1362a, 1365, 1366, 
1372, 1373, 1374, 1377, I4II, 1412, 1418, 1448, 1478, 1483, 1493, 1520, 
IH. 2. 1578, 1579, 1585, 1598b, 1599a, 1606, 1631, 1632, 1666a, III. 3. 
1708b, 1709a, 1732, 1761, 1762, 1763, 1766, 1769, 1803a, 1851, 1868, 
III. & 1874, 1875, 1878, 1879, 1904, III. 5. 1972, 1973, 1998, 2001, 2015, 
2019, 2049, 2051b, 2052, 2053, 2066, 2068a, 2069, 2072b, 2077, 2129, 
2130, IV. 1. 2239, 2284, IV. 4. 2395, 2398, 2402, 2409, IV. 5. 2420, 2430, 
V. 1. 2569, 2593b, 2594, V. 2. 2649, V. 8. 2681, 2700, 2701, 2713, 2714, 
2800a, 2826, 2835, 2836, 2841, 2842, 2857. 

Wir verweisen ausdriicklich nochmals auf das, was wir zu den wahr- 
scheinlich von den Stenographen ausgelassenen und den vom Regisseur 
gestrichenen Versen gesagt haben, daB wir dieses Verzeichnis ebenfalls 
nur mit Vorbehalt wiedergeben. 


3. Kapitel. 


Abweichungen, die vermutlich den Setzern der beiden 
Quartos zur Last zu legen sind. 


Es konnte natiirlich nicht ausbleiben, daB auch die Setzer, zumal in 
jener Zeit, wo die Buchdruckerkunst noch in den Kinderschuhen steckte, 
verschiedene Druckfehler in den Text brachten. Es ist aber auffällig, daß 
bei der Mehrzahl der Abweichungen, die sich als Druckfehler kennzeichnen, 
das Falsche auf seiten des Textes der zweiten Quarto liegt. Möglicher- 
weise hatte das Q, zugrunde liegende Bühnenmanuskript schon diese 
Fehler. 

Wir haben nur acht Abweichungen, die offenbar Fehler des Setzers 
der ersten Quarto bilden. Es sind dies zwei Doppelsetzungen — I. 1. 4 steht 
nämlich in Q, ,,out of the the collar“ und I. 1. 17 ,,and thrust the maids 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 309 





to to the walls‘‘ — und ferner haben wir sechs Fälle, wo entweder ein 
Buchstabe in dem betreffenden Worte falsch ist oder ein Buchstabe zu 
viel enthalten ist: 

II. 1. 732 muß es wohl wie in Q, heißen „Blind is his loue“ und nicht 
wie in Q, „Blinde in his loue‘‘, ebenso V. 3. 2694 ,,;What cursed foot 
wanders this way to night", und nicht wie in Q, ,,What cursed foote 
wanders this was to night“. 

Auch I. ı. 172 steht in Q, ganz richtig: „O any thing of nothing first 
created :“, in Q, dagegen „O anie thing, of nothing first create!“ 

II. 4. 1165 muß es wie in Q, heißen: ‚that was so full of his roperie“ 
und nicht wie in Q, „that was so full of his roperipe“. 

III. 3. 1855 sagt Romeo: ,,Do so, and bid my sweete preparetochide “; 
Q, hat dafür: „Doe so and bidde my sweet prepare to childe“. 

V. 3. 2825 steht in Q,: What meane these maisterlesse and goarie 
swords’, in Q, ,, What meanes these maisterles and goory weapons?‘ 

In allen diesen Fallen ist auch von den modernen Ausgaben die Lesart 
der zweiten Quarto anerkannt. 

In den folgenden Fallen ist man aber den Lesarten von Q, beigetreten. 
Es handelt sich hier um offensichtliche Versehen des Setzers von Q». 
So finden wir I. 4. hinter 433 in Q, die beiden Verse: 

Nor no without booke Prologue faintly spoke 
After the Prompter, for our entrance. 


Da Q, an dieser ganzen Stelle außerordentlich gut wiedergegeben ist, 
dürften wir es hier kaum mit irgendwelchen Zusätzen der Stenographen 
zutun haben. Auch ist nicht einzusehen, wie der Schauspieler dazu kommen 
sollte, diesen Zusatz zu machen. Dagegen dürfte wohl der Setzer von Q, 
aus Versehen diese baiden Verse fortgelassen haben, falls nicht das Bühnen- 
manuskript, das Q, zugrunde lag, diese Verse gestrichen hatte. 

Das Gleiche gilt von der in Q, hinter Vers 482 in der gleichen Szene 
stehenden, aber in Q, fehlenden Frage: ‚Queen Mab whats she?‘“‘, worauf 
die Antwort in Q, ganz richtig lautet: „She is the Fairies midwife“ usw. 
Der Setzer von Q, hat diese vorhergehende Frage: „Queen Mab whats 
she?“ augenscheinlich vergessen zu setzen. In dem dem Drucke zugrunde 
liegenden Bühnenmanuskript hat diese Frage aber sicherlich gestanden. 
Das geht aus dem nur als Antwort zu verstehenden Satze: ‚She is‘ usw. 
deutlich hervor. 

Ebenso liegt die Sache in 1. 5. hinter 573, wo sich in Q, der folgende, 
in Q, fehlende Vers findet: 


Good youths I faith. Oh youth’s a iolly thing. 


Auch diese Stelle dürfte wohl vom Setzer übersehen worden sein. 
Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. L 6. 22 


310 Adolf Schéttner 


III. 3. Vers 1831r heißt es in Q, ganz richtig: ,,there art thou happy 
too“, da einen Vers zuvor schon einmal ,,There art thou happy“ steht. 
In Q, steht auch im zweiten Falle nur „there art thou happie“. Das ,too“‘ 
scheint vom Setzer übersehen worden zu sein. 

Am deutlichsten sieht man aber in IV. 5 hinter 2540, daß der Setzer 
von Q, zum Teil sehr unaufmerksam bei seiner Arbeit gewesen ist. Hier 
fehlt der aus metrischen Gründen unumgänglich notwendige Vers: 


„And dolefull dumps the minde oppresse‘‘, 


der in Q, vorhanden ist. 

Unsicher ist es, ob in II. 2. 940—943, Versen, die eigentlich erst an den 
Anfang von II. 3. gehören, wo sie auch in etwas abgeänderter Fassung 
in Q, nochmals enthalten sind, nur der Setzer die Schuld hat, oder ob 
sich bereits derjenige verschrieben hat, der das Stück von dem Original- 
manuskript des Dichters abschrieb; denn darin stimmt ja die heutige 
Shakespearekritik überein, daß kein einziges Stück Shakespeares nach 
dessen Originalmanuskript gedruckt ist. Vielleicht hatte aber auch der - 
Regisseur die Stelle gestrichen. 

Einen ähnlichen Fall haben wir III. 3. 1726—29. 

Man könnte ja nun auf den Gedanken kommen, daß alle diese Fehler, 
die wir hier auf den Setzer von Q, zurückführen, bereits in dem dem 
Setzer vorliegenden Manuskripte enthalten waren. Mag dies auch in 
dem einen oder anderen Falle möglich gewesen sein, die folgenden Bei- 
spiele, die ebenfalls noch Druckfehler in Q, bringen, beweisen jedenfalls, 
daB der Setzer von Q, sehr wenig Sorgfalt auf seine Arbeit verwendete, 
sodaß man sehr wohl zu dem Glauben kommen kann, daß auch er die 
eben genannten Fehler gemacht hat. 


I. Iı. 114 hat Q, Syramour, Q, da- | II. 2. 758 to > do 


gegen richtig Sicamoure 827 Pylat > Pilot 
134 portendous > portentous 828 washeth > washt 
184 propogate > propagate II. 3. 947 Checking > Checkring 
186 too > to 971 staies > slaies 
209 uncharmd > unharm’d 972 encamp > incampe 
I. 2. 265 fennell > female 977 Benedicitie > Benedicite 
I. 3. 388 houre > honor II. 4. 1069 phantacies > fantasticoes 
389 houre > honor 1073 pardons mees > pardon- 
421 to make flie> to make it flie : mees 
484 Agot > Aggat II. 5. 1297 high > hye 
485 ottamie > Atomi III, 1.1459 mo > more 
489 Philome > filmes 1464 end > eyed 
507 Elklocks > Elfelocks 1536 It> I 
531 stirrage > steerage III. 2. 1652b worser > worse 
I. 5. 610 en dure > indure III. 3. 1739 obsoluer > abscluer 
61r endured > indured 1803 deuote > denote 
681 Whats tis? whats tis. > 1834 light > lights 


Whats this? whats that? 1836 mishaued > misbehaude 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 311 


III. 5. 1917 exhale > exhales IV. 5. 2460 loue > long 
2074 lent > sent V. 1. 2635 pray > pay 
2147 obsolu’d > absolu’d V. 3. 2678 young trees > Ew-tree 
IV. 1. 2163 talke > talkt 2743 commiration > coniura- 
2229 stay > slay tions 
2240 chapels > chaples 2888 misheathd > sheathed 
2255 breast > breath 2892 earling > early 
IV. 2. 2297 selfewield > selfewild 2982 raie > erect; [es müßte raise 
IV. 4.2410 Twou > Thou : | in Q, heißen]. Vgl. S. 268. 


In allen diesen Fällen außer den beiden letzten, die man sinngemäß 
verbessert hat, ist man jetzt den Lesarten von Q, beigetreten. 

Eine arge Nachlässigkeit des Setzers von Q, zeigt sich auch in den 
Rollenbezeichnungen. An acht Stellen ist die Rollenbezeich- 
nung in Q direkt falsch, und man hat heute die Lesart von Q, als die 
richtige anerkannt. 

Es handelt sich um die Stellen: 

II. 1. 706, wo die Worte: ,,Nay Ile coniure too‘‘ nach Q, ebenso wie 
das Vorhergehende von Benvolio gesprochen werden, während Q, sie 
bereits zu den folgenden Worten Mercutios zieht und dementsprechend 
ein Mer: davor stehen hat. 

Ferner steht in Q, II. 2. 938 nochmals ,Jul.“‘, obwohl Juliet bereits 
die vorhergehenden Worte spricht. Q, dagegen hat ganz richtig „R o m.‘“‘. 

An den folgenden Stellen hat Q, ebenfalls eine falsche Bezeichnung, 
Q, dagegen die richtige: 

II. 4. 1060 Ro. > Ben: 
113r nichts > Mer: 


1132 Mer. > Ben: 
Ill. 5.1959 Ro> Jul: 

2083 Father, 6 Godigeden > Cap: Oh goddegodden 
IV. 5. 2452 Fri. > Par: 

In Q, finden wir abgesehen von den oben S. 299 erwahnten ungenauen 
Rollenbezeichnungen, die auf die Stenographen zurückzuführen sind, nur 
zwei Rollenbezeichnungen, die direkt falsch sind: 

I. 1. 97 steht in Q, „Mounta“, in Q, dagegen ‚„M. wife‘. Hier liegt 
offenbar ein Druckfehler in Q, vor, da die anschließenden tadelnden Worte: 


„Who set this auncient quarrel first abroach? 
Speake Nephew, were you by when it began?“ 


doch zweifellos dem alten Grafen Mountague in den Mund gelegt sind 
und nicht seiner Gattin. Ferner muß es in Vers 1048 Ben. statt Mer. heißen, 
und ebenso muß vor 1050 wieder Ben. stehen. 


312 Adolf Schöttner 





Anhang. 


J. Verse, die in der zweiten Quarto eine völlig andere Gestalt 
zeigen als in der ersten. 


Wir meinen damit nicht die Verse wie I. 2. 274—279, wo der Diener 
offensichtlich seine Rolle nicht ordentlich gelernt hat und infolgedessen 
alle Verse durcheinanderwirft, sondern die folgenden: 

Vers 3, 9, 10, 14 des Prologs, I. 4. 10, 20, 21, 35, 37, 38, 42, 43, 47, 120, 
I. 2. 243, 247, 373, 385, 396, 422425, I. 4. 468, 471, 523, I. 5. 623, 624, 
662, 664, 665, 666, 684, 685, II. 1. 703, 715, II. 4. 1043a, 1061, 1136, 1145, 
1152, I16I, 1170, 1171, 1172, 1173, 1176, 1177, 1180—1182, 1190, 1196, 
1197, 1198a, I201, 1230, II. 5. 1235, 1236, 1247b, 1248, 1255, 1258—1260, 
1267, 1268, 1273, 1284, 129I, 1293, 1294, 1304, 1306, 1307, II. 6 ganz 
mit Ausnahme von 1323 und 1343, 1344, III. 1. 1355, 1367, 1381, 1386 
bis 1388, 1402, 1406, 1407, 1419, 1420, 1429, 1431, 1434, 1435, 1440, 
1441, 1442a, 1445, 1446, 1476, 1479, 1490—1502, 1505, 1508, 1509—I519, 
1523, 1540, III. 2. 1575, 1576, 1600 —1603, 1611, 1623, 1658, 1674, III. 3. 
1764, 1765, 1768, 1828, 1837, 1848, 1849, 1865, III. 4. 1901, III. 5. 1920, 
1925, 1927, 1968, 1969, 1971, 1986, 1987, 1996, 1997, 1999, 2002, 2013, 
2017, 2029, 2037, 2040—2042, 2044—2046, 2067, 2073, 2109, 2116, 2126, 
2133, 2145, IV. 1. 2223, 2236, 2237, 2241, 2245, 2246, 2269, 2281, 2282, 
2283, IV. 2. 2285, 2287, 2288, 2293, 2294, 2295, 2298, 2304, 2317, 2318, 
2320, 2325, 2331, IV. 3. 23322336, 2338, 2340, 2344, 2345, 2347, 2353 
2355, 2356, 2358, 2360, 2381, 2389, IV. 4. 2390—2392, 2400, 2404—2408, 
2416, IV. 5. 2417—2419, 2425, 2431, 2436, 2437, 2440, 2443, 2444, 2457b, 
2451—2483, 2492, 2493, 2500, 2501, 2503, 2504, 2518, 2522, 2524, 2533, 
2538, 2539, 2548—2551, 2555, V. 1. 2558, 2560, 2562, 2578, 2582, 2583, 
2585, 2587, 2591, 2600, 2601, 2607, 2610, 2612, 2618, 2620, 2621, 2628, 
2630, 2632, 2636, 2637, 2641, V. 2. 2648, 2656, 2659, 2666, 2667, 2668, 
2670, 2671, 2672, V. 3. 2676, 2680, 2682, 2686, 2688—2692, 2702, 2709, 
2718, 2731, 2732, 2738, 2758, 2759, 2767, 2779, 2803, 2804, 2807, 2815 
bis 2817, 2827—2829, 2833, 2834, 2837—2840, 2843, 2846, 2853, 2855, 
2856, 2858, 2859, 2866, 2867, 2868, 2873, 2875, 2876, 2878—2881, 
2886, 2894—2896, 290I, 2904, 2907—2937, 2940—2943, 2945, 2947, 
2949— 2951, 2955, 2957, 2960, 2963, 2965, 2972, 2974, 2980. 

Man könnte ja nun annehmen, daß diese Verse auf die Stenographen 
zurückzuführen wären, und in einigen Fällen, die sich aber heute nicht 
mehr feststellen lassen, mögen sie auch durch falsche Übertragung ihrer 


Untersuchung der Abweichungen zwischen der ersten und zweiten Quarto 313 





Stenogramme die Gestalt der Verse verändert haben, es finden sich aber 
in unserem Stücke drei längere Partien, die von den gleichen Versen in Q, 
gänzlich abweichen, und diese legen doch den Gedanken nahe, daß der 
Dichter vor der Herausgabe der zweiten Quarto einige Teile des Stückes 
einer Neubearbeitung unterzog. Die 6. Szene des zweiten Aktes, die 
5. Szene des 4. Aktes, die viel mehr ausgearbeitet ist, und die Rede des 
Friar’s 2906—2951 in der 3. Szene des 5. Aktes, von der nur die letzten 
beiden Verse in gleicher Gestalt in Q, enthalten sind wie in Q,, sind unter 
keinen Umständen von den Stenographen so stark verändert worden. 
Wir werden später, wenn wir der Frage näher getreten sind, wieviel Steno- 
graphen an der Nachschrift des Stückes beteiligt gewesen sind, uns noch- 
mals mit dieser Frage beschäftigen und sehen, daß es gänzlich ausge- 
schlossen ist, daß wir den Stenographen die andere Fassung dieser Stellen 
zur Last legen können. Wir müssen bei diesen Versen annehmen, daß 
der Dichter vor der Herausgabe der zweiten Quarto diesen Versen, die ihm 
nicht gefielen, eine andere Fassung gab. 


2. Verse, die Qı mehr enthält als Q,, soweit sie nicht den 
Schauspielern oder den Setzern der beiden Quartos zur 
Last fallen. 


Auch diese Verse kann man nicht auf die Stenographen zurückführen, 
da es dem Wesen jeder stenographischen Aufnahme widerspricht, Zu- 
sätze zu machen. Wohl ist es möglich, daß der Stenograph etwas weg- 
läßt, sei es, daß er es nicht verstanden hat, oder sei es, weil er dem Redner 
nicht zu folgen vermochte, aber es dürfte kaum vorkommen, daß der 
Stenograph sich eigenmächtig irgendwelche Zusätze erlaubt. Es handelt 
sich hier wohl meist um Stellen, die der Dichter bei der Neubearbeitung 
gestrichen hat, um unnötige Längen zu beseitigen. 

So sagt II. 5. 1288 Julia in Q,: He saies like a kinde Gentleman, and 
a honest, and a vertuous.“ In Q, lautet die Stelle dagegen: „Your loue 
sayes like an honest gentleman.“ 

Ähnlich liegt die Sache hinter den Versen 1293, 1297, 1302b, 1307 
(hier stehen sogar zwei Verse mehr in Q,), III.1. 1435, 1518 (ebenfalls zwei 
Verse), III. 2. 1603, III. 5. 1950, 2032a, 2070, IV. 1. 2245, 2253a, IV. 2. 
2318 (drei Verse mehr in Q,) 2320 (ebenfalls drei Verse), IV. 8. 2360, 
IV. 4. 2410, IV. 5. 2483 (drei Verse mehr in Q,), V. 3. 2688, 2801b, 2832, 
2842 (zwei Verse mehr), 2853, 2880, 2967. 


314 Adolf Schdttner 





VIERTER TEIL. 
Zahl und Arbeitsweise der bei der Nachschrift von Q, 


vermutlich tatig gewesenen Stenographen. 


1. Kapitel. 
Die Zahl der Stenographen, die vermutlich tätig gewesen sind. 





achdem wir im Vorhergehenden gesehen haben, daß Stenographen tätig 
N gewesen sind und welche Mängel einerseits auf sie zurückzuführen 
sind und welche andererseits nicht, wollen wir uns jetzt der Frage zu- 
wenden, ob wir vielleicht feststellen können, wieviel Stenographen tätig 
waren. Wir haben nur ein Mittel, um zu entscheiden, ob mehrere 
Stenographen das Stück nachgeschrieben haben, wir müssen nämlich in 
den einzelnen Szenen die Prozentsätze der Fehler herausrechnen, die den 
Stenographen zur Last fallen. 

Die Berechnung wäre nun sehr einfach, wenn der Text von Q, der Auf- 
führung zugrunde gelegen hätte und die Stenographen bei der Nachschrift 
der Verse nur einige Fehler gemacht hätten. Man würde dann einfach 
die Zahl der Fehler durch die Zahl der Verse dividieren, und erhielte so 
die Prozentzahl der Fehler. Nun besteht aber schon die Schwierigkeit, 
daß die Stenographen auch ganze Verse ausgelassen haben. Diese Schwie- 
rigkeit ist jedoch zu überwinden. Wir ziehen von der Summe der Verse 
in Q, die Verse, die ausgelassen sind, ab. Dadurch wird die Berechnungs- 
zahl, wie wir es nennen wollen, kleiner und die Prozentzahl größer. Es 
drückt sich also auch in den Prozenten aus, daß der Stenograph Verse 
ausgelassen hat. Auf diese Weise könnten wir die Leistungen der Steno- 
graphen bemessen, wenn uns der Text in seiner Gesamtheit erhalten wäre, 
auf Grund dessen die Aufführungen stattgefunden haben. Leider ist uns 
dieser Text nicht erhalten. Uns ist nur das Stenogramm (Q,) erhalten 
und Q,, das wahrscheinlich auf ein Bühnenmanuskript zurückgeht. Nun 
haben wir eben gesehen, daß wir die Zahl der Verse, die der Stenograph 
ausgelassen hat, bei der Berechnung der Prozente nicht berücksichtigen 
dürfen, da sonst die Zahl der Prozente für den Stenographen zu günstig 
ausfallen würde. Wir dürfen also nur die Verse berücksichtigen, die der 
Stenograph wirklich geschrieben hat. Nun hat der Stenograph aber alle 
Verse, die in Q, enthalten sind, geschrieben. Wir erhalten also die rich- 
tigen Zahlen, wenn wir die Zahl der Verse von Q, zugrunde legen. 

Genau dasselbe Resultat erhalten wir übrigens auch, wenn wir aus 
Q, die Verse, die in Q, fehlen, ebenfalls fortlassen, und die Verse hinzu- 


Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q, vermutl. tätig gewes. Stenographen 315 





zählen, die nur in Q, enthalten sind. Es sind in Q, ja außer den Versen, 
die der Stenograph ausgelassen hat, noch die Verse enthalten, die die Regie 
gestrichen hat und die der Schauspieler zu sprechen vergaß. Die Verse, 
die die Regie strich, können wir natürlich bei der Zahl der Verse, die wir 
der Prozentberechnung zugrunde legen, nicht berücksichtigen, da sie der 
Stenograph ja gar nicht hat schreiben können. Genau so verhält es sich 
mit den Versen, die der Schauspieler zu sprechen vergaß. Da der Steno- 
graph sie auch nicht hat schreiben können, weil sie nicht gesprochen 
wurden, können wir sie auch nicht zu seinen Gunsten in Anrechnung 
bringen. Wir sehen also, daß man am besten tut, die Zahl der Verse in Q,, 
also des Stenogrammes selbst, bei der Berechnung der Prozente der Fehler 
zugrunde zu legen. 

Otto Pape hat in seiner Dissertation ‚Über die Entstehung der ersten 
Quarto von Shakespeares Richard III.‘ einen anderen Weg eingeschlagen 
und hat für die Berechnungszahl die Formel aufgestellt B Z = A — (g +h). 
Darin bedeutet A ,,die Anzahl der Q, Verse‘‘; g sind ,,die fehlenden Q, 
Verse“, h „die überzähligen Q, Verse‘‘. Schon die Benennung ist ungenau, 
denn er meint die in Q, fehlenden und die nur in Q, enthaltenen Verse. 
Diese Methode ist deswegen falsch, weil leicht der Fall eintreten kann, 
der bei seinem Drama allerdings nicht eingetreten ist, daß die Zahl der 
ausgelassenen Verse die Zahl der in Q, enthaltenen Verse übersteigt. 
Man würde dann nach der Pape’schen Formel als Berechnungszahl eine 
negative Größe erhalten.. Dieser Fall würde bei unserm Drama in Il. 5 
und IV. 3 eintreten, wo die Zahl der in Q, enthaltenen Verse 40 bzw. 27, 
die der ausgelassenen Verse 41 bzw. 31 beträgt. Ebensowenig ist ein Grund 
zu ersehen, weshalb er die nur in Q, enthaltenen Verse, die doch der Steno- 
graph geschrieben hat, bei der Berechnung der Prozente ausscheidet. 
Diese falsche Formel bei Pape mußte natürlich auch falsche Resultate 
nach sich ziehen. 

Wir haben nun eben festgestellt, wie wir die Berechnungszahl erhalten, 
und daß wir sie auf zweierlei Weise erhalten können — entweder legen 
wir einfach die Zahl der Verse in Q, zugrunde — das ist das Einfachste, 
und diesen Weg wollen wir beschreiten — oder wir ziehen von der Zahl 
der Verse in Q, die Summe sämtlicher ausgelassenen Verse ab und zählen 
andererseits die Zahl der Verse, die nur in Q, enthalten sind, zu. Auf 
beiden Wegen erhalten wir die gleichen Resultate. 

Wir müssen uns nun noch fragen, welche Fehler wir den Stenographen 
bei der Berechnung der Prozente in Anrechnung bringen dürfen. Nicht 
in Anrechnung bringen dürfen wir ihnen die Abweichungen, die anscheinend 
auf die Mängel des Systems Bright zurückgehen, da diese Mängel untrenn- 
bar mit dem System Bright verknüpft sind. 


316 Adolf Schéttner 





Es sind dies die Abweichungen, die vermutlich auf die Mangel der 


I. accompanied signification, 

2. des diakritischen Punktes, 

3. der Regel: Umschreibungen können weggelassen werden, 

4. der Unmöglichkeit, sprachliche Doppelformen wiederzugeben, 
5. der Ähnlichkeit vieler stenographischer Zeichen 


zurückgehen. 


Wie verfahren wir nun aber mit den Versen, die in der zweiten Quarto 
eine völlig andere Gestalt zeigen als in der ersten? Wir haben bereits 
konstatiert, daß wir die veränderte Gestalt der Verse den Stenographen 
nicht zur Last legen dürfen. Geschrieben haben sie aber die Stenographen. 
Folglich haben wir auch kein Recht, sie aus der Berechnungszahl auszu- 
schalten. Möglich ist es ja, daß sich hier und da in diesen Versen auch 
Fehler befinden, die den Stenographen zur Last fallen. Es fehlt uns aber 
jede Handhabe, um das zu erkennen. Augenscheinliche Fehler befinden 
sich nicht darin. Wir schalten also diese Verse aus der Berechnungszahl 
nicht aus. 


Zur Last legen muß man aber den Stenographen die Stellen, wo sie 
anscheinend ihr Stenogramm nicht wiederlesen konnten oder falsch wieder- 
lasen, wo sie augenscheinlich Lücken ihres Stenogramms willkürlich aus- 
füllten oder wo sie falsch gehört haben. Es kommen also für die Fehler- 
berechnung die Verzeichnisse in Betracht, die sich auf S. 285 —296 unserer 
Arbeit befinden. Es würde nun zu weit führen, wenn wir alle diese Ab- 
weichungen hier nochmals in der Reihenfolge, wie sie nacheinander in 
den einzelnen Versen vorkommen, aufführen würden und in Klammern 
hinter jedem Verse angeben wollten, wieviele Abweichungen sich in den 
einzelnen Versen befinden. Wir begnügen uns daher, die Abweichungen 
des Prologs und der ersten Szene des ersten Aktes in der angedeuteten 
Weise wiederzugeben, bemerken aber, daß wir das vollständige Verzeichnis 
gern jederzeit zur Verfügung stellen. 


Prolog ı. both > Frends (1) 
4. where ..... bloud > Whose ..... warre (2) 
Akt I. Sz.1. ı on> of; weele> Ile (2) 
2 we> you (I) 
3 I meane... we... weele> I... Ile (4) 
4 I... of choller > Euer ... of the collar (2) 
6 thou art > you are (I) 
7 of > of the (1) 
g thou runst > thou’t runne (1) 
13 weake slaue > weakling (2) 
15 Tis true, & > Thats true (2) 
16 Mountagues men > the mn (1) 


Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q, vermutl. tatig gewes. Stenographen 317 





Akt I. Sz. 1. 17 
22 
28 
29 
30 
36 
39 
40 
4I 
46 
52 
83 
90 
91 
92 
97 

I12 
113 
II4 
IIS 
116 
117 
118 
119 
122 
134 
135 
136 
149 
156 
167 
174 
177 
183 
184 
185 
187 
189 
192 
193 
194 
197 
199 
200 
203 
206 
209 


his > the (1) 

their > with their (1) 

and tis knowne ... pretie > thou shalt see ... tall (4) 
if ... hadst ... hadst bin > for if ... wert ... wouldst be (4) 
of the house > two (3) 

take of > haue on (2) 

to them > enough (2) 

Sir > nichts (1) 

I do bite ... sir > I bite (2) 

sir > nichts (1) 

better ... one of ... kinsmen > I... kinsman (4) 
thee > the (1) 

the peace > your fault (2) 

all the rest ... away > euery man ... in peace (5) 
You ... shall go > Come ... come you (3) 

new > first (1) 

forth > through (1) 

minde ... to walke abroad > thought ... from companie (4) 
of > nichts (1) 

this > the (1) 

did > might (1) 

made > drew (1) 

stole ... couert > drew ... thicket (2) 

measuring > noting (1) 

humor > honor (1) 

humor > honor (1) 

may > doo (1) 

My Noble Uncle > Why tell me Uncle (3) 

comes, so please you step > is, but stand you both (4) 
houres > hopes (1) 

eyes see ... his > lawes giue ... our (3) 

wel ... formes > best ... thinges (2) 

that > which (1) 

in... breast > at... hart (2) 

it > them (r) 

loue > griefe (1) 

made > raisde (1) 

nourisht > raging (1) 

my > nichts (1) 

Soft > Nay (1) 

leaue me so > hinder me (2) 

who is that you > whome she is you (2) 

Grone > nichts (1) 

A sicke man ... makes > Bid a sickn:an ... mak: (1) 
neare, when I supposde > right, when als you said (4° 
Well > But (1) 

From loues weak > Gainst Cupids (3) 


Wir haben nun die Zahlen der Beispiele für das ganze Stück in einer 
Tabelle zusammengestellt. Um die größeren Abweichungen in ein Ver- 
hältnis mit den kleineren zu bringen, haben wir die Anzahl der Verse 
mit 2, 3, 4, 5 Abweichungen mit 2, bzw. 3, 4, 5 multipliziert und 
die so gewonnenen Summen addiert. Die Ergebnisse zeigt die folgende 


318 Adolf Schéttner 





Tabelle I. Wir bemerken dazu, daß wir darauf verzichten mußten, für 
II. 6 die Prozente herauszurechnen, da die beiden Quartos in ihren Fas- 
sungen gänzlich voneinander abweichen. 


Tabelle I. 










Zahl der Verse mit Abweichungen 


Prolog u. I. I 32 14 5 7 I 108 150 72,0 
2 9 5 3 2 = 36 92 39,1 
3 4 I 3 2 ee 23 60 | 38,3 
4 18 8 4 ss = 46 86 53,5 
5 19 II 6 I 2 73 128 57,0 
L 290 516 56,2 
II. 1 8 5 4 I er 34 43 791 
2 39 13 6 3 I 100 172 58,1 
3 16 5 I I = 33 89 37,1 
4 25 15 5 -— 2 80 159 50,3 
5 5 5 2 = = 2I 42 50,0 

6 saci we ne = sach — in == 
II. 268 ' 505 53,1 
III. x 26 18 7 4 3 114 150 76,0 
2 14 3 4 4 L 53 58 91,4 
3 17 6 6 2 I 60 141 42,7 
4 7 2ı-| —- | — 11 24 | 45,8 
5 33 18 5 5 I 109 193 56,5 
III. 347 566 61,3 
IV. ı 14 9 3 2 I 54 92 58,7 
2 6 3 I I I 24 40 60,0 
3 I I — 3 2 25 28 89,3 
4 3 I Du un zu 5 20 25,0. 
5 4 I 6 I — 28 88 31,8 
IV. 136 268 50,7 
V.1 8 5 3 — | — 28 63 42,9 
2 — 3 I — | — 9 20 45,0 
3 24 10 13 3 | 5 120 224 53,6 
Ve 157 307 51,1 
Das ganzeStiick | | 1198 2162 55,4 


Diese Tabelle zeigt uns ein ziemlich klares Bild über die prozentuale 
Fehlerverteilung. Wir entdecken auch schon bei näherem Zusehen 
eine gewisse Regelmäßigkeit. Addieren wir die Berechnungszahlen der 
Szenen, die annähernd gleiche Prozentzahlen haben, so finden wir, daß 
die Zahl der Verse regelmäßig sich zwischen 150 und 200 Versen bewegt. 
Wir erkennen daraus, daß nicht ein Stenograph allein das Stück nachge- 
schrieben haben kann, sondern daß mehrere dabei tätig gewesen sein 
müssen. 


Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q, vermutl. tätig gewes.Stenographen 319 


Wir haben nun in der folgenden Tabelle die Abschnitte, die augen- 
scheinlich zusammengehören, zusammengestellt. Dabei mußten wir aller- 
dings II. 4 in zwei Teile zerlegen. Auch hier ergab sich eine deutliche 
Trennung in zwei Hälften. II. 4 zerfällt nämlich in die beiden Teile 


1043—1129 und 1130 bis Schluß der Szene. 


Der erste Teil enthält 15 Verse mit einer, 8 Verse mit zwei, ı Vers mit 
drei Abweichungen. Die Summe der Abweichungen ist also 34, die Berech- 
nungszahl 67, in Prozenten 50,7. Der zweite Teil enthält 10 Verse mit 
einer, 7 Verse mit zwei, 4 Verse mit drei, 2 Verse mit fünf Abweichungen. 
Die Summe der Abweichungen ist 46, die-Berechnungszahl 67, die Zahl 
der Prozente 68,6. Diese Zerlegung von II. 4 ist in der Tabelle mit berück- 
sichtigt. 


Tabelle II. 


Zahi der Verse | Zahi dere Pro- 


Akt, Szene Zahl der Fehler in Q, Be Leistungen des Stenographen 
Prolog und I. ı schlecht 
I.2undI.3 gut 
I.gundI.5 mittelmäßig 
II. 1 und II. 2 schlecht 
II. 3 und II. 4 bis gut 
1129 
II. 4 bis S-hluß, mittelmäßig. Nicht ge- 
II. 5 und II. 6 genau festzustellen, da 
II. 6 nicht vergleichbar 
III. ı und III. 2 schlecht 
III. 3 und III. 4 gut 
III. 5 mittelmäßig 
IV. 1, 2, 3 schlecht 
IV. 4,5, V.ı gut 
V. 2 und V. 3 mittelmäßig 





2. Kapitel. 


Die Arbeitsweise der Stenographen. 


Die Tabelle II zeigt uns ein klares Bild von der Tätigkeit der Steno- 
graphen. Wir dürfen daraus entnehmen, daßBdreiStenographen 
tätig waren, und zwar ein schlechter, ein guter und ein mittelmäßiger 
Stenograph. Diese Stenographen haben in regelmäßiger Turnusfolge, 
wie der Fachausdruck in den deutschen Parlamenten lautet, geschrieben. 
Sie lösten sich regelmäßig ab und haben sich nach dem Szenenschluß 
bzw. nach dem Auf- und Abtreten der Schauspieler gerichtet. Den Reigen 
eröffnete der schlechte Stenograph. Das entspricht auch der allgemeinen 


320 Adolf Schöttner 


Gepflogenheit. Man läßt den Stenographen, der am wenigsten leisten 
kann oder der noch Anfänger in der stenographischen Praxis ist, zuerst 
schreiben, wo seine Kräfte noch frisch sind und die Debatten noch nicht 
so heftig zu sein pflegen. Daß er bereits beim Prolog zwei Verse wegließ, 
ist nicht verwunderlich, da Verse immer schwieriger zu schreiben sind 
als Prosa. Als dann später der Streit begann zwischen den Dienern der 
Capulets und der Mountagues, war es um den Stenographen geschehen. 
Er vermochte den hier ziemlich erregten Debatten, die noch dazu von 
ziemlichem Lärm begleitet waren, nicht zu folgen und begnügte sich 
damit, die Vorgänge auf der Bühne kurz anzudeuten. Als dann die Hand- 
lung wieder in ruhigeres Fahrwasser geriet, vermochte er eher zu folgen, 
und gegen Schluß der ersten Szene hat er sich leidlich eingearbeitet. Auf 
ihn folgte der gute Stenograph. Die ersten drei Zeilen der zweiten Szene 
fehlen. Das ist auffällig und rührt augenscheinlich daher, daß der 
zweite Stenograph zu spät eingesetzt hat. Das pflegt auch heute noch 
vorzukommen. Dieser Stenograph ist ein außerordentlich guter Steno- 
graph. Die Szene zeigt keine größeren Abweichungen. Die Rede des 
Dieners 274—279 ist wahrscheinlich vom Schauspieler nicht ordentlich 
gelernt, daher die Verwirrung in ihr. Vers 304—362 haben sogar als 
Unterlage für Q, gedient. Es ist das Seite 12 und 13 der ersten Quarto. 
Wir finden nur zwei kleine Abweichungen auf diesen beiden Seiten. Ein- 
mal ist Zeile 304 ein „and‘‘ weggelassen, das augenscheinlich auch nicht 
dorthin gehört, und dann ist Vers 312 ein „you“ für ‚‚thee‘‘ in Q, gesetzt. 
Im übrigen stimmen die beiden Teile, wenn auch nicht in der Orthographie, 
so doch in der Anordnung der Zeilen und in den beiden Bühnenanweisungen, 
die sie enthalten, völlig überein. Mir scheint die von Gericke!) aufgestellte 
Behauptung richtig zu sein, daß an dieser Stelle wohl im Manuskript 
von Q, ein Blatt gefehlt habe, vielleicht auch unleserlich gewesen sei, 
sodaß man Q,, das an dieser Stelle einen sehr vertrauenswürdigen Ein- 
druck machte, benutzt hat. Da man hier also lediglich auf die Autorität 
des Stenographen angewiesen ist, der allerdings an dieser Stelle ein guter 
Stenograph gewesen ist, erscheint mir auch die von Gericke angegebene 
Interpretation von Vers 307, wo er fiir ,, Up“ ,, To supper“ setzen will, nicht an- 
gebracht. Stenographisch wenigstens wäre diese Änderung nicht zu erklären. 

Der gute Stenograph wurde abgelöst von einem dritten Stenographen, 
der nicht so gut schrieb. Er hat aber doch die Verse 482— 508 ganz richtig 
als Verse erfaßt und sie bei der Übertragung dementsprechend als Verse 
geschrieben, während sie in Q, als Prosa gedruckt sind. Die hinter 482 
in Q, eingeschobene Bemerkung ,,Queen Mab whats she“ stammt auf 


1) Seite 272 seines mehrfach zitierten Aufsatzes. 


Zahl u. Arbeitsweise d. bei d. Nachschr. v. Q| vermuti. tätig gewes. Stenographen 321 


keinen Fall von dem Stenographen. Sie stammt auch kaum von dem 
Schauspieler, sondern, wie wir schon erwähnten, wohl von dem Dichter, 
und der Setzer hat sie aus Versehen fortgelassen. Bei dieser Gelegenheit 
möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, daß in Mommsens Aus- 
gabe von Q, irrtümlicherweise hinter 501 zwei Verse in Q, fortgelassen 
sind, die in sämtlichen anderen Ausgaben von Q, stehen und auch 
ursprünglich in Q, gestanden haben. Meine Zusammenstellung der Ab- 
weichungen der einzelnen Ausgaben von Q, zeigt das Nähere (siehe $. 325 
dieser Untersuchung). 

Auf den mittelmäßigen Stenographen folgte wieder der schlechte, und doch 
gibt die Stenographie auch der von Mommsen aufgsstellten Theorie recht, 
daß die Verse 940—943 nur durch einen Irrtum in die Ausgabe von Q, 
gelangten, wenn ich mich auch nicht der von Mommsen weiter aufgestellten 
Behauptung anschließen kann, daß die Verse ursprünglich im Manuskripte 
des Dichters standen, von ihm vergessen wurden durchzustreichen und 
so in Q, Aufnahme fanden. Mommsen nimmt ja an, daß Q, nach dem 
Originalmanuskripte Shakespeares gesetzt sei. Es kann sich aber in diesem 
Falle ebensogut um ein Versehen des Schreibers handeln, der das 
Manuskript zu Q, abschrieb. Auf der Bühne wurden die Verse jedenfalls 
richtig gesprochen und wurden so auch richtig in Q, aufgenommen. Vers 
1727—34 haben wir etwas Ähnliches, wo auch der Stenograph — an 
dieser Steile übrigens der gute Stenograph — das Richtige brachte, während 
Q, alles durcheinanderwirft. Vers 2777 haben wir das Gleiche. Q, hat 
das Richtige. In Q; steht aber direkt hintereinander ‚I will beleeue“ und 
in der folgenden Zeile „Shall I beleeue‘. Das erste muß gestrichen werden. 

In regelmäßiger Reihenfolge haben also diese drei Stenographen das 
ganze Stück nachgeschrieben. In ungefähr gleichen Abständen lösten 
sie sich ab und nahmen als Ablösungspunkt merkliche Abschnitte in 
der Handlung. Daß dabei einmal der eine Stenograph etwas besser weg- 
kam, liegt in der Natur der Sache. Im allgemeinen war aber die Arbeits- 
leistung gleichmäßig verteilt entsprechend der auch heute noch allgemein 
üblichen Praxis. Auch der schlechte Stenograph, der augenscheinlich 
ein Anfänger war, mußte das Gleiche leisten wie die beiden anderen Steno- 
graphen. Auch das ist heute noch so in den Parlamenten. Allerdings 
steht ihnen hier ein erfahrener Praktiker zur Seite, der den gleichen Turnus 
mitschreibt. Das war bei unserem Stücke anscheinend nicht der Fall; 
denn wenn noch ein Stenograph bei jedem Turnus mitgeschrieben hätte, 
dann wäre beispielsweise der Streit in der ersten Szene des ersten Aktes - 
sicherlich besser wiedergegeben worden, und es wäre, wenn jeder Steno- 
graph seinen Kollationator gehabt hätte, wie man das heute nennt, auch 
im Allgemeinen das Stück besser wiedergegeben worden. 


x 


322 Adolf Schéttner 


FUNFTER TEIL. 
Wert von Q, fär die Kritik. 


ir sind numehr, nachdem wir unsere ‘Untersuchung in der Haupt- 
Wae beendet haben, in der Lage, über den textkritischen Wert von 
Q, ein Urteil zu fallen. Da Q, eine Theaternachschrift darstellt, die mit 
Hilfe der Stenographie aufgenommen worden ist, haften ihr auch alle 
die Mängel an, die mit stenographischen Aufnahmen verbunden sind, 
d. h. Hörfehler, kleine Auslassungen, falsche Wiedergabe mancher Stellen. 
Die Mängel, die durch das Stenographiesystem bedingt werden, kommen 
hinzu. Wir dürfen also von vornherein eine wortgetreue Wiedergabe, 
zumal das Stück auch ohne Kollation geschrieben ist, nicht erwarten. 
Außerdem handelt es sich um eine Bühnenaufführung, zu der vom Re- 
gisseur viel gestrichen ist. Die Stenographen darf man jedenfalls für die 
starken Kürzungen nicht verantwortlich machen. Die Ansicht, daß die 
Stücke von der Bühnenleitung gekürzt waren, teilt auch Richard Wegener 
in seiner Preisschrift ‚Die Bühneneinrichtung des Shakespearetheaters‘‘1) 
(Halle 1907). Wir lassen seine diesbezüglichen Ausführungen wörtlich 
folgen: 

„Wie gekünstelt wird die Kürze der Quartos bei Shakespeare erklärt! 
Nur um Geld zu sparen, sollen die Drucker die kurze Form gewählt haben! 
Diese kürzere Form war eben die populäre; in dieser Form war das Stück 
im Volkstheater in Szene gegangen, war bekannt geworden und hatte 
von sich reden gemacht. Man wird überhaupt im allgemeinen annehmen 
dürfen, daß die kürzere Redaktion auf einen im Volkstheater gebrauchten 
Text hinweist. Die meisten Stücke mußten hier etwas gekürzt werden. 
Es war nicht möglich, ein Volk, das nicht gewohnt war, seine Gedanken 
längere Zeit auf einen geistigen Vorgang zu konzentrieren, ein Volk, das 
sich aus Fischern und Schiffern, Seeleuten aus aller Herren Länder, aus 
den kleinen Leuten der unteren Volksschichten Londons zusammensetzte 
und essend und trinkend, schwatzend und Tabak rauchend im Yard stand, 
länger als zwei Stunden zu fesseln und seine Aufmerksamkeit wach- 
zuhalten.‘‘ 

In einer Anmerkung schreibt er: 

„Shakespeare gibt im Prolog zu Romeo und Julia die Dauer auf zwei 
Stunden an.“ 

Durch die Stenographie ist es uns auch möglich, Stellung zu nehmen 
zı den drei Partien, die gänzlich voneinander abweichen, nämlich II. 6, 


1) Seite 27. 


Wert von Q, für die Kritik 323 


IV. 5 und V. 3. 2905—2949. II. 6 hat der mittelmaBige Stenograph ge- 
schrieben. Es ist möglich, daß er einige Fehler gemacht hat, aber ihm 
eine gänzliche Neubearbeitung der Szene in annähernd gleichem Umfange 
in die Schuhe zu schieben, ist nicht angängig. IV. 5 hat der gute Steno- 
graph geschrieben, und doch weichen die Verse fast sämtlich völlig von 
den in Q, enthaltenen Versen ab. Ähnlich liegt die Sache bei den Versen 
in V. 3, die allerdings der mittelmäßige Stenograph geschrieben hat. Es 
ist ganz ausgeschlossen, daß die Stenographen diese Verse neu geschrieben 
haben. Sie haben sich, wie zahllose andere Stellen beweisen, befleißigt, 
möglichst wortgetreu nachzuschreiben, und sie haben alle drei den Beweis 
erbracht, daß sie, wenn auch mit Fehlern an manchen Stellen, so doch im 
allgemeinen imstande gewesen sind, den Inhalt sinngemäß wiederzu- 
geben. Wie sollten sie nun gerade an diesen Stellen, die für sie kein größeres 
Interesse boten als andere Stellen, dazu kommen, mit einem Male den 
Text gänzlich zu verändern? Wir müssen also konstatieren, daß wir es 
an diesen Stellen mit einer Neubearbeitung zu tun haben. Von wem diese 
Neubearbeitung stammt, dem nachzugehen kann nicht Aufgabe dieser 
Untersuchung sein. Sehr nahe liegt der Gedanke, daß Shakespeare selbst 
diese Stellen nochmals bearbeitet hat. Den Stenographen kann man sie 
jedenfalls nicht zur Last legen. 


Wir sind damit am Schlusse unserer Untersuchung angelangt und 
konstatieren nochmals, daß wir es in der ersten Quarto von ‚Romeo 
und Julia‘‘ vom Jahre 1597 mit einer Theaternachschrift zu tun haben, 
bei der drei Stenographen mitgewirkt haben. Es ist von ihnen das 
System Bright in der Gestalt, die das Lehrbuch von 1588 zeigt, angewendet 
worden. 

Als Anhang lassen wir ein Verzeichnis der Abweichungen in den von 
Daniel, Praetorius-Evans, Furness, den Cambridge-Herausgebern und 
Mommsen veranstalteten Neudrucken der, ersten Quarto von 1597 folgen. 
Die Neudrucke von Steevens (1766) und Ashbee-Halliwell von 1865—1869 
waren uns leider nicht zugänglich. Ferner lassen wir ein Verzeichnis der 
Abweichungen folgen, die in den von Daniel, Praetorius-Evans und Momm- 
sen herausgegebenen Neudrucken der zweiten Quarto von 1599 enthalten 
sind. Aus diesen Verzeichnissen ergibt sich einerseits, daß sich auch bei 
Mommsen einige Druckfehler eingeschlichen haben, die wir in besonderer 
Zusammenstellung bringen, und andererseits wird die von verschiedenen 
Seiten aufgestellte Behauptung gestützt, daß die einzelnen Originalexem- 
plare der Quartos auch voneinander abweichen, daß also tatsächlich nicht 


324 Adolf Schöttner 





alle Exemplare einer Ausgabe gleichzeitig gedruckt worden sind, sondern 
je nach Bedarf, und daß auch an dem Satze des Textes noch geändert 
worden ist!). 


Anhang J. 
Abweichungen zwischen den Neudrucken der ersten Quarto 





von 1597. 

| u [man | m | | 

2 ||you* —3) na 

4||drawe* — — 

7 Dog* oes ta 

16||to the* — to to the to to the 
vor 

34 || Mountagues* — — Monntagues 
93 || Mouutague* — — Mountague 
115 || Citties* — — Cities 

135 || remooue.* — — remooue, 
152|| Madame* — — madame 
163 || fauor* — — fauour 
170 |loue, loue,* — — 
179 || Cose* — — cose 

186 |owne:* — — owne. 

189 | teares* — — tears 

192 || Cose.* — — Cose, 

200 || sadnes* — — sadness 
207 || she* — — shee 

243 || before, * before. — — 
266/|| all, all* all all — — 
268 || one,* one. — — 
hinter 
269 || Seruingman* — -—— Seruingmen 
271 || feeke seeke* — — 
274 || here here,* — — 
276 || Painter* — — painter 
280 || burning,* burning burning — 
293 || you* — — yon 
304 || Seigneur* — — seigneur 
311 || Masters* — — masters 
313 || il’e* ife — Il’e 

317 || loues loues: * — — 
331 || Ladyes* — — ladyes 
341 || Mother* — — — mother 


1) Vgl. dazu Prof. Dr. Försters Ausführungen, Shakespeare. Jahrbuch, Bd. 52, 
S. 210 ff., zu R. B. Mc Kerrow’s ,,Notes on Bibliographical Evidence for Literary Students 
and Editors of English Works of the Sixteenth and Seventeenth Centuries‘‘. Reprinted 
from the Transactions of the Bibliographical Society, Vol. XIII. London 1914. 

#) Ein Strich deutet an, daß die mit einem * versehene Lesart auch in der be- 
treffenden Ausgabe steht. 





Earth quake 





—_ 








361 ; But : but 

365 a leauen* -— 
369 forward * —- 
381 pre thee — 







-— 





nurce 
of. 






























































396 — wife 

420 gut* But 

422 readie’ — 
428 || bee spoke* = beespoke — 
433 || crow-keeper* — crow keeper — 
433 ||without booke | withoutbooke* — without booke 
465 || word,* -- word — 
481 |/a sleepe* — asleepe 

482 || Queene* — queen 

483 || Queene* — Queen 

483 || FairiesMidwife* — fairies midwife 
485||a sleepe* asleepe 

489 || flie,* flie 









dream of loue: dream of loue: 
























496 || Ladies* — ladies 
497 || sweetmeats Sweetmeats sweet meats* — 
500 || Parsons* -— — Parson’s 
501 ||of another Ben- — — 





efice: Some- 
time she gal- 
lops ore a soul- 
diers nose, And 
then dreames 
he of cutting* 
selues* 











wherefore 


storm 
597 Romeo 
611 — — shal be 


Prof. Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, L 6, 23 


326 











620 


628 
633 
640 
650 
651 
675 
675 
677 
678 
682 
682 
799 
712 
723 
726 
731 
732 
734 
754 
758 
779 
780 
795 
806 
811 
834 
860 
861 
885 
889 
892 
894 
924 
hinter 
945 
951 
987 
1016 
1019 
1028 
1046 
1048 
1048 
1053 


Master* 
You’le* 
knaue, 
what.* 
hartes.* 
seeming" 
hand* 
dispaire* 
Batcheler* 
house, * 
name 

and* 

Loue* 
unknowne* 
Nurse* 

one I dancst 
speak 
nickname* 
Tut* 

she* 

with* 
darke.* 
Medler* | 
speakes, * 
doe entreat* 
Oh* 

il’e* 

il’e* 

Saint* 
loues* 


complements.* 


Idolatrie,* 
Il’e* 

il’e* 
good* 
il’e* 

il’e* 

il’e* 


Frier* 
drie, 
righ* 
cheekes* 
cleares,* 
mine,* 
Rosaline, 
Tybalt* 


| Letter* 


Nay,* 


1066 || re- 
/67 || uerso* 


Adolf Schöttner 


Praetorius-Evans 








— — — 


— — —— 


knaue.* 


—— — 


hartes: 


seeining — =e 
despaire 
batcheler 


loue 
unknowne, 
nurse 

one I dancst 













danct foue I dancst 


— — 


oue T 


— — —— 


complements, 
Idolatrie. 


Rosaline’ Rosaline? Rosaline’ 


Anhang | 


327 


vej >» wt | | | See | m Cambridge- = | 
Praetorius-Evans Furness Hecachgebes Mommsce . 


1081 
1083 
1100 
III3 
1117 
1125 
1130 
1139 
1157 
1159 
1164 
1166 
1169 
1172 
1175 
1180 
1184 
1203 
1288 
1289 


1294 


1297 
ungef. 
1327 
ungef. 


1342 
1355 
1356 
1368 
1369 
1386 
1388 
1406 
1407 
1421 
1437 
1439 


" ungef. 


1440 
hinter 


1448 
1450 
1453 
1509 
1510 
1516 
1519 
1580 
ungef. 
1602 
1614 
1615 


a gray* 
flop* 
Pumpe* 
sauce* 
added to* 
wouldst* 
geare* 
godyegooden* 
is* 

if* 
merchant* 
heare* 
hee* 

flurt -* 

no bodie* 
Jacke* 
Gentlewoman 
man shali* 
an* 
mother ?* 
Romeo?* 
Friar* 


power, 


fitrer* 
Jacke* 
mooude* 
lay* 
Taylor* 
Consort.* 


fiddle-sticke* . 


boy* 
drawe.* 
aware 
nor* 
finde* 


foure mens* 


Exeunt* 
frend* 
kinsman 
yong* 
cryde peace 
draw forth* 
Mo:* 
undone, * 


Woe,* 
blood ?* 
day* 


agray 


— 
— 


addedto 


power.* 


laye 
Consort 
fiddle sticke 
drawe: 

a ware* 
not 


kinsman.* 
crydepeace* 
drawforth 


undone 


— 
— 


agray 
— slop 
marchant — 
slurt- — 
manshall 
— Frier 
fitter — 
— laye 
not == 
— Exeunt 
kinsman, — 
drawforth — 


slop 

pumpe 
sauce. 

would 

geere 

godye gooden 
Is 

If 


hear 
he 
flurt 
nobodie 
iacke 


a 
mother. 
Romeo. 
frier 


fitter 
iacke 
moude 


taylor 
Consort, 


hoy 


aware 


find 
foure-mens 


Exeunt. 
friend 


young 
cryde peace 


Ro: 


Woe. 
blood! 
daye 


23° 


328 


Adolf Schöttner 








1626 
1627 
1636 
1657 
1668 
1691 
1720 
1736 
1741 
1749 
1752 
1767 
1782 
1784 
1784 
1785 
1787 
1789 
1800 
1830 
1837 
1853 
1856 
hinter 
1868 


1887 
1898 
1906 
1920 
1930 
1950 
1962 
1963 
1988 
2004 
2014 
2016 
2031 
2041 
2061 
2068 
2070 
2078 
2087 
2088 
2093 
2103 
2128 


2145 
2146 


2153|| many thousand* | manythousand | manythousand 


matter* 
meant* 
Shame* 
Banished* 
banished.* 
doome,* 
here* 
Frier* 
word.* 
preuailes* 
estate 

is* 

deep* 
death’s* 
of* 

her?* 
ioy,* 

is she?* 
mansion?* 
happy.* 
Thou frownst* 
is. 

Heere* 


wife* 

Lord* 
Lorde* 
Nightingale* 
awhile* 

be gone* 
number them* 
ey-sight* 
Loue* 
Madame* 
poore heart* 
needfull* 
Girle. 
shalbe* 
bodie* 
fettle* 
speake?* 
thursday* 
Lord* 
heere* 
Lord* 
parentage,* 
doe* 

you.* 

Tell her* 
Father.* 


Praetorius-Evans 


Vers Daniel 


estate, * 


os 


happy 
Thoufrownst 


is,* 


Wife 


Tellher 


numberthem 


ey sight 


pooreheart 


lord 


you, 
Tellher 


Cambridge- 
Herausgeber 


Father 


Mommsen 





Here 


lord 

lorde 
nightingale 

a while 
begone - 


— 


loue 
madame 


—— 


needful 
shal be 
body 
settle 
speake. 
Thursday 
lord 

here 

lord 
parentage 
do 


— 


father, 


—— 























Anhang 3 329 

Vers ' | Daniel | Praetorius-Evans Furness Cambridge: Mommsen 
Herausgeber 

2154 ||shal be shalbe* — — shal be 
2165 || Sir* — — — sir 
2176 || thursday* — — > Thursday 
2177 || shalbe* — — — shalbe 
2184 || wilbe* — — — wil be 
2186 ||soule* — — — soule, 
2196 | now.* — — — now, 
2197 || Lord* — — — lord 
2205 || nothing nothiug* — — — 
2219 || Knife* — — — knife 
2232 ||it selfe* — — — itselfe 
2237 || Lions* — — — lions 
2246 || get* — — — ged 
2249 || Nurse* — — — nurse 
2262 | houres.* — houres, — —- 
ungef. 
2282 || graue graue.* — — graue, 
hinter 
2284 || Wife* — — — wife 
hinter 
2284 | Seruingman* — — — seruingman 
2287 || Sir* — — — sir 
hinter 
2293 || Seruingman* — — — seruingman 
2294 || Frier* — — — frier 
2298 || Confession* — — — confession 
2299 || Head-strong* — — — head-strong 
2315 || unto.* — unto, — — 
2318 || morrow.* — — — morrow, 
2320 || doo* — — — do 
ungef. . 
2330 || mood. * — — — mood, 
2340 || Madame* — — — madame 
ungef. 
2380 || lunaticke,* — — — lunaticke: 
2388 || stay.* — stay, — — 
2402 || Seruingman* — — — seruingman 
2403 ||a Jelous hood |a Jeloushood |a Jeloushood |a Jelous hood | Jelous hood 
2419|| what bride whatbride* — — what bride 
ungef. 
2443 || wan.* — wan, — — 
2460 thought long* /thoughtl ong |thought! ong — — 
ungef. 
2463 Forlorne* u — — Forlone 
ungef. 
2470 || wholy* — — — wholly 
ungef. 
2475||of sence* ofsence ofsence — — 
ungef. 
2481 || destinie.* — destinie, — — 
ungef. 
2502 || tomb’d,* — — — tomb’d. 
2514 |foorth,* — — — foorth 
2518||I by* Iby Iby — — 
2538 || Iron* — — _ iron 


330 





Adolf Schöttner 


Vers | Daniel | Prastorius-Evans I 


2538 
ungef 


2539 
2540 
2546 
ungef. 
2552 
2558 
2561 
2562 
2578 
2592 
2613 
2614 
2619 
2623 
2628 
2645 
2647 
2656 
2663 
ungef. 
2670 
ungef, 
2680 
ungef. 
2686 
2687 
binter 
2692 
hinter 
2692 
2697 
2707 
2711 
2728 
2729 
2731 
2732 
2752 
2754 
ungef. 
2758 


ungef. 
2778 
2788 
2797 


2799 
2807 


2831 
2832 
ungef. 
2838 
2842 


wit.* 


found* 
dolefull 
siluer.* 


Fidlers* 
come. 
dreames.* 
Me thought* 
Sir,* 

night.* 
dwels.* 
shut.* 
geere,* 

As suddenly* 
Famine* 
must* 
John.* 

up.* 
weight.* 


come* 
Churchyard,* 


Lord* 
Sweete* 


a at 


and a crow* 
Iron* 
imployment. 
lims.* 

him.* 
Mountague.* 
heere.* 
dye,* 

along 

so.* 


life.* 


loue.* 


chamber mayds 


barge.* 
dye.* 
dearely* 
Fryer.* 
of:* 


accessarie.* 
come. 


dol efull* 


—— 


come. 


Sir 


geere 
Assuddenly 


weight 


Churchyard 


— 
— 


imployment:* 


come, 


2 
Herausgeber 
wit, — 


sound 


come,* 
dreames, 


night, 
dwels, 
shut, 


Assuddenly 


John 


come. 


— 


andacrow 


imployment. 
ims, 

him, 
Mountague, 
heere, 


— 


so, 
life, 


loue, 

chamber mayds* 
barge, 

dye, 

Fryer, 


accessarie, 
come, 


| dolefull 


siluer 


fidlers 


Methought 


mvst 


up, 


lord 
Sweet 


iron 


dye. 
along 


dearly 
of? 


come 


Anhang 2 





Daniel Praetorius-Evans 











2844 || heere* 
2852 || resolute.* 
2865 || Man* 


2881 || Entor 
2885 || Wife* 
2905 || suspition* 


2916 || Nurse* 


2945 || afterhappened* 
2950 || old* 

2950 ||sacrificd* 
2968 || doe* 

2986 || Lady* 

2993 || Romeo 


Anhang 2. 


Cambridge- 
Herausgeber 





331 


wife 
suspicion 
nurse 


after happened 
olde 

doo 

lady 


Verzeichnis der Abweichungen in den Neudrucken der zweiten 
Quarto von 1599 von Daniel, Praetorius-Evans, Mommsen. 


9 des Prologs fearfull | —}) 
ı0 des Prologs rage: — 
t des Stückes carrie — 
4 choller. — 
5 moued. ._ = 
6 strike. — 
15 therfore — 
20 one, — 
24 maides — 
26 sense — 
30 John: draw — 
30 of Mountagues — 
36 law — 
40 Do — 
47 Do = 
57 not — 
61 do = 
95 » our = 
100 yours, — 
127 soone, — 
146 bewtie — 
163 loue. loue: 






Mommsen 


re aai - — ~ 


feareful 


therefore 

one 

maids 

sense, 

John. Draw 

of the Mountagues 


yours 
soone 
bewty 


loue. 


1) Ein Strich deutet an, daß Praetorius-Evans dieselbe Lesart hat wie Daniel. 


332 





ven | | Dam Daniel o | p | Pooma | ommen Praetorius-E 


Adolf Schöttner 


a 
hart 


transgression: 


sweete 
go along: 
who? 
‚in bewtie 
wil 
chaste 
reade 
tis, 
faire 

go 
man, 
On 
anguish, 
rancke 
dye 

‚ and 
Anselme 
Indeed 
turne 
mee 
counsel 
Lammas tide 
night, 
she 
weaned 
said 

he 

he? 
Madam 
crying, 
bump 
stone: 
Nurse 
Sommer 
flower. 
flower, 
Finde 
glorie 
claspes 
eye, 
dayes. 
beate 


faire, 
Mask, 


asleep 
do 


Mommsen 


doe 
sleepe, 
heart 
transgression. 
sweet 
goe along. 
who. 

in bewtie, 
will 
chast 
read 

tis 

faire 
goe 
man 
One 
anguish: 
rank 
die 

: and 
Anselme 
Indeede 
turn 
me 
counsell 
Lammas-tide 
night 
shee 
weand 
saide 
hee 

he: 
madam 
crying 
bomp 
stone? 
nurse 
Summer 
flower. 
flower, 
Find 
glorie, 
claspes, 
eye 
dayes. 
beat 
legs, 
faire; 
owne 
Mask, 

a sleepe 
doe 


333 





Vers 





481 
490 
490 
495 
519 


538 
546 
593 
604 


631 
657 
660 
663 
667 
681 
699 
714 
716 
726 
733 
739 
744 
745 
748 
768 
778 
784 
791 
814 
820 
842 
861 
877 
882 
933 
1020 
1023 
1031 
1041 
1064 
1082 
1090 
1095 
1097 


"1114 


1140 
1143 
1144 


1157 
1160 


Daniel 


true. 

half 

litle 

strait, 

wooes, 
fearfull 
Courtcubbert, 
gentlewomen 
kinsman, 

do 

guest, 

stand, 

debt. 
gentlemen 
gentlemen, 
gentlemen? 
tis. 


laid 
blind, 
truckle 
jeasts 
window 
greefe, 
me. 
name: 
foote, 
tytle 
me. 
eies, 
world, 
thee. 

it, 
infinite: 
Sweete 
mine 
thine, 
in 
hast. 
button 
Romeo, 
yours, 
curtesie. 
Right. 
not then 
dyal, 
himself 
said, 
meate 
spent. 





true, 
halfe 
little 
strait, 
wooes, 
fearefull 
Courtcubbert 
Gentlewomen 
kinsman 
doe 
guest, 
stand 
debt. 
Gentlemen 
gentlemen, 
gentlemen? 
tis. 
sweete. 
king 
him, 
laide 
blind, 
truccle 
ieasts 
windowe 
greefe, 
me 
name: 
foote, 
title 
me. 

eies 
world. 
thee. 

it, 
infinite: 
Sweet 
my 
thine. 
in, 

hast. 
buton 
Romeo 
yours 
curtesie: 
Right. 
not 

dyal 
himselfe 
said, 
meat 
spent, 


Vers 


1177 
1245 
1250 
1252 
1267 
1274 
1279 
1284 
1285 


1334 
1342 
1364 
1370 
1379 
1424 
1435 
1453 
1469 
1480 
1481 
1488 
1515 
1555 
1575 
1584 
1590 
1599 
1612 
1621 
1635 
1642 
1645 
1658 
1662 
1682 
1688 
1695 
1696 
1712 
1738 
1762 
1766 
1773 
1773 
1776 
1793 
1809 
1819 
1831 
1852 
1859 
1864 


Adolf Schöttner 


Daniel 


goodquarel 
wer 
sweete 
good, 
choyse 
No, 
Beshrewe 
An 
mother? 
ayre 
worke, 
eye 
other 

us, 

sir, 
villaine, 
Cozen 
go 
mutherer 
Tybalt 
kisman, 
go 

bloud 
newes? 
cannot. 
death arting 
goare 
gone 
seem ’st 
wish, 
poor 
Cozin 
ten 
Tybalts 
finde 
fearefull 
companie 
Princes 
unthankfulnes 
Confessor 
grones, 
studie 
Lord? 
Romeo? 
mistresse 
cries, 
sley 
Noble 
happie. 
night, 
goodnight, 
you, 


Prastorius-Evans 


mother: 


worke. 


happie 
night: 
goodnight 
you 





Mommsen 


good quarell 
were 

sweet 

good 

choise 

No 

Beshrew 
And 
mother? 
ayre, 
worke. 

eye, 

other, 

us? 

sir 

villaine 
Cozin 

goe 
murtherer 
Tibalt 
kisman 

goe 

blood 
newes? 
cannot. 
death (d] arting 
gore 

gone, 
seem’st 
wish, 

poore 

cozin 

then 

Tibalts 

find 

fearfull 
company 
princes 
unthankfulnesse 
confessor 
grones 
study 
Lord, 
Romeo, 
Mistresse 
cries 
slay 
noble 
happie. 
night, 
goodnight, 


you, 


Anhang 2 


335 





Vers 


1888 
1889 
1903 
1934 
1938 
1954 
1973 
1979 
1986 
2022 
2039 


2079 
2115 


2118 


2126 
2127 
2134 
2160 
2171 
2173 
2180 
2186 
2225 
2241 
2243 


2245 
2269 


2282 
2286 
2289 
2306 
2337 
2374 
2388 
2399 
2402 
hinter 2407 
2445 
2455 
2459 
2468 
2474 
2478 
2478 
2504 
2510 


2520 
2568 
2573 


Praetorius-Evans 


soone | soone, 


gallant, 
countefaits 
to 

lies. 
Nurse 
Nurse 
and 
quick 
minde? 
haste. 
Sir, 
annswere 
Poor 

do 
graue, 
haue 
sweete 
auncient 
» with 
Cookes. 
so? 

go 

helpe 
shroude 
stay? 
now, 
Nurse 
sir, 
separated 
lies, 
liuing 
day, 
slaine, 
Despisde, 
martird, 
Funerall 
Sir 


ease. 
Balthazer, 
ill, 


hither: 


death? 
gallant 


so: 


Nurse. 
sir 
separated, 


liuing 
slaine ° 
Despisde 
martird 


Sir, (nach dem 
Druckfehlerver- 
zeichnis hinter 
dem Vorworte) 


her, 

by, 
deuideth 
day, 
oportunitie 
hither? 
Therefore 
death, 
gallant, 
counterfaits 
too 

lies, 
nurse 
nurse 

, and 
quicke 
minde? 
haste? 
sir 
answere 
Poore 
doe 
graue 
hane 
sweet 
ancient 
with 
Cookes, 
so? 

goe 

help 
shrowde 
stay; 
now 
Nurse. 
sir, 
separated, 
lies 
liuing, 
day 
slaine, 
Despisde, 
martird, 
funerall 
Sir 


ease, 
Balthazer? 
ill, 


336 


Adolf Schöttner 





m | 


2594 
2616 


2668 


2678 
2687 
2691 
2694 
2719 
2725 
2727 
2729 
2730 
2748 
2778 
2781 
2797 
2798 
2827 
2843 
2847 


2859 
2866 


2870 
2873 
2880 
2888 


2895 
2924 
2946 
2956 
2958 
2962 
2969 
2970 
2988 






men. 
lowd 
Exit. 


Trees 
strew 
keepe: 
foote 
doubt. 
greefe 
villainous 
toyle 
death? 
Juliet, 
that 

that 
seasick 
Appothecary: 
pale! 
away. 
help 
buried. 

till 

too 

is so shrike 
Warme 
missheathd 
mine 
mariage 
me. 
monument 
death, 
Sirrah, 
Loue, 
‚that 


brings, 


Juliet. 


Appothecary 
pale. 


me: 


death 


brings. 


Praetorius-Evans 


men: 
lowd? 

Diese Bemerkung 
fehlt bei Momm- 
sen. 

trees 

strew, 

keepe, 

foot 

doubt, 

greefe, 

villanous 
toyle, 

death: 
Juliet. 

, that 

that, 

sea-sick 

Appothecary: 

pale! 

away, 

helpe _ 

buried, 

, till 

too, 

they so shrike 

Warm 

misheathd 

my 
marriage 
me: 

Monument 

death, 

Sirrah 

Loue 

that 


brings, 


Zusammenschreibungen und getrennte Schreibungen in den 


Vers 


hinter 427 
481 
486 
506 
610 
747 


Neudrucken von Qs. 


| Dan 


torchbearers 
asleep 

waggo spokes 
in the 
endure 

Arise 


Praetorius-Evans 


waggospokes 


inthe 








torch bearers 
a sleepe 
waggöspokes 
inthe 

en dure 

A rise 


Anhang 2 337 











Vers | Daniel Praetorius-Evans Mommsen 
796 Henceforth — Hence forth 

1177 goodquarel — good quarell 
1476 be gone — begone 

1619 woluish rauening woluishrauening woluishrauening 
1991 with all — withall 

2057 howhow — how how 

2229 stay thy staythy staythy 

2239 Orecouerd — Ore couerd 
2279 | feare a fea re 


Stärkere Abweichungen in den Neudrucken von Qs. 





30 of Mountagues of Mountagues of the Mountagues 
57 not not nor 
281 On paine On paine One paine 
1020 mine mine my 
1114 not then well not then well not well 
1658 ten thousand ten thousand then thousand 
2873 that is so shrike that is so shrike that they so shrike 
2888 missheathd missheathd misheathd 
2895 mine age mine age my age 


Druckfehler im Texte des Wiederabdrucks der Ausgaben von 
1597 und 1599 bei Mommsen. 


Seite 10 Zeile 2 von oben muß es heißen you statt yon, 
Seite 13 Zeile 6 von oben Mountagues statt Monntagues, 
Seite 26 Zeile 7 von unten you statt yon, 
Seite 31 Zeile 11 von oben giue statt gine, 
Seite 32 Zeile 2 von oben thou statt lhou, ' 
Seite 52 Zeile 17 von unten befits statt besits, 
Seite 68 Zeile 10 von unten thou statt thon, 
Seite 80 miissen die beiden Ziffern 1235 und 1240 je einen Vers tiefer 
gestellt werden. Die Zahlung stimmt sonst nicht. 
Außerdem müssen Seite 38 Zeile 10 von unten hinter „of“ die Worte 
eingeschaltet werden: 
another benefice: 
Sometime she gallops ore a souldiers nose, 
And then dreames he of 
Hier liegt sicher bei Mommsen ein Druckfehler vor, da alle anderen 
Ausgaben die Verse haben. 


338 


Adolf Schöttner 





I. 


cost 


IO. 


II. 
I2. 


13. 
14. 


16. 
17. 


18. 


19. 
20. 


21. 


22. 
23. 
24. 


25 
26. 


27 


Literatur. 


I. Zu Shakespeare. 


Tycho Mommsen, Shakespeare’s Romeo und Julia. Eine kritische Ausgabe 
des überlieferten Doppeltextes mit vollständiger varia lectio bis auf Rowe. Olden- 
burg 1859. 

P. A. Daniel, Romeo and Juliet, Reprint of Q, 1597. London 1874. 

— Romeo and Juliet, Reprint of Q, 1599. London 1874. 


. — Parallell Texts of the first two Quartos of Romeo and Juliet. London 1874. 
. — Revised edition of the second or 1599 quarto of Romeo and Juliet. London 


1875. 


. Ch. Praetorius-Evans, Romeo and Juliet by W. Sh. The first Quarto 1597. 


London 1886. 


. — Romeo and Juliet by W. Sh. The Second Quarto 1599. London 1886. 
. — Romeo and Juliet by W. Sh. The Undated Quarto. London 1887. 
. Edmund Malone, The plays and poems of William Shakespeare. London 1821. 


21 Bde. 

Sidney Lee, Sh.’s Comedies, Histories & Tragedies ... being a reproduction in 
facsimile of the first Folio-edition 1623 from the Chatsworth copy. Number 
942 & 961. London 1902. l 

Cambridge Edition. London. 

The Arden Shakespeare. General editor W. J. Craig. The Tragedy of Romeo 
and Juliet. Edited by Edward Dowden. London. 

Horace Howard Furness, A New Variorum Edition of Shakespeare. Philadelphia. 
Delius, ,,Sh.s Werke mit engl. Text und deutschen Anmerkungen. 


. Eversley edition. Herford. 


Schlegel-Tieck. 
Friedrich Gundolf, Shakespeare in deutscher Sprache. II. Zum Teil neu über- 
setzt. Berlin. 
Th. Eichhoff, Unser Shakespeare. Beiträge zu einer wissenschaftlichen Sh.- 
Kritik. Halle 1903 und 1904. 4 Bde. 
Bd. III. Ein neues Drama von Shakespeare. Der älteste bisher nicht 
gewürdigte Text von Romeo and Juliet. Halle 1904. 
Bd. IV. Die beiden ältesten Ausgaben von Romeo and Juliet. Eine 
vergleichende Prüfung ihres Inhalts. Halle 1904. 


The Cambridge History of English Literature. V. 1910. 

William Jaggard, Shakespeare Bibliography. A Dictionary of every known 
issue of the writings of our national Poet and of recorded opinion thereon in 
the English language. Stratford1911 (500 copies distr. Nr. 146). 

A. W. Pollard, Shakespeare Folios and Quartos. A Study in the Bibliography 
of Shakespeare’s plays 1594—1685. London 1909. 

Jusserand, Histoire littéraire du peuple anglais. Bd.II. Paris. 1904. 

Tucker Brook, The Tudor Drama. 1912. 

W. J. Lawrence, The Elizabethan Playhouse and other studies. Stratford 1912. 
(760 copies printed. N. 157.) 

Elze, „William Shakespeare’. Halle 1876. 

Max Koch, Shakespeare. 1885. 

Georg Brandes, Englische Persönlichkeiten. II. Teil. William Shakespeare, 
I. Teil. München 1904. 


Literatur 339 





28. 
29. 
30. 


31. 
32. 
33. 


34. 


35- 


36. 
37- 
38. 
39. 
40. 
41. 


44. 
45. 
46. 


47. 
48. 
49. 
50. 


52. 
53: 


54. 


DnA N 


oD on 


4 


II. 


Sidney Lee, A Life of Shakespeare. London 1899. | 
Furnivall and Munro, Shakespeare. Life and Work. (Century Sh., 1908. 
A. W. Ward, A Historie of English Dramatic Literature to the Death of Queen 
Anne. New and revised edition. London 1899. 3 Vol. 

Fleay, Chronicle History of the English stage. 

Robert Prölß, Von den ältesten Drucken der Dramen Shakespeares. Leipzig 1905. 
Phoebe Sheavyn, The Literary Profession in the Elizabethan Age. Manchester 
1909. 

Thomas R. Lounsbury, The first editors of Shakespeare (Pope and Theobald). 
London 1906. 

J. Th. Murray, English Dramatic Companies 1558—1642. London 1910. 2 Bde. 
Richard Wegener, Die Bühneneinrichtung des Shakespearetheaters. Halle 1907. 
Hazlitt, Characters in Shakespeare’s Plays. 1903. 

A. Schröer, Principien der Sh.-Kritik. Wien, Leipzig 1902. 

Collier, Notes and emendations to the text of Sh.’s plays. 1853. 

Dyce, Remarks on Collier’s and Knight’s edition of Sh. 1844. 

Delius, Colliers alte handschriftliche Emendationen zum Shakespeare gewiirdigt. 


. W. Franz, Die Grundziige der Sprache Shakespeares. Berlin 1902. 
43- 


— Shakespeare-Grammatik. Halle 1900. 

E. A. Abbot, A Shakespearian Grammar. London 1873. 

Alexander Schmidt, Shakespeare-Lexicon. 3. Aufl. Berlin 1902. 2 Bde. 

Dr. Jacob Knecht, Die Kongruenz zwischen Subjekt und Prädikat und die 3. Per- 
son Pluralis Präsentis auf -s im Elisabethanischen Englisch. Heidelberg ıgıı. 
Englische Studien. Bd. 42. 

Anglia. Bd.19 und 40. 

Athenäum 1857 und IgıI. 

New-Sh.-Society Transactions 1875—76, 1877—79. 


. Shakespeare Society’s Papers. Bd.2 und 3. London 1845 und 1847. 


The Library 1903 und 1906. New Series. Vol. IV und VII. 
Shakespeare-Jahrbuch. Bd. 14, 34, 50 und 52. 
Macmillan’s Magazine ‘1877. 


I. Zu Timothy Bright. 


. Characterie, an Arte of shorte, swifte and secrete writing by Character. Inuented 


by Timothe Bright. London 1588. Reprint (limited to 100 copies) by J. Herbert 
Ford. 1888. 


. William J. Carlton, Timothe Bright, Doctor of Phisicke. A Memoir of ,,The 


Father of Modern Shorthand“. London, Elliot Stock, 1911. 


. Matthias Levy, Shakespeare and Shorthand. London 1884. * 
. — William Shakespeare and Timothy Bright. London rgro. 


Dr. Johnen, Geschichte der Stenographie. I. Bd. Berlin rgrz. 

O. Pape, Uber die Entstehung der ersten Quarto von Shakespeare’s Richard III. 
Erlangen 1906. Diss. 

Moser, Geschichte der Stenographie. I. Bd. Leipzig 1889. 


. Faulmann, Geschichte und Literatur der Stenographie. 1895. 
. Dr. Mentz, Geschichte der Stenographie. Leipzig, Göschen, I910. 
. Paul Friedrich, Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeare’s: 


Timothe Brights Characterie entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. 
Mit einem Anhang: Neue Gesichtspunkte für stenographische Untersuchungen 
von Shakespeare-Quartos, dargelegt an der ersten Quarto der „Merry Wives of 
Windsor“ 1602. Leipzig 1914. Diss. 

Archiv für Stenographie. Monatshefte für die wissenschaftliche Pflege der Kurz- 
schrift aller Zeiten und Länder. Herausgegeben von Dr. Curt Dewischeit. 1897 
bis I9I4. 


340 Adolf Schöttner 





12. 
12. 
14. 
I5. 
16. 
17. 
18. 
I9. 
20. 
2I. 
22. 
23. 
24. 
25. 


Phonetic Journal 1875. 1884. 1886. 

Pitman’s Journal 1900. 1907. 1909. IQII. 

Shorthand, a scientific and literary magazine. 1884. Westby Gibson. 
Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft. 

Deutsche Stenotachygraphenzeitung 1890. 

Stolzesche Stenographenzeitung 1902. 

Deutscher Stenograph 1912. 

Korrespondenzblatt 1912. 

Archiv fiir Schriftkunde 1914—17. Jahrgang ı. 

The Encyclopaedia Britannica 1911. 

The Harmsworth Encyclopaedia. 

Dictionary of National Biography (D. N. B.). 

Oxford Dictionary. 

Pitman’s English Dictionary for Schools. London. Pitman & Sons. 


Druck von Breitkopf & Hirtel in Leipzig. 











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IAN 3